Die Geschichte des deutschen Pavillons

Ein ziemlich deutscher Pavillon

Seit Jahrzehnten arbeiten sich die Künstler der Bundesrepublik an dem Nazibau auf dem Biennale-Gelände ab – und spiegeln damit die Auseinandersetzung der Nachkriegsdeutschen mit ihrer Geschichte. Robert Fleck über den deutschen Pavillon.
Ein ziemlich deutscher Pavillon

Der den nationalsozialistischen Stil mit wuchtigen Pfeilern statt zierlicher Säulen entstand nach einer Umgestaltung 1938: der deutsche Pavillon in Venedig

Wie alle klassischen, noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstandenen Nationalpavillons der Biennale von Venedig verkörpert der deutsche Pavillon in sich selbst ein Jahrhundert. Aber in keinem anderen ist die Zeit so zu greifen. In einzigartiger Weise überlagern sich in diesem Gebäude Kunstgeschichte und Geschichte schlechthin. Dabei wurde er als Einziger gleich zweimal errichtet. Warum? Die Begebenheit ist bekannt, seit Hans Haacke sie 1993 mit seiner Installation im Mittelsaal des kirchenartigen Gebäudes in unvergesslicher Weise vor Augen führte. Der Künstler ließ während der Aufbautage seiner Ausstellung die Travertinplatten aus dem Boden heben und wieder fallen, so dass sie ein zufällig geformtes Trümmerfeld ergaben, über das der Ausstellungsbesucher den Weg zum Ausgang suchen musste. Am Eingang hing ein – bis dahin kaum gezeigtes – Foto vom Besuch Adolf Hitlers im deutschen Pavillon bei der Biennale von Venedig im Jahr 1934. Haacke legte den Finger auf eine Wunde und gewann damit den Goldenen Löwen für den besten Pavillon. Das gerade erst wiedervereinigte Deutschland hatte vor den Augen der Welt den Mut aufgebracht, eine radikale Arbeit der Selbstkritik zuzulassen, die der Künstler und der Ausstellungskommissar Klaus Bußmann überdies sogar vor der deutschen Verwaltung des Pavillons geheim gehalten hatten. Die beiden Seitentrakte bespielte parallel Nam June Paik, ausländischer Professor für Videokunst in Düsseldorf, mit einer fulminanten Videoorgie. Paik stellte damit als erster asiatischer Künstler in einem europäischen Nationalpavillon in Venedig aus – eine Vorwegnahme der Globalisierung.

1930 kamen das Bauhaus und Max Beckman zum Zug

Der erste deutsche Pavillon war 1909 als bayerischer Pavillon errichtet worden. Die kaiserliche Kulturpolitik in Berlin hätte eine derartige Unterstützung für ein modernistisches Unternehmen wie die 1895 gegründete Biennale von Venedig nicht zugelassen. Die "Große Ausstellung in Venedig" mit ihrem zweijährigen Rhythmus, aus der das Wort "Biennale" entstand, kam aus dem Zusammenwirken von Künstlervereinen zustande, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts gegenüber dem offiziellen Kunstbetrieb der alternden europäischen Monarchien und der Dritten Republik in Frankreich selbstständig organisierten. Die Münchner, die Berliner und die Wiener Secession waren – nach Vorbildern in Brüssel und Paris – erste Stätten des freien Kunstbegriffs, der das 20. Jahrhundert prägen sollte. Ab ihrer zweiten Austragung im Jahr 1897 war die Biennale von Venedig ein Versammlungsort moderner Künstler, abseits der Kontrolle der mächtigen Nationalstaaten gelegen. Als Ausstellungsgelände nutzt die Biennale bis heute die "Giardini", das einzige große Parkgelände Venedigs, das auf Anordnung von Napoleon während dessen Besetzung der Stadt mittels der Schleifung eines Klosters angelegt worden war. Die ersten Pavillons außerhalb des ursprünglichen Ausstellungsgebäudes entstanden 1907 und 1909 als Eigeninitiative von Künstlern und Sammlern. 1909 ahmten Künstler der Münchner Secession die Idee ihrer belgischen Kollegen nach, sich durch ein eigenes Ausstellungshaus von der konservativen venezianischen Jury unabhängig zu machen, um radikalere Werke ausstellen zu können. Vor dem Ersten Weltkrieg, 1912, wurde dann der bayerische Pavillon zum Ort gesamtstaatlicher Ausstellungen, die allerdings die dramatische politische Entwicklung im "Mutterland" spiegeln. Als 1930 endlich die modernen Künstler aus dem Bauhaus und Max Beckmann zum Zug kamen, tobte die Presse in Deutschland. Das Klima war bereits Jahre vor der Ausstellung "Entartete Kunst" von 1937 verdorben.

