Gallery Weekend

Berlin

Berliner Bouletten – XXL
Anselm Reyles Installation "Arise" im Ausstellungsraum "Céline und Heiner Bastian" (Foto: Pamela Axmann)

BERLINER BOULETTEN – XXL

Unsere "Berliner Bouletten" haben schon Tradition: Beobachtungen zum Berliner Gallery Weekend, aufgeschrieben von art-Redakteuren und -Korrespondenten. So groß wie diesmal war der Bericht aber noch nie: Hier kommt das Protokoll eines prallen Berliner Kunstwochenendes – samt eines Hinweises darauf, dass diese Rubrik vielleicht "Berliner Currywürste" heißen müsste.
// UTE THON, KITO NEDO, RALF SCHLÜTER UND KONSTANZE SEIFERT, BERLIN
Donnerstag Abend, Charlottenburg

Manchmal ist die Ortsangabe "Charlottenburg" ganz schön irreführend. Denn die zu Ausstellungsräumen hergerichtete Lagerhalle von "Vittorio Manalese & Fils", dem neuen Nebenprojekt der Berliner Großgalerie "Contemporary Fine Arts" (CFA) hat so gar nichts mit den feinen Adressen um den Savignyplatz oder Ku’damm zu tun. Auf einem Gewerbehof nördlich vom Ernst-Reuter-Platz gelegen, scheint hier alles eher der proletarischen Moabiter Turmstraße entgegenzustreben.

Er habe "Bock auf Frischfleisch", verkündete Galerist Bruno Brunnet im Vorfeld, den Namen des neuen Tochterunternehmens lieh er sich aus einem Mafiafilm, der Titel der Eröffnungsausstellung "Ein Fest für Boris" zitiert einen Dreiakter von Thomas Bernhard. Zur Eröffnung gab es keine bekannten Namen, sondern Werke von Künstlern der Jahrgänge zwischen 1973 und 1981, kuratiert von der Künstlerin Aurelia Sellin.

Da gab es ein wenig bemüht wirkende obszöne Gemälde und bemalte Sandsteinfiguren von Stefan Rinck, auf Großformat gezogene Landschaftsansichten aus der Zeichentrickserie "Simpsons" von Gitte Jabs oder die akrobatische Deckeninstallation "Spydermanstudio" von Max Frisinger. Fazit: Viel nette Kunst – eine wirkliche Entdeckung war jedoch nicht darunter.

Freitag Nachmittag, Potsdamer Straße, Schöneberg

Er ist der Jürgen Fliege der Berliner Galeristenszene: Matthias Arndt. Eigentlich hat er das Herz an der richtigen Stelle, er lebt, liebt und leidet für die Kunst. Doch wegen seiner hemmungslosen Bekenntnisse ist er den Kollegen manchmal peinlich. So hat er offen ausgesprochen, was die anderen gern verheimlichen wollen, nämlich dass er sich in den Boomzeiten finanziell übernommen hat und letztes Jahr kürzer treten musste, sprich weniger Messeteilnahmen und Umzug in günstigere Räume. Unter dem Titel "Changing the World" präsentierte er nun sein neues Galeriekonzept. Und zeigte seinen Kritikern damit symbolisch den Mittelfinger. Arndt residiert von nun an in einer prächtigen 400-Quadratmeter-Beletage über dem "Wintergarten Varieté" an der Potsdamer Straße ganz in der Nähe der Kollegen Klosterfelde, Nourbakhsch, Sommer & Kohl, Bartolozzi und Trülzsch. In den großzügigen Zimmerfluchten zeigte er ein Best-of seiner Galeriekünstler: protzige Skulpturen von Keith Tyson und Wim Delvoye, filigrane Zeichnungen von Netko Solakov, poppige Gemälde von Erik Bulatov und Anton Henning, eine clowneske Videoinstallation von Jon Kessler und Nordpolreise-Impressionen von Sophie Calle. Im fünf Meter hohen Ballsaal, der zu dem großbürgerlichen Wohnensemble gehört, wurden Hirschgulasch und Wachteleier serviert, über allen thronte der "High Subjecter", eine neue Skulptur von Thomas Hirschhorn. Bescheidenheit sieht anders aus.

