Der Maler Ferdinand Hodler

Blick in die Unendlichkeit

Er hielt das Sterben seiner Geliebten in Bildern fest und entwickelte den "Parallelismus" – art sprach mit Fondation Beyeler-Direktor Samuel Keller und Kurator Ulf Küster über den Künstler und die Ausstellung "Ferdinand Hodler".
Moderner Blick:Hodler abseits des Patriotismus

Ferdinand Hodler: "Valentine im Krankenbett", Öl auf Leinwand, Februar 1914

Für Ernst Beyeler war Ferdinand Hodler ein wichtiger Maler. Als Kunsthändler verkaufte er dessen Bilder nur schweren Herzens.

Nun widmet die Fondation Beyeler, die für ihre erstklassigen Ausstellungen zu Cézanne, Picasso und anderen Stars der Pariser Moderne bekannt ist, dem Schweizer Nationalkünstler in Rihen/Basel eine Ausstellung – "Ferdinand Hodler". Direktor Samuel Keller und Kurator Ulf Küster im Interview mit art über die Hintergründe.

Herr Keller, die Fondation Beyeler ist für ihre Sammlung zur Pariser klassischen Moderne bekannt. Wieso zeigen Sie nun ausgerechnet den Schweizer Nationalmaler Ferdinand Hodler?

Samuel Keller: Wir zeigen seit geraumer Zeit eine Ausstellung pro Jahr, die der klassischen französischen Moderne gewidmet ist, ergänzen diese aber durch eine Präsentation zu den Vorläufern dieser Moderne. Eine dritte Schiene richtet den Blick auf die Zeit danach, da wollen wir bewusst machen, wie die Moderne die Gegenwartskunst beeinflusst hat. So waren hier zuletzt die Wiener Secession mit Klimt und Schiele, aber auch Giovanni Segantini in großen Ausstellungen zu sehen. Wir verstehen Hodler in diesem Zusammenhang als einen der wichtigen Brückenbauer der Moderne.

Das überrascht.

Keller: Aber nur deshalb, weil bei Hodler in der Schweiz das patriotische Element beachtet wird: der Maler des Wilhelm Tell, des Holzfällers, der großen geschichtlichen Themen. Damit war er ja auch auf Banknoten.

Das wollen Sie aber nicht zeigen.

Keller: Nein, für uns ist Hodler vor allem ein großartiger Maler, und zwar ein moderner Maler. Wir haben seine letzten Jahre ausgewählt, in denen die Serien und Variationen im Vordergrund stehen. Das ist ja auch ein wichtiges Thema bei Claude Monet, der zu den Grundpfeilern unserer Sammlung zählt. In diesen späten Werken sieht man, wie nahe Hodler an die Abstraktion gekommen ist. Da wirken einzelne Gemälde fast wie Vorläufer der Farbfeldmalerei eines Mark Rothko, den wir schon ausgiebig gezeigt haben. Wir glauben, dass wir hier das Bild, das man in der Schweiz von Hodler hat, erweitern können. Und im Ausland, wo mehr als 50 Prozent unserer Besucher herkommen, werden viele Besucher Hodler vielleicht zum ersten Mal für sich entdecken.

In welchem Kontext sehen Sie Hodler denn international?

Ulf Küster: Wenn man nach dem internationalen Kontext von Hodler fragt, denke ich an die Ausstellung zu Hodler und Mondrian, die 1998 im Aargauer Kunsthaus gezeigt wurde. Mondrian kommt selbst vom Symbolismus her und entwickelte diesen zu einer geometrischen Konstruktion. Da sehe ich auch Hodler. Seine Theorie des Parallelismus meint, dass jedem Phänomen in der Natur eine ganz klare, sich wiederholende Struktur in der Natur zugrunde liegt, und dass man Bilder auf dieser Grundlage aufbauen soll. Diese Struktur ist immer durch den rechten Winkel bestimmt. Das ist ein sehr moderner Blick. Das ist Industrialisierung, die Produktion des Gleichförmigen. Hodler schaut aus dem Eisenbahnfenster und sieht in den Pappelalleen in Italien, die draußen vorbeigleiten, seine Theorie bestätigt.

