Wie auf einer Geburtstagsparty von Dreizehnjährigen

Bei der Alternativmesse "Supermarket", in einer Fabriketage auf der Insel Kungsholmen gelegen, ist die internationale Präsenz größer, dort nämlich gibt es die Beschränkung auf nordeuropäische Aussteller nicht. Gleich am Eingang präsentiert sich Sculptors Guild aus New York, ein paar Ecken weiter zeigt Lifebomb aus Berlin unter anderem zwei Leinwände mit dem Antlitz des Gründers und Besitzers des schwedischen Warenhauses IKEA – so viel Ehrerweisung an die schwedischen Veranstalter muss sein. Dunk! aus Kopenhagen zeigt eine Vogelstimmenjukebox des aus Deutschland stammenden Künstlers Hartmut Stockter – statt unterschiedliche Platten aufzulegen, werden verschiedene Futtersorten gewählt, um die Singvögel anzulocken, die die passende Musik machen.

In diesem Jahr sind die meisten Aussteller bei "Supermarket" zur Petersburger Hängung übergegangen und versuchen so viele Künstler wie möglich auf den weißen Wänden unterzubringen. Am Eröffnungsabend werden um halb elf die letzten Gäste aus der Ausstellungshalle gescheucht, in der Bar Allmänna Galleriet 925, eine Etage höher, findet anschließend die Eröffnungsparty statt. Ob es Ironie ist oder ein Versehen, ist unklar, jedenfalls spielt der DJ, kaum sind alle eingetroffen, erst einmal Phil Collins. Jenen britischen Musiker, über den der Protagonist und Richard-Prince-Sammler Patrich Bateman von Bret Easton Ellis "American Psycho" so ausführlich, wie inhaltsleer faseln kann. Keine anderthalb Stunden später geht es zu, wie auf einer Geburtstagsparty von Dreizehnjährigen, wenn die Mutter kommt, um das Fest zu beenden, ehe es zu wild wird. Es ist ein Uhr, die übliche Sperrstunde für Bars in Schweden, die Freiheit hat kurz nach Mitternacht ihre Grenzen. Schnell bilden sich mehrere Künstlertrupps, die sich noch beim örtlichen Kiosk mit Leichtbier eindecken, um privat weiter zu feiern – Bier mit gewöhnlichem Alkoholgehalt gibt es in Schweden nur in speziellen staatlichen Monopolgeschäften, die nachts selbstverständlich geschlossen haben. Organizing freedom eben.

Zwei Abende später geht es zur Galerienacht, die schwedische Galerienszene tritt seit vergangenem Herbst geballt in der Straße Hudiksvallsgatan auf. In einem alten, von Ragnar Östberg entworfenen Industriegebäude aus roten Ziegel hat sich mittlerweile mehr als eine Hand voll Galerien angesiedelt. Es ist ein kalter Abend mit Minusgraden, Nordenhake im Erdgeschoss hat sich drauf eingestellt und bewirtet die Gäste schon vor dem Eingang mit Glühwein, neben dem Stand stehen Heizstrahler. Unter dem Titel "Quarry" stellt die amerikanische Künstlerin Helen Mirra Objekte aus. An mehreren Stellen liegen auf dem Galerieboden fein säuberlich zusammengelegte Kleidungsstücke und obendrauf ein moosbewachsener Stein.

Die meisten der Galerien in der Hudiksvallsgatan haben wie Nordenhake zwischen hundert- und zweihundertfünfzig Quadratmeter Ausstellungsfläche. Am größten sind mit über fünfhundert Quadratmetern die Räumlichkeiten von Brändström & Stene, die vor rund drei Jahren als erste in das Gebiet zogen und die Entwicklung dort initiierten. Am heutigen Abend zeigen sie Collagen und Malerei von Anja Finney und Maja Rohwetter. Am beeindruckendsten aber sind die Räume von Andréhn-Schiptjenko. Den beiden ist es bestens gelungen, den Fabrikcharakter der Räume zu erhalten und gleichzeitig einen Ausstellungsort zu schaffen, der erlaubt, sich auf die Kunst zu konzentrieren. Gezeigt werden Arbeiten des Schweden Martin Jacobson. Er stellt Zeichnungen aus, die vor märchenhaften Motiven nur so strotzen und in zwei Glaskästen dazu Fotos, die er auf einem Berliner Flohmarkt gekauft hat und die einen Mann zeigen, der sich in der ostdeutschen Provinz wieder und wieder selbst fotografiert hat.

Bereits im Frühjahr plant mit Andersson Sundström die nächste Galerie in die Hudiksvallsgatan zu ziehen, nach einigen ruhigen Jahren, wird Stockholm also in Veränderung bleiben.

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