Geschichte der Biennale – Teil 2

Triumphe, Proteste und Skandale

Paul Cézanne, Adolf Hitler oder Peggy Guggenheim – die Biennale bot vielen eine Bühne für den großen Auftritt. Ihre Geschichte ist so wechselvoll wie die Moderne selbst. Teil 2 der kleinen Zeitreise von art-Autor Thomas Wagner.
Triumphe, Proteste und Skandale

Die 34. Biennale wurde wegen eines Polizeieinsatzes von Künstlers bestreikt.

1907

Als die Biennale zum siebten Mal stattfindet, gibt es in den Giardini mit einem Mal einen zweiten Ausstellungspavillon. Weil im Zentralpavillon immer weniger Platz für sie ist - die Zahl der italienischen Künstler hat sich gegenüber 1895 auf 639 vervierfacht, die deutschen und die französischen haben eigene Säle erhalten - machen sich die Belgier selbstständig.

Es geht ihnen nicht allein um mehr Hängefläche. Indem sie ihren eigenen Nationenpavillon errichten, befreien sie sich auch vom Jury-System der Biennale und vom Einfluss der venezianischen Maler im Ausstellungskomitee. Von nun an präsentieren die belgischen Künstler in ihrem eigenen Gebäude eine von ihnen selbst getroffene Auswahl der aktuellen Kunstproduktion ihres Landes. Der erste Nationenpavillon ist erfunden - und das Beispiel macht rasch Schule.

1909

Schon zwei Jahre später wird der ungarische Pavillon eröffnet. Auch der "Padiglione Bavarese", wie der deutsche Pavillion zunächst heißt, kommt hinzu. Die Verbindung nach München ist nach wie vor eng. Bis 1912 werden hier nur bayrische Künstler gezeigt. Im Lauf der Zeit entstehen zahlreiche weitere Nationenpavillons, erst innerhalb der Giardini, inzwischen auch in den Arsenalen oder in der Stadt, wo temporär Räume angemietet werden. Trotz der gebetsmühlenartig wiederholten Kritik an dem angeblich anachronistischen Prinzip nationaler Repräsentation haben sich die Nationenpavillons bis heute immer wieder als Orte bewährt, die für Vielfalt und in den meisten Fällen auch für freie Künstlerwahl bürgen.

1910

Bei der neunten Biennale, die ein Jahr vorgezogen wird, weil 1911 in Rom eine große offizielle Kunstschau stattfindet, lassen junge italienische Künstler vom Campanile am Markusplatz - der 1902 eingestürzt, inzwischen aber wiederaufgebaut war - Flugblätter herabregnen.

"Verbrennen wir die Gondeln, Schaukelstühle für Dummköpfe, und errichten wir bis zum Himmel die imposante Geometrie der Metallbrücken und der rauchgekrönten Fabriken, um die erschlafften Kurven der alten Bauten abzuschaffen", ist unter anderem darauf zu lesen. Die Künstler nennen sich Futuristen, vergöttern die Maschine und wollen Venedig von "seinem käuflichen Mondschein der möblierten Zimmer" befreien.

Im selben Jahr entrümpelt Gustav Klimt den Ausstellungsraum. Sein Saal Nr. 10 ist der erste "white cube", der erste weiße Ausstellungsraum, wenn auch noch versehen mit dekorativen Ornamentbändern. Es ist auch Klimts erste Einzelausstellung auf internationalem Parkett. Er zeigt ausschließlich Werke, die seit 1905 entstanden sind - und erlebt seinen größten künstlerischen Erfolg zu Lebzeiten. Das radikal moderne Lager verschafft sich, wenn es auch in der Minderheit ist, buchstäblich Raum.

1920

In diesem Jahr schlägt in Venedig die Stunde Paul Cézannes. Die französische Republik zeigt mit 28 Werken die erste Retrospektive seiner Werke seit 1907. Die Schau verfehlt ihre Wirkung nicht. Cézanne wird in den zwanziger und dreißiger Jahren zum Vorbild vieler junger Künstler.

