Herbstauktionen

London



EIN LICHT IM DUNKELN

Mit erheblicher Besorgnis hatte man den Londoner Herbstauktionen für zeitgenössische Kunst entgegengesehen: würde sich die Finanzkrise negativ auf den Markt auswirken? Doch die Woche endete mit einem Triumph für Gerhard Richter und seine "Kerze" (1982).
// HANS PIETSCH, LONDON

Die Kerze auf der Staffelei neben dem Pult des Auktionators schien ihr warmes Licht in den Saal zu werfen. Ihr skandinavischer Besitzer hatte sich wohl wegen der großen Werkschau von Gerhard Richter in der Tate Modern einen guten Preis erhofft und wurde nicht enttäuscht.

Auktionator Jussi Pylkkänen schaukelte zum Schluss die drei noch übriggebliebenen Telefonbieter höher und höher hinauf, bis der Hammer schließlich bei 9,3 Millionen Pfund (10,1 Millionen Euro) fiel. Mit der Käuferprämie sind das 10,45 Millionen Pfund (11,93 Millionen Euro), ein neuer Rekord für den Kölner, der bald seinen 80. Geburtstag feiern wird, und solche Preise, wie er auf der Presskonferenz in der Tate Anfang des Monats sagte, einfach nicht versteht.

Der kleine Bruder der beiden Großen Christie’s und Sotheby’s hatte zwei Abende zuvor eine ganz andere Gangart vorgegeben: Obwohl der Auktionssaal bei Phillips de Pury brechend voll war, ging alles schleppend, fast lustlos vonstatten. Selbst Auktionator Simon de Pury, sonst ein auf- und abhüpfendes Energiebündel, wirkte leise und vorsichtig. Was sich schon am Nachmittag auf der Messe Frieze im Regents Park angekündigt hatte, dass nämlich die Käufer nicht so richtig ihre Geldbeutel aufmachen wollten, wiederholte sich, und so war die Auktion ein ziemlicher Reinfall.

Nur wenige boten

Fast ein Drittel der Lose blieb unverkauft, darunter so solide Namen wie Cindy Sherman und George Condo, das Meiste erreichte nicht den unteren Schätzwert, und lediglich ein paar ganz Junge wie Taba Auerbach und Jacob Kassay erzielten überdurchschnittliche Preise. Am folgenden Abend bei Sotheby’s ein ähnliches Drehbuch: Zuviele Lose gingen zurück, zuviele verkaufte Lose blieben unter dem niedrigen Schätzwert, keine nennenswerten Rekorde wurden erzielt, lediglich der figurative Londoner Maler Leon Kossoff verzeichnete mit 690 000 Pfund für "A Street in Willesden" (1985) einen schönen Rekord. Auffallend war auch, dass an einer ganzen Reihe von Losen nur ein Bieter, meist am Telefon, Interesse zeigte, sich also kein Bietkampf entspannte. Der Gesamterlös von 17,8 Millionen Pfund, inklusive Käuferprämie, blieb erheblich unter dem unteren Schätzwert von 19 Millionen, denn diese Zahl enthält keine Käuferprämie.

Christie's rettet die Bilanze

Die Ehrenrettung blieb dem in den letzten Jahren erfolgreichsten Haus vorbehalten. Bei Christie’s gingen von 53 eingelieferten Losen nur sechs zurück, die meisten verkauften Lose erzielten zumindest den unteren Schätzwert, viele lagen erheblich darüber. Neben dem Rekord für Richters "Kerze" purzelten noch andere, etwa für den englischen Bildhauer Antony Gormley, dessen Maquette für "Angel of the North" (1996) 3,4 Millionen Pfund (3,9 Millionen Euro) erzielte, und der Gesamterlös in Höhe von 38 Millionen Pfund (43,4 Millionen Euro) lag erheblich über dem niedrigen Schätzwert von 30 Millionen Pfund.

"Erleichterung"

Die Werke, die sich am besten verkauften, waren entweder seltene Ware, wie zwei Gemälde des Italieners Domenico Gnoli, oder von Museumsqualität wie Richters "Kerze", die die in der Retrospektive der Tate gezeigte Version an Schönheit noch übertrifft. Es gibt also trotz Krise genügend Sammler, die bereit sind, für solche Werke auch viel Geld auszugeben. Sie kommen immer mehr auch aus Asien, die bei Christie’s 13 Prozent der Bieter ausmachten. Am Ende fand Frances Outred, bei Christie’s Europa-Chef für zeitgenössische Kunst, das richtige Wort: "Erleichterung".

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