25 / 11 / 2009
Index 09
Hamburg
"ICH HABE MIT MEINEM DOGMA GEBROCHEN"
Frau Winkel, wie oft haben Sie bei der Künstlerauswahl den Satz gehört: "Bitte nehmen Sie meine Werke, damit ich die hohe Miete für mein Atelier zahlen kann"?
Elena Winkel: Gar nicht zum Glück. Index hat nichts mit Mietezahlen zu tun. Es geht um Anerkennung, um Kommunikation mit dem Publikum und mit anderen Künstlern.
Ist eine Kunstmesse die zeitgemäßere Ausstellung?
Zeitgemäß ist eine Verkaufsaustellung immer. Aber darum geht es mir nicht. Die Auseinandersetzung mit der Kunst ist einfach eine andere, als wenn ich ins Museum gehe. Wenn ich die Arbeit nicht nur betrachte, sondern auch erwerbe.
Wie viel muss der Messebesucher für ein Kunstwerk zahlen?
Das geht bei 150 Euro los und endet bei 5000 Euro.
Für Kunst ist das ein Schnäppchen.
Eigentlich schon. Ich achte darauf, dass es nicht zu teuer wird. Künstlern, die noch nie etwas verkauft haben, fällt es auch schwer einen Preis für ihre Arbeiten zu nennen. Ich berate sie dann. Für sie ist diese Ausstellung auch eine gute Gelegenheit, sich mit dem Wort Marktwert auseinanderzusetzen.
Nach welchen Kriterien haben Sie die Werke dieses Mal ausgewählt?
Ich versuche zu erkennen, ob es gegenwärtig Schwerpunkte bei den jungen Künstlern gibt. Dieses Mal ist es die konzeptionelle Auseinandersetzung mit der Malerei, zum Beispiel bei dem Estländer Eriks Apalais. Er reduziert seine Werke auf absolute Grundlagen, was zu sehr leeren Bildern führt. Dieser Ansatz fällt mir auch bei anderen auf. Und dass sich die Künstler mit Erzählstrukturen befassen, mit Brüchen in Bildräumen wie diese merkwürdigen, nach Collage aussehenden Bilder von Katrin Bahrs, die aber glatte Computerausdrucke sind. Sie sehen nach Moderne aus, sind geometrisch, mit Faltungen. Zwischen den Objekten entwickelt sich eine Dynamik, obwohl sie für sich allein keine Geschichte erzählen.
Sie haben für dieses Jahr Malerei, Zeichnungen und Fotografien ausgesucht. Ist das der Trend in der jungen Kunstszene oder das, was sich im Moment am besten verkauft?
Der Verkaufsaspekt ist natürlich wichtig. Zu meiner Ehrenrettung muss ich aber sagen, dass ich schon Künstler drei Jahre hintereinander ausgestellt habe, die über Index nichts verkauft haben. Ich trenne nicht zwischen Markt und Qualität. Das geht beides einher.
Es dürfen nicht nur diejenigen wiederkommen, deren Werke sich gut verkauft haben?
Ich lade Künstler wieder ein, wenn ich eine Entwicklung in ihrer Arbeit sehe, nicht weil das gut gegangen ist. Und natürlich gibt es auch Erfolgsgaranten für die Messe. Es wäre verrückt, wenn ich nicht so denken würde.
Warum gibt es auf der Ausstellung keine verstörende Kunst?
Das liegt an meinem persönlichen Geschmack. Ich mag lieber, wenn es subtil ist. Deshalb finden Sie hier keine ausdrückliche raue, politische Kunst, ein bisschen Sex oder Gewalt. Kann man heute überhaupt noch kritisch mit Kunst brechen? Die Medien sind so brachial, dass der Künstler im Grunde vermutlich nur noch niedlich werden kann. Politisches Pathos und Moral wird in der Kunst schnell zu Kitsch und dadurch doch wieder harmlos. Ich bekomme lieber den Tritt von hinten als angeschrieen zu werden. Danach suche ich die Werke aus. Und wenn Sie genau hinsehen, werden Sie in dieser Ausstellung Isolation, Verirrung, Ängste, Dunkelheit und sehr viele Fragen erkennen.
Vor acht Jahren sind Sie mit dem Anspruch angetreten, zu zeigen, wie spannend und hochwertig die Kunstszene Hamburgs ist. Jetzt ziehen viele Künstler weg, wandern nach Berlin ab. Fällt es Ihnen schwer, hier noch Künstler zu finden?
Ja. Deshalb werde ich ab 2010 nicht mehr nur in Hamburg suchen. Die Arbeitsbedingungen für Künstler werden in Hamburg zunehmend schwieriger. Deshalb habe ich mit meinem Dogma gebrochen und lasse auch Künstler aus anderen Städten teilnehmen, weil es sonst so etwas Lokalpatriotisches bekäme.
Ihrem Ziel, Hamburgs Künstler zu fördern, bleiben Sie dann aber nicht treu.
Der Schwerpunkt auf Hamburg wird bleiben. Ich engagiere mich seit Jahren in dieser Stadt und werde jetzt nicht damit aufhören. Ich bin auch hier im Gespräch mit anderen Initiativen. Für Künstler ist die schwierigste Situation nach dem Studium, wenn sie in die freie Wildbahn kommen. Das ist der Moment, in dem sich viele von ihnen entscheiden, nach Berlin zu gehen, weil die Lebensumstände dort besser scheinen. An dieser Stelle müssen wir uns sehr schnell etwas einfallen lassen, um die Künstler zu halten.
Wie könnte das aussehen?
Vor zwei Jahren zum Beispiel haben mich zwei junge Kunstförderer angesprochen. Sie wollten sich gern engagieren, wussten aber nicht wie. Daraus ist ein Atelierstipendium geworden: zwei Künstler, zwei Jahre, mit Materialgeld und Katalog. Und das wird bis heute fortgesetzt. Aber so großartig private Initiativen sind, auch die Politik der Stadt Hamburg muss sich hier nachhaltig verantwortlich fühlen.
25 / 11 / 2009
1 Leserkommentar vorhanden
St.Seltmann
15:01
27 / 11 / 09 //
Der Este..
.. ist ein Lette, Frau Winkel.
