Sammlung Peter Stuyvesant

Amsterdam



"MODERNE KUNST MUSS UNTER DIE MENSCHEN!"

Der Tabakkonzern BAT hat die "Peter Stuyvesant"-Kunstsammlung verkauft. Werke von Kippenberger, Appel und Uecker erzielen Rekordpreise – Kunstexperten und Galeristen protestierten lautstark.
// KERSTIN SCHWEIGHÖFER, AMSTERDAM

Bei 95 000 Euro hört sie auf. "Es gibt Grenzen!", seufzt Françoise Stoop, seit drei Jahren Kunstsammlerin und selbst Künstlerin. Sie sitzt im Auktionssaal von Sotheby's in Amsterdam, wo sie gerade noch mit Mühe einen Platz ergattern konnte. Denn es geht um die Versteigerung der legendären Peter-Stuyvesant-Kollektion, eine der wichtigsten Firmensammlungen der Niederlande, mit Werken von Pierre Alechinsky, Robert Mangold oder Niki de Saint Phalle, von Victor Vasarely, Kenneth Noland und Mike Kelley, Martin Kippenberger und Künstlern der Gruppe Cobra wie Corneille oder Karel Appel.

Nur allzugerne würde Françoise Stoop ihre eigene kleine Sammlung um einen knallbunten Appel erweitern, von dem an diesem Montagabend gleich eine ganze Reihe von Werken unter den Hammer kommen. Doch auch im zweiten Anlauf muss sie passen: Die Nr. 73, ein datiertes und titelloses Ölgemälde, wechselt für 130 000 Euro den Besitzer. Im Katalog wurde es auf 70 000 Euro geschätzt. "Wahnsinn, fast doppelt so hoch!", jammert ihr Stuhlnachbar, ebenfalls ein Privatsammler, der an diesem Abend nicht zum Zuge kommt: "Unglaublich, wie hier die Preise in die Höhe schießen! Das ist total überteuert!"

Bei Sotheby’s hingegen herrscht rundum Zufriedenheit, und es wird ein "Aufleben des Kunstmarktes" konstatiert. Denn die Versteigerung von 163 Topstücken aus der Peter-Stuyvesant-Kollektion übertraf alle Erwartungen und ist für das Amsterdamer Haus ein Rekord: Fast 13,6 Millionen Euro brachte sie, erwartet hatte man im besten Falle die Hälfte. Wegen des großen Andrangs hatten die Amsterdamer Verstärkung von Sotheby's-Kollegen aus New York und London bekommen. Der Saal war mit 400 Menschen regelrecht vollgepropft, beim Eingang hinten stauten sich die Besucher und mussten stundenlang stehen. An insgesamt 30 Telefonen boten Sammler, Museumsdirektoren und Vertreter von Firmensammlung aus dem Rest Europas, aus Asien und Nord- und Südamerika mit.

Es kam zu erbitterten Duellen zwischen Bietern im Saal und am Telefon. Als teuerstes Stück hielt sich auf der fast fünf Stunden langen Marathonauktion lange Zeit das riesige Appel-Gemälde "Tete tragique" mit 410 000 Euro (geschätzt auf 180 000). Bis es dann gegen 22.45 Uhr von Martin Kippenbergers "Dinosaurierei" übertroffen wurde, das es auf 900 000 Euro brachte, dreimal mehr als erwartet. Auch der "Große Schnee", eine mit Nägeln übersäte Leinwand des deutschen Künstlers Günther Uecker, der Deutschland auf der 35. Biennale in Venedig vertreten hatte, stand hoch im Kurs: Statt für 120 000 Euro kam das Bild für 280 000 Euro unter den Hammer. Ebenfalls begehrt: die weißen hellen Reliefbilder des Niederländers Jan Schoonhoven. Kurator Peter van Beveren von der Triton Foundation aus Rotterdam kaufte gleich zwei davon für 380 000 und 260 000 Euro. Geschätzt waren beide auf 150 000. "Keinesfalls zu teuer", findet er. Krise? Welche Krise? "Davon merken wir nichts!"

Zur Entstehungsgeschichte der Stuyvesant-Kollektion

Unumstritten allerdings war die Versteigerung nicht: Im Vorfeld war es zu Protesten von Kunstexperten und Galeristen gekommen. Viele Niederländer hätten es lieber gesehen, wenn die Peter-Stuyvesant-Kollektion erhalten geblieben wäre. Weil ihre Entstehungsgeschichte so schön ist:

Ihr Gründer heißt Alexander Orlow, der in Berlin als Kind russischer Flüchtlinge geboren wurde und dann mit einer Tabakfabrik im niederländischen Zevenaar Karriere machte. Orlow war nicht nur selbst Kunstsammler, sondern auch ein sehr progressiver Geist: 1960 erteilte er 13 Künstlern aus 13 europäischen Ländern den Auftrag, für seine Fabrikhallen Kunst anzufertigen. So kam es, dass seine Fabrikarbeiter eines Morgens ihren Augen nicht trauten: Auf einmal hingen riesige abstrakte Gemälde an Wänden und Decken, dazwischen baumelte eine Figur von Niki de Saint Phalle. Orlow wollte zur "Vergrößerung der Arbeitsfreude" beitragen – und, weil er nicht nur Altruist war, sondern auch Geschäftsmann – zur Erhöhung der Produktivität. Die Fabrikarbeiter mussten sich zuerst an die Kunstwerke über ihren Maschinen und Fließbändern gewöhnen, wonach allerdings recht schnell ellenlange Diskussionen entstanden über das, was darauf alles zu sehen und zu erkennen war: "An figurativer Kunst sieht man sich ja viel schneller satt" bekannten gleich mehrere ehemalige Fabrikarbeiter im Vorfeld der Versteigerung in den niederländischen Medien.

Im Laufe der Jahrzehnte erwarb Orlow fast 1600 Kunstwerke, unterstützt von Privatsammlern und Museumsdirektoren wie Willem Sandberg oder Wim Beeren vom Stedelijk in Amsterdam, die dem Konzern unentgeltlich mit Rat und Tat zur Seite standen. Der Zustand der Arbeiten ist ausgezeichnet, nicht zuletzt deshalb, weil in der Tabakfabrik ein strenges Rauchverbot galt. Und nur ein einziges Mal in all den Jahren fiel ein Kunstwerk von der Decke und bekam einen leichten Riss.

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