Art Rotterdam / Object Rotterdam

Niederlande

"Es bleibt eine Wundertüte"
Blick auf Vivid Gallery, Rotterdam, bei der Designmesse Object Rotterdam 2009 (© Udo Feitsma, Object Rotterdam)

"ES BLEIBT EINE WUNDERTÜTE"

Nach wirklich Neuem hält man auf der Art Rotterdam und Object Rotterdam vergeblich Ausschau. Trotzdem bleiben die niederländische Kunst- und Designmesse rotzfrech und spannend.
// KERSTIN SCHWEIGHÖFER, ROTTERDAM

Der Blick über das Wasser auf die Skyline von Rotterdam mit der kühn geschwungenen Erasmusbrücke von Star-Architekt Ben van Berkel ist wie immer atemberaubend. "Das macht schon auch etwas aus", weiss Rupert Pfab von der gleichnamigen Düsseldorfer Galerie. Er hat in den ehemaligen Terminals der Holland-Amerika-Linie dieses Jahr einen der besten Plätze mit der schönsten Aussicht erwischt: "Es ist hier halt nicht so ein Messegelände, wo eine Schuhmesse, eine Möbelmesse und dann mal eine Kunstmesse stattfindet, sondern ein historischer Ort, wo früher die Schiffe nach Amerika abfuhren", schwärmt der Galerist.

Und das alles auch noch tageslichtdurchflutet, unter großen Gewölben und Bögen, direkt an der Maas: "So einen breiten Fluss gibt es in Deutschland ja gar nicht mehr, selbst die Elbe in Hamburg ist nicht in dieser Breite. Das hat schon etwas sehr Großzügiges, man hat das Gefühl, es geht hier raus in die Welt!"

Seine Begeisterung teilt Pfab mit Kollegen und Besuchern: Nicht umsonst gilt die Art Rotterdam als Messe mit dem schönsten Standort der Welt. Bösen Zungen zufolge war das in manchen Jahren auch das Spektakulärste, was sie zu bieten hatte. Dennoch ist es ihr seit ihrer Gründung 2000 gelungen, sich einen Namen aufzubauen als junge und frische Messe, die neben den neuesten Trends auch mit erschwinglichen Preisen aufwarten kann. Klein, aber frech, denn mit nur 73 Teilnehmern wird die Art Rotterdam bewusst übersichtlich gehalten. Der Nachdruck liegt zwar nach wie vor auf niederländischer Kunst, aber gut ein Fünftel der Besucher und auch der gezeigten Kunst kommen inzwischen aus dem Ausland: "Viele Künstler, die hier präsentiert werden, sind gerade erst dabei sich zu etablieren", erklärt Messedirektor Michel Huyse. Das mache die Art Rotterdam nicht nur für geübte Jäger unter den Sammlern interessant, sondern auch für Anfänger und Durchschnittsverdiener: "Bei uns kann man auf Entdeckungsreise gehen."

Rotzfrech, quietschbunt und bedrohlich

Dabei stößt der Besucher allerdings wie schon im letzten Jahr vor allem auf Zweidimensionales wie Gemälde und Fotoarbeiten. Nach wirklich Neuem hält man vergeblich Ausschau. Daran wagt sich niemand in den Zeiten der Wirtschaftskrise.

Doch auch wenn der experimentelle Charakter zu wünschen übrig lässt: Eine ganze Reihe beeindruckender Arbeiten gibt es dennoch. Zum Beispiel die riesigen, knallbunten Gemälde von zerstörten Häusern und Hütten des in Paris lebenden afrikanischen Künstlers Duncan Wylie, mit denen Virgil de Voldere aus New York aufwartet. Oder die Bilder des Amerikaners Dennis Hollingsworth, den die Haarlemer Galerie Tanya Rumpff zeigt: Er trägt die Farbe so dick wie einen zäh fließenden Kuchenteig auf, so dass faszinierende Reliefs entstehen. Auf manchen Arbeiten prangen Farbkleckse so dick wie Seeigel, giftgrün und stachelig.

Rotzfrech sind die Reliefarbeiten von zerbeulten Fahrzeugen, die der Rotterdamer Künstler Ron van der Ende im Stand der Rotterdamer Galerie Delta an die Wand hängen konnte. Und düster-bedrohlich die Installationen seines Landmannes Pim Palsgraaf bei MKgalerie, ebenfalls Rotterdam: Rostige Fabrikteile, Wurzeln und Erdbrocken türmen sich zu einer dunklen Masse auf, die direkt aus Tolkins "Herr der Ringe" zu stammen scheint.

Die Art Rotterdam als Sprungbrett

Auch die eindringlichen Kinderporträts der Engländerin Nicky Hoberman haben trotz ihrer schrillen, quietschbunten Farben etwas Bedrohliches und Unheimliches. Hoberman ist in London bereits der Durchbruch gelungen, was sich sofort im Preis bemerkbar macht: 27 i000 Euro kostet das fliegende, gelb-grüne Mädchen auf ihrem Bild "Nightflight", mit dem Messedirektor Huyse selbst auf der Art Rotterdam vertreten ist.

"Natürlich wird die Wirtschaftskrise auch an uns nicht vorbeigehen", räumt er ein. Aber, so seine Prophezeiung: "Immer mehr große Sammler werden dadurch wieder auf zeitgenössische Kunst umsteigen – durch die Krise entstehen also auch neue Perspektiven!" Ob er Recht behält, bleibt abzuwarten. Tatsache ist, dass die Wartelisten trotz Krise nach wie vor lang sind. Für viele Galeristen ist die Art Rotterdam ein Sprungbrett: "Später sind sie dann auf der Art Basel, aber angefangen haben sie hier bei uns, auf der Art Rotterdam".

Auch Randi Thommessen aus Oslo hat es deshalb nach Rotterdam gezogen. Es ist ihre erste Messe überhaupt, mit ihrer vor knapp zwei Jahren gegründeten Galerie Lautom. "Ich will mein Geschäft aufbauen, und ein paar Kollegen haben mir geraten, damit in Rotterdam zu beginnen!" erzählt die junge Norwegerin.

Unter den Neuzugängen dieses Jahr befinden sich auch einige deutsche Galerien, darunter Kunstagenten aus Berlin mit einer prachtvollen neuen Foto-Stilllebenserie von Thorsten Brinkmann. Die Preise: zwischen 2400 und 8800 Euro. Der gebürtige Stuttgarter hat dafür wie so oft Alltagsgegenstände wie Kaffeebecher oder Garderobenhaken kunstvoll angeordnet und verfremdet. "Wir sind hierher gekommen, weil wir viele Sammler für Thorsten Brinkmann in den Niederlanden haben", erzählt Galerist Andreas Wiesner. "Die haben uns immer gesagt: Kommt doch nach Rotterdam, dort gehen wir auch hin. Wir kommen unseren Kunden eigentlich entgegen." Ob es sich lohnt, werde man sehen: "Es bleibt eine Wundertüte aber mehrere Sammler haben ihren Besuch bereits angekündigt."

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