Art Basel

Eklat

Aufruhr im Club
Die Absage der Art Basel schockt Gerd Harry Lybke, bei der Eröffnung des Art Forums 2010 war das Entsetzen noch eine Pose vor einem Bild von David Schnell (Foto: Ute Thon)

AUFRUHR IM CLUB

Eklat bei der Art Basel: Der Erfolgsgalerie Eigen+Art wird Messeteilnahme verwehrt. Galerist Gerd Harry Lybke kocht – und kritisiert das Auswahlkomitee als unprofessionell
// UTE THON

Diese Nachricht muss ein echter Schock gewesen sein: "Aufgrund des begrenzten Platzes, der für die Show verfügbar ist, wurde Ihre Galerie leider nicht ausgewählt", las Galerist Gerd Harry Lybke in dem Ablehnungsschreiben der Art Basel. Solche Niederlagen müssen sonst nur unbekanntere, glücklosere Kunsthändler von der Baseler Kunstmesse wegstecken. Lybke jedoch führt eine der erfolgreichsten, international renommiertesten Galerien Deutschlands mit Dependancen in Berlin und Leipzig. Er vertritt Künstlerstars wie Neo Rauch, Matthias Weischer, Olaf und Carsten Nicolai und platziert sie in den besten öffentlichen und privaten Kunstsammlungen der Welt. Erst im letzten Jahr feierte er einen neuen Triumph mit der großen Neo Rauch-Doppelretrospektive in Museen in München und Leipzig. An der Art Basel nimmt er seit 1991 kontinuierlich teil, auf der Messe macht er regelmäßig Verkäufe in Millionenhöhe. Um so verärgerter ist er jetzt über die überraschende Absage. "Mit der Ablehnung wird nicht nur der Galerie der Zugang zum wichtigsten internationalen Messeplatz der Kunst versperrt, sondern noch im extremeren Maße den Künstlern", sagt er.

Tatsächlich ist ein Stand auf der Art Basel der ultimative Ritterschlag für jede Galerie – die Zulassung zum angesehensten und lukrativsten Kunstclub der Welt. Die Baseler Messe gilt als wichtigste und umsatzstärkste Kunstmesse für Gegenwartskunst und klassische Moderne. Dementsprechend heiß begehrt sind die rund 300 Kojen. Über die Zulassung entscheidet eine sechsköpfige Jury aus Galeristen. Die Gründe für die Ablehnung macht die Jury nicht öffentlich. Lybke vermutet dahinter allerdings eine Abstraf-Aktion missgünstiger Kollegen. "In Amerika würde man so was als Diskriminierung oder Rassismus bezeichnen", sagt er in Anspielung auf seine ostdeutsche Herkunft. Lybke hat seine Galerie 1983, also noch zu DDR-Zeiten, in Leipzig gegründet und bekennt sich trotz seines kometenhaften Aufstiegs immer noch stolz zu seiner Ostvergangenheit.

Von Art-Basel-Seite gibt man sich angesichts der Vorwürfe gelassen. "Wir kommentieren die Auswahl der Jury grundsätzlich nicht", sagt Pressesprecherin Maike Cruse. Angesichts der Flut von Bewerbungen sei man nun mal gezwungen, auch Ablehnungen zu verteilen. Das Auswahlkomitee sei jedenfalls "absolut integer". Dennoch scheint es zumindest für Außenstehende verwunderlich, dass es sich bei den Art-Basel-Juroren gleichzeitig auch um Messeteilnehmer handelt, die in dieser Doppelfunktion auch unliebsame Konkurrenten ablehnen könnten – ein Interessenskonflikt, der etwa bei internationalen Architekturwettbewerben oder beim Filmfestival in Cannes undenkbar wäre. So gilt es unter langjährigen Art-Basel-Teilnehmern denn auch als offenes Geheimnis, dass für die Teilnahme oder Ablehnung nicht immer nur objektive Qualitätskriterien entscheidend sind. Judy Lybke jedenfalls vermutet hinter der Absage auch persönliche Motive: "Die Berliner können mich nicht leiden".

