Auktionen in London

Christie’s und Sotheby’s



ES FEHLT ERSTKLASSIGE WARE

Niedrigere Preise und der Mangel an Spitzenwerken machen den Auktionshäusern zu schaffen
// HANS PIETSCH, LONDON

Der Tenor war bei den großen Häusern derselbe: Wir haben uns mit den neu geregelten Preisen eingerichtet, der Markt ist nicht eingebrochen, sondern hat gehalten. Das gelte sowohl für das Segment Impressionismus und Klassische Moderne als auch für die zeitgenössische Kunst. Doch ein Zahlenvergleich zeigt, wie diese "Neuregelung" aussieht, und was in den letzten zwölf Monaten verlorengegangen ist: Christie’s, der Welt größtes Auktionshaus, versteigerte bei seiner Impressionismus-Auktion Werke im Wert von 32,4 Millionen Pfund, unter dem niedrigen Schätzwert von 36,9 Millionen Pfund. Von 44 eingelieferten Arbeiten wurden 30 verkauft. In derselben Auktion im Vorjahr erzielten 81 Lose 126,9 Millionen Pfund. Ein ähnliches Bild bei Sotheby’s: Von 27 Losen wurden 23 für 29,3 Millionen Pfund verkauft, etwas mehr als der untere Schätzwert von 26,7 Millionen Pfund. Vor einem Jahr versteigerte das Haus 50 Lose für mehr als 100 Millionen Pfund.

Das Dilemma für die Auktionshäuser sind nicht nur die niedrigeren Preise und damit reduzierte Profite, sondern vor allem der Mangel an erstklassigen Werken. Nicht nur sind die Bieter vorsichtiger geworden, wieviel sie wofür auszugeben bereit sind, sondern potenzielle Einlieferer sitzen lieber noch ein Weilchen auf ihren Werken, bis der Markt wieder angezogen hat. Das bedeutet für die Auktionen erheblich dünnere Kataloge, sprich weniger Werke, und ein, wie die Experten es nennen, "sorgfältiges Editieren". Nur Arbeiten, von denen mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erwartet werden kann, dass sie sich verkaufen, werden akzeptiert. Die guten Verkaufsraten, vor allem bei Sotheby’s, geben dem Ansatz recht. Eines ist jedoch sicher: Erstklassige Werke, so sie zu haben sind, finden trotz der Krise auch weiter ihre Käufer, und oft zu einem Preis, der nicht soviel niedriger liegt als zuvor. Franz Marcs "Springende Pferde" von 1910 kamen bei Christie’s für 3,7 Millionen Pfund unter den Hammer, "Homme a l’épée", ein Spätwerk von Pablo Picasso, erzielte bei Sotheby’s 6,2 Millionen Pfund, ein ähnliches Werk brachte es bei Christie’s immerhin noch auf 5,1 Millionen Pfund. Ebenfalls bei Christie’s wurde "Night Playground" von Peter Doig für 2,6 Millionen Pfund einem amerikanischen Doig-Sammler zugeschlagen, Gerhard Richters "1025 Farben” blieb mit 1,2 Millionen Pfund nur geringfügig unter dem Schätzwert, und die für eine Stadtansicht des britischen Malers Frank Auerbach erzielten 750 000 Pfund können sich durchaus sehen lassen im Vergleich zur Auktion vor zwei Jahren, als dasselbe Werk seinen Reservepreis von 1 Million Pfund nicht erreichte, und unverkauft blieb. Einer der erwarteten Höhepunkte der Impressionismus-Auktion bei Christie’s erreichte nicht einmal den Auktionssaal: "Le Quais Malaquais et l’Institut" (1907), eine Seine-Ansicht von Camille Pissarro, sollte mindestens 1,5 Millionen Pfund einbringen, wurde aber von der Einlieferin in letzter Minute zurückgezogen. Gisela Bermann-Fischer hatte das von ihrem Vater, dem Verleger Gottfried Bermann-Fischer, von den Nazis geraubte Werk nach langen Recherchen und juristischen Rangeleien zurückerstattet bekommen, doch ein weiterer angeblicher Erbe erschien auf dem Plan und verlangte die Hälfte des Erlöses. Verhandlungen hinter den Kulissen blieben erfolglos, und so kam das umkämpfte Bild nicht unter den Hammer.

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