Marc Chagall: Werke, Bilder, Biografie

Der Sprung zum Ruhm

Eine einzige Ausstellung vor dem Ersten Weltkrieg hat genügt, um Marc Chagall internationales Renommee zu verschaffen. art rekonstruiert das von dem Berliner Literaten und Galeristen Herwarth Walden 1914 veranstaltete historische Ereignis, zu dem der Russe poetische Werke wie "Der Regen" von 1911 beisteuerte.

Erschöpft von vier Tagen Bahnfahrt, traf an einem Abend im August 1910 auf dem Pariser Nordbahnhof ein junger Mann ein. Er hieß Mare Chagall, war 23 J ahre alt und kam, im Reisegepäck einige Dutzend Ölbilder, Gouachen und Zeichnungen, aus der russischen Kleinstadt Witebsk.

"Dass meine Kunst Paris brauchte, so nötig wie der Baum das Wasser" - zu diesem Schluß war Chagall beim Studium auf der St. Petersburger Swansewa-Schule gekommen, wo er erstmals etwas über die Malerei Cezannes, van Goghs und Gauguins gehört hatte. Der berühmteste Lehrer dieser privaten Akademie, der Maler und Bühnenbildner Leon Bakst, ging 1910 ebenfalls in die französische Hauptstadt. Er hätte den jungen Chagall beinahe als Gehilfen mitgenommen, doch der scheiterte kläglich an einer Ballettdekoration, die er als Probearbeit abliefern sollte.

Der Sprung zum Ruhm

Jehuda Pen: "Porträt von Marc Chagall", 1915

Zum Glück sprang der Rechtsanwalt und Politiker Max Moisewitsch Winawer ein, bei dem Chagall als Student in Petersburg zur Untermiete gewohnt hatte. Der kunstsinnige Mann kaufte zwei Bilder, zahlte die Reise und setzte dem jungen Künstler ein kleines Stipendium aus, mit dem er sich in Paris eher schlecht als recht über Wasser halten konnte. "Nur die große Entfernung, die zwischen Paris und meiner Heimatstadt liegt, hat mich davon abgehalten, sofort wieder zurückzukehren", schrieb Chagall Jahre später in seinem Erinnerungsbuch "Mein Leben". Denn in Witebsk hatte er seine Verlobte Bella Rosenfeld zurückgelassen - und eine besorgte Mutter, der er den Einstieg in die Künstlerlaufbahn verdankte. Sie hatte ihren schmächtigen, verträumten Sohn persönlich zu dem Witebsker Salonporträtisten Jehuda Pen gebracht, der dem 19jährigen den ersten Malunterricht erteilte.

In Paris meldete sich Chagall bei renommierten Akademien an, die er dann freilich nur selten besuchte. Denn viel lieber durchstreifte er den Louvre oder tummelte sich in den Markthallen, in Cafes und Kneipen. Schneller als erhofft fand der schüchterne junge Mann mit den hellen Augen und den dunklen Locken Kontakt zu Malern und Schriftstellern. Bald gehörte er auch zum Freundeskreis des Dichters Guillaume Apollinaire, dessen Mansardenwohnung in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg so etwas wie eine Schaltstelle der Avantgarde war. Bei ihm trafen sich junge Maler und Poeten, er brachte sie mit Galeristen, Verlegern und Mäzenen zusammen.

Die Bilder, die Chagall in "La Ruche" (Bienenkorb), einem verfallenden, billigen Atelierhaus unweit der Pariser Schlachthöfe, malte, fand Apollinaire geradezu "übernatürlich": Sie waren phantastisch und in ihren Formen so kühn wie die Werke der Kubisten, die er entdeckt und gefördert hatte. Doch niemand wollte Chagalls Leinwände kaufen, und - so erinnerte er sich - "ich dachte auch gar nicht an eine solche Möglichkeit".

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Eingang zur Künstlersiedlung "La Ruche": Die Bilder, die Chagall dort malte, fand Apollinaire geradezu "übernatürlich"

An einem Märzabend im Jahre 1913 jedoch, als sich wieder einmal eine Schar von Malern und Literaten zum Diskutieren bei Apollinaire versammelt hatte, witterte er eine Chance für seinen russischen Schützling. Denn in einer Ecke saß ein angesehener Gast aus Deutschland: Herwarth Walden, Schriftsteller, Komponist, Herausgeber der Literatur- und Kunstzeitschrift "Der Sturm" und Galerist.

