Documenta-Geschichte: Arnold Bode

Mein Vater, Arnold Bode

Peter M. Bode, 60, Architekturkritiker und art·Autor, erinnert sich an seinen Vater, den Documenta-Gründer Arnold Bode (1900 bis 1977).
Mein Vater, Arnold Bode

Bundespräsident Theodor Heuss (2.v.li.) im Gespräch mit Arnold Bode (li.) vor einem Picasso-Gemälde bei seinem Rundgang über die Documenta 1955 im Fridericianum in Kassel. Heuss betonte damals, dass er einen tiefen und bleibenden Eindruck auf dieser besten europäischen Gesamtschau des Kunstschaffens dieses Jahrhunderts gewonnen habe.

Eigentlich hasste mein Vater Kassel- jedenfalls den zernarbten Stadtrest, der nach 1945 von der einstigen Residenz der hessischen Landgrafen übriggeblieben war. Und er hasste Hitler. Auch deswegen, weil der ihn nach Kassel zurückgezwungen hatte. Arnold Bodes Wahlheimat war Berlin. Aber als ihn die Nazis 1933 als bekennenden Linken aus dem Amt jagten (er unterrichtete Kunst an einem Werklehrerseminar), musste er notgedrungen in seine Geburtsstadt zurückkehren. Er hatte Malverbot und musste die Architektur bei seinem Bruder erlernen, um die Familie durchzubringen.

Dann kam der Krieg. Er wurde sofort eingezogen. Sechs Jahre Soldat. Sechs verlorene Jahre. Und zwölf Jahre Abgeschnittensein von der Welt jenseits der NS-Barbarei. Mein Vater erzählte mir oft von einem Besuch in der Schweiz wenige Tage vor Kriegsausbruch. Dort konnte er zum letzten Mal in Genf die vor Franco in Sicherheit gebrachten Meisterwerke aus dem Prado sehen. Auf der Rückfahrt hörten meine Eltern die Nachricht vom deutschen Überfall auf Polen. Beide überlegten spontan, in der Schweiz zu bleiben - doch wir Kinder waren bei den Großeltern in Kassel. Schweren Herzens ließen sie das Land der Freiheit hinter sich.

Diese Vorgeschichte habe ich erwähnt, weil sie vielleicht erklärt, warum mein Vater nach dem Krieg so voller Elan war. Die Jahre der Dunkelheit hatten ihn gefesselt. Nun wollte er den Verlust der Zeit durch erhöhten Krafteinsatz ausgleichen. Das erste Ziel war die Wiedereröffnung der schon 1931 geschlossenen Kasseler Kunstakademie. Das gelang bereits 1947/48. Gleichzeitig entwarf er – ohne Auftrag – äußerst kühne Pläne für einen großzügigen Wiederaufbau der zerstörten Stadt.

Der tatsächliche Wiederaufbau erfolgte auf besonders dürftige und kleinkarierte Weise – was man Kassel ja leider heute noch auf Schritt und Tritt ansieht. Deshalb hasste Bode diese Stadt, aber er wollte ihr auch helfen, wollte sie ansehnlicher machen, ihr Würde zurückgeben. Also war doch auch (zumeist unerwiderte) Liebe im Spiel. Und er gab nicht auf. Resignation war ihm völlig fremd. Seine Energien schienen unerschöpflich. Immer wieder zeichnete er neue Projekte, ließ Modelle bauen und bedrängte die verständnislosen Stadtoberen mit seinen progressiven Konzepten.

Ein Zeitsprung: Sogar im Krankenhaus, kurz vor seinem Tod im Herbst 1977, diskutierte mein Vater mit mir noch voller Leidenschaft und Zuversicht seine nie aufgegebene Idee einer "documenta urbana". Er glaubte an die Verbesserung der Zustände durch ästhetische Eingriffe.

Auch unsere Wohnungen wurden jedes Mal mit erheblichem finanziellen Aufwand so umgebaut, dass sie seinen strengen Vorstellungen von Stil und Design entsprachen. Da sie alle gemietet waren, gab es oft Ärger mit den Eigentümern, und immer wieder mussten die Wohnungen beim Auszug in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. Meine Mutter, Marlou Bode, jammerte über solche kostenträchtigen Eskapaden. Aber sie genoss auch die reizvolle Modernität unseres Ambientes - hier konnte sie ihre Talente als Gastgeberin der internationalen Kunstwelt wunderbar zur Geltung bringen.

Wenn meine Eltern – was sehr häufig der Fall war – berühmte Leute verschwenderisch bewirteten (und auch mit Visionen traktierten), wurde ich oft vorgeführt. Ich sollte intelligent Auskunft geben, und war doch eher schüchtern. Eine ziemlich unangenehme Pflicht. Ich glaube, der Impuls, die Documenta zu machen, entsprach dem Wunsch meines Vaters und seiner Kasseler Freunde, den Deutschen die von den Nazis verfemte Moderne wieder nahezubringen.

Aber da gab es noch ein anderes Motiv: Er wollte persönlich zeigen und beweisen, dass man auch die Kunst inszenieren muss, um das beste aus ihr herauszuholen. Der Maler, der Architekt, der Designer - erst diese  Kombination von Talenten befähigte ihn zu einer damals ganz neuen Sicht. "Daher versuchen wir nun Räume zu schaffen und Raumbezüge herzustellen, in denen Bilder und Plastiken sich entfalten können, in denen ihre Farbe und Form, ihre Stimmung und Strahlkraft gesteigert werden." Das war sein Credo. Eine aktuelle Herausforderung an seine Nachfolger.

Dieser Artikel erschien erstmal in art – Das Kunstmagazin, Ausgabe 6/1997.