Freitag Nachmittag, Martin-Gropius-Bau

Vor dem Eingang des Gropius-Baus hat sich eine Schlange gebildet. Erinnerungen an große Berliner Ausstellungsschlager wie "Das MoMA in Berlin" und "Goya" werden wach. Nun ist allerdings die Frage: Stehen die Leute alle für Frida Kahlo an, deren große Retrospektive hier läuft? Oder verirren sich auch ein paar Besucher zu Olafur Eliasson, dem Ingenieur der Naturerfahrung, der in dieser Schau die Stadt Berlin ins Museum hineinzulassen versprochen hat? Die Frage ist schnell beantwortet: Bei Eliasson ist es rappelvoll, dicke Besuchertrauben hängen an den Objekten, Installationen und Wandprojektionen. Der Ansturm festigt Eliassons Ruf als neuer Christo: Keiner macht Kunst so populär wie er. Allerdings hielten sich bei früheren Ausstellungen Komplexes und Eingängiges die Waage. In dieser Schau kommt man sich manchmal vor wie in einem Workshop für Eventarchitektur: Pro Raum gibt es meist nur ein Werk, Besucher können ihre Schatten vervielfältigt sehen oder geometrischen Lichtspielen an der Wand zuschauen. Man geht durch eingenebelte Räume und kann auf einem riesigen Tisch Objekte aus Eliassons Atelier betrachten – aber wie banal und jahrmarktshaft wirkt das! Der Berlinbezug wird durch Berliner Gehwegplatten hergestellt, die man ins Museum geschafft hat – ach Gott. Einziger Lichtblick – im wörtlichen Sinne – ist das sehr schöne und beeindruckende Spiegelkabinett im Innenhof.

Freitag Abend, Rosa-Luxemburg-Platz

Was da genau passieren würde, wussten die wenigsten, als sich die Räume der Galerie Christian Nagel langsam aber stetig füllten. Wie im Modegeschäft hatte der Wiener Künstler Heimo Zobernig für die Eröffnung seiner Ausstellung "Alte Sachen" entlang der Fensterfront einen Laufsteg aufgebaut, vor dem sich nun die Neugierigen drängelten. Plötzlich setzte der Beat ein, und die Models erschienen auf dem Catwalk: Das Kunstvolk klatschte und johlte. Isabelle Graw, die Herausgeberin des Berliner Kunstmagazins "Texte zur Kunst", der mächtige Museumsmann Kasper König, Michael Neff, der Organisator des Gallery Weekend, und natürlich der Galerist Nagel selbst ließen es sich nicht nehmen, geschminkt mit zerfetzt wirkenden Kostümen über den Steg zu wandeln. Die Botschaft war klar: Was soll der Quatsch mit den VIP-Limousinen und dem Gästelisten-Gehechel? So sieht wahrer Glamour aus: Mut, Überraschung und keine Häppchen.

Kommentieren Sie diesen Artikel

2 Leserkommentare vorhanden

jaja,

19:16

03 / 05 / 10 // 

wird gemacht!

mark jenkins ist der größte ! findest Du doch auch , monica ?

DIE "YUPPSCALA"

12:22

13 / 05 / 10 // 

Ihr werdet jetzt mit der "YUPPSCALA" beurteilt- (10Minus-10Plus)

Hitlerschlumpf mit Eistüte (Überflüssig 5 Minus) Schrott ganz schwerelos oben in der Ecke von wem? (Semesterarbeit 3Minus) Gitte Jabs - Imposanter Rahmen (8 Minus) St. Rink - Weil er den kleinen Hitler gemacht hat, wollen wir ihn nicht. John Kessler - (NE NEE 4 Minus) Olafur HURRA (Ausser Konkurrenz, DESIGNER) Isabell GRAW (Wassen dat?) Kaspar bigest (10 Plus) Mein süssere Neffe (5 Plus HA HA) Und Nagel voran (Auch 5 Plus) Monica Bonvicini (Dringen Brille wechseln) "Ligt me Black" (Ganz lustig 4 Plus) Joe Barr (8 Plus - no koment) Ellen Harvey (Wir mögen Frauen in der Kunst - nettes Kleid) Peter Buggenhout (Der Schrott hinter meiner Laube kann Kunst sein) (3 Plus) Wer bitte ist D. Hirst? Nettes Mädel says welcome Matias Fallbakken (4 Minus) Hab ich doch neulich auf den Sperrmüll gestellt das Zeug! Wer bitte ist der Jungbänker vor dem Eingang? Karl Wallinger kann schreiben, das sei hier mal festgestellt. (Im Minusbereich) YUPP YUPP bis Neulich