Walden, ermüdet von den Strapazen einer Entdeckungstour durch die Pariser Ateliers, war mitten in der Diskussion eingeschlafen. Chagall später: "Apollinaire tritt auf ihn zu und weckt ihn auf: Wissen Sie, was man machen müsste, Herr Walden? Man müsste eine Ausstellung von den Arbeiten dieses jungen Mannes veranstalten. Sie kennen ihn nicht? ... Monsieur Chagall ..."

Mit dieser Begegnung begann für den mittellosen Maler, dessen Vater im heimatlichen Witebsk bei einem Händler im Heringslager arbeitete, der Aufstieg zu einem der beliebtesten Künstler dieses Jahrhunderts. Seine fantastischen Szenen mit fliegenden Tieren und kopfstehenden Menschen, schwebenden Liebespaaren und fiedelnden Juden, die er in leuchtenden Farben auf die Leinwand zauberte, brachten ihm den Ruhm des größten Poeten unter den Klassikern der modernen Malerei ein. Als einer der letzten Veteranen der Avantgarde lebte er bis zu seinem Tod 1985 im südfranzösischen Vence, vom Staat geehrt mit einem eigenen Museum in Nizza.

Im Jahr 1913 war dieser Mann von Selbstzweifeln geplagt. "Oft sagte ich: Ich bin kein Künstler. Na, dann ein Ochse vielleicht." So schildert er seine Situation zu einer Zeit, in der er nach dem Urteil vieler Kunsthistoriker seine besten Bilder schon gemalt hatte.

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"Der Sturm", 8. Jahrgang, Dezember 1917, 9. Heft

Walden ließ sich die Produktion des unbekannten Juden zeigen und war sofort interessiert. Er bot ihm an, mit einigen Bildern an seinem "Ersten Deutschen Herbstsalon" in der Galerie "Der Sturm" teilzunehmen. Drei große Ölgemälde schickte Chagall nach Berlin, darunter "Rußland, den Eseln und den anderen" - ein Bild, das heute als eines der Glanzstücke klassischer Moderne im Pariser Musee National d'Art Moderne hängt.

So provokativ und zugleich rätselhaft wie der Titel, den der Dichter Blaise Cendrars dem Bild mit Chagalls Einverständnis gab, so tollkühn und dreist ist der Maler auf dieser Leinwand mit Farben und Figuren umgegangen. Auf dem First eines Daches steht eine rote Kuh, an deren Euter ein Esel und ein Knabe saugen, daneben eine russische Dorfkirche. Über ihrem Turm schwebt eine Magd mit Milcheimer, ihr abgeschnittener Kopf driftet nach oben in ein feuerrotes Himmelssegment. Kein anderes Bild widerlegt schlagender den Irrtum, Kunst sei verständlich, wenn sie nur gegenständlich ist. Chagall hat sich nie die Mühe gemacht, das Werk inhaltlich zu interpretieren. Den Kopf, sagte er lakonisch, habe er einfach deshalb vom Körper getrennt, "weil ich genau an dieser Stelle eine leere Fläche brauchte".

Walden, Vorkämpfer und Theoretiker des Expressionismus in Deutschland, liebte solch schroffen, rücksichtslosen Umgang der Künstler mit der platten Wirklichkeit, freute sich über jede Herausforderung bildungsbürgerlicher Sehgewohnheiten. Bei Chagalls Bildern, formulierte er, "kann man sich etwas denken. Aber was man sich etwa dabei denken kann, ist nicht die Kunst. Das Bild Chagalls ist Kunst, weil seine optischen Gebilde nach künstlerischen Gesetzen bildgemäß gegliedert sind."

»Eine Herde farbenklecksender Brüllaffen«

Auf Waldeos "Herbstsalon", der von September bis Dezember 1913 in Berlin stattfand, fand Chagall erstmals außerhalb Rußlands einen Käufer für ein großes Gemälde. Der Unternehmer, Sammler und Mäzen Bernhard Koehler erwarb eine Kreuzigungsgruppe, der Walden den Titel "Christus gewidmet" gegeben hatte. Chagall, Sohn strenggläubiger Juden, hat den Gekreuzigten auf diesem Bild, das unter dem Namen "Golgatha" heute im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt wird, als Kind dargestellt, blau vor grünem Himmel. "Im genauen Sinn", erläuterte er später, "war da kein Kreuz, bloß ein blaues Kind in der Luft. Das Kreuz interessierte mich weniger.

