Pudel Art Basel

Hamburg

Klamauk auf hohem Niveau
Künstler, Musiker, Clubbetreiber und jetzt auch noch Auktionator: Rocko Schamoni bei der ersten Hamburger Kunstmesse Pudel Art Basel (Foto: Robert Schlossnickel)

KLAMAUK AUF HOHEM NIVEAU

Klein, dunkel, schmutzig und laut: Die erste Pudel Art Basel zeichnet einen krassen Gegenentwurf zu der glitzernden und glamourösen Kunstwelt in Miami und Basel. Statt alter Mäzene und ihren schicken Mätressen versammelten sich politisch motivierte Künstler, Punker, Galeristen und Sammler, die gegen die Werbeagenturen und Investorengiganten ihrer Stadt kämpfen wollen.
// ANNA PRIZKAU, HAMBURG

Statt Paris Hilton, Brad Pitt und Damien Hirst schlängeln sich alteingesessene Kiezianer, Schanzenbewohner und neugierige Elbvorort-Touristen durch die verwinkelten Gänge der ersten Openair-Kunstmesse – die Pudel Art Basel – im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Knapp hundert Künstler und Galerien präsentieren trotz Hamburger Schmuddelwetters ihre Werke an unzähligen Ständen, Tapeziertischen und Autos. Handelsübliche Planen schützen Poster, Collagen und Installationen vor Regen und Wind. Um eine kleine Bühne versammeln sich Dutzende Kunstliebhaber und Schaulustige. Trotz Kälte und drohendem Regenschauer beginnt eine ungewöhnliche Kunstauktion.

Ort des Geschehens ist der traditionsreiche Holzschuppen auf Hamburgs berühmt-berüchtigter Hafenstraße: Der Schinkenburg Golden Pudel Club ist seit Jahren ein Hort der unabhängigen Szene. Gerade um solche Institutionen und Plätze erhalten zu können, initiierten Rocko Schamoni, Christoph Schäfer und Ralf Köster vergangenen Sonntag die erste Pudel Art Basel – eine nicht ganz ernst gemeinte, freiwillig angeschlossene Dependance an die Kunstmessen in Miami und Basel. "Im Vordergrund unserer Veranstaltung steht der Kampf gegen die Gentrifizierung", erzählt Rocko Schamoni. Dieser richtet sich gegen ein Phänomen, das wie ein Gespenst seit Jahren Pauli-Bewohner um ihre Wohnungen, Kneipen und Ateliers zittern lässt. Eine Entwicklung, die nicht nur die Hamburger kennen. Niedrige Mieten locken Studenten und Künstler in zuvor unattraktive Gebiete. Innerhalb kürzester Zeit werten die neuen Bewohner den Stadtteil auf, die Mietpreise steigen, und das ehemalige Künstlerviertel mutiert zum exklusiven Luxusdepartment. Doch die Zeit, in der Künstler als Instrument missbraucht werden, scheint vorbei. "Wenn Kunst aufwerten kann, dann kann sie auch abwerten", heißt es in der Einladung zur Pudel Art Basel.

Die Auktionatoren Schamoni, Schäfer und Köster sitzen auf dem Podium, trinken Bier, rauchen und reißen Witze. Das erste Bild, eine Collage, startet mit einem Gebot von fünf Euro. Das schüchterne Publikum scheint noch nicht in Stimmung zu sein. Das Werk mit dem Titel "Bio Birne frankiert" des Hamburger Musikers Porky erzielt 17 Euro. Mit der Zeit sinkt die Scheu der Kunstliebhaber, die nächsten Bilder kommen für 50 bis 200 Euro unter den Hammer. Bis Christoph Schäfer dann den "Himmelpimmel" auf das Podium trägt, eine Gemeinschaftsarbeit von den Hamburger Kunststars Daniel Richter und Jonathan Meese. "Ab jetzt gehen wir in Fünf-Euro-Schritten", witzelt Rocko Schamoni. Ein wirres Durcheinander beginnt, und das zahlungskräftige Publikum macht sich bemerkbar. Das Endgebot für die Arbeit lautet 4300 Euro.

"Plötzlich sagen alle, ich sei ein Gentrifizierungswixer"

Die Erlöse der Auktion, die ursprünglich ohne Hierarchien und Höhepunkte daherkommen wollte, gehen zu 30 Prozent in Aktionen gegen die Gentrifizierung, 70 Prozent erhalten die Künstler. "Es ist wichtig, gemeinsam mit den Nachbarn ein Gegenmodell zu entwickeln, um so den Investorenplänen eine andere Vorstellung von Stadt entgegen zu setzen", sagt Margit Czenki, Künstlerin und Kuratorin des benachbarten Gesellschaftsprojekt "Park Fiction". Tatsächlich kommen die meisten Besucher aus politischer Motivation. Und so entzücken rohe Arbeiten mit Titeln wie "Plötzlich sagen alle, ich sei konkret ein Gentrifizierungswixer, dabei hab ich mir schon seit längerem immer voll geil einen auf St. Pauli abgewixt", entzücken die anwesenden Yuppiesierungs-Opfer.

Parallel zu der Auktion verteilen sich auf dem Gelände des Clubs massenhaft Stände von Hamburger Künstlern. Auf einem zwei Meter langen Tapeziertisch steht "Richter to go". Es ist der Messestand des Hamburger Künstlers 4000. Seine ordentlich gestapelten Gemälde zeigen bunte und expressive Motive, die beinahe an Gerhard Richter erinnern könnten. Das kleinste Format kostet 35 Euro, einen großen "Richter to go" erhalten Messebesucher schon für 100 Euro. Vorbei geht es an dem weißen BMW der Künstlerin Katharina Duve. Dort zeigt die Hamburgerin ihre Raum-Video Installation "102 PS", ein Roadmovie, das im Auto entstand und dort auch gesehen werden muss. Wenige Meter weiter finden sich das angeblich erste Geodreieck von Marcel Duchamp neben einer Locke von Jonathan Meese und der letzten Unterhose von Dash Snow auf dem Reliquienaltar der Galerie Pow. Neben den Überbleibseln der wichtigsten Protagonisten der zeitgenössischen Kunstszene bietet die Galerie einen Wohlfühlpool mit Milchwasser und Weintrauben für den gestressten Kunstkäufer. "Das ist eben Klamauk auf hohem Niveau", meint ein begeisterter Besucher der Messe.

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo