Gallery Weekend

Berlin



BERLINER BULETTEN

Die Kunstwelt kommt nach Berlin und art führt Protokoll: Die Berliner Buletten 2011. Mit der Suche nach Ai Weiwei, ungewohnter Ruhe in der Auguststraße, einem Geisterhaus und Tweed als Klimaanlage
// BIRGIT SONNA, UTE THON, TIM SOMMER, DANIEL BOESE, BERLIN

Freitagnachmittag, Mitte, Auguststraße

Es ist ruhig im ehemaligen Herzen der Berliner Galerienszene. Keine fünf Minuten Wartezeit für Ai Weiwei, beim Empfang der Messe "Art Moscow" um die Ecke wird noch die Bar zurechtgerückt, bei Rainer Fetting ist auch niemand zu sehen. Kein Gedränge bei Eigen + Art, Judy Lybke gibt jedem Besucher persönlich eine Karte mit dem Weg zum temporären zweiten Raum auf der Torstraße.

Dann erhält jeder auch noch eine persönliche Kurzerklärung zur Ausstellung: Olaf Nicolai hat die letzten Weber in Crimmitschau, Sachsen, gefunden, die noch Farbverläufe aus Naturseide weben können. Der entstandene Vorhang in Regenbogenfarben hängt an den Wänden.

Freitagabend, Osramhöfe im Wedding

Das ist die Wüste, aber die Karawane ist definitiv woanders: gähnende Leere im Hof, niemand in den Galerien, außer einem, der die vollen Sektkartons wegschleppt. Wer mit Laufkundschaft nicht rechnen kann, dem helfen womöglich Agenten: Hinter einer Stellwand in den weitläufigen Hallen von Max Hetzler taucht ein Schweizer Museumsdirektor mit zwei Sammlern im Schlepptau auf. Geduldig erklärt er die Unterschiede zwischen den neuen Bildern von Albert Oehlen, was schließlich gar nicht so einfach ist. In der Galerie von Guido W. Baudach wird nicht erst der Versuch gemacht, den Saal mit Kunst zu füllen. Andy Hope 1930 beschränkt sich auf die linke Hälfte, zeigt eine Handvoll bunte Malewitsch-Superman-Kreuzungen und eine Gruppe von Spanplatten-Skulpturen: schwarze Löcher hinter Flohmarktrahmen. Das ist wahre Tiefe, zu 40 000 Euro das Stück.

Freitagabend, Potsdamer Straße

London is Calling: Harry Blain ist wieder da. In Berlin kennt man den Londoner Galeristen und seinen Partner Graham Southern als die großspurigen Chefs der von Christie‘s finanzierten Galerie Haunch of Venison. Letztes Jahr stiegen die beiden nach einer pompösen Damien-Hirst-Ausstellung plötzlich aus dem Unternehmen aus. Kurz darauf machte der gigantische Space in der Heidestraße dicht. Das Galeristen-Duo eröffnete derweil in London unter eigenem Namen eine neue Galerie mit vielen der Haunch-of-Venison-Künstler. Pünktlich zum Gallery Weekend präsentierten sie nun ihre Berlin-Dependance. Und auch hier bleiben sie ihrer Devise treu: Warum kleckern, wenn man klotzen kann? Sie haben das ehemalige Druckereigebäude des "Tagesspiegel" an der Potsdamer Straße gemietet, eine monumentale Fabrikhalle mit Schwindel erregender Deckenhöhe und mitten drin in Berlins neustem Trendbezirk. Hier zeigen sie eine einzige Arbeit von Sue Webster und Tim Noble, den Brit-Art-Stars, die für ihre anzüglichen, aus Müll arrangierten Schattenskulpturen bekannt sind. Für Berlin haben sie sich mit dem Architekten David Adjaye zusammen getan – auch ein Londoner Szenestar. Er hat im zweiten Stock der Fabrik ein Labyrinth aus dunklen Tunneln entworfen, die einen auf schiefen Holzplanken und spitzen Winkeln zum "Heiligtum" führen: zwei ausgefranste Kugelstrukturen im Scheinwerferlicht, deren Schatten an der Wand – na was wohl? – die Köpfe der Künstler abbilden. Muss man noch erwähnen, dass es sich bei dem Material der Kugeln um vertrocknete, vergoldete Kleintierkadaver handelt? Oder dass sich die Künstler von ägyptischen Grabkammern inspirieren ließen und verlauten lassen, dass "Kunst eine religiöse Erfahrung" sei? Am Eröffnungsabend standen jedenfalls ähnlich wie im Tal der Könige hunderte von Leuten geduldig Schlange, um sich vom Glanz der neuen Pharaonen blenden zu lassen.

