Ausstellung zu Edvard Munch in Oslo

Der andere Munch

Kaum bekannte Werke und überraschende Seiten: Einen fröhlichen, fast beseelten Edvard Munch gibt es derzeit in Oslo zu entdecken. Der weltbekannte Schriftsteller Karl Ove Knausgård präsentiert dort seine eigene Sicht auf den Maler. Art-Autor Clemens Bomsdorf ist in die Welt der beiden eingetaucht.
Der andere Munch

Auftakt der Ausstellung: Edvard Munchs "Solen" (Die Sonne), 1910–13, Öl auf Leinwand, 179 x 225 cm

Es ist wenig originell und trotzdem spektakulär wie Karl Ove Knausgård die von ihm kuratierte Ausstellung zu seinem Landsmann Edvard Munch, beginnen lässt. Wer die lästigen Sicherheitskontrollen und Schleusen im Osloer Munch Museum hinter sich gebracht hat, steht vor nichts Geringerem als "Solen", jenem ikonischen Bild der hell strahlenden Sonne, bei dem die Landschaft nur noch Beiwerk ist. Es gehört zu den wenigen sehr bekannten Munch-Arbeiten der Ausstellung und stellt den Besucher gleich darauf ein, wie die kommenden Säle begangen werden sollten.

Munchs Sonne eröffnet eine Welt. Der strahlende Stern spielt seit jeher für die Menschheit eine besondere Rolle, weil seine Energie, sein Licht und seine Wärme das Leben auf der Erde überhaupt erst ermöglicht. Munch gelang es, die spirituelle Verehrung des Himmelskörpers und die mit ihm verbundene Kraft in besonderer Weise nicht nur ins Bild zu setzen, sondern unmittelbar an den Betrachter weiter zu geben. Wohl niemand käme auf die Idee, sich bei diesem Bild in Details zu verlieren. Es geht darum einzutauchen.

Der andere Munch

Edvard Munch: "Sommer im Garten (Linde-Fries), 1904

Wenn das gelingt, sind Geist und Blick bereit für die folgenden von Knausgård und Kuratorin Kari Brandtzaeg ausgewählten Munch-Motive. Weil Knausgård die sonst üblichen Erklärtexte aus den Ausstellungsräumen verbannt hat, ist es ein Leichtes, der Versuchung zu widerstehen, unbedingt und sofort mehr über die Entstehungsgeschichte der gezeigten Werke herausfinden zu wollen. Es empfiehlt sich sogar beim ersten Rundgang das Faltblatt mit Titel und Daten liegen zu lassen und sich lediglich auf Munchs Werke und die drei, vier an die Wand geschriebenen Knausgård-Zitate zu beschränken.

Der norwegische Schriftsteller ist für seine langen, detaillierten Beschreibungen kleinster Ereignisse bekannt. Wenn er zum Beispiel im Roman "Sterben" beschreibt, wie sein Protagonist mit Alkohol in einer Plastiktüte durch die winterliche Landschaft geht, dauert das Lesen dieser Passage fast so lange wie das Zurücklegen des Weges selbst. Noch entscheidender als die Zeitkomponente ist aber, wie die Leser nicht nur teilhaben, sondern Teil werden. Genau das eröffnet sich auch bei Knausgårds Munch. Gleich im ersten, "Licht und Landschaft" betitelten Saal stehen Munchs fröhlichere Darstellungen von Menschen in der Natur im Mittelpunkt. Den Anfang macht "Sommer im Garten" aus dem Linde-Fries. Auch die "Frau mit Mohnblume" ist zu sehen, ein für Munch ungewöhnlich liebliches Bild. Gleich daneben, und viel typischer, die augenlosen "Mädchen, die Blumen wässern" (ebenfalls Teil des Linde-Fries). Solche Bilder ohne jegliche Texthilfe zu vergleichen ist spannend und schult den Blick.

Höhepunkt bilden die "Chaos und Kraft" und "Die Anderen" betitelten Räume. In ersterem nehmen Beziehungsbilder, also jene für Munch so typischen Motive, eine bestimmende Rolle ein. Wie zu erwarten dominieren hier Spannung und das Düstere. Ausgerechnet diesen Saal ganz in schwarzem Holz zu verkleiden, wirkt dennoch nicht platt. Die durchscheinende Struktur der Wandverkleidung greift mit dem Schwarzweiß vieler grafischen Werke wunderbar ineinander.

Ist das Ego des Schriftstellers zu groß?

Im letzten Raum sieht sich der Betrachter plötzlich von einer Armada aus Porträts umgeben, darunter auch bekannte wie das von Elisabeth Förster-Nietzsche, aber vor allem selten Gesehenes. Durch die simple Hängung fühlt sich der in der Mitte stehende oder sitzende Museumsgast von allen Seiten angestarrt. Das ist ein gutes Beispiel für die Stärke der Ausstellung. Denn obwohl etliche nahezu unbekannte Munch-Arbeiten gezeigt werden, dürfte Knausgårds Schau – anders als die letzte Munch-Großausstellung "Der moderne Blick" (2012 in der Frankfurter Schirn) – bei den Besuchern kaum zu großen Überraschungen führen. Es ist vielmehr die Art der Präsentation, die sie auszeichnet, weil die das Eintauchen in Munchs Bilder auf eine andere, erlebnisorientierte Art ermöglicht.

Der andere Munch

Ausstellungsansicht

Vielleicht ist es nicht sonderlich innovativ, die Bildauswahl so stark am Motiv auszurichten. Auch hängen oft starke neben ziemlich schwachen Arbeiten. Die wohl härteste Kritik kam von Oda Bhar im norwegischen "Morgenbladet". Sie schrieb, wie gut es doch sei, dass der Schriftsteller eine professionelle Kuratorin an die Seite gestellt bekommen habe. Viel zu sehr wolle er sich selbst spiegeln in Munchs Arbeiten. Wenn man berücksichtigt, wie viel Raum das "ich" in Knausgårds Literatur einnimmt, ist das gar nicht so verwunderlich. Und wer sich darauf einlässt, hat mit dem Dialog der beiden großen Norweger auch Gelegenheit, ein wenig mehr über das eigene "ich" und die großen Themen des Lebens zu erfahren – und nebenbei ein paar unbekannte Munchs zum allerersten Mal zu sehen.

Wenn die Seele brennt
Alkoholexzesse, chronischer Geldmangel, Psychiatrieaufenthalte – Edvard Munch und Vincent van Gogh verband nicht nur ihr schwankendes Gemüt. Auch auf der Leinwand gibt es überraschende Schnittmengen
Munch, Mädchen auf der Brücke
Übersicht zu allen Artikeln und aktuellen Ausstellungen mit Edvard Munch