Geschichte Venedigs als Stadt der Künstler

Liebe, Rausch & Untergang

Venedig ist ein magischer Ort. Seit Jahrhunderten inspiriert die Stadt Maler zu Meisterwerken. Kathrin Baumstark, die für das Bucerius-Kunst-Forum die Ausstellung »Venedig – Stadt der Künstler« konzipierte, versucht im Gespräch, diesen besonderen Reiz zu ergründen.
Liebe, Rausch & Untergang

Wassily Kandinsky: "Erinnerung an Venedig 4 (Rialtobrücke)", 1904

Das Bucerius-Kunst-Forum in Hamburg zeigt noch bis 15. Januar 2017 »Venedig – Stadt der Künstler«. Kuratorin Kathrin Baumstark, die mit ihrer Kollegin Inés Richter-Musso die Ausstellung konzipiert hat, spricht mit art darüber, warum nicht nur Künstler diese Stadt so lieben.

art: Dieses Jahr haben Bastian Schweinsteiger und Ana Ivanovic in Venedig geheiratet, 2014 George Clooney und Amal Alamuddin. Die Stadt ist ein Sehnsuchtsort – nicht nur für Künstler. Was macht die Magie aus?

Kathrin Baumstark: Venedig ist die Stadt der Liebe und ein ganz eigener Kosmos. Das liegt an der atemberaubenden Kulisse und daran, dass man sich dort ganz anders bewegt: nicht mit Bus und Bahn, sondern mit Gondel und Vaporetto. Hotels haben keine Garagen, sondern Anlegeplätze! Man läuft durch verwinkelte Gassen, gerät an verwunschene Plätze, überquert malerische Brücken und bewegt sich durch jahrhundertealte Architektur, zum Teil aus der Römerzeit. Das Bild, das wir von Venedig haben, wurde durch Künstler geprägt, die seit Jahrhunderten die Stadt auf dem Wasser malen.

Was haben Künstler vor 500 Jahren gemalt, und was malen sie heute?

Lazzaro Bastiani hat 1487 den Empfang von zwei Herzögen gemalt. In dem Bild geht es um den Festakt, darum, wie die Stadt zur Kulisse für ein Ereignis wurde. Das ist eher chronistisch zu sehen als individuell. Individuelle Darstellungen kamen später, etwa im 17. und 18. Jahrhundert von Canaletto, Bellotto und Guardi. Die Impressionisten widmeten sich dem Licht auf dem Wasser mit der Stadt eher im Hintergrund. Zu den jüngsten Venedig-Werken in unserer Ausstellung gehören Fotografien der Becher-Schüler Candida Höfer und Thomas Struth. Struth fotografiert Touristen und im Gebet versunkene Gläubige in Kirchen, also Menschen im religiösen Raum. Bei Höfer geht es eher um Raumstruktur, zum Beispiel die eines Theaters, ohne Menschen.

Welche Maler haben vor allem unser romantisches Venedig-Bild geprägt?

Die Veduten-Maler, die Maler der berühmten Stadtansichten – allen voran natürlich Canaletto. Ich nenne das, was seine Bilder auslösen, den "Ah!"-Moment. Damit meine ich die Reaktion der Menschen auf die Nennung von Venedig. Wenn ich erzählt habe, dass wir eine Venedig-Ausstellung machen, gab es fast immer diesen schwärmerischen Ausruf: "Ah, wie schön!" Und dafür sind die Veduten-Maler verantwortlich. Sie haben mit ihren idealisierten Stadtansichten dieses zauberhafte Venedig-Bild geprägt. Früher hat man ja gedacht, die Veduten wären die originalgetreue Abbildung der Realität, heute weiß man: Das stimmt nicht. Canaletto hat die Perspektive immer zu seinen Gunsten verschoben: Blickwinkel geändert, Horizonte erweitert – immer so, wie es zu seinem ästhetischen Empfinden passte. Es gibt ein Bild vom Dogenpalast, auf dem er doppelt so viele Arkaden hat.

Warum hat Canaletto idealisiert und nicht das gemalt, was er wirklich gesehen hat?

Den Ansatz gab es zu Canalettos Zeiten noch gar nicht. Diese Art von Realismus kommt ja erst viel später. Canaletto wollte huldigen, den Glanz und Pomp der großen Metropole für die Nachwelt festhalten. Venedig – auf unzähligen Holzpfählen ins Wasser gebaut – drohte ja immer unterzugehen. Diese unglaubliche Existenzangst zieht sich durch die Jahrhunderte und hat die Künstler ganz entscheidend beeinflusst. Dabei hält die Stadt sich ja nun wirklich hartnäckig über Wasser!

Das hat etwas Dramatisches.

