Sammlung Jägers

Köln

Keiner will
Der mutmaßliche Kunstfäscher Wolfgang Beltracchi beim ersten Prozesstag (Foto: Bozica Babic)

KEINER WILL'S GEWESEN SEIN

Am zweiten Prozesstag äußerten sich die vier Angeklagten erstmals zur Person. Bei den beiden Damen flossen Tränen, Otto Schulte-Kellinghaus gab sich als kleiner Angestellter der übrigen Beschuldigten aus, und Wolfgang Beltracchi überraschte mit der Nachricht, er habe 1976 einen echten Beltracchi ans Münchner Haus der Kunst verkauft. Hinter den Kulissen schachern die Anwälte jetzt über die Verteilung der Schuld. art-Korrespondent Michael Kohler berichtet aus dem Gerichtssaal.
// MICHAEL KOHLER, KÖLN

In geradezu gelöster Stimmung begann am Landgericht Köln der zweite, erneut gut besuchte Verhandlungstag zum Fall der fingierten Sammlung Jägers. Die vier Angeklagten gaben reihum ausführliche Erklärungen zur eigenen Person ab und fanden im Vorsitzenden Richter Wilhelm Kremer einen verständnisvollen Zuhörer.

Insbesondere bei den Aussagen von Wolfgang Beltracchi und Otto Schulte-Kellinghaus wirkten Kremers Nachfragen locker und jovial, ja geradezu kameradschaftlich – frei nach dem Motto: "Mensch, mir kannste‘s doch erzählen." Diesen Gefallen taten ihm die Beklagten freilich nicht und ließen in ihren Lebensläufen die entscheidenden Stellen offen.

Wolfgang Beltracchis Angaben folgten erstaunlich schamlos dem Drehbuch des genialen (Lebens-)Künstlers: Geboren 1951 in der Kleinstadt Höxter, mit 17 vom Gymnasium geflogen, die Kunstschule, die ihm ohnehin nicht mehr viel beibringen konnte, geschmissen und danach ein Wanderleben durch WGs und Kommunen mit "Sex, Drugs & Rock’n’Roll". Beltracchi reiste durch Europa und Nordafrika, verkaufte hin und wieder ein eigenes Gemälde und wurde schließlich mit erster Frau und erstem Kind auf einem Hof in Viersen sesshaft. Die Begegnung mit Helene Beltracchi im Jahr 1992 schilderte er als Wendepunkt seines Lebens, obwohl dieses weiterhin unstet blieb. Wegen einer Erkrankung der gemeinsamen Tochter habe man Luftveränderung gesucht und diese zunächst mit dem Wohnmobil und ab 1999 in einem französischen Landhaus gefunden. Später ließ das Ehepaar in Freiburg ein zweites Wohnhaus aufwändig restaurieren, um dem erwachsenen Sohn Beltracchis näher zu sein.

Auch nach Helene Beltracchi muss man sich die Familienverhältnisse äußerst innig vorstellen. Sie schwärmte von ihren Kindern, die sich so tapfer hielten, und von ihrer wunderbaren Ehe, von der sie hoffe, sie irgendwann weiter führen zu können. Mehrmals erstickten Tränen ihre Stimme; als sie auf ihre erkrankte Mutter zu sprechen kam, dauerte es lange, bis sie sich wieder gesammelt hatte. Ausführlich ging sie auf ihre eigene schwere Erkrankung ein, unter der sie noch immer leide. In den achtziger Jahren handelte die aus einfachen Verhältnissen stammende gelernte Kauffrau kurzfristig mit Jugendstil-Lampen und wurde danach Assistentin der Geschäftsführung in einem mittelständischen Betrieb für Film- und Fotoproduktionen. Nach der Begegnung mit ihrem jetzigen Ehemann, die "alles verändert" habe, verliert sich auch bei ihr die Spur legaler Einkünfte.

Aus einem vorbildlichen, stellenweise ergreifenden und durch den Prozess stark belasteten Leben erzählte ihre Schwester Jeanette S.: Hausfrau und Mutter, genesene Krebspatientin, seit 26 Jahren mit einem derzeit in Afghanistan stationierten Bundeswehroffizier verheiratet, Doppelhaushälfte zur Miete. Selbst die Staatsanwältin staunte, als S. ihre vor der Verhaftung ausgeübte Beschäftigung angab: Rollbahn-Reinigungskraft am Flughafen Köln/Bonn. Beschämend wenig warf die hochproduktive Fälscherwerkstatt offenbar auch für Otto Schulte-Kellinghaus ab. Der 67-Jährige bezieht nach eigenen Angaben 728 Euro Rente und hat sein letztes Erspartes angeblich bei der Produktion von House und Reggae-Musik auf Ibiza verloren.

