TEFAF Maastricht 2010

Kunstmesse

"Kein Crash, sondern eine Korrektur"
Blick in die Messehalle: TEFAF Maastricht 2010 (Foto: Loraine Bodewes)

"KEIN CRASH, SONDERN EINE KORREKTUR"

Ein Botticelli für 11,1 Millionen oder ein Gauguin-Spätwerk für 18 Millionen Euro: Die Kunstmesse TEFAF in Maastricht glänzt auch in diesem Jahr wieder mit museumsreifen Werken im Millionenbereich. Obwohl der Kunstmarkt im Jahr 2009 auf ein Umsatz von 31,3 Milliarden Euro geschrumpft ist, schweben die Galeristen in Maastricht bereits wieder auf rosaroten Wolken. Eine Bilanz
// KERSTIN SCHWEIGHÖFER, MAASTRICHT

"Der Gerhard von Graevenitz bewegt sich nicht mehr!", ruft Miklos von Bartha aufgeregt. Sofort eilen die Mitarbeiter seiner Basler Galerie zu einer hellen Leinwand, die mit einer Art von dunklen Uhrzeigern übersät ist. Bis vor kurzem hatten sie sich noch munter in alle Himmelsrichtungen gedreht, doch dann brach die Stromzufuhr auf einmal ab. "Die Arbeit stammt aus dem Nachlass des deutschen Künstlers, wir haben sie von seiner Witwe" erzählt von Bartha und konstatiert erleichtert, dass es seinen Mitarbeitern gelingt, wieder Leben in das "Kinetische Werk" von 1967 zu bringen. Immerhin gehört es zu den Prunkstücken, die er dieses Jahr für 85 000 Euro in Maastricht auf der Tefaf anzubieten hat, der "European Fine Art Fair". Und, so stellt der Schweizer klar: "Mit dabei sein zu dürfen, das ist ein Privileg!"

Wie immer ist alles angerückt, was Rang und Namen hat. Und wie immer haben sich die Händler das Allerbeste für Maastricht aufgehoben. Denn die Tefaf gilt nach wie vor als feinste und erlesenste Kunstmesse der Welt, für die Museumsdirektoren und Sammler aus aller Welt den Weg in die niederländische Provinz auf sich nehmen, um sich erst mit ihren Privatjets auf dem kleinen Flughafen Maastricht-Aachen den Platz streitig zu machen und dann Austern und Champagner schlürfend von einem elegant eingerichtete Messesalon zum anderen zu schlendern.

Auch dieses Jahr ist das Angebot wieder erlesen: Egal, ob Warhol oder Picasso, Rubens, Cranach oder van Goyen – alle großen Namen quer durch die Kunstgeschichte sind vertreten. Zu den Höhepunkten zählen das Gauguin-Gemälde "Deux Femmes", das für 18 Millionen Euro den Besitzer wechseln soll, und eine Madonna von Botticelli, auch Rockefeller-Madonna genannt, da sie sich 50 Jahre lang im Besitz der Rockefeller-Familie befand. Preis: elf Millionen Euro. Kurios ist ein mit Brillanten übersätes Armband, das Cartier 1979 für Elton John anfertigte, zu haben für 52 500 Euro. Und das riesige Himmelbett, in dem der französische Staatsmann Talleyrand, wie es um 1800 üblich war, seine Gäste zu empfangen pflegte – drei Matratzen hoch und ganz in Gold und Hellblau gehalten. Aus Seide, versteht sich. Der Preis: 380 000 Euro. "Nicht nur für Museen ideal", versichert eine Mitarbeiterin der Pariser Pelham-Galerie. Man könne darin auch immer noch ausgezeichnet schlafen.

Kunstmarkt: "2009 nur noch 31,3 Milliarden Umsatz"

Nach der Einführung eines neuen Design-Sektors 2009 wartet die Maastrichter Messe dieses Jahr erstmals mit der "Tefaf on Paper" auf: 19 Kunsthändler, die Zeichungen, Drucke und Fotoarbeiten feilbieten, darunter die Wiener Galerie Wienerroither und Kohlbacher, die eine ganze Reihe von Klimt-Zeichnungen zeigt: "Endlich sind wir nicht mehr bloß als Besucher hier", freut sich Alois Winterroither. Denn die Wartelisten sind lang: Wer rein will, ist darauf angewiesen, dass jemand anderes rausfällt – es sei denn, es werden neue Sektoren geschaffen oder bereits bestehende Abteilungen wie die der modernen und zeitgenössischen Kunst weiter ausgebaut.

Die Zahl der Teilnehmer hat sich dadurch im Laufe der Jahre kontinuierlich erhöht, auch dieses Jahr um 26 auf insgesamt 263 – was nicht bei allen auf Gegenliebe stößt: "Für meinen Geschmack wird die Messe etwas zu groß", findet von Bartha aus Basel. "Ich bin ein großer Anhänger von Maastricht", betont er. Aber mehr Quantität bedeute nicht immer auch mehr Qualität: "Ich weiß, dass ich mir ins eigene Fleisch schneide, aber ich finde, das 20. Jahrhundert ist in den letzten Jahren schwächer geworden." Dabei habe sich die Tefaf doch Qualität zum allerhöchsten Maßstab gesetzt: "Wir müssen aufpassen, dass wir das beibehalten können!"

