Harald Falckenberg

Interview



"JETZT SIND DIE SPEKULANTEN WEG"

art sprach mit dem Sammler, Unternehmer und diesjährigem Art-Cologne-Preisträger Harald Falckenberg über Kitsch bei Kunstmessen, Sammeln in Zeiten der Krise und junge Kunst in Hamburg.
// TIM SOMMER, ALAIN BIEBER, HAMBURG

Herr Falckenberg, wie viele Kunstmessen braucht Deutschland?

Harald Falckenberg: Das sollen die Besucher entscheiden. Ein Beispiel: Die Karlsruher Messe. Viele denken, diese Messe sei überflüssig. Aber warum? Wenn sie gut besucht wird und wenn die Badener dort gerne hingehen, ist das doch in Ordnung! Es ist wie im Sport, da gibt es eine Kreisliga, Oberliga und Champions League. Aber warum sollte man kleinere Messen eliminieren, nur weil es eine Champions League gibt? Nur so konnte es passieren, dass die TSG Hoffenheim Tabellenführer der Bundesliga wurde – und solche kleinen Wunder finde ich gut. Ich bin überhaupt ein Freund von Kunstmessen. Weil Kunstmessen innerhalb kürzester Zeit einen guten Aufschluss über Trends und neue Künstler geben können.

Scheinbar leidet das Rheinland an einer Pechsträhne. Die Messe kränkelt und immer mehr Galeristen, Künstler und Privatsammler wandern ab.

Ich habe mich immer für Köln und Düsseldorf eingesetzt. Es hat sich dort eine einmalige kulturelle Landschaft entwickelt und bezogen auf Europa liegt keine Region in Deutschland besser. Jetzt wandern Künstler und Galeristen nach Berlin ab. Sollen sie doch gehen. Dann wird wieder Raum für junge Leute frei! Mit der Kunst ist es wie mit einem Wald. Wenn Bäume zu übermächtig werden, kann sich Neues nur schwer entwickeln. Der jahrzehntelange Erfolg hat an Rhein und Ruhr ein Netzwerk von Interessen und persönlichen Beziehungen entstehen lassen. Jetzt sind die Väter des Erfolgs in die Jahre gekommen.

Wie wirkt sich die globale Krise auf den Kunstmarkt aus?

Wenn man in den letzten Jahren über die Kunstmessen ging, gab es da zu 70 Prozent Kitsch. Das entsprach dem Geschmack der Käufer. Doch jetzt sind die Spekulanten wieder verschwunden. Und das tut der Kunst gut. Die Preise sinken, und Sammler, die ihre Sammlung nicht am Marktwert messen, werden in den nächsten Jahren nach längerer Zeit endlich wieder die Gelegenheit haben, auch Kunst etablierter Künstler zu erschwinglichen Preisen zu erwerben. Wie es weitergeht, weiß keiner. Es bestehen aber wenig Zweifel daran, dass der Kunstmarkt sich auf Dauer nicht von den allgemeinen Marktentwicklungen abkoppeln kann. Die Auf- und Abschwünge des Kunstmarkts in den letzten 50 Jahren sind in Dekaden verlaufen. Sie standen dabei in engem Zusammenhang mit der Deregulierung der Finanzmärkte und ihrer Öffnung für Spekulanten. Deren Motto heißt seit jeher: "Get in, get rich, get out." Derivate und Zertifikate werden mit Profit solange weitergereicht, bis – wie es die Amerikaner ausdrücken – "there are no more bigger fools left to whom one could pass the baby" – dann platzt die Blase. Die Kunstmärkte boomten in den drei Dekaden der Spekulation – der sechziger und achtziger Jahre und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Mit dem Platzen der Finanzblase in den siebziger und neunziger Jahren haben sie ihren Niedergang erlebt. So betrachtet, geht der Kunstmarkt jetzt schweren Zeiten entgegen. Aber Kunst ist ein besonderer Stoff. Die Sammler unter den Käufern werden weitermachen. Auch bleibt abzuwarten, welchen Einfluss der heutige Kulturbetrieb – mit weltweit mehr als 50 Biennalen und Triennalen und einer nicht mehr überschaubaren Zahl von Wechselausstellungen in Museen und Kunsthallen – nehmen wird. Kunst definiert sich längst nicht mehr nur über den Kunstwerkbegriff und Stilrichtungen wie Pop und Op, sondern über Länder, Regionen und Kulturen, gestern China, heute Indien.

Betrifft die Krise auch gute Künstler?

Die Krise betrifft, wie gesagt, in erster Linie den spekulativen Sektor des Markts. Junge Kunst wird es in der nächsten Zeit sehr viel schwerer haben. Mit "gut" oder "schlecht" hat das nichts zu tun. Der Markt wird sich mehr auf Kunst konzentrieren, die sich bereits durchgesetzt hat. Die Chancen junger Künstler werden sich wie in den neunziger Jahren, als auf dem Markt kaum etwas lief, auf den Kulturbetrieb, die Biennalen, Triennalen und Ausstellungen in Museen und Kunsthallen, verlagern. Das wenigstens ist meine Einschätzung.

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