Der "Herbstsalon" zählt zu den Eckdaten in der modernen Kunstgeschichte. Gegen den wütenden Widerstand der bürgerlichen Presse, die seine Künstler als eine "Herde farbenklecksender Brüllaffen" beschimpfte, propagierte der scharfzüngige Pamphletist Walden die "Kunstwende". In der Avantgarde-Schau präsentierte er mehr als 300 Werke europäischer Künstler, unter ihnen Paul Klee, Pranz Mare, Lyonel Feininger, Francis Picabia, Fernand Leger und Robert Delaunay. Insgesamt fast 100 Ausstellungen - beinahe jeden Monat eine neue - erlebte seine 1912 gegründete "Sturm"-Galerie bis 1921.

Im Frühjahr 1914 ließ sich Walden eine größere Anzahl von Chagall-Bildern schicken, die er zusammen mit Werken des kubistischen tschechischen Bildhauers Otokar Kubin im April ausstellte. Und einen Monat später bekam Chagall, was er in Paris so schnell kaum geschafft hätte: seine erste große Einzelausstellung mit rund 40 Gemälden sowie 150 kleineren Arbeiten - Gouachen, Aquarellen und Zeichnungen.

Diese Schau wurde für Chagalls Karriere entscheidend, obgleich der äußere Aufwand mehr als bescheiden war. Waiden, ständig in Finanznöten aus denen ihn gelegentlich der Mäzen Koehler befreite, konnte keinen repräsentativen Rahmen bieten. In Chagalls autobiografischen Notizen wird die Szene in wenigen Zeilen lebendig: "In zwei kleinen Räumen der Redaktion der Zeitschrift 'Sturm' wurden meine Bilder, ungerahmt, in großer Enge aufgehängt, etwa 100 Aquarelle von mir lagen einfach auf den Tischen. Meine Bilder blähten sich in der Potsdamer Straße, während man in der Nähe die Kanonen lud."

Der Katalog war schlicht und unvollständig. Zwei Schwarzweißabbildungen, "Der Viehhändler" und "Paris durchs Fenster", dazu ein Verzeichnis von nur 34 Titeln ohne Angabe von Technik, Maßen und Entstehungsjahr. Außerdem enthielt das dünne Heft das Gedicht "Rotsoge", das Apollinaire nach einem Atelierbesuch bei Chagall geschrieben und dem Maler gewidmet hatte. "Du zeigtest mir ein schreckliches Violett", heißt es in der Montage aus Chagall-Motiven und surrealistischen Assoziationen des Lyrikers : "... ein Mann in der Luft ein Kalb das durch den Bauch der Mutter schaut..."

Der Sprung zum Ruhm

Guillaume Apollinaire im März 1916, nach seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg

Viele Poeten haben Chagalls Bilder als gemalte Gedichte empfunden, als Kompositionen aus arbigen Chiffren und Metaphern, und versucht, sie in Worten nachzuahmen. Der deutsche Maler-Dichter Kurt Schwitters Dadaist und Erfinder der "Merz"-Kunst, schrieb auf eine Zeichnung des "Trinkers", die Walden zur Chagall-Ausstellung auf dem Titelblatt des "Sturm" abdruckte, in expressionistishem Stakkato: "Spielkarte leiert Fisch, der Kopf im Fenster./ Der Tierkopf giert die Flasche./ Am Hüpfemund./ Mann ohne Kopf./ Hand wedelt saure Messer ..."

Auch der Franzose Cendrars verfasste damals Gedichte für Chagall - aber nicht nur Gedichte: In einem Brief vom 2. Mai 1914 rüffelte er in perfektem Deutsch den Galeristen Walden der unter Berufung auf "deutsche Verhältnisse" darum gebeten hatte die ohnehin bescheidenen Preise der Chagall-Bilder noch niedriger anzusetzen. Elegant verband Cendrars ein Kompliment für den Publizisten Walden mit einem Tadel für den Kunsthändler: "Ihre Artikel im 'Sturm' sind weit interessanter als Ihre Geschäftsbriefe." Und er drohte: "Wenn 'deutsche Verhältnisse' sich diese Bilder nicht leisten können, so sollen 'deutsche Verhältnisse' darauf verzichten."

Walden verzichtete nicht. Sein Ehrgeiz, als Entdecker und Wegbereiter einer ganzen Künstlergeneration zu gelten, ließ keinen Rückzieher zu und in der Tat hat die von ihm veranstaltete Ausstellung - so der Chagall-Monograf Pranz Meyer - Chagalls "Ruhm m der Welt begründet". Gezeigt wurden fast alle wichtigen Werke die der Künstler während seines vierJährigen Aufenthalts in Paris gemalt hatte sowie einige Bilder, die noch in Rußland entstanden waren - ohne den entfesselnden Einfluß der französischen Kunstrebellen, deren Errungenschaften der Neuankömmling ungeniert für seine Arbeit nutzte.