Die Ausstellung war im Herbst in der Neuen Galerie in New York zu sehen. Haben Sie andere Akzente gesetzt als die New Yorker?

Küster: Durchaus. In der Neuen Galerie wollte man Hodler mit Klimt und der Wiener Secession verbinden. Die Frauenporträts spielten eine wichtige Rolle, man hat dort ja Klimts Bildnis von Adele Bloch Bauer in der Sammlung. Hodler sah bei diesen Dialogen mit Klimts ornamentalen Werken sehr frisch aus. Wir haben diesen Teil weggelassen und die Selbstbildnisse und Landschaftsbilder ins Zentrum gerückt. Die Bilder, die Hodler von seiner sterbenden Geliebten Valentine Godé-Darel gemacht hat, sind bei uns umfangreicher präsentiert. Und das monumentale Gemälde "Blick in die Unendlichkeit" hat in der Fondation mit vielen Vorstudien und einer späteren Fassung einen ganzen Saal erhalten. Das große Bild aus dem Kunstmuseum Basel konnte man seit über zehn Jahren nicht mehr sehen. Die Ausstellung ist bei uns auch größer, und sie findet in hellen, weiß gestrichenen Räumen statt, während die Neue Galerie eher über "period rooms" verfügt, für die man auch Möbel des Wiener Jugendstils aus Hodlers Wohnung ausgewählt hat. Bei uns kann man die Malerei feiern. Die Ausstellungen unterscheiden sich deutlich voneinander, auch wenn 70 bis 80 Prozent der Werke identisch sind.

Sie haben für die Ausstellung die letzten fünf Jahre ausgewählt. Womit hat das zu tun?

Küster: Hodler war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein berühmter und sehr erfolgreicher Künstler. Er hatte allen Ruhm, den man damals als Maler haben konnte. Wir wollten zeigen, was er auf dem Gipfel seiner Bekanntheit in den letzten Jahren seines Lebens geschaffen hat. Hodler befreite sich in dieser Zeit von Zwängen, vom Symbolismus und fand zu einer freieren Malerei. Man kann überlegen, ob der Tod von Valentine Godé-Darel etwas damit zu tun hat. Hodler wollte das eventuell gerne so sehen. Er schaute als 60-jähriger aber auch auf sein Schaffen zurück und gab bei Piper in München eine Mappe mit seinen wichtigsten Werken heraus. Dann kamen die Kriegsjahre. Er protestierte 1914 gegen die Beschießung der Kathedrale in Reims und wurde deshalb zur persona non grata in Deutschland, seinem wichtigsten Markt. Alle seine Bilder wurden von den Museen in den Keller gehängt, das war ein Knick in seiner Karriere. Wir denken, dass es dort eine Wende gibt, weg vom Heroischen, Nationalen, zu dieser freieren Kunst. Das wollten wir darstellen.

Sie haben trotzdem die Ausstellung mit dem "Blick in die Unendlichkeit" beschlossen, das eher zu den symbolistischen Bildern zählt. Wie passt das da hinein?

Küster: Ich bin nicht der Meinung, dass das Bild so zu verstehen ist. Wofür soll es denn ein Symbol sein? Da wird keine Geschichte erzählt, da ist eigentlich nur der Titel symbolistisch. Hodler zeigt doch nur eine Reihe von Frauen in einer tänzerischen Bewegung, ohne Raum, ohne Schatten.

Keller: Die tanzenden Frauenfiguren sind auch nach den Aspekten von Wiederholung und Variation angeordnet. So wie der Ausstellungsraum eingerichtet ist, könnte man sich vorstellen, dass sie sich unendlich fortsetzen und um die Besucher herumtanzen. Diese Fortsetzung in der Vorstellung der Betrachter ist ein sehr modernes Element. Das Rohe, fast Unfertige dieses Bildes ein anderes. Hodler lässt beispielsweise das Raster des Bildaufbaus sichtbar. Einer Frau zeichnet er es sogar nochmals über das fertig gemalte Bein. Er hat dieses Prozesshafte für die Inszenierung von Bewegung genutzt.