1930

1930 präsentiert der Kommissar des deutschen Pavillons, Hans Posse, damals Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, die junge Generation der modernen deutschen Kunst. Die Liste ist beeindruckend: Paul Klee ist mit 13 Bildern dabei, Oskar Schlemmer mit drei, George Grosz mit fünf, Max Beckmann mit sechs. Wassily Kandinsky zeigt drei Großformate.

Auch Max Ernst, Otto Dix, Lyonel Feininger, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Karl Hofer, Willi Baumeister, in der Plastik Karl Albiker, Ernst Barlach, Rudolf Belling, Georg Kolbe, Gerhard Marcks, Ewald Mataré, Edwin Scharff und Christoph Voll sind mit von der Partie. Was heute jedes große Museum bis hinauf zur Nationalgalerie schmücken würde, sorgt gleichwohl für Ärger. Die Italiener halten die Auswahl für inakzeptabel, die ausgestellte Kunst für unwürdig.

1934

Triumphe, Proteste und Skandale

Adolf Hitler äußerte bei seinem Besuch offen sein Missfallen am deutschen Pavillion. Aufnahme vom Treffen von Mussolini und Hitler 1934 in Venedig.

Hitler und Mussolini besuchen gemeinsam die Biennale. In der italienischen Presse ist zu lesen, Hitler sei, als er den deutschen Pavillon besichtigt, beteiligungslos erschienen und habe mehrfach offen sein Missfallen geäußert. 1993 begegnet man Hitler abermals, nun auf einer Fotografie, die ihn, grimmigen Blicks, bei der Besichtigung des deutschen Pavillons zeigt. Hans Haacke hat sie auf eine rot gestrichene Wand gleich hinter dem Eingang des Pavillons gehängt, über dem nun "1 Deutsche Mark" hängt. Er hat im gesamten Pavillon den Boden herausgerissen. Die zerbrochen Platten liegen übereinander wie die Eisschollen auf Caspar David Friedrichs Gemälde "Das Eismeer". Haackes "Germania" - eine weitere gescheiterte Hoffnung in bodenloser Gegenwart. Doch zurück zum Zeitraffer der Ereignisse.

1948

Peggy Guggenheims Sammlung triumphiert, von ihr selbst kuratiert, im vom venezianischen Architekten Carlo Scarpa neu gestalteten Pavillon - und bleibt doch nicht in Venedig. Zum ersten Mal ist die moderne Kunst in all ihren Facetten zu sehen, eine Zäsur, die nach dem Krieg wie eine Befreiung wirkt.

1950

Alberto Giacometti und Constantin Brâncusi gelingt ein Coup: Weil der französische Kommissar dem Bildhauer Henri Laurens 1948 eine Einzelpräsentation verweigert hatte, beschließen die beiden, 1950 gemeinsam mit diesem auszustellen. Kurz vor der Eröffnung ziehen sie ihre Beteiligung zurück - Laurens kommt doch noch zu seiner Einzelausstellung.

1964

Jetzt triumphiert die US-Avantgarde, und Robert Rauschenberg bekommt den Großen Preis für Malerei. Freilich nur, weil sein Galerist Leo Castelli drei Bilder, die eben noch in einer Ausstellung in den Räumen des ehemaligen amerikanischen Konsulats hingen, kurz vor der Eröffnung auf einem offenen Lastkahn in die Giardini bringen und sie an einem improvisierten Holzgestell vor dem Pavillon aufhängen lässt, in dem Kenneth Noland und Morris Louis präsentiert werden. Erstmals hat ein Amerikaner ohne Beziehung zur europäischen Tradition den wichtigsten Kunstpreis gewonnen.

1968

Es gärt auch in Venedig. Das Biennale-Gelände wird von der Polizei umstellt, um seine Besetzung durch Studenten zu verhindern. Die Ausstellung wird aus Protest gegen den Polizeieinsatz von vielen Künstlern bestreikt.

