Auktionen

London



EINE MILLION EURO FÜR EINEN STUHL

Bei Christie's, Sotheby's und Phillips wurden am Sonntag Abend wieder Rekordpreise erzielt. Marc Newsons "Lockheed Chair" ging für über eine Million Euro weg, aber Werke von jungen deutschen Künstlern blieben liegen
// HANS PIETSCH

Gerade hatte Auktionator Tobias Meyer bei Sotheby's seine Kunden zur Abendauktion Zeitgenössische Kunst begrüßt, da bahnte sich ein mittelälterlicher Herr den Weg durch die Menge und begann mit einer lautstarken Publikumsbeschimpfung: "Ihr solltet Euch schämen", rief er, "soviel Geld für solchen Mist auszugeben, wo Geld überall vorne und hinten fehlt." Sicherheitspersonal begleitete Störenfried freundlich, aber bestimmt nach draußen, und der amüsierte Auktionator murmelte etwas von seinen Kunden, die Kunst lieben.

Nach dieser Unterbrechung ging die Auktion ohne weitere Zwischenfälle über die Bühne, doch auch ohne echte Höhepunkte. Zwar wurden Rekordpreise erzielt, etwa für "Execution" von Yue Minjun, das mit 2,9 Millionen Pfund (4,2 Millionen Euro) zum teuersten Werk eines chinesischen Künstlers wurde, und Raquib Shaws "Earthly Delight III" erzielte mit 2,7 Millionen Pfund einen Rekord für ein Werk eines indischen Malers. Doch anders als noch im Sommer, als der Saal mehrmals in Beifall ausbrach, war die Stimmung dieses Mal eher zurückhaltend.

Der von einigen nach mehreren Jahren spektakulärer Preissteigerungen befürchtete Markteinbruch blieb allerdings aus. Alle drei Häuser erzielten Rekorderlöse: Christie's hatte mit 39,8 Millionen Pfund (577 Millionen Euro) wie üblich die Nase vorn, gefolgt von Sotheby's mit 34,8 Millionen Pfund und Phillips de Pury mit 23,1 Millionen Pfund.

Auch bei zeitgenösssichen Designerstücken, einem neuen Sammlerbereich, wurden Rekorde erzielt. So brachte bei Christie`s, die erstmals zeitgenössische Kunst und Design zusammen anboten, Marc Newsons metallener "Lockheed Chair" 748 500 Pfund (1,06 Million Euro) – der höchste Preis, der je für das Werk eines lebenden Designers bezahlt worden ist.

Toplos mit 8 Millionen Pfund war bei Christie's "Study for the Human Body, Man Turning on the Light" von Francis Bacon, eingeliefert vom Londoner Royal College of Art. Der Künstler hatte es 1975 der Kunstakademie anstelle von Miete für ein Atelier geschenkt, nachdem sein eigenes Atelier abgebrannt war. Das Geld soll für einen Erweitgerungsbau verwendet werden - "er gab uns das Bild als Miete für ein Atelier, ich kann damit 100 Ateliers bauen", freute sich Rektor Christopher Frayling.

Dass sich der Gesamterlös gegenüber dem Vorjahr fast verdreifacht hat, liegt hauptsächlich daran, dass die Auktionen immer umfangreicher werden. Die Kataloge sind mittlerweile tonnenschwer. Sotheby's versteigerte auf der Abendauktion 68 Lose, Christie's gar 180 und bei Phillips de Pury gab es einen neunstündigen Marathon – vier Auktionen hintereinander mit sage und schreibe 545 Losen.

Neben der Hauptversteigerung bot das Haus drei Privatsammlungen an, von denen die Sammlung Farber mit Werken der chinesischen Avantgarde am besten abschnitt. Der Erlös von mehr als 10 Millionen Pfund wird den Sammler zufriedenstellen. Toplos war hier ein Triptychon von Zeng Fanzhi, das bei einem Schätzwert zwischen 500 000 und 700 000 Pfund auf 2,7 Millionen Pfund kletterte, übertroffen nur von Yue Minjuns "Execution" bei Sotheby's.

Nicht alles verlief nach Plan. Die Mehrzahl der Lose gelangten nur wenig über den unteren Schätzwert hinaus, viele blieben sogar darunter. So wurde etwa "Gundula" von Daniel Richter bei einem Schätzwert von 180 000 bis 250 000 Pfund für nur 130 000 Pfund zugeschlagen – das geheime Mindestgebot lag also deutlich unter dem unteren Schätzwert. Bei Christie's brachen die sonst so verlässlichen deutschen Maler dann ziemlich ein: von 14 Losen blieben vier unverkauft, Werke von Kai Althoff und Eberhard Havekost sowie zwei von Martin Kippenberger, ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz. Sie waren nicht allein: auch auf zwei Arbeiten von Jean-Michel Basquiat blieb Christie's sitzen.

Doch diese Rückschläge verdrießen die Auktionshäuser nicht. Tobias Meyer sprach mit einem Lächeln von einem aufregenden, aber stabilen Markt mit einer immer breiter werdenden Sammlerbasis und freut sich schon auf die nächsten Auktionen.

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