Noldes dunkle Seite

Ausgerechnet Emil Nolde! Einer der Superstars der Moderne ist in Misskredit geraten: Erkenntnisse zu Hitler-Verehrung und geschönten Memoiren haben Risse in seinen Heldensockel geschlagen. Ist sein farbgewaltiges Vermächtnis nun in Gefahr, nur noch in Braun wahrgenommen zu werden? Warum es gar nicht schlecht ist, dass die heile Nolde-Welt ins Wanken gerät.
Noldes dunkle Seite

Emil Nolde, um 1955 

Was macht Angela Merkel bloß? Muss Noldes idyllischer "Blumengarten in Alsen" von 1915 hinter ihrem Tisch im Kanzleramt jetzt weg? Und der an den Strand rollende "Brecher" von 1936 aus ihrer Besprechungsecke nicht erst recht? Sie hat sich nicht öffentlich geäußert zu den Enthüllungen über Emil Noldes Hitler-Verehrung. Dabei hätte sie als bekennender Nolde-Fan es wissen können.

Als sie 2008 die Nolde- Memoiren "Mein Leben" als ihre Urlaubslektüre nannte, reagierte der Journalist, Kunsthändler und Kunsthistoriker Florian Illies in der "Zeit" mit einem Artikel, in dem er beschreibt, dass Noldes Autobiografie in der ursprünglichen Version von 1934 antisemitische Textstellen enthielt, die nach dem Krieg getilgt wurden: Zwei Beispiele zu den Streichungen: Nach seiner ersten Begegnung mit einer jüdischen Sammlerin im, wie Nolde es nennt, "heiligen deutschen Reiche" notiert der Maler 1934: "Juden haben wenig Seele und Schöpfergabe. Juden sind andere Menschen, als wir es sind." Um dann wenige Seiten später feierlich zu erklären: "Durch ihre unglückselige Einsiedlung in die Wohnstätten der arischen Völker und ihre starke Teilnahme in deren eigensten Machtbefugnissen und Kulturen ist ein beiderseitig unerträglicher Zustand entstanden." 1934 ist auch das Jahr, in dem Nolde der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig beitritt, die später mit den NS-Gruppen der Region zur NSDAP-Nordschleswig zusammengelegt wird.

Noldes dunkle Seite

Angela Merkel in Ihrem Arbeitszimmer im Bundeskanzleramt, im Hintergrund: "Blumengarten in Alsen" von Emil Nolde.

Letztes Jahr lieferte der Journalist Stefan Koldehoff neue Belege: Er machte Textstellen aus einem Brief vom 6. Dezember 1938 öffentlich, der sich in der Schweiz im Nachlass von Noldes Vertrautem, dem Juristen Hans Fehr, befunden hatte: "Wenn ich im Leben, so lange ich Künstler bin, gegen Ueberfremdung der deutschen Kunst, gegen den unsauberen Kunsthandel und gegen die übergrosse jüdische Vorherrschaft in allem Künstlerischen in offenem Kampf gestanden bin und nun seit Jahren von der Seite, für die ich mit und vorgekämpft habe, angegriffen und verfolgt werde - dann müssen Missverständnisse vorliegen, die eine [sic] Klärung bedürfen." Was folgt, sind glühende Bekenntnisse zu "Führer, Volk und Vaterland".

Emil Noldes Hang zum Grotesken sprengt jede faschistische Weltauffassung

Die Worte waren, so weiß Historiker Bernhard Fulda, an den Pressechef der Reichsregierung Otto Dietrich gerichtet - das geht aus einem Brief hervor, den Nolde "Weihnachten 1938" an Fehr schrieb: "Von Seebüll aus hatten wir an den Reichspressechef bereits geschrieben und gebeten meinen ehrlichen deutschen Namen nicht mit den benannten jüdischen Grössen durch die Presse schleifen zu wollen." Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 1052 Werke von Nolde beschlagnahmt und 48 davon in der "Entartete Kunst"-Ausstellung verspottet worden. In beiden Fällen mehr als von jedem anderen Künstler.

Emil Nolde auf einem Foto von Minya Diez Dührkoop

Emil Nolde auf einem Foto von Minya Diez-Dührkoop, 1929

Fulda forscht mit seiner Frau, der Kunsthistorikerin Aya Soika, zu Noldes Haltung im Nationalsozialismus. Die beiden arbeiten unabhängig, haben aber die Unterstützung der Nolde-Stiftung in Seebüll und Zugang zum Nachlass, der davor seit Noldes Tod 1956 mehr oder weniger unter Verschluss lag. "Das Interessante ist, dass Nolde seine Kunst als urdeutsch und damit im besten Sinne nationalsozialistisch empfand", so Fulda. "Er konnte nicht fassen, dass die Nazis das nicht erkannten." Dabei war das kein Wunder: Nolde, der bei der Machtübergabe Hitlers 66 Jahre alt war, hatte da bereits einen Stil, der - egal, welches Sujet er bedient - so farbgewaltig, unberechenbar und unorthodox ist, dass er niemals ins gleichgeschaltete, kontrollierte Kunstverständnis der Nazis passen konnte.