Ein ziemlich deutscher Pavillon
Seit Jahrzehnten arbeiten sich die Künstler der Bundesrepublik an dem Nazibau auf dem Biennale-Gelände ab – und spiegeln damit die Auseinandersetzung der Nachkriegsdeutschen mit ihrer Geschichte

1976

Joseph Beuys, der gemeinsam mit Jochen Gerz und Reiner Ruthenbeck Deutschland vertritt, bohrt die Lagune an und stellt seine "Straßenbahnhaltestelle" auf. Es ist eine Initialzündung. Die Bereitschaft der Biennale-Künstler wächst, sich auf den Genius loci einzulassen.

Triumphe, Proteste und Skandale

Erfinder der offenen AUsstellung "Aperto": der Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann

1980

In diesem Jahr öffnet sich die Biennale im Wortsinn. "Aperto" nennt sich, was jenseits des bislang Üblichen und außerhalb der Giardini in den Magazzini del Sale, den ehemaligen Salzlagern, stattfindet. Sie wird zur Sensation. Erfunden hat die "offene" Ausstellung hauptsächlich der Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann, als Macher der Documenta 5 von 1972 längst eine Berühmtheit. "Aperto" zeigt 45 junge Künstler. Ihre Kunst ist bunt, frech und ausdrucksstark.

Einer, der dabei auffällt, heißt Julian Schnabel. Er hat als Koch gearbeitet und beklebt seine Leinwände mit den Scherben von Tellern. Als Szeemann 1999 und 2001 als künstlerischer Leiter nach Venedig zurückkehrt, nennt er seine Schau "dAPERTutto", zwei Jahre später "Plateau of Humankind".

1995

Christian Boltanski verpasst der Biennale zum Jubiläum einen Denkzettel. Der Spezialist fürs Erinnern fügt der Fassade des Zentralpavillons in blassem Grau die Liste der Teilnehmer aller Biennalen hinzu, etwa 15 000 Namen. Wie ein Memento mori rahmen sie die beiden wieder freigelegten Fresken aus der Mussolini-Zeit und verwandeln den Zentralpavillon in ein Mausoleum. Tempi passati - selbst in Venedig währt der Ruhm nicht ewig.

1997

Nun ist es Marina Abramovic, die Furore macht. Sie sitzt im stickigen Keller des Zentralpavillons und schrubbt Blut und Fleisch von einem riesigen Berg aus Knochen. Ihr "Balkan Baroque" rückt die Kunst in die blutige Nähe zum Krieg auf dem Balkan. Statt Betroffenheit zu simulieren, stinkt es wirklich, und im Angesicht des blutigen Haufens wird die Geschichte erzählt, wie man auf dem Balkan Ratten tötet. Man verwandelt sie in "Wolfsratten", in aus Panik und Todesangst enthemmte Killer. Die Biennale hat ihren politischen Schocker.

Triumphe, Proteste und Skandale

"Balkan Baroque" nannte Marina Abramovic 1997 ihre blutige Aktion im Keller des Zentralpavillons.

2001

Vier Jahre später: Odyssee im "Haus ur". Gregor Schneider hat das Innere des deutschen Pavillons zugebaut. Schon im Flur dieses Geisterhauses - dessen Räume aus Rheydt, wo das "Haus ur" entstand, nach Venedig transportiert und in den deutschen Pavillon eingebaut wurden - verlieren Raum und Zeit ihre Konstanz. Je länger man sich im Haus bewegt, durch Schränke kriecht, in Schächte und Zwischenräume blickt, desto irrsinniger werden die Empfindungen. Man spürt: Hier macht einer Ernst. Verstört verlässt man den Pavillon. Er ist nur noch Hülle und Fassade.

