Sprechende Landschaften

Statt biblische Geschichten zu illustrieren oder antike Stoffe zu bemühen, erfand Caspar David Friedrich seine Motive lieber selbst. Bis heute fesseln seine Bilder die Betrachter, weil sie sich hier selbst erkennen.
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Caspar David Friedrich: "Das Eismeer", 1823/24

Auch heute ist dieses seltsame Bildwerk kaum ohne leichten Schauder zu genießen. Caspar David Friedrichs "Tetschener Altar" hat die Form eines gotischen Fensters - allerdings in klassizistisch-mystischer Goldverbrämung. Geschnitzte Säulen tragen Palmwedel, vor denen Engelsköpfchen schweben, ganz oben leuchtet silbermild der Abendstern, während von unten das Auge Gottes prüfend blickt. Das Gemälde selbst glüht in wärmsten Tönen. Zwischen dunklen Fichten steht auf Felsengrund ein mit Efeu umranktes Kruzifix hoch im letzten Sonnenlicht, das in Streifen künstlich vor dem violetten, aufgewühlten Himmel strahlt.

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Der "Tetschener Altar" (auch "Das Kreuz im Gebirge", 1807/08) begründete Friedrichs Ruhm

Das wirkt doch alles etwas zu dick aufgetragen. Aber Vorsicht: Dies ist das Original, nicht zu verwechseln mit dem modernen Landschaftskitsch im fünften Aufguss, der die Wahrnehmung von heute aus beeinflusst. Vor 200 Jahren hatte das Abendrot seine Unschuld noch nicht verloren.

In den Weihnachtstagen 1808, als der schon 34-jährige Künstler das Bild - eines seiner ersten Ölgemälde überhaupt - im Lampenschein vor schwarzem Stoff drapiert in seiner Dresdner Wohnung präsentierte, war derselbe Altar so ungeheuer innovativ, so rührend und so provokant zugleich, dass die Kritiker und das Publikum hier ein neues Zeitalter dämmern sahen. "Es ergriff alle, die ins Zimmer traten. Die größten Schreihälse sprachen wie in einer Kirche", schrieb Helene von Kügelgen ihrem Mann Gerhard, einem bekannten Porträt- und Historienmaler seiner Zeit.

Vor dem "Tetschener Altar" waren Landschaftsansicht und Andachtsbild zwei völlig getrennte Welten mit eigenen Gesetzen und Tabus gewesen. Der Heiland am Gipfelkreuz im deutschen Mittelgebirge: undenkbar. Kammerherr Friedrich von Ramdohr, ein kluger und kenntnisreicher Kritiker, hat Caspar David Friedrich all seine vermeintlichen Fehler und Versäumnisse bezüglich des abendländischen Kunstgebrauchs haarklein nachgewiesen. Immerhin unterstellte er, hier wolle "die Landschaftsmalerei sich in die Kirchen schleichen und auf die Altäre kriechen".

Ein Skandal, der Geschichte schrieb

Der Maler, ein Freigeist von pommerscher Prägnanz, entgegnete kühl: "Wäre Friedrich auf der einmal gebahnten Straße einher gegangen, wo jeder Esel seinen Sack trägt, wo Hund und Katz der Sicherheit wegen wandelt, weil die berühmten Künstler der Vorzeit als Muster und Vorbilder für Jahrtausende da aufgestellt worden, wahrlich der Herr Kammerherr von Ramdohr hätte geschwiegen." Der Skandal ging als "Ramdohrstreit" in die Geschichte ein, der Kammerherr gilt seitdem als Mann von gestern, Caspar David Friedrich hatte einen soliden Ruf als Revolutionär erworben.

Der wohl wichtigste Maler, den Deutschland zur Kunstgeschichte zwischen Renaissance und Expressionismus beigesteuert hat, begeistert bis heute die Massen begeistern und spornt Exegeten zu Höchstleistungen an. Der Pionier der Romantik ist ein Faszinosum geblieben, seine besten Bilder funktionieren heute wie vor 200 Jahren ganz unmittelbar.

