Frida Kahlo und Diego Rivera

Physische und psychische Wunden

Als sie sich lieben lernten, galt Diego Rivera als der berühmteste Maler Mexikos. Frida Kahlo ging noch zur Schule. Aber die Rollen wandelten sich in 25 stürmischen Jahren der Ehe. Als Frida
 starb, war sie der Star – und sie ist es bis heute geblieben.
Bilder von physischen und psychischen Wunden:Frida Kahlo in Berlin

Frida Kahlo und ihr Ehemann Diego Rivera in ihrem Apartment im Barbizon Plaza Hotel in New York.

August 1929, der Elefant heiratete die Taube. Manche sagten auch, das Genie den Satansbraten. Der alte Fettwanst, die zarte Anmut. Er war 42 Jahre alt und der berühmteste Maler Mexikos, sie 22 Jahre und ziemlich frech: Diego Rivera und das Fräulein Frida Kahlo. 

Bei der Hochzeitsfeier kicherten die Gäste über das ungleiche Paar. Diego betrank sich und brach einem Gast den Finger. Frida weinte – und die kommenden 25 Jahre sollten so wie der erste Tag dieser Ehe werden: leidenschaftlich und destruktiv, übermütig und eine Spur wahnsinnig.

Frida Kahlo auf einem Foto von Guillermo Kahlo
Frida Kahlo gilt als Schmerzensfrau der modernen Kunst, die ihrem Leiden unerhörtes Selbstbewusstsein abgetrotzt hat. Die Auswertung des Nachlasses lässt auch das kulturelle Engagement der mexikanischen Malerin hervortreten

Frida Kahlo und Diego Rivera sind eines der legendären Künstlerpaare des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche Mythen und Märchen ranken sich um die Ehe zwischen "Fisita" und der "Frosch-Unke" ("sapo-rana"), wie sie sich gegenseitig nannten. Über kaum ein Paar wurden so viele Bücher geschrieben und Filme gedreht, schon zu Lebzeiten verfolgte die Öffentlichkeit fasziniert die Affären und Amouren, die politischen und künstlerischen Aktivitäten. 

Allerdings hat Frida ihrem Diego zunehmend die Show gestohlen. Heute wird der Maler und Kommunist Rivera außerhalb Mexikos meist nur noch im Zusammenhang mit Frida Kahlo erwähnt. Die begabte junge Frau wurde dagegen zur Kultfigur. Ihre Verehrer pilgern in das "Blaue Haus", ihr Wohnhaus und Atelier in Coyoacán und kochen ihre Rezepte nach, Designer kopieren ihren Kleidungsstil mit den bunten Trachten und dem klimpernden Schmuck. 

Ausstellungen über ihr Leben und Werk sind Kassenschlager – die Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau wird da keine Ausnahme sein.

Sie wird die »Malerin des Schmerzes«

Auch wenn bis heute kein deutsches Museum eines ihrer Gemälde besitzt, hat sich eine wahre "Fridomanía" entwickelt. 

Dabei ist nicht immer auszumachen, was Wahrheit und was Mythos ist. Dafür sorgte schon Diego, ein sympathisches Großmaul, das gern Geschichten erfand. 

Schon damals soll Frida zu ihren Freundinnen gesagt haben: "Ich möchte ein Kind von Diego Rivera haben." Den Mann hat sie bekommen, das Kind nicht. Kurz nach der ersten Begegnung sitzt sie in einem Bus, der von einer Trambahn gerammt wird. 

Frida wird buchstäblich von einer Metallstange durchbohrt. Monatelang liegt sie bewegungslos im Gipskorsett. Aus purer Langeweile beginnt sie zu zeichnen. Die Kunst wird zu einem wichtigen Teil ihrer neuen Identität, einer Identität, die auf Schmerz und Tapferkeit beruht. "Malerin des Schmerzes" wird sie häufig genannt. 

Als sie nach Monaten wieder laufen kann, besucht sie Diego Rivera mit einigen Bildern. "Ich wünsche mir eine unverblümte Kritik", sagt sie, "weil ich es mir nicht leisten kann, einfach aus persönlicher Eitelkeit weiterzumalen."

"Ich glaube nicht an eine perfekte Welt":"Bekenntnisse" von Frida Kahlo
Ein neues Buch bietet intime Einblicke in die Gefühlswelt der mexikanischen Malerin Frida Kahlo. art präsentiert Auszüge aus den Kapiteln "Kunst", "Politik" und "Sex"

Diego Rivera hatte eine magnetische Wirkung auf Frauen

Rivera ist beeindruckt, erkennt sofort die "eigene und selbständige Künstlerpersönlichkeit". 

Er ermuntert sie weiterzumachen, verliebt sich, und von da an ist sie "der Pol in meinem Leben, um den sich alles dreht". 

Es gibt viele Klischees, die auf das Ehepaar Rivera zutreffen, aber noch mehr, die nicht passen. 

Dass Diego zwanghaft fremdging, stimmt. Obwohl er fast monströs groß und kräftig war, muss er eine magnetische Wirkung auf Frauen gehabt haben. Er schätzt die Gesellschaft intelligenter Frauen, er erwartet, dass Frida selbständig ist, und hat großen Respekt vor ihrer Kunst. 

"Wir sind alle bloß Lehmklumpen im Vergleich zu ihr. Sie ist die größte Malerin dieser Epoche", meint er keineswegs nur gönnerhaft. Frida aber sieht sich zunächst nicht als Künstlerin, sondern geht auf in der Rolle der liebenden Gattin. Täglich bringt sie Diego einen blumengeschmückten Korb mit dem Mittagessen und schaut ihm bei der Arbeit zu. Er wiederum liebt ihre Lust an Selbstinszenierungen, an wundersamen Verkleidungen, überhäuft sie mit Schmuck, weil er in ihr die exotische Schönheit sehen will.