»Vielleicht ist meine Kunst die Kunst eines Wahnsinnigen«

Chagalls Verhältnis zu den Kubisten war dabei durchaus kritisch. Ihre Bilder waren ihm oft zu fantasielos oder wie er sich ausdrückte, zu "realistisch":
Spöttisch maulte er: "Sollen sie nur an ilhren dreieckigen Tischen ihre quadratischen Birnen essen bis sie satt sind", und träumte: "Vielleicht ist meine
Kunst die Kunst eines Wahnsinnigen, ein funkelndes Quecksilber, eine blaue Seele, die über meine Bilder hereinbricht." Trotzdem übernahm er kubistische
Elemente, wo er sie brauchen konnte: zur Bildeinteilung und zum Aufbau seiner Figuren. In "Ich und das Dorf" etwa, 1911 gemalt, treibt er souverän Schabernack mit der reinen Lehre des Kubismus, die pseudo-wissenschaftlich vorschrieb, Gegenstände in ihre Grundformen aufzulösen, um aus ihnen ein wirklicheres Bild der Wirklichkeit aufzubauen. Chagall dagegen bevölkert eine geometrisch konstruierte Landschaft unbekümmert mit naiv-naturalistischen Menschen aus seiner Heimat, belebt ein gleichschenkliges Dreieck fröhlich mit einem Bäumchen, reiht auf einen Kreisbogen ein Kirchiein und windschiefe Häuser. Mehr noch, die ausgezirkelte Grundfläche wird selbst lebendig, formt sich zu einem grünen Männerprofil und einem blauen Kuhkopf, der zugleich als Hintergrund für eine Milchmagd mit Kuh taugt.

Theorien waren Chagall verdächtig, auch wenn er gelegentlich der Versuchung erlag, scheinbar übermächtigen Vorbildern zu sehr nachzueifern, etwa in einem "Adam und Eva"-Bild, das auf den ersten Blick von Georges Braque sein könnte - wäre nicht in ein Eckchen zwischen die strengen Formen ein kleiner Hirsch gezwängt, auf dessen Geweih ein Vogel sitzt.

"Jetzt singen Ihre Farben", lobte der Maler Leon Bakst, als er den einstigen Schüler in seinem Pariser Atelier besuchte und dort die gestapelten Leinwände sichtete. Die grelle, übersteigerte Farbgebung lernte der Künstler von den Fauves um Henri Matisse, und ihr Beispiel ermutigte ihn auch, mit der Perspektive nach Belieben umzuspringen - so, wie es ihm für die Komposition seiner Bilder richtig erschien. Dennoch ließ er sich auch von dieser Schule nicht vereinnahmen, sondern verglich "all das formale Gepäck mit dem Papst in Rom, der prunkvoll gekleidet neben dem nackten Christus steht".

Grenzenlose Avantgarde
In der kurzen Spanne zwischen 1910 und 1914 schufen August Macke, Franz Marc und Robert Delaunay für den europäischen Expressionismus wegweisende OEuvres. Vor allem Macke und Marc arbeiteten vier Jahre lang wie im Fieber – fast könnte man glauben, sie hätten geahnt, wie bald sie beide sterben würden

Die meisten Bilder, die Chagall in seinen Pariser Vorkriegsjahren malte, sind gefüllt mit Motiven aus seiner Heimat, dem russischen Dorf, dem Nebeneinander von Christen und Juden, ihren Physiognomien, ihrem Alltag und ihren Festen. "Währenddem ich in Frankreich an diesem einzigartigen Umsturz teilnahm", so beschrieb der Künstler diesen Zeitabschnitt, "kehrte ich in Gedanken, in meiner Seele sozusagen, in mein eigenes Land zurück."

Im Sommer 1914 sah Mare Chagall die Heimat wieder- nach seinem Aufenthalt in Berlin, wo er kurz vor der Abreise an den befreundeten Maler Robert Delaunay einen launigen Karengruß geschickt hatte: "Es ist warm, es regnet, Sauerkraut... Die Ausstellung wurde eröffnet. Die deutschen Mädchen sind außerordentlich nicht hübsch. Heute verreise ich: Witebsk, Pokrowskaja."

Die Rußlandreise sollte nur ein Abstecher sein. Chagall wollte bei der Hochzeit einer Schwester dabei sein und vor allem Bella Rosenfeld wiedersehen, seine schöne Verlobte und spätere Frau. Ein liebevoll gemaltes Porträt von ihr hatte er, zusammen mit allen anderen Bildern, bei Herwarth Walden zurückgelassen: "Meine Braut mit schwarzen Handschuhen".