2003

Isa Genzken hat dem Zentralpavillon einen frechen Kopfputz aus Bambusstäben aufgesetzt. "Haare wachsen, wie sie wollen", nennt sie das. Widerspenstig ist das trotzdem nicht. Die Sensation wartet anderswo. Sie kommt bescheiden daher: "Eine Wand verschließt einen Raum."

Haben Sie einen spanischen Pass? Nein? Wenigstens einen Personalausweis? Auch nicht? Nun gut, dann müssen sie draußen bleiben.

Santiago Sierra, in Mexiko lebender Spanier, hat knapp hinterm Eingang zum spanischen Pavillon eine grobe, unverputzte Wand hochziehen lassen, das über dem Tor prangende Wort "España" mit Folie verhüllt und den Zugang auf die Rückseite verlegt. Dort kontrollieren zwei Wachmänner die Pässe - und treiben das Nationenprinzip der Biennale auf die Spitze: Wer nicht zur Nation gehört, hat hier nichts zu suchen. Basta. Selbst entrüstete Trustees aus New York, die, so die Mär, den Türhütern mit schriller Stimme den Satz "But we are the Guggenheims!" entgegenschleudern, müssen draußen bleiben.

2011 ankert unweit der Giardini die Yacht "Luna" des russischen Milliardärs und Kunstsammlers Roman Abramowitsch. Sie ist kein Kunstwerk, aber ein Menetekel. "La Biennale is like a wind machine", hat ihr aktueller Präsident Paolo Baratta freimütig bekannt. Alle zwei Jahre erschüttere sie den Wald, entdecke verborgene Wahrheiten und gebe den jungen Trieben Licht und Festigkeit, weil sie eine veränderte Perspektive auf bekannte Äste und alte Stämme werfe. Eines daran stimmt: In Venedig wird viel Wind gemacht.

Triumphe, Proteste und Skandale

Ingar Dragset und Michael Elmgreen am Pool ihrer Installation in Venedig

2009

Bleibt, aus meiner Sicht, noch eine Sensation übrig. Nein, nicht der Umstand, dass der deutsche Pavillon 2009 endlich eine Küche bekommen hat, auch nicht, dass 2011 am selben Ort Christoph Schlingensiefs Bühne der "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" aufgebaut wurde. Die letzte Sensation in unsrer Reihe hat gleich in zwei Pavillons stattgefunden, dem Dänemarks und dem der nordischen Länder. Michael Elmgreen und Ingar Dragset treten 2009 bei "The Collectors" als Künstler, Kuratoren, Sammler und Kritiker zugleich auf. Ein Sammler liegt tot im Pool, während sich in seinem modernistischen Bungalow nackte Lustknaben in Designer-Möbeln vor Werken der zeitgenössischen Kunst räkeln. Das Haus daneben steht zum Verkauf. In ihm finden sich zwar auch edle Kunstwerke, in der Bibliothek aber bröckelt die Treppe. Und das Jugendzimmer wurde abgefackelt. Wer es nicht sofort begriffen hat, der versteht es zwei Jahre später.

2011

In diesem Jahr ankert nämlich unweit der Giardini die Yacht "Luna" des russischen Milliardärs und Kunstsammlers Roman Abramowitsch. Sie ist kein Kunstwerk, aber ein Menetekel. "La Biennale is like a wind machine", hat ihr aktueller Präsident Paolo Baratta freimütig bekannt. Alle zwei Jahre erschüttere sie den Wald, entdecke verborgene Wahrheiten und gebe den jungen Trieben Licht und Festigkeit, weil sie eine veränderte Perspektive auf bekannte Äste und alte Stämme werfe. Eines daran stimmt: In Venedig wird viel Wind gemacht.

Venedig Biennale
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Groß, größer, Biennale!
Seit 1895 ist die »Mutter aller Biennalen« Schauplatz für Sensationen, Eklats und Skandale. art-Autor Thomas Wagner geht auf Zeitreise und verfolgt die Geschichte der Biennale von der Verkaufschau zum kosmopolitischen Trendsetter