Herbstauktionen
New York
Wie eine Diät-Version wirkte der Auftakt mit Versteigerungen von Impressionisten und Moderner Kunst mit nur 40 Losen, die dem Haus insgesamt 65,6 Millionen Dollar einbrachten. "Tête de Femme", ein begehrliches Werk von Picasso, das seine Geliebte Dora Maar zeigt, fand keinen einzigen Interessenten, ebenso ein früher Mondrian.
Edgar Degas "Tänzerinnen" (von 1896) ging als das Top-Los des Abends für 10,7 Millionen Dollar an einen Sammler nach Asien. Auguste Rodins Skulptur "Le Baiser, moyen modele dit taile de la Porte" brachte mit 6,3 Millionen Dollar das Dreifache des Schätzpreises. Zu den Überraschungen zählte Tamara De Lempickas "Portrait du Marquis Sommi" (1925), das 4,3 Millionen Dollar erzielte. Camille Pissarros Paris-Impression "Le Quai Malaquais et l’institut" (1903) brachte den Erben des Verlagsgründers Samuel Fischer 2,1 Millionen Dollar (der Schätzpreis lag bei 1,5 bis 2,5 Millionen). Das Gemälde war von den Nazis konfisziert und 1940 in Wien versteigert worden, woraufhin es im Gewölbe einer Züricher Bank verschwand. Fischers Enkeltochter hatte Pissarros Werk ein letztes Mal als neunjähriges Mädchen gesehen, als die Familie aus Wien floh und ließ das Werk über Jahre lang suchen.
Im Vergleich zur Konkurrenz kam Sotheby’s Auftritt einem Triumph gleich."Der Markt ist sehr wohl am Leben", verkündete Chefauktionator Tobias Meyer. 56 Lose fuhren ein Gesamtergebnis von 181,7 Millionen Dollar ein – weit über dem unteren Schätzwerk von 115 Millionen. Das Absurde an der Veranstaltung war allerdings, dass sich der Erfolg vor allem aus der Finanzkrise begründete. Das Sotheby’s-Team hatte sich den Verkauf von 39 Arbeiten aus der Sammlung des niederländischen Finanziers Louis Reijtenbagh gesichert. Der bankrotte Geschäftsmann, der mit Börsenbetrüger Bernard Madoff verglichen wird, wurde von drei Banken verklagt und soll mit Kreditzahlungen in Verzug sein.
Der Nachlass von Merce Cunningham verkaufte sich gut
Fünf Werke – von Alberto Giacometti, André Derain, Kees van Dongen, Wassily Kandinsky und Pablo Picasso – schafften es bei Sotheby’s über die 10-Millionen-Dollar-Hürde. Sechs Bieter kämpften um die Giacometti-Skulptur "L’Homme Qui Chavire", die schließlich für 19,3 Millionen Dollar unter den Hammer kam. S.I. Newhouse Jr., der Besitzer des unter Druck geratenen Verlages Condé Nast, hatte die Arbeit verkauft. André Derains "Barques au port de Collioure" (1905) ging weit über dem oberen Schätzpreis von acht Millionen Dollar für den Rekord von 14 Millionen an den früher bei Christie’s arbeitenden Guy Bennett, der jetzt als Privathändler tätig ist. Den zweiten Rekord des Abends brachte eine Arbeit von Kees van Dongen ("Jeune Arabe", 1910) mit 13,8 Millionen Dollar. Kandinsky, dem das Guggenheim Museum eine große Ausstellung widmet, verkaufte sich hervorragend: "Krass und Mild (Dramatic and Mild)" von 1932 brachte 10,6 Millionen Dollar.
Mit Peter Doigs wunderschön dekorativem Öl-Wandbild "Reflection (What does your soul look like)" von 1996 erzielte Christie’s eine Woche später bei den Auktionen von zeitgenössischer Kunst mit 10,1 Millionen Dollar ein erstaunliches Ergebnis. Selbst die Veteranen-Berichtserstatterin Carol Vogel von der New York Times, die wie ein Habicht über die Auktionen wacht, kaute ihren Kaugummi einen Takt schneller. Die sechs Arbeiten aus dem Nachlass von Tanzlegende Merce Cunningham und seinem Lebensgefährten John Cage verkauften sich ebenfalls gut. Denn an jedem Stück hing eine persönliche Geschichte, die die beiden einflussreichen New Yorker Künstler mit den Meistern der Werke Robert Rauschenberg, Jasper Johns und Philip Guston verband. Dass Cunningham erst diesen Sommer im Alter von 90 Jahren verstorben war, schien niemand als anstößig zu empfinden. Schließlich kommen die Dollars Cunninghams Stiftung zu Gute. Mit dem Geld sollen die Mitglieder seiner Tanztruppe bezahlt werden, die, so Cunninghams Wille, auf eine letzte, zwei Jahre andauernde, internationale Tournee gehen sollen.
Eine Arbeit von Robert Rauschenberg, die der Künstler als Friedensangebot für John Cage gemalt hatte, weil er ständig zu spät zu Cages Proben erschien, brachte 938 500 Dollar. Ein Werk aus Rauschenbergs Serie mit schwarzen Bildern ("No. 1" von 1951) erzielte 962 500 Dollar. Weil sein Loft von Bettwanzen befallen war und er bei Cage unterkommen konnte, gab Rauschenberg die Arbeit seinem Künstlerfreund als Dankeschön. Wie Rauschenberg war auch Jasper Johns über viele Jahre als künstlerischer Berater der Cunningham Dance Company tätig. Seine "Dancers on a Plane" waren einem Bieter 4,3 Millionen Dollar wert.