Freitagabend, am Schöneberger Ufer

Hier sind sie alle. Ein steter Strom von Kunstsuchenden läuft von der Potsdamer Straße am Ufer des Landwehrkanals entlang. Streng genommen gehört die Galerie Isabella Bortolozzi nicht zum Reigen des Gallery Weekend. Aber die Sound-Installation der Turner-Preisträgerin Susan Philipsz dort ist so sirenenhaft betörend, dass wir sie einfach nicht missen möchten. Beschallt von einem Kuckkucksklang-Kanon kann man sich etwas von dem aufgekratzten Weekend erholen. Ein Haus weiter: Die neuen Räume von Esther Schipper in der Beletage sind vergleichsweise bourgeois gestimmt. Clou der Einzelausstellung des Mexikaners Gabriel Kuri dort ist eine nihilistisch mit Teerpappe überzogene Kopiermachine. Sammler, die man bei Schipper wie auch andernorts zahlreich sichtet, stammen übrigens größtenteils aus Europa. Die Klientel jenseits des großen Teichs hat sich zu dieser Ausgabe des Gallery Weekends selten rar gemacht. Was den Abtrünnigen entgangen ist: Nicht nur ein summa summarum qualitätvolles Kunstwochenende, sondern auch die ungemein originelle Verköstigung zum VIP-Start in der italienischen Botschaft am Donnerstagabend. Rotwein aus 'mundgerechten' Marmeladengläsern und eingeschweißte italienische Coppa wie vom 1-Euro-Shop. Super Einfall, käme vermutlich auch in der Kunstprovinz von Eckernförde an.

Freitagabend, Auguststraße

Für mindestens eine Stunde ist es die bestbewachte Ausstellung des Gallery Weekends. Polizisten patroullieren vor Ai Weiweis Schau in der Galerie Neugerriemschneider – Amnesty International leistet kurioserweise Hilfestellung. Der Grund: Außenminister Guido Westerwelle hat sich angekündigt, will offenbar weiter die Versäumnisse der deutschen Aufklärungsausstellung in Peking aufzeigen. Der abrupt vor einem Monat verhaftete Dissident Ai Weiwei bleibt spurlos verschwunden. In der Galerie herrscht hingegen eine kuriose Anspannung, als sei das wandelnde Ready-Made Ai Weiwei selbst anwesend. Zwei abgestorbene Baumriesen aus den südchinesischen Bergen strecken ihre verdörrten Arme gegen die Decke. Inseln aus weißen, blau geränderten Porzellanbrocken machen sich dazu gesteinsartig am Boden breit. Eine sehr symptomatische Märchenlandschaft für den chinesischen Künstlerstar: Natur versus geschliffenes Handwerk, Kultur versus Zerstörungskräfte. Der Transport der Objekte aus Ai Weiweis Studio sei reibungslos verlaufen, verlautet es bei Neugerriemschneider. Er selbst habe die Ausstellung samt Rendering noch vor drei Monaten selbst konzipiert. Ungewollt ist Ai Weiwei dabei ein Mahnmal auf Zeit gegen die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen Chinas gelungen – gerade weil er in dem Moment so schmerzlich fehlt.

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