Aber auch Noldes Hang zum Grotesken und religiös Überhöhten sprengt jede faschistische Weltauffassung. Egal, ob tanzende Kobolde in "Dünenspuk" (1901), feixende Fratzen in "Die Verspottung" (1909), eine ekstatische "Tänzerin" (1919) oder zwei glutäugige Dämonen in "Frühmorgenflug" (1938/45) - das Fantastische zieht sich wie ein roter Faden durchs Gesamtwerk und ist nicht nur seiner Begeisterung für den Symbolisten Arnold Böcklin geschuldet. Nolde war an der deutsch-dänischen Grenze mit Übersinn und Spökenkiekerei aufgewachsen: Seine Mutter glaubte, sie wäre hellsichtig. Genau wie sie konnte er nichts mit dem harten Bauernleben anfangen, in das er am 7. August 1867 als Hans Emil Hansen hineingeboren worden war.

»Er ist in sich zurückgezogen, wie die Leute aus dem Norden ja alle.« Paula Modersohn-Becker

Nolde wird in den meisten Lexika den Expressionisten zugerechnet, gehört aber eigentlich keiner Strömung und Schule wirklich an. "Nolde ist vielschichtig", sagt Felix Krämer, Sammlungsleiter Kunst der Moderne und Kurator der Retrospektive, die 2014 am Frankfurter Städel-Museum zu sehen war. "Er war beeinflusst von Böcklin, Hans Thoma und Max Liebermann, aber in seinen Frühwerken ist auch eine Nähe zu dänischen Zeitgenossen wie Peder Severin Krøyer und Vilhelm Hammershøi zu erkennen. Den Einfluss des 19. Jahrhunderts spürt man auch in späteren Werken: Er ist nicht so abgründig und exzessiv wie Kirchner, nicht so politisch und apokalyptisch wie Beckmann und nicht so scharf und zynisch wie Dix - das macht ihn so zugänglich und ist sicherlich ein Grund für seine große Beliebtheit." Bei aller künstlerischen Vielseitigkeit war Nolde ein in sich gekehrter Mensch. Bernhard Fulda hält es für möglich, dass seine Einsiedelei und Schweigsamkeit autistische Züge gehabt haben könnten. Paula Modersohn- Becker erlebt Nolde in Paris, wo er während der Jahrhundertwende lebte. Sie schreibt am 27. Mai 1900 an ihre Schwester:

"Eine neue Errungenschaft ist der Maler Hansen. Von Natur aus ein Schleswiger Bauernsohn, hat er lange im Kunstgewerbe gearbeitet, kam in der Schweiz auf den klugen Einfall, Gebirgspostkarten zu zeichnen, Jungfrau, Mönch, Eiger, mit drastischen Gesichtern, kennst Du sie? Sie waren auch in der ‚Jugend' veröffentlicht. Er nahm sie als schlaues Bäuerlein in eigenen Verlag und verdiente in einer Woche zehntausend Mark. Jetzt hat er die wahre Kunst auf dem Banner, und ein ernstes Streben. Dabei ist er in sich zurückgezogen, wie die Leute aus dem Norden ja alle."

Nolde hatte 1897 in St. Gallen - wo er als Zeichenlehrer an der Industrie- und Gewerbeschule arbeitete - tatsächlich einen Coup gelandet, der ihn für mehrere Jahre finanziell absicherte. Er brauchte das Geld, denn von seiner Kunst konnte er noch lange nicht leben - im Gegenteil: Da er an keiner Akademie genommen wurde, musste er seine Stunden privat bezahlen. Paris, das Mekka der Moderne, war ein Desaster für ihn. Zwar studiert er an der renommierten Académie Julian, wo auch Marcel Duchamp oder Henri Matisse lernten, doch Teil der hippen Künstlergemeinde wird er nicht. Er spricht kein Französisch und hat auch kein Gespür für die Dos and Don'ts der Szene. Das geht so weit, dass er, als er einmal in einem feinen Restaurant isst, die Fingerschale austrinkt, wie Nolde-Biografin Kirsten Jüngling in ihrem gerade erschienenen Buch "Die Farben sind meine Noten" schildert.

