Ferdinand Hodler in Wien

Aus dem Dreck geholt

In Wien erlebte Ferdinand Hodler seinen Durchbruch. Ebendort zeigt eine sehr pointierte Ausstellung nun nicht nur die sensible, feinsinnige Ader des Jugendstil-Künstlers, sondern auch, wie der Schweizer Maler Opfer einer Schmutzkampagne wurde.
Aus dem Dreck geholt

Ferdinand Hodler: "Selbstbildnis (Von Paris)", 1891, Öl auf Holz, 29 × 23 cm

1918 war ein Schicksalsjahr des Jugendstils: So starben nicht nur in Wien Gustav Klimt, Egon Schiele, Koloman Moser. Sondern in der Schweiz auch Ferdinand Hodler, der mit den Wiener Secessionisten in engem Kontakt stand. So gesehen ist es ein stimmiger Auftakt auf das Jubiläumsjahr 2018, wenn das Leopold Museum Hodler gerade jetzt seine erste derart umfassende Retrospektive in Österreich ausrichtet.

Es mag eine von vielen Hodler-Retrospektiven dieser Jahre sein – in der Bundeskunsthalle Bonn zeigt man den Schweizer gerade jetzt als Selbstvermarktungsgenie, in Genf und in Bern wird nächstes Jahr, zu seinem 100. Todestag, seine Philosophie des "Parallelismus" breit dargestellt. Die Wiener Ausstellung kann zu beiden dieser Themen Neues beitragen, was auf eineinhalb Jahre Vorarbeit und die Zusammenarbeit mit dem Archiv des verstorbenen Hodler-Forschers Jura Brüschweiler zurückzuführen sei, wie Hodler-Kurator und Direktor Hans-Peter Wipplinger bei der Pressekonferenz betonte (und so auch den Umfang des Katalogs erklärte).

Meister der Selbstvermarktung
Ferdinand Hodler überließ nichts dem Zufall: Äußerst zielstrebig plante er seine Karriere und gilt heute als einer der bedeutendsten Vertreter des Symbolismus. Mit über 100 Werken erlaubt eine große Schau in Bonn einen umfangreichen Einblick in das Schaffen des Schweizer Nationalkünstlers.

Denn in Wien fand 1904 Hodlers wirtschaftlicher, also finanzieller Durchbruch statt. Und durch puren Zufall fand man im Zuge der Ausstellungsvorbereitung in einem Antiquariat nahe des Museums einen Brief, den Hodler an den deutschen, für die Neue Freie Presse in Wien schreibenden Kunstkritiker Franz Servaes schrieb – und in dem er ihm ausführlich erklärte, was es mit dem "Parallelismus" auf sich hätte. In den 100 Gemälden der Schau kann man dem nachfühlen – Hodler suchte und betonte parallele Strukturen und Linien in der Natur, bei seinen Seen, Landschaften, symbolistischen Figurenbildern. Es ging um Harmonie und Einheit, das muss den Wienern gefallen haben, die wohl eher die liebliche Seite des "Inbegriffs des germanischen Kraftüberschusses" schätzten, wie besagter Servaes es beschrieb.

Mit rund 30 Gemälden dominiertete Hodler die Secessionsausstellung 1904

Vor Auge hatte man da die Monumentalschinken wie die brachial-kantig wirkende Figur des Wilhelm Tell, die in der zentralen Achse der Secessionsausstellung 1904 hing, zu der Gustav Klimt den Schweizer Kollegen eingeladen hatte – als Hauptprotagonist. Mit rund 30 Gemälden dominierte er diese Gruppen-Schau, fast die Hälfte davon konnte Hodler an die Wiener Sammler verkaufen. Im Vergleich zu dem Gegenwind in der eigenen Heimat und auch einiges an Kritik in Deutschland, wo er auch öffentliche Aufträge erhielt, muss ihm Wien vorgekommen sein, wie das Klischee, das es verspricht: Es wurde ihm "ein Fressen", ein Fest nach dem anderen gegeben, schrieb er, er habe es hier "in Wien so angenehm, so köstlich wie nur irgendwie möglich". Ja, sogar: "Wien hat mich aus dem Dreck geholt." Das konnte nur Neid nach sich ziehen, den sogenannten "Hodler-Streit" mit dem einheimischen Konkurrenten in Sachen kantiger Monumentalität, Albin Egger-Lienz, der sich nach einer gemeinsamen Ausstellung in Dresden von der Kritik benachteiligt sah und tatsächlich einen Lohnschreiber beauftragte, um gegen Hodler zu hetzen - "dirty campaigning" anno 1912. Auch das nachzulesen in den Archivalien der Leopold-Ausstellung.

Aus dem Dreck geholt

Ferdinand Hodler: "Bildnis der Toten Valentine Godé-Darel, 26.01.1915", 1915, Öl auf Leinwand, 65,5 × 81 cm

Chronologisch aufgebaut, mit direkten Vergleichen zu den zeitgleichen Wiener Kollegen wie Klimt, Schiele und Koloman Moser gespickt, ist eine sehr pointierte, bis auf den besagten, von "barbarischer Eleganz" (so ein Zeitgenosse) gekennzeichneten Wilhelm Tell, eher auf den sensiblen, feinsinnigen Hodler konzentrierte Ausstellung gelungen. Emotional kulminierend in den letzten zwei Räumen, die dem Tod gewidmet sind: dem der großen Liebe Hodler, der Tänzerin Valentine Godé-Darel, deren Todeskampf mit dem Krebs er sich 1914/15 in 200 Skizzen, 130 Zeichnungen, 50 Ölbildern der Sterbenden entgegengestellt hat. Aus diesem letzten Raum, einer Sackgasse, tritt man wieder hinaus in den der letzten Bilder des lungenkranken Hodlers, der seine Genfer Wohnung – übrigens von Josef Hoffmann eingerichtet und hier zum Teil rekonstruiert – nicht mehr verlassen konnte. Immer wieder malte er die Aussicht aus dem Fenster, den Genfersee, in parallelen Strichen, die große Ewigkeit und Einheit beschwörend, in die er 1918, vor fast 100 Jahren, dann selber einging.

Ferdinand Hodler – Wahlverwandtschaften von Klimt bis Schiele
Bislang umfangreichste Retrospektive des schweizerischen Symbolisten (1853–1918) in Österreich
Leopold-Museum ,  Wien
Gustav Klimt, der Kuss
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