Ja, Venedig hat ganz viel Drama, es bietet eine großartige Kulisse für Emotionen. Venedig war schon immer anders. Vor 300, 400 Jahren war die Diskrepanz zum Rest der Welt noch größer als heute. Im 18. Jahrhundert gab es etwa 40 große Stadtfeste im Jahr, und die liefen nicht geordnet und in Reihenfolge ab, sondern sie erstreckten sich über mehrere Tage, überschnitten sich. Das kann man sich wie ein riesiges rauschhaftes Fest vorstellen, nonstop das ganze Jahr durch. Das muss fantastisch gewesen sein! Man konnte in Venedig die Nächte durchmachen, tanzen, trinken, sich verkleiden, in eine andere Rolle schlüpfen. Venedig war ein Ort, an dem man freier und lustvoller leben konnte als an den vielen anderen Orten Europas. Die Moralvorstellungen waren ja überall noch sehr eng.

War denn tatsächlich mehr erlaubt?

In Venedig gab es seit 1638 das erste staatliche Casino Europas – das Ridotto. Es befand sich in einem Flügel des Palazzo Dandolo. Der Dresscode war, dass man nur mit einer Maske eingelassen wurde. Das war ein besonderer Reiz, denn die Anonymisierung gab den Besuchern mehr Freiheiten. Niemand konnte sicher wissen, wer hinter einer Maske steckte. Es existierte also neben der Verheißung von Rausch auch eine Verheißung von Glück. Dieses zügellose, morbide und gleichzeitig doch hochkulturelle Image – Stichwort Biennale – haftet Venedig immer noch an.

Gibt es Bilder, die das besonders gut zeigen?

Von Giovanni Antonio Guardi gibt es ein sehr schönes Gemälde aus dem 18. Jahrhundert, auf dem man die Maskierung der Damen und Herren im Casino sehen kann. Sein Bruder Francesco Guardi hat die Menschenmenge vor dem Ridotto gezeichnet: schemenhafte, in Umhänge gehüllte Gestalten ohne Gesichter, die aussehen wie ein Fledermausschwarm, der kurz vor dem Abheben ist. Da spürt man die aufgeladene Stimmung, die im Ridotto oder auch beim Karneval geherrscht haben muss. Von Johann Heinrich Tischbein d. Ä. gibt es sogar ein Selbstbildnis mit seiner Ehefrau, das die beiden in Maskerade im Casino zeigt.

Wer konnte sich denn im 18. Jahrhundert eine Reise nach Venedig leisten?

Wohlhabende Leute wie Adlige und Kaufleute. Sofern sie sich für Kunst interessierten, sind sie nach Venedig gereist, um ganz frische Werke zu kaufen. Eine der schillerndsten Persönlichkeiten war Sigismund Streit, der im Alter von 22 Jahren 1709 zu Fuß von Hamburg-Altona nach Venedig wanderte, wo er eine atemberaubende Karriere hinlegte: Er arbeitete sich hoch vom Kaufmannsdiener zum reichen Kaufmann mit eigenem Palazzo am Canal Grande. Er war Mitte des 18. Jahrhunderts einer der einflussreichsten Sammler und Mäzene und ein wichtiger Auftraggeber für Canaletto oder Francesco Zuccarelli.

Was malten die Künstler noch?

Die Machthaber und Zeremonien. Von Bellini gibt es ausdrucksstarke Porträts der Dogen. Das waren die mächtigen Oberhäupter, die wichtige Handelsimperien in Afrika, Asien und Europa regierten. Die mussten natürlich porträtiert werden. Das waren Auftragsarbeiten. Auf den Zeremonienbildern wurden bedeutende Feste gemalt, wie die "Festadella Sensa", bei dem die Vermählung des Dogen mit dem Meer gefeiert wird. Daran nahmen alle wichtigen Leute teil: der Senat, die Mitglieder des Großen Rates, aber auch Botschafter und Gesandte, die sich in der Stadt aufhielten. Unter Gesängen warf der Doge einen gesegneten goldenen Ring ins Wasser – eine Vermählungsgeste, um die Herrschaft Venedigs über die Adria zu markieren. Das wird immer noch gefeiert, und davon gibt es viele tolle Bilder, die die Entwicklung der Darstellung zeigen, denn anfangs wurde der Mythos gemalt, ab dem 17. Jahrhundert das Fest, so wie es sich ereignete.

Anfangs versuchten Künstler also durch die Darstellung Venedigs im Idealzustand die Stadt vor dem Untergang zu bewahren. Ab wann wird denn der Verfall tatsächlich in Bildern dokumentiert?

Ganz prominent ist da der Engländer John Ruskin, der mit Stones of Venice bis heute eine der wichtigsten Arbeiten zur venezianischen Architektur geliefert hat. Ruskin hat Mitte des 19. Jahrhunderts mit seinem Assistenten John Hobbs alle Palazzi und viele weitere Ecken der Stadt für die Nachwelt aquarelliert und fotografiert. Er war überzeugt, dass seine Generation die letzte wäre, die Venedig erlebt. Hobbs, der die Daguerreotypie beherrschte, hat faszinierende Aufnahmen gemacht. Die haben eine ganz eigene tolle, morbide Ausstrahlung.

Hat ab dem 19. Jahrhundert niemand mehr Venedig als Sehnsuchtsort glorifiziert?