Denn auffällig bei dem diesjährigen Auswahlkomitee der Messe in Basel ist in der Tat eine deutliche Berlin-Lastigkeit. Zur sechsköpfigen Jury gehören neben der Zürcher Galeristin Eva Presenhuber, David Juda aus London und Xavier Hufkens aus Brüssel drei Galeristen aus der Hauptstadt: Tim Neuger (neugeriemenschneider), der Stockholmer Galerist Claes Nordenhake, der in Berlin das Galeriehaus in der Lindenstraße betreibt, und Jochen Meyer von der Karlsruher Galerie Meyer Riegger, der ebenfalls in Berlin eine Dependance hat. Bekannt ist auch, dass unter den unzähligen, in Berlin ansässigen Galerien längst heftige Grabenkämpfe toben. Erst vor wenigen Tagen hat Giti Nourbakhsch in einem offenen Brief ("Betreff: David gegen Goliath") den "Lieben Kollegen in Berlin" ihr Leid geklagt. Die Junggaleristin wurde nach fünf Teilnahmen ebenfalls aus der Art Basel "rausgekickt". Als Grund vermutet sie den schwelenden Streit um das Berliner Gallery Weekend, eine Gemeinschaftsveranstaltung Berliner Galerien, aus deren Organisationskomitee sich Nourbakhsch letztes Jahr verärgert zurückgezogen hatte. Danach sei sie plötzlich auch in Basel nicht mehr angenommen worden. Sie macht dafür die Art-Basel-Juroren Neuger, Nordenhake und Meyer verantwortlich, die gleichzeitig auch Gesellschafter des Gallery Weekend sind. "Mir war bei meinem Austritt bewußt, dass ich meine Präsenz in Basel gefährden könnte. Es ist allgemein verbreitet, dass man sich den Juroren der Art Basel nicht widersetzt, auch wenn der Schauplatz Berlin ist."

Ein weiteres Opfer der strengen Art-Basel-Jury wurde Mehdi Chouakri, dem man nach mehreren Messeteilnahmen diesmal eine Absage erteilte. Eine unverständliche Entscheidung, findet der Berliner Galerist, zumal ihm das Auswahlkomitee noch im letzten Jahr zu seinem gelungen Stand auf der Art Basel gratulierte. "Die Jury hat diesmal die Stärke und Geschichte der Berliner Galerien nicht richtig berücksichtigt", klagt Chouakri. Gerd Harry Lybke gibt sich inzwischen diplomatisch. "Ich bin kein Politiker und kümmere mich nicht um den Klüngel in Berlin", sagt er. Am Gallery Weekend im Mai werde er wie immer teilnehmen. Von der Art-Basel-Direktion wurde ihm derweil zugesichert, dass er immer noch auf einer "Nachrückerliste" steht.

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12 Leserkommentare vorhanden

Safety First

18:54

12 / 01 / 11 // 

ready made

Prinzipiell ist es gut, dass es keine Garantien für die Platzhirsche gibt. Aber warum sich die Juroren selbst platzieren können bleibt schleierhaft. Das Argument, dass es in einer Galerie auch weniger gute Positionen gibt, kann nicht zählen, denn würde man alle teilnehmenden Galerien durchschauen würden sich sicherlich mehrere Schwachstellen auftun. Die Geschichte mit Frau Nourbakhsch hört sich nach Ausschluss an. Gibt es dazu etwas mehr Recherche sowie den offenen Brief irgendwo zu lesen? Wie immer stellt sich die Frage, warum nehmen sich sehr viele der Akteure im Kunstbetrieb so furchtbar ernst. Etwas weniger Attitüde, sicher auch für Herrn Lybke, würde keinem schaden. Also Stock raus und weiter, konzentriert auf das was zählt!

Juan Manzu

03:12

13 / 01 / 11 // 

"Ost-Kitsch"

Das Geschrei ist gross, wenn einer, der mit "Ost-Kitsch" Millionen gescheffelt hat, von seinen eigenen Kartell-Brüdern ausgeschlossen wird. Der Kunsthandel des Gerd Harry Lybke ist nichts anderes als ein Pyramidenspiel. Den Galeristen interessiert nicht, wo für der ungebildete Sammler sein Geld ausgibt. Ob die Dinge, die da ver- und gekauft werden, vor der Kunstgeschichte bestehen oder nicht. Lybke verkauft den Ost-Kitsch wie ein Finanz-Produkt. Er weiss, dass noch kein Sammler oder dessen Erbe gegen einen Galeristen vorgegangen ist, weil die Erfolgsvoraussagen nicht eingetroffen sind oder das Produkt am Ende einer Erfolgskurve wertlos war. Lybke maschmeyert Kunst. Nur schaut man bei der Kunst, nicht wie bei anderen Finanzprodukten, so genau hin.

