Independence & Co

New York



LIEBESGEPLAUDER UND CHINA-BÖLLER

Rund um die New Yorker Armory Show am vergangenen Wochenende fanden mehr als zehn Satelliten-Messen statt. art-Korrespondentin Claudia Bodin berichtet von interessanten Neuzugängen, Kitsch-Kunst en masse und erfolgreichen Geschäften in entspannter Atmosphäre.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Mehr als zehn weitere Messeschauplätze gab es neben der New Yorker Armory. Pulse hatte sich dazu entschlossen, sich an die im Mai steigende Frieze in New York zu hängen. Doch 17 der teilnehmenden Pulse-Galerien wollten sich auch das Armory-Geschäft nicht entgehen lassen und veranstalteten einen eintägigen Gallery-Walk mit längeren Öffnungszeiten. Star der Satelliten-Messen ist wie in den Vorjahren die von der New Yorker Galeristin Elizabeth Dee und ihrem Londoner Kollegen Darren Flook 2010 gestartete Independence im früheren Dia-Gebäude in Chelsea.

Mit neuem Ausstellungslayout, das die Gäste durch die Stockwerke kreisen ließ, stimmte alles: die charmanten Räumlichkeiten, das natürliche Licht, die ineinander übergleitenden Galerien, das Café auf der Dachterrasse. Wer sich am Vortag durch den Supermarkt Armory gearbeitet hatte, legte sich wie Kritiker Jerry Saltz auf die für Umweltschützer ausgerüstete Baumschaukel von der LA-Künstlerin Andrea Bowers bei Andrew Kreps und schwebte im Kunsthimmel.

Interessante Neuzugänge

Chelsea Clinton wurde bei der Eröffnung gesichtet, Michael Stipe und James Franco kamen. Der Londoner Künstler Ryan Gander ließ vor einer Wand mit Farbfeldern Bilder von Messebesuchern für sein neues Buchprojekt schießen. Unter den Galerien fanden sich interessante Neuzugänge wie Third Line aus Dubai und Labor aus Mexiko City. Nicht nur die gelöste Stimmung, sondern auch die Verkäufe stimmten. Das Modern Institute aus Glasgow verkaufte zahlreiche Stein-Skulpturen des Schweizers Nicolas Party, die der so bemalt hatte, dass sie wie Früchte oder ein Stück Brie aussehen, mit Preisen von bis zu 3000 Dollar. Die Londoner Galerie Stuart Shave/Modern Art, die auch 2011 dabei war, brachte den erst 26-jährigen kolumbianischen Künstler Oscar Murillo mit, der das ganze Zen-Getue der heutigen Zeit zwischen Schutt, Spiegeln und einem Bild mit der Aufschrift "Yoga" zu attackieren schien, und hatte bereits am ersten Tag so gut wie alle Arbeiten verkauft.

Bei Sprueth Magers drapierte die in Köln lebende Künstlerin Thea Djordjaze einen himmelblauen Veloursteppich wie eine Welle über einer der Stellwände. Eine Stoff-Collage von LA-Künstler Sterling Ruby verkaufte sich für 155 000 Dollar. Bei International Art Objects Galleries aus Los Angeles (die frühere Galerie China Art Objects) war Pae Whites Spiegel-Mobile der Showstopper. Die New Yorker Galerie Broadway 1602 zeigte riesige Wandfiguren aus Plastik und Leinen der Französin Nicola L, die seit den siebziger Jahren im berühmten Chelsea-Hotel lebt und arbeitet.

Kitsch-Kunst und Margaritas aus Pappbechern

Scope, bereits im elften Messejahr, hatte sich in der Nähe der Armory auf der 57th Street einquartiert. Margaritas aus Pappbechern und Performance-Art-Einlagen halfen auch nicht, die Qualität der präsentierten Arbeiten zu heben. Was hier von vielen Galerien gezeigt wurde, läuft unter Kitsch-Kunst: Feen-Malereien des Japaners Teiji Hayama, Totenköpfe und Frauenporträts von Jason Snyder, kindliche Scherenschnitte, Street Art. Holografien, sexy Bikini-Girls von Jonathan Weiner, Fotos von Marilyn Monroe oder das Chanel-Logo hinter einem Arrangement aus Plastikbrillen von David Datuna und Alex Guofeng Cao bei Global Art Group. Sicher gab es auch hier interessante Ausnahmen wie Daniel Cherbuins "Bob Ross Made me Do it" bei der Galerie von Braunbehrens aus München, das Obama im Oval Office zeigt, der sich einen TV-Film und ein Mal-Lernprogramm von Bob Ross anguckt (Preis 6500 Dollar) – aber die musste man suchen.

Volta, die kleine Armory-Schwester, die sich auf Solo-Präsentationen verlegt hat, blieb ihrem guten Ruf treu. Zufriedene Galeristen, Neuentdeckungen wie die mexikanische Fotografin Alinka Echeverria bei der Londoner Galerie EB&Flow oder Christa Joo Hyun D`Angelo bei Galerie Suvi Lehtinen aus Berlin mit ihren Street-Fashion-Parodien und unterhaltsame Gimmicks wie die i-Pad-Applications bei Culture Shock aus New York für 99 Cents (darunter eine aus Björks Team). Überraschend viel Malerei war im Angebot. Sei es an Neo Rauch anmutende Arbeiten des australischen Malers Stephen Bush, die Porträts des Italieners Francesco Merletti oder die historische Porträtmalerei alter Meister, die der Italianier Nicola Samori mit dem Messer, mit Verdünnungsmittel oder den bloßen Händen attackiert, um Teile auszulöschen.

Erfolgreiche Geschäfte

LARMgalleri aus Kopenhagen meldete den Ausverkauf. Christa Schuebbe von Schuebbe Projects in Düsseldorf hatte nicht nur "Die Achse des Bösen" mitgebracht, eine Installation aus sieben Skulpturen von Carl Emanuel Wolff, sondern auch seine explosiven Männer aus China-Böllern, die zunächst in Frankfurt beim Zoll hängengeblieben waren. Einer der Männer ging für 30 000 Dollar an einen Sammler. Espaivisor – Visor Gallery aus Valencia lieferte die teuerste Arbeit der Volta-Messe: eine zehnteilige Foto-Serie "The Right One (The Pears of the Revolution)" von 2007-2011 von Sanja Ivekovic, der gerade eine Ausstellung im MoMA gewidmet wird, für 189 000 Dollar – und verkaufte dann allerdings doch nur Ivekovics "Gen XX" für 49 000 Dollar.

Neben der eintägigen Hotel-Messe Dependent stiegen noch die Fountain Fair, die mit dem Umzug in die historische Halle der 69th Regiment Armory auf der Lexington Avenue erwachsener geworden ist – hier wurden 1913 Meister wie Duchamp, Edgar Degas, Edvard Munch und Pablo Picasso ausgestellt. Doch nach dem nächsten großen Kunststar musste man auch hier lange und in aller Regel vergeblich suchen. Die Video-Art-Messe Moving Image in Chelsea präsentierte Arbeiten von LA-Fotografin Alex Prager, von Christopher K. Ho, der zwei lesbische verliebte Berge miteinander plaudern ließ, oder von der New Yorkerin Jenny Perlin. Sie stellte Szenen mit FBI-Sekretärinnen beim Abtippen von Abhördokumenten regulärer US-Bürger nach, die sich in den vierziger und fünfziger Jahren gegenseitig bespitzelt hatten. Dass gute Video-Kunst keine großartigen Geschichten erzählen muss, demonstrierte der holländische Künstler Eelco Brand. Er ließ ganz einfach einen Grashügel atmen.

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