Beim ersten offiziellen Zusammentreffen in der Villa Pisani bei Padua sprach Hitler 1934 gegenüber Mussolini den Wunsch aus, die Biennale von Venedig zu besuchen. Bei dem überstürzt organisierten Termin lehnte der frühere Kunststudent Hitler das ihm vom Biennale-Präsidenten als Geschenk überreichte Bild als zu modern ab und äußerte sich abfällig über die – allerdings bereits im Sinne des Nationalsozialismus gleichgeschaltete – Ausstellung im deutschen Pavillon. 1938 wurde dieses ursprüngliche Gebäude umgestaltet und durch neoklassizistische Bauelemente von Ernst Haiger ersetzt, der den nationalsozialistischen Stil mit wuchtigen Pfeilern statt zierlicher Säulen manifestartig zusammenfasst. Bis heute bildet die Auseinandersetzung mit diesem Baudenkmal das Handicap, aber auch die besondere Herausforderung für die in diesem Haus ausstellenden Künstler.

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1993 zertrümmerte Hans Haacke die Bodenplatten des Deutschen Pavillons.

Der Reigen international beachteter deutscher Ausstellungen zur Biennale von Venedig begann 1964 mit der Ausstellung von Norbert Kricke im Hauptraum, der als erster Künstler in Venedig seine Eisenskulpturen vor Ort, in Auseinandersetzung mit dem Gebäude realisierte. 1970 bestätigten Heinz Mack und Günther Uecker, die den Pavillon auch erstmals an seinen Außenwänden bespielten, die Bedeutung der ZERO-Bewegung, die in den letzten Jahren eine spektakuläre Wiederentdeckung erfährt. 1972 gab es die erste Einzelausstellung eines Künstlers im deutschen Pavillon: Der damals 40-jährige Gerhard Richter startete von hier aus seinen fulminanten Welterfolg.

Die Anfänge der kontinuierlichen internationalen Beachtung des deutschen Pavillons seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts fielen noch bescheiden aus. Klaus Gallwitz, langjähriger deutscher Kommissar für die Biennale von Venedig, berichtet von 1976, dass er mit den Künstlern Joseph Beuys, Jochen Gerz und Reiner Ruthenbeck angesichts der ruinenartigen Erscheinung des Pavillons überlegte, ob man da überhaupt ausstellen könne. Noch heute kann man ihn kaum betreten, ohne die Bilder von Joseph Beuys’ legendärer Installation "Straßenbahnhaltestelle" (heute im Kröller-Müller Museum in Otterlo) vor Auge zu haben, für die der umstrittenste Künstler dieser Jahre die Haltestelle nachgoss, an der er als Schüler im niederrheinischen Kleve gestanden hatte. Er richtete die so entstandene Bronzeskulptur im Pavillon vertikal auf und verband sie durch eine Bohrung, die den Boden des Pavillons durchstieß, mit dem Grundwasser, das heißt dem Wasser aus der venezianischen Lagune. Gegen den (über)mächtigen Bau, dem wesentlichen Relikt nationalsozialistischer Architektur außerhalb Deutschlands, setzte Beuys eine vegetative Zirkulation, einen selbstständigen Kreislauf zwischen organischen Materialien in einem Ausstellungsraum.

Es folgten Dieter Krieg und Ulrich Rückriem, 1980 machte die erste Holzskulptur von Georg Baselitz, eine Mannesgestalt mit erhobenem Arm, neben den monumentalen Bildern von Anselm Kiefer Sensation. Dann kamen 1982 Wolfgang Laib und Gotthard Graubner, 1984 Lothar Baumgarten, 1986 Sigmar Polke, 1988 Felix Droese und 1990 Reinhard Mucha und Bernd und Hilla Becher.