Dabei hatte sich von einem überragenden Talent lange nichts gezeigt. 1774 wurde Caspar David Friedrich als sechstes von zehn Kindern eines Seifensieders in Greifswald geboren, das damals zu Schweden gehörte. Schon früh bekam der Junge Unterricht bei dem örtlichen Universitätszeichenlehrer, kalligrafische Übungen sind aus dieser Zeit überliefert, der Art: "Wer nicht gehorchen lernt, lernt auch in der Folge nicht, auf vernünftige Art zu befehlen " Von 1794 bis 1798 besuchte er die Kopenhagener Akademie und kehrte dann zunächst nach Greifswald zurück, noch immer unschlüssig, ob er nun Figuren- oder Landschaftsmaler werden sollte. In einem aber scheint er sich sicher gewesen zu sein: Nichts drängte ihn nach Rom, dem Sehnsuchtsort aller Künstlerkollegen.

Friedrich ließ sich in Dresden nieder, wo schon seinerzeit die berühmteste Gemäldesammlung Deutschlands hing, von hier aus reiste er später ins Riesengebirge, in den Harz, ins Elbsandsteingebirge. Zunächst aber zog es den jungen Maler immer wieder in den heimatlichen Norden, hier zeichnete er die gotische Ruine des Klosters Eldena, die Silhouette von Neubrandenburg, Schiffe im Greifswalder Hafen. Und immer wieder Rügen: einzelne Steine am Strand, knorrige Eichen, Hünengräber, die Kreidefelsen von Kap Arkona. Großen Einfluss hatte der empfindsame Dichterpfarrer Gotthard Ludwig Kosegarten (1758 bis 1818), genannt der "Ossian von Rügen", der in Vitt schwärmerische Predigten am Ufer hielt.

Auch der junge Maler Friedrich gab sich hier den Mächten der Natur mit Inbrunst hin, wie ein Zeitgenosse schildert: "Wenn ein Gewitter mit Blitz und Donner über das Meer daherzog, dann eilte er ihm, wie einer, der mit diesen Mächten Freundschaftsbund geschlossen, entgegen, auf den Felsenkamm der Küste oder ging ihnen nach in den Eichenwald, wo der Blitz den hohen Baum zerspaltete und murmelte da sein halblautes: 'wie groß, wie mächtig, wie herrlich'". Zum Lebensunterhalt trugen in dieser Zeit sehr kunst- und stimmungsvolle Sepiablätter mit Rügen-Ansichten bei. Sie verkauften sich gut und brachten Ehre, lösten aber kaum den höheren Anspruch ein, den der strenge Schwärmer an sich selber stellte.

»Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht.«

Friedrich war ein Kind des Empfindsamen Zeitalters, seine Jugend aber stand unter dem Zeichen der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege, die Europas Ordnung und Ideenwelt erschütterten. Die ältere Generation strebte, der Aufklärung folgend, unbeirrt zu Ganzheit und Klarheit, zum Ideal. Die Jugend versuchte, aus den Bruchstücken der alten Gewissheiten neue, vielleicht flüchtige Leitbilder für ein bewegliches Weltgefüge zu formen. Klassik und Romantik waren konkurrierende Strömungen der Zeit. In einem der wenigen Selbstbildnisse zeigt sich der 28-Jährige in der klassischen Pose des Melancholikers: Aufgestützter Arm, Blick nach oben, hin ins Nichts. Es bleibt Spekulation, ob tatsächlich der frühe Tod der Mutter, der Schwester und des Bruders, der ertrank, als er Caspar David aus dem Eis rettete, diesen Zug bestimmte, wie oft behauptet wird. Aber sicher ist, dass Friedrich auch als Melancholiker stramm protestantisch war: "Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht", so schreibt er, und verfügt ergänzend: "Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht."

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"Selbstbildnis mit aufgestütztem Arm", um 1802

Friedrichs "Tetschener Altar" war auch in Hinsicht auf den persönlichen Anspruch ein Durchbruch. Hier zeigt sich Friedrichs große Erfindung der "Ideenlandschaft" als freier Komposition von Gesehenem und Gedachtem.

Friedrich fügt seine Bilder wie aus Bausteinen zusammen, oft verarbeitet er seine akribischen Skizzen eines Felsbrockens oder einer Tanne noch Jahrzehnte später in einem Gemälde. Der Bildaufbau folgt klaren Regeln, stets ist die Bildmitte oder der Goldene Schnitt betont, Symmetrien werden gesucht. Bäume, Kreuze, Schiffe, Felsen, gotische Gemäuer - die Motive werden planvoll auf der Bildfläche montiert. Segelschiffe an der Marktkirche von Halle an der Saale, die Backsteinruine von Eldena oder die Silhouette von Neubrandenburg vor dem Riesengebirge: Friedrich kompiliert nach Belieben seine Fragmente.

