Schwarz in der Kunst

Am Schwarzmarkt

Die »aktivste Farbe überhaupt« nennt Pierre Soulages das schwarze Pigment, Monet verabscheute die Farbe und Malevitsch konnte nur mit ihr den Gegenstand überwinden. Aber sind monochrom-schwarze Bilder überhaupt Kunst?
Am Schwarzmarkt

Kasimir Malevitsch: "Schwarzes Quadrat", in der Version von 1929

Philipp der Gute war es, der im 15. Jahrhundert mit dem bunten Treiben Schluss machte. Nachdem der Vater des extravaganten Burgunderherzogs getötet wurde, machte er aus Trauer mit teuren und bunten Kleidung Schluss und trug vom Tag an nur noch Schwarz – und färbte damit, als etablierte Fashion-Ikone, erst auf seine Höflinge, später auf weite Teile des europäischen Adels ab.

Am Schwarzmarkt

Schwarz als Fashion-Trend: Philipp der Gute, gemalt von Rogier van der Weyden um 1450

Spätestens ab da war es chic, schwarze Kleidung auch ohne Trauer zu tragen. Und nicht nur die königliche Assoziation verlieh Distinktion, gleichzeitig versprühte man mit schwarzen Kleidern Demut und Bescheidenheit, gedämpfte Ausgeglichenheit, noble Zurückhaltung. Und das gilt noch immer: vom Burgund des Mittelalters über die Existenzialisten der 60er, zu Steve Jobs' Rollkragenpulli bis hin zum schwarzgekleideten Klischee-Architekten von heute.

Bis zur Etablierung von Schwarz als demonstrative Verweigerungshaltung in der Kunst selbst allerdings sollte es noch dauern. Aber auch über die Jahrhundere Malereigeschichte war das Pigment Gegenstand von Debatten: während die Chiaroscuro-Maler von Caravaggio bis Rembrandt Schwarz exzessiv für ihre dramatischen Hell-Dunkel- Kontraste einsetzten, waren es später vor allem die Impressionisten, die sich das schwarze Pigment verbaten, weil es in der Natur nicht vorkomme.

Wider die Natur

Aber um die Kunst auf eine neue Stufe zu heben, ist es notwendig, wider die Natur zu handeln, siehinter sich zu lassen, zu überwinden – das erkannte Kasimir Malewitsch, als der russische Maler 1915 ausgerechnet sein „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“ zur Ikone der Moderne in den Hergottswinkel des Ausstellungsraumes erhob. „Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der  Gegenstandslosigkeit.“ Nur konnte diese komplette Abkehr von der Gegenständlichkeit logischerweise nur auch mit der Abkehr von jedweder Farbe vollzogen werden. Auch ein rotes Quadrat malte der Suprematist – mit weit weniger Wirkungskraft. Das „Schwarze Quadrat“: Verweigerung in Reinkultur, die kaum mehr zu steigern war.

Black Power
Damals Skandal, heute Meilenstein der Kunstgeschichte: Vor hundert Jahren zeigte Kasimir Malewitsch sein schwarzes Quadrat erstmals der Öffentlichkeit. Zum Jubiläum gratulieren zwei Ausstellungen

»Keine Farben, keine Form, kein Licht«

Und doch war dieser absolute Nullpunkt und behauptete Neuanfang paradoxerweise nicht das Ende, sondern erst der Startschuss für die Karriere der Nicht-Farbe in der Kunstwelt. Selbst in den 50er und 60er Jahren, als Performance- und Konzeptkünstler die Malerei langsam vom Thron der Avantgarde stiessen, konnte reines Schwarz seine Sprengkraft und subversive Note behalten. Es war Ad Reinhardt, Konzeptkünstler und Teil der Gruppe um die Abstrakten Expressionisten, der im Jahr 1957 zwölf „Rules for Pure Art“ (Regeln für eine pure Kunst) aufstellte. In Kurzfassung lauten die Regeln, die im Grunde eher Verbote sind: Kunst darf keine Textur, keine Farben, keine Form, kein Licht, keine Zeit, keine Bewegung, keine Objekte, keine Größe, kein Raum, kein Design, keine sichtbaren Pinselstriche und keine Zeichnung enthalten. Was da noch übrig bleibt? Monochrome schwarze Bilder natürlich – die Reinhardt seit 1953 auch ausschließlich malte.

Monopol auf die Farbe Schwarz
Künstler Johannes Bendzulla beginnt seinen Tag mit schwarzem Kaffee und der Lektüre diverser Online-Medien zur zeitgenössischen Kunst. Jeden zweiten Montag fasst er für art das Interessanteste daraus zusammen

Sind schwarze Bilder in all ihrer Verneinung aber dann überhaupt noch Kunst? So fragt der Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch in seinem Band zum Thema mit Verweis auf Schopenhauer: Kunst soll schließlich einerseits etwas darstellen und andererseits unsere Fantasie anregen. Schwarze Bilder tun all das nicht. Und bieten gerade deshalb die stärkste Geste, die in der Kunst denkbar ist. Schwarz verweigert – es sagt nichts, gibt nichts preis. Und das nicht nur metaphorisch: nicht nur das Fehlen jeder Farbinformation ist Schwarz – sondern es verschuckt selbst Licht und hat damit visuelle Eigenschaften, die kein anderes Pigment hat. „Die aktivste Farbe der Welt“ nennt der Maler Pierre Soulages sie auch aus diesem Grund. Nur deshalb konnte sich Anish Kapoor das Patent auf das „schwärzeste Schwarz“ sichern (und genau deshalb ist es sinnlos, mit dem pinksten Pink zu kontern). Schwarz zieht ins Dunkel, macht Angst, ist mysteriös. Aber es ist noch eine andere Assoziation, welche schwarze Bilder gerade im 21. Jahrhundert aktuell halten: Nichts ist schließlich so schwarz wie ein ausgeschaltetes Smartphone-Display. Und nichts, so scheint es heute, wirkt so radikal.

Composition with red, yellow and blue. 1928
Die Geschichte der Abstraktion, aktuelle Ausstellungen, Bilder und Geschichten rund um die Abstrakte Kunst