Geschichte der Biennale – Teil 1

Groß, größer, Biennale!

Seit 1895 ist die »Mutter aller Biennalen« Schauplatz für Sensationen, Eklats und Skandale. art-Autor Thomas Wagner geht auf Zeitreise und verfolgt die Geschichte der Biennale von der Verkaufschau zum kosmopolitischen Trendsetter.
Groß, größer, Biennale!

Knirps im Riesenformat: 2001 zeigte Ron Mueck seinen "Boy" aus Glasfenster und Silikon im Arsenale

Da hockt ein zum Riesen mutierter Junge zwischen dicken Backsteinsäulen und blickt aus großen dunklen Augen skeptisch auf den Eingang, durch den das Publikum in Wellen hereinschwappt. Ein Meteorit hat den Papst niedergeschlagen, und hinter einer biederen Haustür zwängen sich feine Damen in edlem Tuch unter einer Spüle hindurch. All das und vieles mehr konnte man 2001 erleben, bei der ersten venezianischen Kunst-Biennale des neuen Jahrtausends.

Die Biennale von Venedig ist und bleibt ein unübersichtliches und zuweilen monströses Großereignis, wie es im Kunstbetrieb kein zweites gibt. Alle zwei Jahre lockt die "Mutter aller Biennalen" ein kosmopolitisches Publikum in die Lagune. In proper hergerichteten Pavillons werden Trends gesetzt, alte Stars gefeiert und neue aufs Podest gehoben. Laszlo Glozer hat schon vor Jahren für den ungleichen Wettbewerb um Ruhm und Ehre einen treffenden Vergleich gefunden: "Man stelle sich den Austragungsort einer Fußballweltmeisterschaft vor, wo auf dem Platz Dorfkicker, Regionalligisten nebst den Profis der 'Champions- League', jeder einzelne für sich, dem Ball nachjagen." So widersprüchlich die Biennale auch ist, die betagte, oft geliftete und doch erstaunlich frische Dame erfreut sich guter Gesundheit.

Den Zweijahresrhythmus zum Prinzip zu machen, ist eine venezianische Erfindung

Immerhin kann sie auf eine 118-jährige Geschichte zurückblicken und erlebt in diesem Jahr ihre 55. Ausgabe. Wie bei Robert Fleck nachzulesen ist, der die bislang einzige zusammenhängende Darstellung der Biennale von Venedig verfasst hat, wurde die Idee zu einer "Esposizione" Ende des 19. Jahrhunderts von venezianischen Malern und Schriftstellern ausgeheckt, die im Café Florian am Markusplatz die Köpfe zusammensteckten.

Wie seit der staatlichen Einigung 1870 in immer anderen Städten Italiens, so hatte 1887 auch in den venezianischen Gärten eine Ausstellung italienischer Malerei und Skulptur stattgefunden. Also wurde überlegt - Anlass war die Silberhochzeit von König Umberto und seiner Frau Margarethe -, im April 1894 eine "Esposizione biennale artistica nazionale" zu organisieren. Die Schau kam zwar nicht zustande, der Gemeinderat von Venedig aber beschloss am 30. März 1894, im darauffolgenden Jahr eine "Esposizione biennale" abzuhalten. Diese sollte sich nun nicht mehr auf die Kunst Italiens beschränken, sondern international ausgerichtet sein. Den Zweijahresrhythmus zum Prinzip zu machen, ist also tatsächlich eine venezianische Erfindung und bis heute das Markenzeichen "der Biennale".

Die venezianischen Künstler, die enge Beziehungen zur Münchner Kunstszene unterhielten, setzten auch deshalb auf Internationalität, weil sie es leid waren, am Rand zu stehen, spielte sich der Kunstmarkt doch mittlerweile rund um die jährlichen Ausstellungen und Salons in Paris, London und München ab. Schon 1895 kamen 156 der insgesamt 285 teilnehmenden Künstler aus dem Ausland. Den großen Hotels auf dem Lido leuchtete der Plan ohnehin ein, versprachen sie sich von der Ausstellung doch einen weiteren Anziehungspunkt neben dem Badetourismus. In Venedig wusste man immer schon, wie Stadtmarketing funktioniert.

Groß, größer, Biennale!

Alle wollten es sehen: Jugendliche beim orgiastischen Liebesspiel von Giacomo Grosso

Hinzu kam: Die Biennale war - auch das ist eine ihrer Besonderheiten - eine Verkaufsmesse. Im Grunde war sie eine von den Künstlern organisierte Kunstmesse. Erst die Protestbewegung von 1968 hat bewirkt, dass der Kommerz - zumindest offiziell - eingedämmt wurde.