Die Tefaf-Organisation ist sich über die Gefahr bewusst: "Jetzt geht auch wirklich nichts mehr, sonst platzen wir aus den Nähten", versichert Sprecherin Titia Vellenga. Durch das Schaffen neuer und größerer Sektoren möchte die Messe einen ihrer stärksten Punkte, die Vielfalt, sichern und verhindern, dass sie wie so viele andere ihren Höhepunkt überschreitet. Immerhin gilt es, sich auf einem Markt zu behaupten, der nicht nur gesättigt ist, sondern auch von der Wirtschaftskrise geschüttelt. Das bestätigt der aktuelle Kunstmarktbericht, den die Tefaf jedes Jahr vorlegt: Nach fünf Jahren spektakulären Wachstums begann der Kunstmarkt 2007 zu schrumpfen: Wurde im Rekordjahr 2007 weltweit noch Kunst im Wert von 48,1 Milliarden Euro verkauft, 2008 waren es nur noch 42,2 Milliarden "und 2009 werden es nur noch 31,3 Milliarden sein", sagt Kulturökonomin Clare McAndrew, die den Bericht im Auftrag der Tefaf erstellt hat.

"Die Lage hat sich normalisiert"

Dass es nicht noch schlimmer gekommen ist, liegt an zwei Faktoren, die den Fall abgefedert haben: Erstens begannen die Märkte in China und auch Indien zu boomen. Die Chinesen sind nach den USA und Großbritannien bereits auf den dritten Platz vorgerückt und haben mit einem Marktanteil von 14 Prozent Frankreich, Italien und Deutschland hinter sich gelassen. Nicht umsonst erwartet die Tefaf dieses Jahr gleich mehrere Delegationen vom Festland China. "Wobei wir nicht vergessen dürfen, dass in China und Indien die Käuferschicht der Zukunft gerade erst am Entstehen ist: eine neue Mittelklasse, in 20 Jahren ist sie an Bord!", sagt McAndrew. Zweitens haben Leute mit Geld ein anderes Verhalten Luxusartikeln gegenüber entwickelt: Sie geben ihr Geld nicht mehr für leichtlebige Statussymbole wie Yachten oder sündhaft teure Handtaschen aus, sondern eher für Kunst: "Es muss dauerhafter sein, mit hohem Wert, hoher Qualität und zum Anfassen."

Wobei allerdings für zeitgenössische Kunst nicht mehr die völlig überteuerten Preise gezahlt werden wie noch vor ein paar Jahren: Kam bei weltweiten Auktionen 2008 noch für 915 Millionen Euro zeitgenössische Kunst unter den Hammer, waren es 2009 nur noch 378 Millionen – ein Rückgang um 60 Prozent. Aber, so betont McAndrew, "hier geht es weniger um einen Crash als um eine Korrektur."

"Die Lage hat sich normalisiert", bestätigt Miklos von Bartha. "Die Leute schauen mehr darauf, was sie für ihr Geld bekommen!" Qualität sei angesichts der hochintelligenten, immer besser ausgebildeten und auch besser beratenen Käufer "die einzige Überlebensmöglichkeit: Die Händler dürfen nicht zu gierig und zu hungrig sein!" Wobei sich "wirkliche Spitzenwerke immer noch zu Spitzenpreisen verkaufen lassen", weiß sein Kollege Paul Schönewald von der gleichnamigen Düsseldorfer Galerie. "Aber es ist schwieriger geworden, Spitzenwerke zu bekommen!" Sein eigenes ist dieses Jahr ein riesiger Gerhard Richter, den er für neun Millionen verkaufen will. Schönewald ist bereits zum zehnten Mal mit dabei. Er hält die Tefaf nach wie vor für ein Muss und gibt sich auch dieses Jahr optimistisch: "Das Vertrauen ist zurück!" meint er und liefert sogleich eine Erklärung, weshalb Geld wieder in Kunst investiert wird: "Es ist doch besser, ein gescheites Bild an der Wand zu haben als seinen Namen auf einer blöden CD-Rom zu finden!"

"Tefaf ist eine Insel der Glückseligkeit"

"Es gibt einen neuen Appetit aufs Kaufen!" bestätigt James Roundell von Dickinson, der Gauguins "Deux Femmes" auf den Markt bringt. Das hätten die Auktionen der letzten Monate gezeigt: "Die Krisenstimmung hat sich verzogen." Auch die Messeleitung ist zuversichtlich: "Nach dem absoluten Topjahr 2007 mussten auch wir 2008 zurückstecken", erzählt Sprecherin Vellenga. Dadurch habe sich jeder vor 2009 gefürchtet: "Aber das lief dann doch glimpflicher ab als erwartet!" Und deshalb sei nun jeder positiv gestimmt.

Die Tefaf, so findet der Münchner Kunsthändler Konrad Bernheimer überschwänglich, sei halt einfach eine "Insel der Glückseligkeit." Gutgelaunt weist er auf die Tausenden von weißen Rosen, mit denen die Wände am Eingangsbereich geschmückt sind. Im Laufe der Messe sollen sie gegen rote und zum Schluss gegen rosarote Rosen ausgewechselt werden – ein völlig logischer Farbwechsel, findet der Münchner: "Am Anfang ist auf dieser Messe alles unberührt weiß, dann kommt jeder in Ekstase – und am Schluss schweben wir alle auf rosaroten Wolken!"

"TEFAF 2010"

Termin: bis 21. März, Maastricht

http://www.tefaf.com

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