Niederländische Meister aus der Eremitage

Liebesgrüße aus St. Petersburg

Das hat es noch nie gegeben. Die Eremitage lässt 63 Gemälde aus ihrem 1500 Werke umfassenden Bilderschatz niederländischer Meister des 17. Jahrhunderts in deren einstige Heimat ziehen, davon sechs allein aus der Hand von Rembrandt. Und siehe da, in der Amsterdamer Dependance leuchten sie goldener denn je.
Liebesgrüße aus St. Petersburg

Rembrandt van Rijn: "Flora", 1634

Bisher hat sich die Hermitage Amsterdam neben Einblicken in ihre Muttersammlung gerne der russischen Geschichte gewidmet nach dem Motto: wie prächtig waren die Bankette am Zarenhof, wie wirkte Peter der Große und was verband Zar Alexander I. mit Napoleons Gattin Joséphine?

Mit der Ausstellung “Holländische Meister aus der Eremitage. Augäpfel der Zaren“ weicht sie nun endlich ab vom Prinzip der Selbstbeweihräucherung und feiert hemmungslos die kulturellen Errungenschaften eines Landes, das seit 2014, dem Jahr als ein Flugzeug mit überwiegend niederländischen Passagieren über der Ukraine abgeschossen wurde, deutlich auf Distanz zu Putins Russland gegangen ist.

Die Selbstbeweihräucherung hat ein Ende

Schon die üppige Ausstellungsarchitektur verneigt sich so tief vor dem Goldenen Zeitalter der Niederländer, dass man vom ersten Schritt an meint eher durch ein mit Marmorböden, römisch angehauchten Rundbögen und teuren Tapeten ausgestattetes Grachtenpalais zu wandeln als durch ein Museum. Selbst Rembrandts Ikone “Flora“ von 1634, die wohl seine Frau Saskia im ausschweifenden Blumenkostüm darstellt, durfte die weite Reise antreten.

Gleich am Anfang gerät man in den Bann von Rembrandts “Junge Frau mit Ohrringen“ von 1656, die den über zwei Stockwerke angelegten Parcours aus biblischen und alltäglichen Szenen, Porträts, Landschaften, Stadtansichten und Stillleben von Frans Hals, Ferdinand Bol, Gerard Dou oder Jan Steen einläutet. Kein zufälliger Auftakt, denn bereits Peter der Große, der in Holland persönlich den Bootsbau erlernte, wovon sein zum Museum umgestaltetes Holzhaus in Zaandam als Pilgerstätte für nostalgische Russen immer noch zeugt, kaufte 1716 den ersten Rembrandt, “Der Abschied von David und Jonathan“, nach Russland. Royale Sammler aus dem Ausland mussten sich damals den florierenden Kunstmarkt mit erstaunlich vielen einheimischen Kaufleuten und auch weniger wohlhabenden Bürgern teilen, die selbst ihre Küchen mit Bildern schmückten.

Das Goldene Zeitalter der Niederländer

Im 18. Jahrhundert eiferte Katharina die Große, die auch die Eremitage gründete, Peter in seiner Sammelwut nach und übertraf ihn bei weitem. Viele private Sammler und die meisten der kommenden Zaren entwickelten nach ihrem Vorbild ebenfalls eine regelrechte Obsession für die glorreiche und überaus produktive Kunstepoche. Ganze Sammlungen landeten so in russischen Adelspalästen, die Preise schossen in die Höhe und erst mit der Russischen Revolution kehrten einige von den Sowjets für Devisen veräußerte Vermeers, Metsus, Rembrandts und Frans Hals wieder auf den westlichen Markt zurück, wovon auch das Mauritshuis in Den Haag profitierte.

Die Ausstellung zeichnet diese Etappen des nicht abreißenden Ankaufs entlang einzelner Werke nach, wie etwa Rembrandts “Porträt eines alten Mannes in Rot“, das Katharina 1768 mit der Sammlung von Heinrich von Brühl, einst Sachsens Premierminister, erwarb. Sie ließ russische Diplomaten Auktionen für sich abgraben ebenso wie französische Philosophen vom Schlag eines Denis Diderot, der in ihrem Namen mit verkaufswilligen Besitzern verhandelte. Nicht jeder Coup gelang. Nach einem Großeinkauf geriet eine Lieferung von 27 Bildern aus der Sammlung von Gerrit Braamcamp in Seenot und sank für immer vor der finnischen Küste. Jedes Werk weiß eine eigene Wandergeschichte zu erzählen, weswegen sich die Investition in den Zwei-Kilo-Katalog diesmal besonders lohnt.

Liebesgrüße aus St. Petersburg

Gerrit Berckheyde: "View of Amsterdam City Hall", 1670

Im zweiten Stockwerk lässt sich die russische Manie für niederländische Meister an Textilien und Porzellan aus dem 18. und 19. Jahrhundert studieren, die ausschließlich als Vorlagen für Reproduktionen besonders beliebter Motive hergestellt wurden. Nicht zu vergessen die großartigen Wiederbegegnungen von “Brüdern und Schwestern“, also Bildern mit verblüffend ähnlichen Sujets. Das Rijksmuseum, Mauritshuis und Amsterdam Museum, das die Gunst der Stunde nutzt und parallel eine eigene Ausstellung über die Rembrandt-Schüler Ferdinand Bol und Govert Flinck ausrichtet, machen diese seltenen Rendezvous mit Leihgaben möglich. So findet man Melchor de Hondecoeters farblich überwältigende Darstellungen von Pelikanen und anderen Vögeln aus der Eremitage und dem Rijksmuseum wiedervereint. Oder zwei überaus realistische Marktimpressionen von Bartholomeus van der Helst und Michiel van Musscher, die beide den Focus auf einen ausgeweideten Schweinskörper auf einer Trittleiter lenken.

Wer in die Welt des Goldenen Zeitalters tiefer eintauchen möchte, dem sei zu guter Letzt ein Trip in das vierzig Autominuten von Amsterdam entfernte Hoorn empfohlen. Im schmucken West Fries Museum lässt sich im authentischen Ambiente die Geschichte einer Hafenstadt studieren, die im Zuge des Handels mit den Kolonien nicht nur viele Entdecker und Seefahrer hervorbrachte, sondern auch kurz aber ausgiebig im Reichtum schwamm. Auf kleinstem Raum von drei Etagen findet man unzählige Exemplare der typisch niederländischen Gattung des bürgerliche Tugenden feiernden Gruppenporträts, eine mit tropischen Fundstücken ausgestattete Wunderkammer, Schiffsmodelle, jede Menge Mobiliar, Asiatika, ethnographische Bücher über die eroberten Länder und wunderschöne Kinder- und Familienporträts von Jan Albertsz Rotius, dem Rembrandt von Hoorn. Wie könnte man dieses Land nicht beneiden, in dem jede zweite Kleinstadt mit einem eigenen Malereigroßmeister auftrumpfen kann?

Dutch Masters from the Hermitage. Treasures of the Tsars
63 Gemälde von rund 50 Künstlern wie Rembrandt, Ferdinand Bol, Frans Hals, Pieter Lastman, Jacob van Ruisdael oder Jan Steen aus der Eremitage in St. Petersburg
Hermitage ,  Amsterdam