Herbsteröffnungen

New York

Vogelgezwitscher und Erdgrummeln
Eröffnungpublikum der Pace Gallery: Blockparty unter dem High Line Park (Foto: Claudia Bodin)

VOGELGEZWITSCHER UND ERDGRUMMELN

Thomas Demand kuratiert René Magritte, Richard Serra zeigt neue Stahlskulpturen, und Matthew Barney zeichnet. Beim Eröffnungsmarathon im September glänzt die New Yorker Kunstwelt – trotz Sorgen um die Wirtschaftslage.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Während sich die Galerienbesucher am ersten Donnerstag zum Auftakt der Saison schwitzend in ihren neuen Herbst-Outfits durch die Galerien schoben, wehte eine Woche später plötzlich ein eisiger Wind durch die Gassen von Chelsea. So unbeständig wie das New Yorker Wetter ist die wirtschaftliche Lage.

Und in der Kunstwelt wird diskutiert, wie und ob sich die drohende Flaute auf die Verkäufe niederschlagen wird. Es war auch zum diesjährigen Saison-Beginn, bei dem rund 100 Galerien in der Stadt eröffneten, wieder alles im Angebot: hochklassige Werke neben Trash-Art, der große Hype, leise Auftritte, Schlangen vor den Türen, eine Block Party auf der 25th Street. Und Agata Oleksiak, die wie der warme, billige Weißwein inzwischen ein fester Bestandteil der New Yorker Opening-Kultur ist, stellte eines ihrer Häkelkunstwerke, einen mit Garn umsponnenen Einkaufswagen, auf die Straße.

Einige der Höhepunkte: Thomas Demand zeigt bei Matthew Marks die von ihm kuratierte Ausstellung "Carte d'après Nature", die bereits im Nouveau Musée National de Monaco lief. Die nostalgischen Momentaufnahmen des italienischen Fotografen Luigi Ghirri, Arbeiten von Künstlern wie August Kotzsch, Tacita Dean oder Sigmar Polke gruppieren sich um drei Werke von René Magritte, die an einer elegant altmodischen Gardinen-Tapete von Demand hängen und das Thema der Ausstellung vorgeben. Sie trägt den Namen des Magazins, das Magritte in den fünfziger und sechziger Jahren herausgab – und in dem er sich mit den Begriffen von Zeit, Raum und mit der Umwelt auseinandersetzte. Der Schotte Martin Boyce kreierte mit diagonal verlaufenden Wänden, spitz zulaufenden Fenstern und ineinander übergehenden Galerienzellen das Layout der Ausstellung. Der Schwede Henrik Håkansson spielt auf einem alten Plattenspieler Aufnahmen von Vogelstimmen aus dem Central Park ab. Demand ist eine Ausstellung voller zarter Poesie gelungen.

Wer es ein wenig lauter liebt, war bei Nick Cave, dem Meister der schrillen Kreaturen, richtig: Der Chicagoer Künstler führte seine beliebten Soundsuit-Aliens, die er aus schillernden Knöpfen, Weidenkörben, Kuscheltieren, Fellen oder Stoffresten anfertigt, mit Jack Shainman und Mary Boone gleich in zwei Galerien vor. Bei Casey Kaplan zog Brian Jungen Tierhäute über Eames- und Saarinen- Stühle, die als Statussymbol in den modernen Haushalt gehören, und verwandelte die Designobjekte in Buschtrommeln. Die Nicholas Robinson Gallery nahm die große Ausstellung von Lee Ufan, die noch bis Ende September im Guggenheim Museum läuft, zum Anlass, die Arbeiten des Ufan-Schülers Lee Bae vorzustellen, der wie sein Lehrer in Korea geboren ist, in Paris lebt und sich in seinen Arbeiten auf die Suche nach der puren Form begeben hat. Die New Yorker Künstlerin Eve Sussman und die Rufus Corporation überzeugen in der Cristin Tierney Gallery mit einer neuen Filmarbeit (“whiteonwhite:algorithmicnoir“), an der sie drei Jahre lang gearbeitet hat. Sussman reiste dafür durch Zentral- und Westasien, besonders in die heruntergekommene, einst als Stadt der Zukunft angelegte Stadt Aktau in Kasachstan, reiste. Gefeiert wurde stilvoll im salonartigem Hinterzimmer der Galerie, während der auf Drama und Tristesse setzende Film endlos in immer neuer Szenenabfolge läuft. Mit Hilfe eines Computerprogramms werden die Szenen unaufhörlich neu zusammengestellt.

