Braucht Berlin eine Kunsthalle?

Generell ist die Fieberkurve wohl um einige Grade abgesunken. Auf der Messe herrscht eher entspannte Flanierstimmung als hektischer Kaufdruck. Man nimmt sich wieder Zeit für ausführliche Gespräche und sich selbst nicht mehr ganz so wichtig. Viele Begegnungen und Diskussionen finden ohnehin längst außerhalb der Messehallen statt. Tobias Rehberger und Olafur Eliasson laden zum Mitternachts-Barbeque in ihren neuen "Kunstgarten" im Friedrichshain, Ingeborg Wiensowki und Harald Falckenberg bitten zum Empfang für die Art Cologne, Berliner Privatsammler öffnen ihre Gemächer für exklusive VIP-Brunchs, und so mancher Galerist stellt einfach ein Paar Biertische und eine Soundskulptur vor die Tür und wartet, dass die richtigen Leute irgendwann vorbeikommen.

Und – neue Harmonie hin oder her – die Messe bietet auch noch Stoff für typisch Berliner Grabenkämpfe. So gehörte zum Programm der "Art Forum Berlin Talks" auch eine aufschlussreiche Diskussion zum Thema "Braucht Berlin eine Kunsthalle?" Sie fand im Museum Hamburger Bahnhof am Donnerstagabend statt, vor nicht ganz voll besetztem Saal. Zuletzt war der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit vorgeprescht und hatte eine Kunsthalle für Berlin angekündigt, die möglichst am Humboldthafen, in direkter Nachbarschaft zum Hauptbahnhof, entstehen solle. An diesem Abend saß Wowereit auf dem Podium, um seinen Plan zu erläutern, und wie sich herausstellte, auch zu verteidigen. Es hat sich nämlich bereits eine Front gebildet zwischen den Humboldthafen-Befürwortern und der "Initiative Berliner Kunsthalle", die schon sehr detaillierte Pläne für den ehemaligen Blumengroßmarkt in Kreuzberg vorgelegt hat. Vertreten wurde diese von dem Soziologen Florian Schmidt, der eine Art Investoren-Broschüre zur Unterstützung seines Anliegens hatte verteilen lassen. Schmidt warf Wowereit vor, Kreuzberg als Standort bereits verworfen zu haben, Wowereit gab zu, dass ihm der Humboldt-Hafen besser gefalle, er wolle aber keineswegs so tun, als sei die Standortfrage schon geklärt.

"Warum nicht mehrere Kunsthallen schaffen?"

So kam einem die Diskussion schon nach kurzer Zeit wie ein typischer Berliner Kleinkrieg vor, in dem sich Lobbygruppen und Bezirksvertreter bekämpfen. Zum Glück saßen noch einige Diskutanten auf dem Podium, die ihre Interessen noch nicht so klar definiert hatten. Der nahe liegende Gedanke, sich erstmal über ein Konzept zu verständigen, bevor man über Gelder, Mehrheiten und Standorte streitet, gewann im Laufe der Debatte immer mehr an Bedeutung. Klaus Biesenbach, Gründer der Kunst-Werke und Kurator am MoMA in New York, warb für Klarheit: "Man muss sehr genau wissen, was an so einem Ort geschehen soll." Man dürfe auch bestehende Strukturen nicht außer acht lassen: "Ich kann mir eine Kunsthalle gut als Scharnier zwischen Hamburger Bahnhof und Kunst-Werken vorstellen." Der FAZ-Redakteur Niklas Maak hob die Bedeutung der Architektur hervor, und forderte ein Haus, in dem auch die kleinteilig-experimentelle Szene Berlins unterkommen könnte: "porös" sollte es sein, also durchlässig, und nicht museal.

Die Künstler auf den Podium setzten die Effekte: Monica Bonvicini sagte, sie brauche nicht unbedingt eine Kunsthalle, aber wenn schon mal Geld da wäre... Wowereit lächelte mokant: Es ist natürlich kein Geld da, sondern es muss welches beschafft werden. Bonvicini ließ sich dann noch zu dem Gedanken hinreißen, eine mobile, projektorientierte Institution könne ihr durchaus gefallen. Olafur Eliasson plädierte für Pluralismus: "Warum nicht mehrere Kunsthallen schaffen?" Aufstöhnen unter den Politikern.

Am Ende war man sich immerhin einig, dass man das Wort Kunsthalle wohl in Anführungszeichen setzen müsse: Berlin braucht ein Schaufenster für zeitgenössische Kunst, einen weiteren White Cube braucht es nicht. Als negatives Beispiel dafür, wie es nicht wieder laufen sollte, wurde permanent die glücklose Temporäre Kunsthalle am Schlossplatz angeführt. Sie hat bisher mit monografischen Ausstellungen im Berliner Kunst-Theater nicht durchdringen können. Entsprechend gequält gab sich deren ehemaliger Mit-Leiter Thomas Eller auf dem Podium: "Ich kriege hier bald ne Depression!"

"Art Forum Berlin"

Termin: 24. bis 27. September, Messehallen Berlin. Weitere Termine: Art Berlin Contemporary: drafts establishing future (abc-def), 23. bis 27. September, Akademie der Künste; Berliner Liste, 23. bis 27. September, Palais am Tiergarten; Preview Berlin, 25. bis 27. September, Flughafen Tempelhof; Berliner Kunstsalon, 22. bis 27. September, Humboldt Umspannwerk

http://www1.messe-berlin.de

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