Doch, Friedrich Nerly zum Beispiel. Der hat im 19. Jahrhundert in seinen Veduten noch mal den berühmten "Ah!"-Moment beschworen, in Gemälden wie Piazzetta in Venedig bei Mondschein (1842). Den stellen wir als Zeitgenossen ganz bewusst Ruskin und Hobbs gegenüber. Nerly ging so weit, dass er Venedig von jeder Modernität befreite. Auf seinen Bildern gibt es nur Gondeln, und die Menschen sind so kostümiert wie ein Jahrhundert vorher. Die Dampfschiffe, die es zu Nerlys Zeit schon gab, hat er einfach weggelassen. Diese Art von Modernisierung passte wohl in seinen Augen nicht zu Venedig.

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Spielt die Stadt eine größere Rolle als die Menschen?

Ja, wenn man von den Dogen-Porträts absieht. John Ruskin ging es ausschließlich um die Architektur. Auch bei William Turner gibt es nur sehr wenige Menschen. Ihm geht es um das Licht, den Himmel, die Stimmung. Auf seinen Gemälden scheint die Stadt sich in einem magischen Flirren aufzulösen. Bei Monet ist das ähnlich. Und auch bei Kandinsky ist die Stadt die Hauptfigur. In der Gegenwart erleben wir nur bei Thomas Struth etwas anderes, wenn er Menschen – Touristen wohl – in Räumen fotografiert. Er thematisiert das Sehen von Kunst im Verhältnis zu Religiosität und Tourismus und untersucht die Beziehung zwischen Raum, Werk und Betrachter. Die Fotos von Candida Höfer sind menschenleer.

Liebe, Rausch & Untergang

Seit 2016 ist die Kunst-, Religions-, und Literaturwissenschaftlerin Kuratorin am Bucerius-Kunst-Forum. "Venedig – Stadt der Künstler" ist ihre erste Ausstellung für das Haus. Sie hat sie zusammen mit der Kunsthistorikerin Inés Richter-Musso konzipiert, die Spezialistin ist für Landschaftsmalerei des 17. bis 19. Jahrhunderts.

Was macht den Reiz der gegenwärtigen Venedig-Darstellungen aus?

Ich glaube, dass auch Struth und Höfer sich auf den Mythos beziehen. Wir haben von Höfer ein Bild vom Theater, von Struth eins aus dem Museum. Da schwingt der alte Glanz mit. Für Gegenwartskünstler hat Venedig ja auch eine besondere Bedeutung, weil dort die Biennale stattfindet, eine der wichtigsten Veranstaltungen der Kunstwelt überhaupt. Darauf nimmt Martin Kippenberger in seiner Arbeit Sozialkistentransport Bezug, in der er thematisiert, dass er nie eingeladen wurde.

Was für ein Ort ist Venedig heute?

Es gibt den Film Das "Venedig-Prinzip" des Dokumentarfilmers Andreas Pichler, in dem es um den Ausverkauf Venedigs geht. Pichler begleitet darin einige echte Venezianer, zum Beispiel einen Makler, der erzählt, dass sich kein Einheimischer mehr eine Wohnung leisten kann, und zeigt, wo die reichen Engländer, Amerikaner, Russen wohnen. Viele Häuser stehen das ganze Jahr leer, die sind nur zur Biennale für ein paar Tage bewohnt. Es gibt Wissenschaftler, die damit rechnen, dass bis 2030 niemand mehr in Venedig einen Alltag lebt. Das merkt man ja jetzt schon daran, wie leer die Stadt nachts ist. Wenn die riesigen Kreuzfahrtschiffe anlegen – und das werden ja jedes Jahr mehr – ergießen sich die Passagiere wie eine Flut in die Gassen. Aber von denen übernachtet niemand in der Stadt. Venedig wird von etwa 60 000 Touristen pro Tag besucht. Ein Venezianer erzählt, dass es nahezu unmöglich ist, einen Liter Milch zu kaufen. Es gibt einfach keine Supermärkte mehr – für wen auch?

Haben Sie einen Lieblingsort in Venedig?

Ich war noch nie richtig lange in Venedig. Gelebt habe ich ja in Florenz. Vielleicht habe ich mich von der latenten Venedig-Skepsis der Einheimischen erfassen lassen. Italiener empfinden Venedig als disneyfiziert, also künstlich, nicht mehr authentisch. Da sind so viele Touristen, die das romantische Klischee von Venedig erleben wollen. Das schreckt die Italiener eher ab.

Was ist heute noch echt?

Vielleicht ist das Unechte längst zum Echten geworden. Vielleicht ist das Klischee gar kein Klischee mehr, sondern das, was von der Stadt übrig ist. Möglich, dass die Authentizität im Moment verloren ist – oder das, was wir uns darunter vorstellen. Vielleicht gab es das auch nie. Wir haben ja auch nur die Kunst, die idealisierten Bilder von Künstlern, die ihre eigenen Sehnsüchte in ihre Werke projiziert haben. Vielleicht macht aber auch das genau den Reiz dieser Stadt aus – dieses Schillernde, Flüchtige, das sich unserem Verstand ein Stück weit entzieht. Es ist, als wäre die Stadt schon immer ein Traum gewesen.

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