Für einen guten Zweck schob David Zwirner seine Ausstellungstermine um ein paar Tage nach hinten und zeigte 26 begehrliche Arbeiten, die ihm Künstler wie Marlene Dumas, Cecily Brown, Raymond Pettibon, Paul McCarthy, Luc Tuyman und Neo Rauch für eine Auktion zugunsten der Erdbebenopfer von Haiti zur Verfügung gestellt haben. Die Erlöse der bei Christie’s abgehaltenen Auktion fließen zu 100 Prozent über die Stiftung von Hollywoodstar Ben Stiller nach Haiti. “In Haiti habe ich Armut und Zerstörung in einem Ausmaß vorgefunden, wie ich es noch niemals in meinem Leben gesehen habe“, erzählte Zwirner beim Galerierundgang. “Gewöhnlich sind Galerien und Auktionshäuser nicht die besten Freunde. Aber in diesem Fall handelt es sich um die perfekte Partnerschaft.“

Bei Gagosian erwarteten die Besucher mit “Junction” und “Cycle” zwei neue, gigantische Stahlskulpturen von Richard Serra. Eine rostig-orangefarbene Wand tut sich gleich hinter dem Eingang auf, erstreckt sich bis zu den Skylights und windet sich in Form von engen Gängen durch die Galerie. Um Matthew Barneys Zeichnungen und neue Skulpturen aus Industriemetallen zu sehen, standen die Leute vor der Gladstone Gallery Schlange. Galeristin Andrea Rosen paarte Arbeiten von Lucio Fontana mit Sterling Rubys Atelier-Boden-Bildern, die blutrote Spuren seiner Tropfstein-Skulpturen neben Fotos von Ausgrabungsstätten und der Verpackung von Asthma-Tabletten zeigen. Sterlings Keramiken erinnern zu Zeiten des Jahrestages vom 11. September unweigerlich an die Überreste der Twin Towers.

Anlässlich der Installation von Ex-Talking-Head David Byrne organisierte die Pace Gallery auf einem unter der Highline befindlichen Parkplatz auf der 25th Street, wo Pace bald die fünfte New Yorker Zweigstelle errichten wird, eine Block Party mit Imbisswagen. Byrne, der auch eine Arbeit zu der unterhaltsamen Gruppenshow “Social Media“ bei Pace beisteuerte, setzte einen gigantischen aufgeblasenen Globus, der sich zwischen die Stelzen der Highline quetscht und jeden Moment zu platzen droht, auf den leeren Platz. Aus dem Inneren der Weltkugel hört man ein pulsartiges Wummern. Die stillen Stars bei Pace sind allerdings die “Grey Paintings“ aus den achtziger Jahren von Agnes Martin, die ebenfalls auf der 25th Street ausgestellt werden.

Chelsea-Neuzugang "Galerie Richard" aus Paris feierte ihre New-York-Zweigstelle mit knalligen Abstraktionen von Paul Henry Ramirez, die von den Besuchern an der Wand um ihre eigene Achse gedreht werden konnten. Die neue “C24“ Gallery holte sich Gastkurator und New Orleans-Biennale-Gründer Dan Cameron an Bord, der Künstler aus Istanbul und New Orleans vorstellte. Der Argentinier Leandro Erlich verwandelte die Sean Kelly Gallery in das Foyer eines Bürohauses, in das er Fahrstühle installierte, die einen nirgendwo hinbringen.

Natürlich gab es Veranstaltungen, bei der sich Kunst und Mode gegenseitig feierten. Schließlich lief in die New York die Fashion Week. Vladimir Restoin Roitfeld, Sohn der früheren Chefredakteurin der französischen Vogue, versucht sich seit einiger Zeit als Kunstexperte und organisierte mit einem Partner eine Ausstellung im Auktionshaus Phillips de Pury mit Arbeiten von Richard Hambleton. Der Künstler war in jungen Jahren mit Keith Haring und Jean-Michel Basquiat in New York unterwegs und wird von manchen als Pate der Street Art angesehen. Das Prominenten-Aufgebot zur Eröffnung war eher mager. Die Arbeiten mit Cowboys auf Pferden und Schattenrissen, die wohl Basquiat zeigen sollten, ebenfalls wenig überzeugend. Aber der Champagner floss.

In der Galerie Leslie Tonkonow zeigt die junge US-Künstlerin Amy Cutler eine neue Serie von Zeichnungen. Cutlers enthauptete Frauen backen Torten, sie spinnen ihr langes Haar, flicken verletzte Tiger wieder zusammen – oder sie scheinen mit gepacktem Koffer auf eine bessere Zukunft zu warten. Ob für die Kunst oder die Situation der Frauen bleibt offen. In Chelsea geht es unterdessen unaufhaltsam mit den Eröffnungen von neuen Galerieräumen (Haunch of Venison), bekannten Namen und alten Meistern wie Lisa Yuskavage (David Zwirner), Frank Stella (Paul Kasmin) und Carsten Nicolai (Pace Gallery) weiter.

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