Aber wie Paula Modersohn-Becker schon feststellte, war Nolde nicht lebensuntüchtig. Dass er Geschäftssinn besaß, hatte er mit den "Bergpostkarten" bewiesen, und als er 1902 die hübsche, lebenslustige Ada Vilstrup heiratete, nahm seine Selbstfindung als Mensch und Künstler Form an. Die Hochzeit mit der angehenden Schauspielerin und Pianistin nahm er zum Anlass, seinen Nachnamen von dem nordisch-bäuerlichen "Hansen" in "Nolde" zu ändern - nach dem Ort, in dem er geboren wurde. Damit erfand er sich neu und blieb seinen Wurzeln doch treu. 1906 gesellt er sich zu den Expressionisten, die zu dem etwa 15 Jahre Älteren aufschauen und als Erste das revolutionäre Potenzial der Unmittelbarkeit und Spontaneität seiner derben Farb- und Formgebung erkennen. Er wird Mitglied der Künstlergemeinschaft "Die Brücke", ist befreundet mit Kirchner, Heckel, Schmidt- Rottluff, tritt aber schon bald wieder aus - er will mehr. 1908 legt er sich mit dem Präsidenten der Berliner Secession, Max Liebermann an, dem er vorwirft, "die Jungen" bewusst am Emporkommen zu hindern - da ist er 42.

Goebbels hatte sich persönlich für Nolde stark gemacht

Es zieht ihn immer wieder in die nordische Einöde von Alsen, wo er und Ada ein Häuschen haben und wo viele seiner farbglühendsten Stillleben wie "Schwertlilien" (1907) oder "Blumengarten: Stiefmütterchen" (1908) und 1910 viele Seestücke wie "Meer bei Alsen" und diverse "Herbstmeer"- Variationen entstehen. Dort malt er auch die Bilder, die zu den überraschendsten seines Werks zählen: die humorvollen, hintersinnigen Stillleben von Figuren aus seiner Nippes-Sammlung, die er vor üppigen Blumensträußen zu grandiosen Formationen arrangiert, wie "Stillleben (Victoria und Albert)" (1913), "Masken und Georginien" (1919) oder "Blumen und Wajang- Figuren" (1928). Aber Nolde reist viel, sogar bis in die Südsee, und leistet sich auch eine Wohnung in Berlin. Überhaupt sind er und Ada, die seine Korrespondenz führt, exzellent vernetzt mit Galeristen und Sammlern überall in Deutschland. "In den zwanziger Jahren ging es Nolde finanziell besser als wahrscheinlich 99 Prozent der Künstler in Deutschland. Und auch nach 1933 war er in der höchst privilegierten Situation, dass er es sich leisten konnte, Bilder nicht verkaufen zu müssen", erklärt Bernhard Fulda.

Noldes dunkle Seite

Abbildung aus dem Begleitbuch zur Ausstellung "Entartete Kunst" von 1937.

Auch Felix Krämer ist sicher: "Er war nicht die naive Seele vom Lande, als die er sich gern darstellte." Während der Weimarer Republik läuft alles grandios: 1923 eine Ausstellung in New York, 1927 die Ehrendoktorwürde in Kiel, 460 seiner Bilder gehen auf Deutschland-Tournee, ein Band mit Briefen erscheint, herausgegeben von Max Sauerlandt, und in einer Festschrift zu seinem 60. Geburtstag huldigen ihm Größen wie Paul Klee, der damals am Bauhaus lehrte, der Fotograf und Verleger Ernst Fuhrmann und Kunstkritiker Paul Westheim. Nolde ist ganz oben, es ist der Höhepunkt seiner Karriere. "Trotz des großen Erfolgs hält sich der Mythos vom zweifelnden, mit sich ringenden Künstler", schreibt Felix Krämer im Katalog. "Dabei wird Nolde als urgewaltige, unergründliche Naturerscheinung verklärt. Vielen gilt seine Kunst als typisch deutsch, fest verbunden mit der Heimat." Damit war Nolde der Weltsicht des rechten Spektrums der Weimarer Republik extrem nah. Hitlers Machtübernahme begrüßen Ada und Emil - wie diverse Briefe belegen - euphorisch. Umso fassungsloser reagiert Nolde auf die kategorische Ablehnung, die ihm ab 1933 entgegenschlägt.