Trost durch Affen, Papageien und Hunde

Die Ehe der Riveras ist eine Folge extremer Höhen und Tiefen. Frida, die gern ein Kind will, hat mehrere, teils lebensbedrohliche Fehlgeburten, die ihre Malerei drastischer werden lassen. Zum Trost holt sie sich einen halben Zoo ins Haus, Affen, Papageien, Hunde und sogar ein Reh, während Diego wie ein Besessener arbeitet, weil die Auftraggeber Schlange stehen. Es gab viele Trennungen in der Ehe der Riveras. Nachdem Diego mit ihrer Schwester Cristina ein Verhältnis hat, zieht Frida aus, 1939 lassen sie sich scheiden und sehen sich doch fast täglich. Als Diego 1940 erneut um Fridas Hand anhält, stimmt sie unter einer Bedingung zu: Geschlechtsverkehr ausgeschlossen! Wobei bis heute Gerüchte kursieren, sie hätten ohnehin keine sexuelle Bindung gehabt. Aber Fridas leidenschaftliche Tagebucheintragungen lassen im Gegenteil eine starke Erotik zwischen den bei den vermuten. 

Das Verhältnis zwischen ihnen hat sich gewandelt. Sie hat nun als Malerin Erfolg und – wohl ohne Diegos Wissen – zahlreiche Liebschaften zu Männern wie Frauen. Leo Trotzki ist darunter und der damals 25-jährige Heinz Berggruen. "Frida war eine stürmische Person", erzählte der im Februar 2007 in Berlin gestorbene Kunsthändler und Mäzen später. 



Bilder von physischen und psychischen Wunden:Frida Kahlo in Berlin
Als sie sich lieben lernten, galt Diego Rivera als der berühmteste Maler Mexikos. Frida Kahlo ging noch zur Schule. Aber die Rollen wandelten sich in 25 stürmischen Jahren der Ehe. Als Frida
 starb, war sie der Star – und sie ist es bis heute geblieben

Frida kauft Diego Spielzeug für die Badewanne

Gegenüber Diego übernimmt Frida dagegen die Rolle der Mutter. "In jedem Augenblick ist er mein Kind, mein stets neu geborenes Kind", schreibt sie ins Tagebuch. Sie badet Diego, kauft ihm Spielzeug für die Wanne - und auch Diego zeigt sich im Wandbild für das Hotel del Prado von 1947/48 als Lausbub in Kniehosen. Frida unterrichtet an "La Esmeralda", einer Maler- und Bildhauerschule. 

"Wir waren alle in sie verliebt", berichtet ein Mitglied ihres Fanclubs "Los Fridos", sie habe "eine besondere Grazie und Anziehungskraft" gehabt. 

Dabei geht der körperliche Verfall mit rasantem Tempo voran. Zunächst hält sie ihn für eine Folge des Unfalls, aber bereits 1930 wird eine Deformation des Rückgrates diagnostiziert, die vermutlich auf die Kinderlähmung zurückgeht, die sie mit sechs Jahren hatte. Kahlo ist zeitlebens in ärztlicher Behandlung und holt immer neue Diagnosen ein. "Was die Zahl meiner Operationen betrifft, kann ich es mit jedem aufnehmen", sagt sie fast stolz. 

Einer ihrer Ärzte, Dr. Eloesser, äußerte später die These, dass sie ein krankhaftes Bedürfnis nach Operationen gehabt haben könnte.

Erst durch die Malerei entsteht das Bild einer starken Frau

Ihr Körper war zweifellos Frida Kahlos wichtigster Darstellungsgegenstand. 

Die meisten ihrer rund 150 Gemälde sind Selbstporträts, die sowohl von physischen als auch von psychischen Wunden erzählen. "Ich male mich, weil ich so oft allein bin", hat sie einmal gesagt, aber wahrscheinlicher ist es, dass das Leiden Teil ihrer Persönlichkeit wurde: Es ermöglichte ihr, von sich das Bild einer starken Frau zu konstruieren.

Frida Kahlo auf einem Foto von Guillermo Kahlo
Übersicht zu allen Artikeln und aktuellen Ausstellungen mit Frida Kahlo

Kurz vor ihrem Tod wird Frida Kahlo noch ein Bein amputiert, ein Schock, von dem sie sich nicht mehr erholt, auch wenn sie zuvor gefrotzelt hatte: "Wisst ihr schon, dass sie mir eine Pfote abschneiden wollen?" Für kurze Momente bäumt sich ihr Lebenswille noch einmal auf, aber das Ende ist abzusehen. Zu ihrem 47. Geburtstag, eine Woche vor ihrem Tod, kommen mehr als 100 Besucher ins Blaue Haus. In ihr Tagebuch schreibt sie: "Ich will hoffen, dass ich den Abgang froh gestimmt erleben werde, und hoffentlich komme ich nie mehr zurück, Frida. "Kurz vor ihrer Silberhochzeit, am 13. Juli 1954, stirbt Frida Kahlo – vermutlich an einer Lungenembolie, auch wenn manche von Selbstmord ausgehen. "Der traurigste Tag in meinem Leben", schreibt Diego, "Ich verlor meine geliebte Frida für immer ... Zu spät erkannte ich, dass die Liebe zu ihr der wunderbarste Teil meines Lebens gewesen war."

Dali auf einer Fotografie mit seinem Ozelot
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