Sicher, seit die Biennale 1895 als "Prima Esposizione Internazionale d'Arte della città di Venezia" - so der offizielle Titel - an den Start ging, hat sich in der Kunstwelt vieles verändert. Geblieben ist der Ort, an dem sie stattfindet: die Giardini di Castello. Der öffentliche Park war während der napoleonischen Besatzung Venedigs zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf einer aufgeschütteten Landzunge eingerichtet worden. Inzwischen sind die weitläufigen Hallen der Arsenale, der historischen Schiffswerft und Flottenbasis der ehemaligen Republik Venedig, hinzugekommen.

Der Unterschied zu anderen Großausstellungen ist eklatant. Die "Esposizione biennale" wurde von Künstlern und Bürgern gegründet, also weder vom Staat initiiert, noch vom Kunsthandel organisiert. Und weil mehr als die Hälfte der gezeigten Künstler aus dem Ausland kamen, wurden sie in den Sälen des "Palazzo dell' Esposizione" nach ihren Herkunftsländern aufgeteilt. So konnten die Besucher gleichsam ein Länderpanorama der Kunst durchschreiten, das von Belgien und Frankreich über Deutschland, Großbritannien, die Niederlande, Dänemark, Norwegen, Schweden, Russland, Österreich, Ungarn, Italien und Spanien bis zu den Vereinigten Staaten reichte.

Zwei Gruppen von Künstlern prägten bis zum Ersten Weltkrieg die Biennale: Die bekannten akademischen Künstler, damals die Stars der Szene, waren in der Überzahl. Ihnen gegenüber stand eine stetig wachsende Zahl von Künstlern, die sich der Moderne verpflichtet fühlten.

Die Biennale war zudem von Anfang an ein Ort für Sensationen und Skandale, ein Event für ein Massenpublikum. Bei der ersten "Esposizione" wurden sage und schreibe 224327 Besucher gezählt. Was mit daran lag, dass alle unbedingt ein Gemälde sehen wollten: Giacomo Grossos "Il supremo convegno" (Die höchste Zusammenkunft). Sechs Jugendliche aus dem Turiner Großbürgertum beim orgiastischen Liebesspiel, das wollte sich keiner entgehen lassen. Dagegen konnte selbst ein Maler wie James McNeill Whistler, dieser Prototyp eines kosmopolitischen Künstlers, nichts ausrichten. Zumal Giuseppe Sarto, der Patriarch von Venedig und spätere Papst Pius X., die Entfernung von Grossos Bild forderte. Ohne Erfolg. Bürgermeister Riccardo Selvatico, Präsident der Ausstellung, und die Künstler im Ausstellungskomitee blieben standhaft und verteidigten die künstlerische Freiheit.

Groß, größer, Biennale!

"La nona ora" von Maurizio Cattelan auf der Biennale 2001

Die Biennale hat also nicht nur eine neuartige Bühne für bildende Kunst geschaffen und Strategien hervorgebracht, wie sich die Aufmerksamkeit des Publikums und der Medien gewinnen lässt. Sie gewährte den eingeladenen Künstlern auch eine Freiheit, wie sie im Ausstellungsbetrieb selten zu finden war. Eine Ausnahme aber muss erwähnt werden: 1910 ließ der Generalsekretär vor der Eröffnung ein Gemälde aus der spanischen Abteilung entfernen. Es war nicht um des Skandals willens gemalt worden, zeigte keine nackten Körper und stammte von einem damals noch unbekannten Maler: Pablo Picasso. Erst 1948 war er wieder in Venedig vertreten.

Was Grosso 1895 gelang, das klappt auch 2001. Nun ist es Maurizio Cattelan, der mit "La Nona Ora" (Die neunte Stunde) die Biennale- Bühne zu nutzen weiß: Der Heilige Vater, der damals amtierende Papst Johannes Paul II., täuschend echt modelliert, in weißem Reisegewand auf rotem Teppich, getroffen von einem mächtigen Meteoriten, der durchs Glasdach vom Himmel gefallen ist und nun schwer auf seiner Hüfte liegt - so inszeniert man im 21. Jahrhundert ein plakatives Medienereignis. In vielem, was in Venedig gezeigt wurde, spiegelt sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Ihre eigene ist so weit verzweigt, dass wir aus der Überfülle nur einige wenige Ereignisse herauspicken können. Machen wir uns also mit dem Spektakel gemein und lassen wir die Ereignisse wie im Zeitraffer an uns vorüberrauschen.

Hier geht's zum zweiten Teil unserer kleinen Geschichte der Venedig Biennale:

Triumphe, Proteste und Skandale
Paul Cézanne, Adolf Hitler oder Peggy Guggenheim – die Biennale bot vielen eine Bühne für den großen Auftritt. Ihre Geschichte ist so wechselvoll wie die Moderne selbst. Teil 2 unserer kleinen Zeitreise