Eine nicht einflusslose Gruppe um Joseph Goebbels und Baldur von Schirach hatte zwar versucht, Nolde aufs Podest zu heben, musste sich aber denen beugen, die seine Nähe zum Expressionismus als Beweis für seine Unwürdigkeit anführten. Soika und Fulda bringen das Dilemma auf den Punkt: "Wie soll man mit einem Künstler umgehen, der sich seinerzeit offen zur nationalsozialistischen Ideologie bekannte, dennoch vom Regime zum "entarteten" Künstler erklärt wurde, und trotz Berufsverbots in den letzten Jahren der Diktatur großartige Bilder schuf?" "Natürlich müssen wir uns mit Noldes Haltung während der NS-Zeit auseinandersetzen, aber es wäre falsch, ihn nur noch durch die braune Brille zu sehen", meint Felix Krämer. "Noldes Malerei und die Faszination, die seine Bilder bis heute auf ein breites Publikum ausüben kann man nicht über den Nationalsozialismus erklären. Bis heute gibt es keinen anderen Künstler, der Ölfarbe so zum Glühen bringen kann, dass die Bilder von innen zu leuchten scheinen. Auch sein Umgang mit Aquarellfarbe ist unerreicht."

Magier der Farben
Vom tonigen Impressionisten zum farbstarken Maler der Moderne: Zu Emil Noldes 150. Geburtstag hat die Nolde-Stiftung im früheren Wohnhaus des Künstlers zahlreiche Meisterwerke zusammengestellt

Seit 25 Jahren hatte es keine Retrospektive mehr in Deutschland gegeben - schon gar keine, die Noldes ambivalente Rolle während der Nazizeit offen anspricht. Den bis zuletzt gültigen Status quo hatte Siegfried Lenz 1968 in seinem begeistert gefeierten Roman "Die Deutschstunde" festgelegt, als er Nolde in der Figur des Malers Max Ludwig Nansen ein Denkmal als NS-Widerständler setzte. Das Buch ist bis heute an vielen Schulen Teil des Lehrplans. Das Städel zeigte 2014 dann 140 Werke, davon 90 Gemälde, in der chronologischen Folge ihrer Entstehung. Eines der wichtigsten ist "Das Leben Christi", ein neunteiliges Polyptychon, an dem Nolde 1911 und 1912 in Alsen und in Berlin arbeitete. Es war schon einmal das Hauptexponat einer großen Schau; und zwar 1937/38 in der Feme-Ausstellung "Entartete Kunst". In Frankfurt wird das monumentale, an einen Altar erinnernde Werk einen eigenen Raum bekommen.

Für Nolde selbst stellten die religiösen Bilder den Höhepunkt dar. Als er noch auf dem Hof seiner Eltern lebte, hatte er sich in die Religion geflüchtet, wollte Missionar werden. Die Ästhetik dieses Konvoluts ist archaisch, provokativ, fast schon grob und hat viele seiner Zeitgenossen vor den Kopf gestoßen. In "Verlorenes Paradies" (1921) sitzen ein schmollender Adam und eine plumpe, ins Nichts starrende Eva so genervt nebeneinander, dass man meint, sie hätten gerade einen furiosen Beziehungskrach hinter sich - das Paradies als Wohnzimmer. Mit dieser Verweltlichung der Schöpfungsgeschichte war Nolde seiner Zeit weit voraus. Und ist es noch heute. Das Bild fesselt den Betrachter genauso wie es ein Inflagranti-Schnappschuss von einem zankenden englischen Thronfolgerpaar würde. Es ist nicht verblüffend, dass die Nazis "Das Leben Christi" mit einer schwarzhaarigen, eindeutig nichtarischen Maria, die den neugeborenen Jesus als nackten, roten Fleischklops emporhebt, missbilligten.

Jede Generation verortet einen Künstler anders. Vor der Frankfurter Retrospektive gab es keine Schau, die sich auf die Fahnen schrieb, das Gesamtwerk Noldes in seiner ganzen ambivalenten Breite zeigen zu wollen. Die Nadelstiche sind gezielt gesetzt und zeigen, dass die Überschneidungen in Noldes Biografie die gängigen Aufarbeitungskategorien "Täter", "Opfer", "Mitläufer" zu simpel sind. Außer "Opfer" und "Mitläufer" ist Nolde darüber hinaus auch noch ein Nutznießer des Systems, denn wäre er von den Nazis gefeiert worden, könnten wir sein Werk heute nicht so vorbehaltlos würdigen und genießen. Das Ziel in Frankfurt war es, einen neuen Status quo zu etablieren für einen der wichtigsten Künstler der Moderne, dessen Leben begann, noch bevor Otto von Bismarck Reichskanzler war, und endete als Konrad Adenauer das Amt des Bundeskanzlers innehatte - womit wir wieder bei Angela Merkel wären: "Brecher" und "Blumengarten in Alsen" hängen nach wie vor in den Räumen der Kanzlerin und sind stumm zugegen, wenn sie Deutschland regiert.

Dieser Artikel erschien zuerst in art 03/2014.

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Emil Nolde auf einem Foto von Minya Diez Dührkoop
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