Normalerweise entwickeln Sie in der Fondation Beyeler Ausstellungen aus der Sammlung heraus. Es gibt da die Tänzerinnen von Degas, daran haben sie eine Erörterung des Spätwerks geknüpft. Wie ist es bei Hodler? Er kommt in der Sammlung ja nicht vor.

Keller: Alle unsere Ausstellungen haben mit der Sammlung zu tun. Entweder weil sie Künstler der Sammlung vorstellen oder Themen präsentieren, die für sie wichtig sind. Das gilt auch für Hodlers Serien und Variationen. Daneben gibt es einen persönlichen Anlass. Unsere Sammlung wurde von Ernst und Hildy Beyeler aufgebaut. Sie hatten eine Galerie in Basel. Wenn man diese besuchte, musste man an Frau Beyelers Schreibtisch vorbei. Über diesem hatte sie eine kleine Landschaft von Ferdinand Hodler hängen. Daneben waren noch ein Picasso und ein Calder. Ich habe mich gewundert und vermutet, dass das mit ihrer Begeisterung für die Berge und fürs Wandern zu tun hätte. Schließlich sind so viele Werke durch die Hände der beiden gegangen, dass es etwas ganz Besonderes ist, wenn sie ein Werk über viele Jahrzehnte für die eigene Umgebung auswählen. Als ich sie gefragt habe, sagten mir die Beyelers, dass sie Hodler für einen ganz wichtigen Maler hielten und auch mit bedeutenden Bildern von ihm gehandelt hätten. Wir haben auch in unserer Ausstellung Bilder, die durch die Hände von Ernst Beyeler gegangen sind. Er sagte mir damals auch, dass für ihn Hodler und Segantini hochbedeutende Künstler seien.

Hat er Ihnen erzählt, warum er kein Werk für die Sammlung erworben hat?

Keller: Nein, aber es ist bei Kunsthändlern wohl so, dass sie in erster Linie mit Werken handeln und immer wieder auch solche weggeben, die sie eigentlich lieber behalten würden. Dann zeichnet die Sammlung Beyeler sich auch gerade dadurch aus, dass sie eine begrenzte Gruppe von Künstlern umfasst, aber von diesen dann Spitzenwerke.

Ist Ihnen eine Werkgruppe oder ein Werk aus der Ausstellung besonders wichtig?

Keller: Der Zyklus zu Valentine Godé-Darel hat mich schockiert, als ich ihn zum erstenmal gesehen habe, und ich finde ihn heute noch etwas vom Berührendsten, das es in der Kunst gibt. Den Verfall des menschlichen Körpers und den Tod in einer solchen Offenheit und Direktheit darzustellen, ist auch heute noch radikal. Wir haben heute vieles gesehen. Wenn man in diesen Raum geht, hat man trotzdem das Gefühl, dass einem das Herz stehenbleibt. Das ist sehr intim und gleichzeitig etwas, das in unserer Gesellschaft stark ausgegrenzt wird. Auch von daher sind diese Werke besonders aktuell.

Küster: Das ist natürlich auch für mich sehr wichtig. Hodler selbst macht ja den Link zwischen den späten Valentine Godé-Darel und den späten Landschaften: eine Tote, die inszeniert ist wie eine Landschaft. Für mich persönlich stehen aber diese Landschaften mit den radikalen Farbkompositionen im Zentrum, die den Blick aus seiner Wohnung in Genf zeigen, über den Genfer See auf den Mont Blanc. Meistens in einer Morgenstimmung, vor Sonnenaufgang, wenn die Konturen klar umrissen sind, aber die Formen als Farbflächen erscheinen. Da gibt es besonders großartige Bilder, da geht es um die Essenz der Malerei, da überschreitet Hodler auch Grenzen. Wir zeigen nicht den Politiker und nicht den Symbolisten Ferdinand Hodler, sondern den Maler. Das ist unser wichtigstes Thema.

Ferdinand Hodler

Termin: bis 26. Mai; Katalog: Verlag Hatje Cantz, 49,80 Euro
http://www.fondationbeyeler.ch/ausstellungen/ferdinand-hodler/einleitung

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