Die Methode ist offenkundig, ebenso der Umstand, dass Friedrich mit seinen Bildideen konkrete Aussageabsichten verband. Das hat Friedrichs Werk zu einem El Dorado für die Meisterdeuter gemacht. Der Berliner Romantik-Experte Helmut Börsch Supan meinte 1973 zart, das Eindringen in die Kunst Friedrichs sei "als belausche man einen Betenden, und nur die Anteil nehmende Erschütterung des Betrachters kann dieses Eindringen nachträglich rechtfertigen". Trotzdem entwickelte er dann aber einen handfesten Werkzeugkasten zur Friedrich-Deutung, nach dem "die Fichte als der gläubige Christ, der Felsen als der Glaube, das Wasser als der Tod", zu deuten sei. Auch hinsichtlich seines patriotischen und anlässlich einer Schau 2006 in Essen auch seines freimaurerischen Gehalts wurde Friedrichs Werks eingehend obduziert.

Der knorrige Mann mit dem mächtigen Backenbart wurde selbst zu einer Sehenswürdigkeit

Am Leben aber hält Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer", die "Abtei im Eichwald", den "Mönch am Meer", die "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes" oder die "Kreidefelsen auf Rügen", nicht das Drehbuch, sondern die Kameraführung.

Maler vor Friedrich haben die biblischen und antiken Stoffe nach Motiven durchsucht, in denen Urerfahrungen des Menschen bildhaft werden. Friedrich braucht dazu keine Geschichten. Er sucht die archetypischen Momente, so wie er sie selbst erlebt: Alleinsein, Zweisamkeit, Abschied, Ankunft. Und er inszeniert diese Situationen frei von jeder Konvention: Nur die Wirkung zählt. Das gibt seinen besten Bilderfindungen eine geradezu mythische Kraft, die sich immer wieder erneuert. Die winzigen Staffagefiguren der klassischen Landschafsmalerei ersetzt er durch Menschen in Rückenansicht. Perfekte Identifikationsfiguren für die Betrachter bis heute: So musst Du schauen, wenn Du die Welt wie Friedrich erleben willst.

Mit dem "Tetschener Altar" wurde der Maler schnell zu einem Helden der romantischen Bewegung. Dresden war 1806 kurzzeitig unter französischer Besetzung, Sachsen bis zur Völkerschlacht treuer Bündnispartner Napoleons. Friedrich war deutscher Gesinnung, und er zeigte das in seinen Bildern. Die altfränkische Tracht seiner Figuren galt als Bekenntnis zur nationalen Befreiungsbewegung, doch deren Ideen gerieten bald nach dem Sieg über Napoleon in Misskredit. "Die machen demagogische Umtriebe", kommentierte Friedrich trocken seine "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes" einem Besucher 1820.

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"Die Lebensstufen", ca. 1834. Das altersweise Schlüsselwerk zeigt den alten Friedrich im Kreis seiner Familie. Jeder Person auf seiner Lebensfahrt entspricht eines der Schiffe.

Bis zu seiner späten Heirat 1818 lebte Friedrich höchst spartanisch, doch immer mit Blick auf die Elbe. Die karge Einrichtung seines Ateliers war legendär: ein Stuhl, ein Tisch, eine Reißschiene an der Wand, sonst nichts. Auch wenn seine Kunst in den Zeiten der Restauration aus der Mode kam, besuchten doch viele durchreisende Intellektuelle den knorrigen Pommern mit dem mächtigen weißen Backenbart. Er wurde selbst zu einer Sehenswürdigkeit.

"Die Lebensstufen", sein altersweises Werk um 1834 zeigt den Maler als Rückenfigur im Kreis der Familie, jedem Menschen auf seiner Lebensfahrt entspricht ein Schiff auf dem Meer, Friedrichs Segler kehrt mit voller Ladung heim. 1840 starb Friedrich nach Jahren der Krankheit. Der Maler und Arzt Carl Gustav Carus bescheinigte dem Freund in seinem Nachruf, Friedrich habe mit "eisenfester Eigentümlichkeit" bis zuletzt "tief melancholische immer geistig lebende Romantik der Poesie in seinen Werken walten" lassen. "Die Kunst mag ein Spiel sein", hatte Friedrich gesagt, "aber sie ist ein ernstes Spiel." Nur er trägt auf den "Lebensstufen" noch die patriotische Tracht.

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