Gabriele Münter

Vertraute Unbekannte

Bei Gabriele Münter denkt man an Kandinsky, Depressionen und einige expressionistische Bilder. Doch eine große Ausstellung im Münchner Lenbachhaus offenbart nun das beeindruckende, umfangreiche, eigenständige Werk einer Maler-Pionierin und zeigt, dass es Zeit ist, Münters Geschichte neu zu schreiben,
Vertraute Unbekannte
Gabriele Münter: "Dame im Sessel schreibend", 1929

Es ist dieser eine, der magische Moment: "Ich stand im Griesbräu am Fenster u. war deprimiert", schreibt Gabriele Münter in ihren Aufzeichnungen. Seit Tagen schon will ihr nichts gelingen: "Ich hatte zum Spachtel gegriffen, weil ich mit dem Pinsel nichts klares, erfreuliches zustande brachte." Sie blickt über die verschachtelten Dächer des Bauerndorfs Murnau, die Wiesen und Bäume, die Berge, ganz hinten am Horizont. Und auf einmal kann sie alles sehen: Orange, Purpur, Knallgrün. Blauumrandete Flächen, klare Kontraste. Die Augen gehen ihr auf: "ich sah u. malte" – ein einziger Farbenrausch.

Vertraute Unbekannte
Gabriele Münter: "Vom Griesbräu-Fenster", 1908, Pappe, 33 × 40,1 cm

Gleichzeitig ist es auch ein einziges Klischee. Die Aussicht aus dem Gasthaus Griesbräu, in dem Gabriele Münter mit ihrem Geliebten Wassily Kandinsky im Sommer 1908 logiert, ist heute noch fast genauso zu bewundern. Zwei kleine Pappen, 33 mal 41 Zentimeter, haben sich im Nachlass der Künstlerin erhalten, der magische Moment, eingefroren für immer – ein Kunsthistorikertraum und ein Albtraum zugleich. "Bis heute steckt Gabriele Münter in dieser Schublade", sagt Isabelle Jansen. "Sie ist die Künstlerin, die ach so nahe an der Natur schafft. Aber damit wird man ihr nicht gerecht, denn es bedeutet zugleich, dass sie immer intuitiv und niemals intellektuell arbeitet."

Es geht um die Befreiung der Gabriele M. aus allen Künstler- und Kunsthistoriker-Klischees

Isabelle Jansen ist Geschäftsführerin der Gabriele Münter und Johannes Eichner-Stiftung. Als Erasmus-Studentin ist sie von Frankreich nach Deutschland gekommen, mit einer Promotion über Franz Marc. Seit 1998 arbeitet sie für die Stiftung, seit 2004 erstellt sie das Werkverzeichnis der Künstlerin, und seit über zwei Jahren bereitet sie zusammen mit Matthias Mühling, Direktor der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München, die große Schau zu Münters 140. Geburtstag vor. Es ist ein riesengroßes, ein Mammut-Projekt, denn es geht hier nicht nur um irgendeine Retrospektive. Es geht um nichts weniger als um die Befreiung der Gabriele M. aus allen Künstler- und Kunsthistoriker-Klischees.

Vertraute Unbekannte
Gabriele Münter: "Bildnis einer Künstlerin (Margret Cohen)", 1932, Öl auf Leinwand, 46,5 × 38,2 cm

"Wir wollen ihr Gesamtwerk in allen Facetten präsentieren", sagt Mühling, "den Leuten zeigen: Schaut mal, das kennt ihr alles gar nicht." 140 Gemälde, ein Großteil davon noch nie oder zuletzt zu Lebzeiten der Künstlerin gezeigt. Geordnet nach Porträts, Stillleben, Landschaften, Interieurs, von expressionistisch über abstrakt bis sachlich und naiv. Dazu Hinterglasmalereien, Fotografien, Druckgrafik. "Gabriele Münter ist im besten Sinne populär, sie ist eine Künstlerin, deren Werk die Menschen mögen." Doch immer noch ist sie zuerst die Malerin des Blauen Reiters – und natürlich die Geliebte Wassily Kandinskys.

"Du bist hoffnungslos als Schüler – man kann Dir nichts beibringen … Du hast alles von Natur", schreibt Wassily Kandinsky seiner "Ella" in einem Brief. Schon damals sind die Rollen klar verteilt: Er ist der Denker, sie das Naturtalent. 1902 verlieben sich die beiden ineinander, in einem blauen Sommer am Kochelsee. Sie ist 25, Schülerin an der Phalanx-Schule für Malerei in München. Er ist elf Jahre älter als sie, ihr Lehrer und verheiratet. Die Beziehung ist von Anfang an dramatisch und hochemotional. Er bedrängt sie, bestürmt sie, als sie sich von ihm trennen will. Er braucht sie ganz für sich alleine, sie ist sein "Füchschen" mit den rotbraunen Haaren, sein "Lebensquell". Sie, die so gerne ausgeht zum Fasching und zum Künstlerstammtisch, die sich vergnügen will, soll bei ihm bleiben, zu Hause, im Verborgenen. "Ich liebe dich sehr und noch mal und hundert Mal sehr. Daran mußt Du glauben", schreibt er ihr. "Und wie glücklich Du mich machen kannst. Und wie Du mir weh thun kannst!"

Den kompletten Text über Gabriele Münter und viele weitere Abbildungen finden Sie in der aktuellen Ausgabe von ART, die Sie hier oder bei Ihrem Zeitschriftenhändler kaufen können.

Ausstellungen & Literatur

  • Lenbachhaus, München, 31. Oktober 2017 bis 8. April 2018
  • Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk/Kopenhagen, 3. Mai bis 19. August 2018
  • Museum Ludwig, Köln, 15. September 2018 bis 13. Januar 2019.

Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Prestel Verlag und kostet 32 Euro im Museum, 39,95 Euro im Buchhandel. Das Buch »Gabriele Münter. Eine Biografie«, Insel Verlag, ist für 14,95 Euro erhältlich.

Gabriele Münter: Malen ohne Umschweife
Umfangreiche Ausstellung, die das Gesamtwerk der deutschen Künstlerin (1877–1962) neu bewertet. Zu sehen sind auch bislang nie öffentlich gezeigte Arbeiten
Lenbachhaus – Kunstbau ,  München
Expressionismus
Aktuelle Ausstellungen, Artikel und das Wichtigste zum Expressionismus im Überblick