ABC - Art Berlin Contemporary

Berliner Galerien

Zurück in die Zukunft
Doppelhelix: Albrecht Schäfers "Spiral Blinds" (2008) aus kunstvoll verdrehten Lamellenrollos (Foto: Ute Thon)

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

Patchwork mit Retrogefühl: 44 Berliner Galerien laden im alten Postbahnhof zur Leistungsschau "ABC - Art Berlin Contemporary". Gezeigt wird alles, was groß und sperrig ist, bloß keine Malerei. Doch viele gute Künstler unter einem Dach ergeben nicht unbedingt eine gute Ausstellung.
// UTE THON, BERLIN

Es gab eine bunt angemalte Kulisse mit ausgestopften Füchsen (Daniel Richter), ein gigantisches Hamsterrad für Menschen (John Bock), breitschultrige Spiegelpuppen (Andreas Hofer) und bronzene Berserker (Stella Hamberg), einen Kubus aus Tempotaschentuchpackungen (Thomas Rentmeister) und einen Triumphbogen aus Gips und Plastikschaum (Pablo Alonso).

Und es gab ein buntes Zelt aus zusammengenähten Blusen und Pullovern, (Yin Xiuzhen), filigrane Helixstrukturen aus Lamellenrollos (Albrecht Schäfer), Plastiktütenwolken unter der Decke (Gabriel Kuri), schwarze Buchstaben-Mobiles (Liam Gillick), zitternde Lichtfiguren auf uraltem Stein (Michal Rovner), eine Schreibmaschinen-Performance (Nina Beier und Marie Lund), eine "tensegrative Struktur" mit solarbetriebener Wasserversorgung (Marjetica Potrc), einen echten und einen falschen Karl Andre (Sylvie Fleurie). Insgesamt 74 Kunstwerke, oder “Positionen”, wie die Bescheidwisser des Kunstbetriebs heute zu sagen pflegen, werden an diesem Wochenende in den Industriehallen des alten Berliner Postfuhramts am Gleisdreieck unter dem Namen "ABC – Art Berlin Contemporary" gezeigt. Alles, bloß keine Malerei.

Die Ausstellung war in der Szene mit Spannung und auch ein bisschen Skepsis erwartet worden. Im Vorfeld gab es Spannungen: Unzufriedenheit über die Qualität der Berliner Messe Art Forum, Ärger über die Terminverschiebung und zuletzt Reibereien um die Organisation der geplanten Ausstellung. Seit die Vertreter des Berliner Gallery Weekends – ein Club von rund 40 angesagten Berliner Galerien – verkündet hatten, sie würden im September neben einem gemeinsamen Vernissage-Wochenende auch eine große Verkaufsausstellung planen, die aber keine Messe sei, wurde darüber gerätselt, was man sich denn sonst darunter vorzustellen hat, wenn 44 Galeristen ihre Künstler unter einem großen Dach ausstellen.

Die Qualität ist so unterschiedlich wie die Medien

Eine Messe ist es wirklich nicht geworden, auch wenn die Galeristen am Eröffnungsabend auffallend dicht neben "ihren" Installationen rumlungern. Es gibt keine Kojen und auch keine Preislisten, aber auf Nachfrage bekommt man bei Judy Lybke (Galerie Eigen+Art) schnell Auskunft, dass Hambergs Bronze-Berserker in Dreierauflage für 120 000 Euro zu haben ist. Und Alexander Ochs verrät nicht ohne Stolz, dass das Altkleiderrondell von Yin Xiuzhen, das Näherinnen aus Chemnitz hergestellt haben, ein Preisschild von 350 000 Euro trägt. So funktioniert die ganze Veranstaltung weniger als koherente Ausstellung, sondern wie ein riesiger Gemischtwarenladen für sperrige Kunst.

Die Qualität der einzelnen Werke ist so unterschiedlich wie die Medien, in denen die Künstler arbeiten. Auffallend ist ein gewisser Retrotrend und eine Vorliebe für Patchwork und das Recycling banaler Alltagsgegenstände, etwa, wenn Thomas Rentmeister einen Zweieinhalbmeter-Kubus aus Tempotüchern aufschichtet oder Albrecht Schäfer silberne Lamellenrollos so kunstvoll verdreht, dass sie aussehen wie schwebende DNS-Modelle oder Mobiles des russischen Konstruktivisten Naum Gabo. Wenn der Hamburger Maler Daniel Richter sich als Plastiker versucht und eine bunte Pappnische mit ausgestopften Füchsen mit Tirolerhut und Gipsbein bestückt, dann wirkt das eher wie billiger Bühnenzauber – oder wie ein Abfallprodukt des Bühnenbilds, dass er im Sommer für die Salzburger Festspiele entwarf.

Peaches kam in der Stretchlimousine – und keiner nahm Notiz

Nur wenige Künstler haben sich ernsthaft mit dem eigenwilligen Industrieambiente auseinandergesetzt. Ayse Erkmen etwa hat Gerüststangen in den Ausstellungsparcours gepflanzt, die man erst auf den zweiten Blick als ortsspezifische Interventionen wahrnimmt. Häufiger aber blenden sich benachbarte Arbeiten gegenseitig aus – und manche verschwinden im Halbdunkel der Backsteinhallen ganz.

Was also bringt die ganze Schau? Für die Berliner Szene ist sie sicher ein kraftvoller Auftakt, auch ein feucht-fröhliches Wiedersehen nach der Sommerpause. Für die beteiligten Installationskünstler bietet sie den nötigen Raum, denen ihnen die örtlichen Museen bislang oft verwehrten. Ob sich die Ausstellung auch als Verkaufsschau rechnet, muss sich noch zeigen. Die internationale Sammlerszene ist jedenfalls nicht so zahlreich erschienen, wahrscheinlich auch, weil es diesmal keine üppigen VIP-Pakete mit Gratishotel und Limosinenservice gab. Wenn es den Galeristen aber gar nicht in erster Linie ums Verkaufen geht, wie sie neuerdings immer wieder beteuern, dann müsste die Ausstellung anders aussehen. Vor allem bräuchte sie einen kompromisslosen Kurator, der beziehungsreiche Verbindungen zwischen den Werken herstellt und nicht nach Galeriekünstlerquoten schielt.

Und noch ein Wort zum Entertainment-Faktor: Der Höhepunkt des Retrogefühls war erreicht, als die Pop-Rock-Sängerin Peaches für ihren Musikgig einlief. Mit gestreifter Versace-Bluse, Goldgürtel und Fusseldauerwelle entstieg sie ziemlich abgekämpft einer Stretchlimousine – und keiner nahm Notiz. Oder war das noch etwas später, als Martin Eder alias Richard Ruin in den Kunst-Werken mit aufgeknöpftem Hemd und paillettenbestickem Smoking den düster-glamourösen Rockstar gab. Das ist irgendwie prätenziös und auch ein bisschen traurig.

"ABC - Art Berlin Contemporary"

Termin: bis 7. September, Postbahnhof am Gleisdreieck, Luckenwalderstrasse 4–6, 10963 Berlin, U-Bahn-Station: Gleisdreieck; Öffnungszeiten: 10 bis 20 Uhr; Eintrittspreise 7 Euro, ermäßigt 5 Euro; Publikation: 3 Euro; Führungen Freitag–Sonntag, 11:00 Uhr–18:00 Uhr, Beginn zu jeder vollen Stunde, Dauer: 74 Minuten; 10 Euro

http://www.artberlincontemporary.com

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo