Pontormo und Fiorentino in Florenz

Die erste moderne Avantgarde

Wie zwei mutige junge Maler mit Bildern in kühnen Farben und mit grotesken Körperformen die Kunst der italienischen Renaissance revolutionierten
Revolution in der Renaissance:zwei junge Wilde erneuern die Kunst Italiens

Jacopo da Pontormo: "Grablegung Christi", 1525-1528

Auch das 16. Jahrhundert hatte seine Jungen Wilden: Rosso Fiorentino und Jacopo Pontormo, beide Jahrgang 1494. Sie hatten ihr Handwerk beim Maler Andrea del Sarto gelernt und waren in einer Zeit aufgewachsen, in der Künstler wie Giotto, Michelangelo, Leonardo oder Raffael die Renaissance der Kunst herbeigeführt und das auf Goldgrund erstarrte Heiligenbild des Mittelalters durch lebhafte, menschennahe Darstellungen in einem illusionistisch dreidimensionalen Raum abgelöst hatten.

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Groteske Körper und verzerrte Kompositionen – jahrhundertelang taten sich Kunsthistoriker und Publikum schwer mit der Malerei des Manierismus. Nun wagt das Frankfurter Städel eine Neubestimmung

Dem Florentiner Rosso (Giovanni Battista di Jacopo, bis 1540) und Pontormo (Jacopo Carrucci, bis 1557) reichte das nicht. Sie boten dem aus der Klassik entlehnten Formenkanon der Renaissance-Malerei die Stirn, nahmen die spürbare Aufbruchsstimmung der sich ändernden Welt ernst, stellten eigene, mutige Alternativen dagegen. "Sie treten in einen bewussten Gegensatz zur akademischen Geschmackskultur", schreibt Gustav René Hocke in seinem Buch "Die Welt als Labyrinth" und nennt die Protagonisten die "erste moderne Avantgarde". Ihr Werk bildete das Bindeglied von der Renaissance zum überbordenden Formenreichtum des Barock.

Gemeinsames Markenzeichen: verstörend exzentrische Bildkonstruktionen

Ihr gemeinsames Markenzeichen: verstörend exzentrische Bildkonstruktionen; die Gliedmaßen der Dargestellten sind langgezogen, anatomisch überdreht, zu dramatischen Gesten erhoben. Und dann die Farben, die man so nur selten gesehen hatte. Vor allem Pontormo ließ die Töne kühn aufeinanderprallen – kaltes, lichtes Blau, strahlendes Gelb, leuchtendes Ocker, Rottöne von dunklem Ochsenblut bis zu hellem Scharlach, und immer wieder setzte er dramatische Akzente durch kaltes Weiß. Künstlerbiograf Giorgio Vasari witterte eine Attacke auf die "Maniera", den klassischen Stil der italienischen Renaissance.

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Rosso Fiorentino: "Moses verteidigt die Töchter Jethros", 1523

Als Manierismus ging diese Richtung erst im 19. Jahrhundert in die Kunstgeschichte ein. Den "originellsten und unkonventionellsten Adepten des neuen Weges, Kunst im Italien des 16. Jahrhunderts zu interpretieren", so die Ankündigung des Florentiner Palazzo Strozzi, widmet sich jetzt die Ausstellung "Pontormo und Rosso Fiorentino". Etwa 70 Prozent des Gesamtwerks beider Künstler holten die Kuratoren Antonio Natali, Direktor der Uffizien, und der Kunsthistoriker Carlo Falciani aus weltweit renommierten Museen ins Haus. Highlights dieser reichen Ausstellung sind drei Fresken aus der Kirche Santissima Annunziata von Pontormo, Rosso und del Sarto, die, vor Jahren abgenommen, jetzt restauriert sind, dazu "Der büßende heilige Hieronymus" von Pontormo sowie eine "thronende Madonna" und die "Madonna mit Kind und Johannesknaben" von Rosso.

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Der italienische Maler Agnolo Bronzino prägte das Herrscherbild seiner Zeit und überwand das antike Ideal der Renaissancekunst. Seine Figuren sind kühl distanziert und trotzdem voller Intensität