T.Paul - artinfo24.com

08:21

13 / 01 / 11 // 

Der Kampf um Sammler

@Juan Manzu - na ja, wie Finanzprodukte kontrolliert wurden und werden, haben uns ja die letzten Jahre gezeigt. Klar ist die Aufregung groß, was zweifelsohne mit der Galerie Eigen + Art zu tun hat. Gerd Harry Lybke hat ja auch gleich die <a href="http://www.artinfo24.com/shop/artikel.php?id=640">große Presse- und Medientrommel in Gang gesetzt</a>, was wiederum auch nur verständlich ist. Auch wenn es vielen im Kunstbetrieb nicht passen wird, auch eine Galerie ist ein Wirtschaftsunternehmen. Und als Unternehmer habe ich die Verantwortung ­das Umsätze generiert werden. Und diese lassen sich im Kunstmarkt am Besten eben auf Messen generieren. Das wirklich Positive um den Ausschluss der Galerie Eigen + Art und anderer Galerien, ist die Tatsache, dass man endlich mal bisherige Auswahlverfahren überdenken sollte. Denn es kann nicht sein, das wie schon erwähnt, Galerien die selber an der Messe teilnehmen dann auch noch entscheiden, wer noch zur Messe zugelassen wird. Ein ungleicher Konkurrenzkampf und Marktverdrengung. Gerd Harry Lybke ist ja nur die "sogenannte Spitze des Eisberges". Es betrifft ja jedes Jahr viele Galerien, denen der Messezugang verwehrt bleibt.

Malus

14:10

13 / 01 / 11 // 

Rechte verletzt!

Das ist ungerecht! Die Bonusbanker haben dieses Jahr endlich wieder viel Geld, die Villen auf Marthas Vineyard, in der Karibik, die Appartments in N.Y. und L.A. wollen neu geschmückt und verziert werden! Jeder hat ein Anrecht auf sein Stück vom Kuchen! Dass die Finanzjongleure die Werke der Nicolais und Eders nun auf anderen Wegen erstehen müssen, und diese nicht in den kommenden Art-Basel-Bildstrecken mitgefeatured werden, finde ich skandalös! Herr Lybke sollte vor dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte klagen. Evtl. ist hier auch die Handelskammer zuständig. Oder das Kartellamt.

R. Mutt

15:23

13 / 01 / 11 // 

Wo ist der Skandal

Anstatt einen Skandal zu vermuten, wo vermutlich keiner ist, würde ich mir wünschen, Sie informierten besser über die Aufnahmeprozedur. Die Galerien bewerben sich bei der Art Basel mit aktuellen Katalogen ihrer Künstler oder wie läuft das ab? Wäre ich Juror und bekäme den Neo Rauch-Katalog von 2010 auf den Tisch, ich würde auch dankend ablehnen! Judy Lybke vertritt starke Positionen von Christine Hill über die Nicolais und Maix Mayer bis zu Jörg Herold. Er vertritt aber auch Uwe Kowski, Stella Hamberg, Martin Eder, Tim Eitel, Akos Birkos - Positionen, die ich, nun ja, nicht spannend fände. Wenn Judy denkt, die Ablehnung läge nicht am Künstlerischen, dann sollte er seine Bewerbungsmappe öffentlich machen. Dann können Außenstehende selbst urteilen, ob die Art-Jury dämlich ist oder angemessen entschieden hat. Wenn keiner abtritt, kann schwerlich Neues nachrücken. Und wer nicht glaubt, dass die Art regelmäßig namhafte, erfolgreiche Galerien ablehnt, der sollte sich noch mal "Super Art Market" anschauen. Darin wettert Leo König über die Basler Messe, bei der er sich stets bewerbe und stets abgelehnt werde. Wo ist der Skandal?