Voraussetzung für den regelmäßigen Erfolg des deutschen Pavillons ist das Auswahlverfahren

Der Pavillon der Bundesrepublik Deutschland war plötzlich so tonangebend geworden, wie es in der Nachkriegszeit der französische und in den sechziger Jahren der US-amerikanische gewesen war. Wie stets in der Geschichte der Biennale von Venedig spiegelt das auch die sich verlagernden geopolitischen Verhältnisse der Kunst insgesamt wider. Die wirkliche Bedeutung dieser Arbeiten erschloss sich erst mit der Installation von Hans Haacke 1993, sie war Wende und Relaunch zugleich. Indem der Künstler den von Hitler angelegten Boden im Pavillon in ein Trümmerfeld verwandelte, schuf er eine Metapher für die deutsche Geschichte, aber auch für die Geschichte des Gebäudes. Von diesem Drehpunkt aus lässt sich beobachten, wie viele Künstler, von Norbert Kricke in den sechziger, Gerhard Richter in den siebziger bis zu Katharina Fritsch, Katharina Sieverding und Rosemarie Trockel in den neunziger Jahren sich direkt und indirekt in ihren Einzelausstellungen auf der Biennale mit diesem Pavillon, seiner Geschichte und der deutschen Geschichte auseinandergesetzt haben. Dies gilt auch für Gregor Schneider (2001), Isa Genzken (2007) und Liam Gillick (2009) sowie für den postumen Beitrag von Christoph Schlingensief (2011), sogar der Pavillontausch mit den Franzosen 2013 reiht sich in dieses Kontinuum ein.

Eine Voraussetzung für den regelmäßigen Erfolg des deutschen Pavillons ist das besondere Auswahlverfahren. In den USA bestimmt der jeweilige Eigentümer des Biennale-Pavillons den Künstler und den Kurator. In der Schweiz wählt ein breit besetztes Gremium den Künstler oder die Künstlerin aus. In Frankreich bestimmen Kultur- und Außenministerium gemeinsam einen Künstler oder eine Künstlerin, die sich einen Kurator suchen. In Österreich wählt der Kulturminister einen Kommissär aus, der einen oder mehrere Künstler einlädt.

Ein ziemlich deutscher Pavillon
 

"Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir", Bühneninstallation von Christoph Schlingensief 2011 im Deutschen Pavillon

In der Bundesrepublik Deutschland besteht seit den sechziger Jahren der "Ausstellungsausschuss" des Auswärtigen Amts, ein Gremium ohne festgelegte Statuten, zu dem die Direktoren der wichtigsten Museen eingeladen werden. In diesem Kreis bespricht man frei von kulturpolitischen und anderen Zwängen, welchem Kollegen man den Pavillon am besten anvertrauen würde. Bisher hielt sich das Auswärtige Amt immer an diese personelle Vorentscheidung. Dann wählt der Kurator oder die Kuratorin den oder die Künstler aus. Zuletzt kam es auch vor, dass der informelle Ausstellungsausschuss des Auswärtigen Amts mit der Weigerung, einen Kurator vorzuschlagen, eine deutliche Erhöhung des Ausstellungsbudgets durchsetzte.

Kurator und Künstler bilden solcherart stets ein Team, das eine Freiheit sondergleichen erlebt. Man ist nicht in einem Museumsgebäude, sondern in einem reinen Ausstellungsgebäude ohne andere Infrastruktur (es gibt keine Büros, keine Lagerräume). Das Gebäude dient – wie alle Ausstellungspavillons – ausschließlich der Ausstellung von Kunst. Wenn man sich heute die Frage stellt, weshalb die Biennale von Venedig so spannend bleibt, so ist es diese dichte Ausstellungsaufgabe innerhalb der Pavillons und die Vielfalt der Nationalpavillons, die heute die globalisierte Realität der Kunstwelt des 21. Jahrhunderts widerspiegeln.

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Seit 1895 ist die »Mutter aller Biennalen« Schauplatz für Sensationen, Eklats und Skandale. art-Autor Thomas Wagner geht auf Zeitreise und verfolgt die Geschichte der Biennale von der Verkaufschau zum kosmopolitischen Trendsetter
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