Campin / Flémalle - Frankfurter Städel

Der große Unbekannte

Manche nennen ihn Robert Campin, andere sprechen vom Meister von Flémalle – fest steht, dass der geheimnisvolle Maler im 15. Jahrhundert die niederländische Malerei revolutionierte. Jetzt widmet ihm das Frankfurter Städel eine große Schau.
Der große Unbekannte:Rätsel um die Kunstrevolution im 15. Jahrhundert

Veronika der "Flemáller Tafeln", Öl auf Holz, um 1430

Davon kann ein Ausstellungsmacher eigentlich nur träumen: Nur wenige Monate vor der Eröffnung ist sein Künstler plötzlich in aller Munde, und das, obwohl es sich um einen Maler handelt, der seit rund 600 Jahren tot ist, den außer einer kleinen Schar von Fachleuten niemand kennt, der keinen Namen hat, von dem, schlimmer noch, niemand so recht weiß, wer er war, ob es sich überhaupt um eine einzige Künstlerpersönlichkeit handelt. Unbestritten ist, dass dieser geheimnisvolle Meister gemeinsam mit Rogier van der Weyden und Jan van Eyck der altniederländischen Kunst völlig neue Impulse verliehen hat und den Beginn der neuzeitlichen Malerei einläutete – aber anders als seine Mitstreiter in Vergessenheit geriet.

Der Maler trägt den Notnamen Meister von Flémalle, wird aber auch mit Robert Campin gleichgesetzt. Jochen Sander ist der Kustos, der ihm im Frankfurter Städel-Museum die erste monografische Ausstellung ausrichtet, und für die unfreiwillige Popularität sorgte Mirko Gutjahr, Mitarbeiter am Halleschen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Er meinte, in dem "Porträt einer Frau" (um 1430), das Robert Campin zugeschrieben ist und das in der National Gallery in London hängt, ein Selbstporträt des Malers entdeckt zu haben, stecknadelkopfgroß, auf der schimmernden Fläche eines Rubinrings.

Was Experten wie Sander und den Campin-Biografen Felix Thürlemann von vornherein mit Skepsis erfüllte – Gutjahr hatte seine These auf eine Fotografie gestützt – erwies sich bei der mikroskopischen Untersuchung des Originals durch Fachleute der National Gallery als unhaltbar. "Das Muster, das offenbar ein Gesicht auf dem Ring ergibt, ist unbewusst entstanden", hieß es.

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Eigentümliche, ungreifbare Künstlerpersönlichkeit

Wer dieser unbekannte Maler war, hat über Jahrhunderte die Experten beschäftigt und entzweit. Zuschreibungen waren in der altniederländischen Malerei stets ein Problem, da die Gemälde meist unsigniert und undatiert sind. Jochen Sander: "Kaum ein anderes Problemfeld der altniederländischen Kunstgeschichte kann die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen kunsthistorischer Untersuchungsmethoden eindrücklicher vor Augen führen als die bis heute die Forschung in Atem haltende Kontroverse um den Meister von Flémalle, Robert Campin und Rogier van der Weyden."

Den Namen "Meister von Flémalle" erhielt der Künstler von Ignaz van Houtem, dem Aachener Besitzer dreier Tafeln, die das Städel 1849 erworben hatte. Houtem hatte erklärt, sie stammten aus einer "Abtei Flémalle" in Belgien. Dabei gab es in dem bei Lüttich gelegenen Flémalle weder eine Abtei noch eine andere bedeutende religiöse Einrichtung. Den Notnamen hat Ausstellungsmacher Jochen Sander für diese eigentümliche, ungreifbare Künstlerpersönlichkeit beibehalten.

Mehr Tiefe und feinere Details

Revolutionen in der Kunst beginnen häufig mit einer technischen Innovation. Die "Ars nova" genannte "neue Epoche in der europäischen Kunstgeschichte" (Sander), deren Protagonisten die Niederländer Jan van Eyck (um 1390 bis 1441), Rogier van der Weyden (um 1400 bis 1464) und Robert Campin/Meister von Flémalle waren, wurde möglich, weil die Ölfarbe die bis dahin fast ausschließlich gebräuchliche Temperafarbe abgelöst hatte. Tempera trocknet schnell, ist eher stumpf, das Öl erschloss den Künstlern neue und andere Möglichkeiten. Die Farbe ließ sich transparenter aufmischen und daher in vielen Schichten auftragen. Die sich überlagernden Farbschichten verliehen den Bildern mehr Tiefe, mehr Leuchtkraft, Übergänge konnten fließend gehalten werden. Den Künstlern ermöglichte es die Ölfarbe, sorgsamer und feiner die Details herauszuarbeiten.

Die "Ars nova" löste den "internationalen" oder "schönen Stil" ab, in dem die Figuren mehr in die Höhe als in die Tiefe gestaffelt waren und keine räumliche Illusion erzeugt wurde. Die Künstler setzten Blattgold ein, um etwa Heiligenscheine leuchten oder metallene Gefäße funkeln zu lassen. In der "Ars nova" waren die Künstler nun in der Lage, das Schimmern von Metall und die stoffliche Qualität unterschiedlichster Materialien von Textilien bis Holz greifbar darzustellen.

Die Frankfurter Ausstellung vereint zum ersten Mal zahlreiche Werke des Meisters von Flémalle und Rogier van der Weydens aus den größten Museen der Welt – darunter eine "Madonna auf der Rasenbank" aus der mit veranstaltenden Berliner Gemäldegalerie. Die Schau soll, so Sander, "Ausgangspunkt für eine erneute, kritische Prüfung all jener von der Kunstgeschichte im Verlauf der letzten 110 Jahre entwickelten Vorstellungen über zwei der wichtigsten Maler des 15. Jahr-hunderts werden – des Meisters von Flémalle und Rogier van der Weydens".

Gekürzte Fassung. Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen art-Ausgabe 12/2008.

"Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden. Die Geburt der neuzeitlichen Malerei"

Termin: bis 22. Februar 2009, Städel-Museum, Frankfurt am Main. Zweite Station: Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, 20. März bis 21. Juni 2009. Katalog: 34,90 Euro, im Buchhandel 49,80 Euro, Audioführer mit Bilderbuch 16,80 Euro, beide Hatje Cantz Verlag.

http://www.staedelmuseum.de