marcellomartinez vega

20:30

15 / 01 / 11 // 

Galerist Gerd Harry Lybke

Galerist Gerd Harry Lybke ärgert sich sicher und verstehe ihn gut!!es sollte im ein professionelle Jury total unabhängige Leute sein die selbst nicht als Teilnehmer gelten. immer hin sehe ich das als Chance so ist er wieder im Gespräch wenn alles gut läuft ist für das Geschäft auch gut !wenn eine Tür schliss vielleicht öffnen sich tausenden mehr . vega

Rafael Losa

00:34

19 / 01 / 11 // 

Rauch verfliegt halt irgendwann

Na - Seht Ihr - Jetzt erkennt Ihr - wo Nebel und auch Rauch sich lichten - die Liebigbildchen und den Kitsch -

Stefan Gibson

17:27

19 / 01 / 11 // 

Die Kunstszene ist und bleibt eine Schlampe

Ich finde das gut, denn aus verschiedenen Berichten von Künstlern weiß ich, dass Eigen+Art auch über Leichen gegangen ist. Wahrscheinlich alles ausgleichende Gerechtigkeit!

Maggini

19:32

19 / 01 / 11 // 

...und siehe da,...

Waehrend man in der Oeffentlichkeit entruestet diskutiert, wie, warum und was das alles soll, wird hinter den Kulissen kraeftig verhandelt und die Nummer durch die sueffisante Nachrueckliste geradegezogen: und siehe da, Harry ist wieder mit von der Partie. The Show must go on.

Gerhard Harvan

22:17

04 / 02 / 11 // 

Er der er war

Er, der er Künstler sein wollte, Er der sich sicher war ein berühmter Künstler zu werden. Ihn? Wie beschreibt man ihn, der an uns vorbeitänzelte, von dem wir damals nicht wussten, dass Er nur eine kurze Zeit für seine Kunst haben würde. Er der Tänzer, der Zähnräder und technisches Gerät dramaturgisch auf der Leinwand verschob, im Farbnebel sichtbar machte, der Tänzer, der Schweber, der Spayer, Er durchschwebte so eben mal kurz zu unserer Verunsicherung unser Leben und ging dann weg, weiter!

Clab GANTLEMANS

22:36

04 / 02 / 11 // 

Bitte etwas mehr Stil

Also man sollte doch nicht in diese Schnulleroptik runter. Sieht aus wie: "Baby schreit und kotzt Mamma den Brei zurück in die Bude". Gentleman Bitte etwas mehr Stil - Ja, sicher ich weiss es ist ja doch nur eine PR Aktion, da muss auch mal geklotzt werden. Vielleicht dann doch im Hintergrund ein etwas besseres Bild? Sir? Wäre das machbar?

Jan

11:54

05 / 03 / 11 // 

Es lebe die Scheinheiligkeit

Die ganze Geschichte um die ArtBasel sollte an sich kein grosses Entsetzen auslösen, da diese Praktiken auch bei anderen Messen stattfinden. Auch bei der Fiac in Paris und ArtBrussels in Belgien sind die Jürymitglieder, Teilnehmer an der Messe. Die Bewerbungsunterlagen spielen bei der Entscheidung sowieso keine Rolle, was zählt, sind die Seilschaften hinter den Kulissen. Warum sollte es in der Kunstszene auch anders sein als in der Politik oder der Wirtschaft, wo ja auch ein Kreis von immer den gleichen Leuten unter sich die Posten verteilen. Die Scheinheiligkeit mit der die Verantwortlichen von diesen Messen reagieren, grenzt schon an Zynismus, wenn sie Ihre Ehrlichkeitsgelübte zur Schau stellen. Leider ist es hier, wie auch sonst in unserer heuchlerischen Gesellschaft, der schöne Schein trügt, und manchmal, wenn einem der im Kreise der Auserwählten, etwas böses widerfährt, und dieser dann beginnt sein Unmut zu zeigen, und auf seine Brüder anzugreifen, dann bröckelt so langsam die Fassade, wie eben auch in den Diktaturen in Tunesien,Lybien usw. Auch der offizielle Kunstwelt würde so eine Revolution gut tun, die den ganzen Mief von Kunstpotentaten die momentan regieren, in die Wüste schicken würde.

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