Obwohl die Beklagten zur Sache schwiegen, zeichneten sich die einzelnen Verteidigungslinien bereits deutlich ab. Schulte-Kellinghaus‘ Anwalt wird versuchen, seinen Mandanten als kleinen Angestellten der Beltracchis darzustellen, und Jeanette S. wird wohl als Nebenfigur auftreten, die ihre aufopferungsvolle Schwesterliebe ins Unglück stürzte. Für Helene Beltracchi ist die Rolle der ergebenen Ehefrau reserviert, Wolfgang Beltracchi dürfte sich weiterhin als liebenswürdiger Schlawiner gefallen. An allem mag sogar etwas dran sein, und doch fragt man sich, wohin eigentlich die von der Staatsanwaltschaft eindrucksvoll dokumentierte kriminelle Energie verschwunden ist. Setzt sich der kaltschnäuzige Betrug im Gerichtssaal etwa als Seifenoper fort?

Hinter den Kulissen wird jetzt über die Verteilung der Schuld verhandelt. Die galante Variante wäre, dass Wolfgang Beltracchi die Hauptschuld auf sich nimmt, um seine Ehefrau zu schützen. Lässt sich die Staatsanwaltschaft darauf ein, könnte der Prozess deutlich schneller als geplant zu Ende gehen. Die Alternative läuft auf ein Hauen und Stechen unter den beklagten Parteien hinaus. Am 27. September, dem nächsten Verhandlungstag, weiß man vielleicht schon mehr.

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3 Leserkommentare vorhanden

wilhelm keller-stein

13:41

01 / 10 / 11 // 

Beltracchi Bande

was für eine widerliche Bande! Sie kommen viel zu günstig davon.Wievielen Menschen und besonders auch Künstlern haben sie geschadet und sie übelst betrogen.Wie kann ein Gericht so einen deal machen? Ich hatte gerne die Aussagen der Experten Andrea Firmenich und Werner Spies sowie A.Soyka gehört.Alle haben sich gemein täuschen lassen.Und über Herr Jentsch hat sich Beltracchi lustig gemacht.Er konnte noch nicht einmal einen Holzschnitt von einem Linolschnitt unterscheiden. Die Vorwürfe gegen die verschiedenen Händler und Auktionshäuser finde ich ein Ablenkungsmanöver.Schließlich mußten diese sich doch auf die Experten verlassen müßen.

Michael Franz

11:27

06 / 10 / 11 // 

Fälscherbande

Wenn das kunstmarktbashing ehrlich wäre ,könnte W.+ H.Beltracchi ja nun das gestohlene Geld zurückzahlen,dann würde er schon etwas glaubwürdiger wirken.Ohnehin glaube ich seinen Märchen nicht.Warum sollte er jetzt auf einmal ehrlich sein?

Barthel Pescher

00:37

28 / 10 / 11 // 

Gier wurde bestraft - oder auch nicht

Beltracchi konnte den Hals nicht voll kriegen und hat aus seiner "Sammlung Jägers" geldgierig weiter verkauft, bis dass er schließlich aufflog. Die Kunstsammler haben die "verschollenen Werke" begierig aufgekauft, auf weitere Wertsteigerungen der großen Namen hoffend. Sie können sich weiter an der Schönheit ihrer wohlerworbenen Bilder erfreuen, werden sie aber kaum noch anschauen wollen, weil sie Beltracchis sind und keine Campendonks. Wer bisher noch nicht belangt wurde, sind die Gutachter und vor allen Dingen die Zwischenhändler. Ich kann mir lebhaft vorstellen wie sich manch einer in Fäustchen gelacht hat, wie er dem "doofen Erben" einen Ernst nach dem anderen für je ein paar hunderttausend Euro abgeluchst hat, um sie bald darauf für ein Vielfaches weiterzuveräußern. Von dem Geld der betrogenen Sammler dürfte nur der kleinere Teil bei Beltracchi gelandet sein, der größere Teil hat sich der Kunstbetrieb eingesteckt, der aus Furcht, jemand anders könnte den Deal machen, beflissen alle Augen sorgfältig zugedrückt hat.

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