Doch aus dem geplanten Kurzbesuch in Witebsk wurde durch den Ersten Weltkrieg und die Oktoberrevolution ein Aufenthalt von acht Jahren. In dieser Zeit erfuhr Chagall über das Schicksal seiner Bilder nichts. In seiner Heimatstadt fiel ihm eines Tages in einem Trupp von Gefangenen "ein dicker Deutscher mit athletischen Schultern" auf, der ihn feindselig musterte. "Wenn kein Krieg wäre", dachte der Künstler damals, "hätte ich ihn angesprochen und ihn gefragt, ob er etwas von Walden gehört hat und von meinen Bildern, die in Deutschland gefangen sind ."

Malewitsch und Lissitzky putschten gegen Chagall

Erst 1922 gelang es Chagall, eine Ausreisegenehmigung zu bekommen. Nach der roten Revolution 1917 war er Kunstkommissar für den Bezirk Witebsk und Direktor einer Kunstakademie geworden. Die Avantgarde-Maler Kasimir Malewitsch und EI Lissitzky, die er als Professoren an die Schule berief, "putschten" jedoch zwei Jahre später gegen ihn: Als Chagall von einer Moskau-Reise zurückkam, hatten sie seine "Freie Akademie" in "Suprematistische Akademie" umbenannt, in der nur noch Malewitschs streng konstruktivistische Malweise gelten sollte. Chagall trat zurück und arbeitete eine Zeitlang als Bühnen- und Kostümbildner am Staatlichen Jüdischen Theater in Moskau.

Schon bald nach dem Krieg hatte ihm ein Freund, der Dichter Ludwig Rubiner, aus Deutschland geschrieben: "Komme zurück, hier bist Du berühmt!" Als er schließlich im Sommer 1922 in Berlin eintraf, erkannte er rasch, dass Rubiner nicht übertrieben hatte. Dank Waldens unermüdlicher Propaganda war der Name Chagall nicht nur in Kennerkreisen ein Begriff, sondern buchstäblich populär - so sehr, dass ein Hochstapler in Dresden als Chagall auftreten und betuchte Bürger um hohe Geldbeträge prellen konnte.

Begeistert meldete die "Berliner Illustrirte Zeitung" im September, der "größte" russische Maler habe sich in der Hauptstadt niedergelassen. Dabei wollte Chagall eigentlich wieder nach Paris; in Berlin war er nur abgestiegen, um nach seinen Bildern zu sehen. Walden beeindruckte ihn mit der Erfolgsmeldung, alle 1914 ausgestellten Chagalls seien verkauft, und überreichte ihm eine Million Reichsmark. Diese Summe reichte indes gerade zum Kauf einer Straßenbahnkarte - so sehr hatte eine galoppierende Inflation die deutsche Währung entwertet.

Chagall entschloss sich, zu bleiben und um seine Bilder zu kämpfen. Er war fassungslos und wütend auf den Mann, dem er neun Jahre zuvor in einem seiner besten Werke gehuldigt hatte. Auf dem Bild, das heute mit dem Titel "Hommage a Apollinaire" bekannt ist, wächst Eva aus dem Leib Adams, und unter diesem fantastischen Doppelwesen hatte der Maler, ganz einfältig, um ein pfeildurchbohrtes Herz die Namen von vier verehrten Schriftstellerfreunden gepinselt: Canudo (Herausgeber einer avantgardistischen Zeitschrift), Apollinaire, Cendrars und Waiden. Stolz hatte der Deutsche das Bild auf seiner Chagall-Schau hergezeigt, nun war es verschwunden wie alle anderen.

Der Sprung zum Ruhm

Marc Chagall, 1941

Der Galerist weigerte sich auch, über ihr Schicksal Auskunft zu geben, obwohl viele davon in der "Sammlung Waiden" hingen. Offizielle Besitzerin dieser Kollektion war Waldeus Frau Nell. Chagall prozessierte, erreichte aber nicht viel. Walden wurde zwar verurteilt, die Käufer zu nennen, und zwei Gerichte ordneten die Herausgabe der Bilder "Ich und das Dorf", "Der Viehhändler" und "Rußland, den Eseln und den anderen" an. Doch "befremdlicherweise", beklagten sich Chagalls Anwälte noch 1925 in einem Leserbrief an die Zeitschrift "Das Kunstblatt", "war die Vollstreckung des auf Herausgabe lautenden Urteils erfolglos... Herr Chagall wird jetzt... Herrn Walden zum Offenbarungseid laden lassen."

Soweit kam es nicht. Chagall - mit seiner Frau Bella und der 1916 geborenen Tochter Ida längst wieder in Paris zu Hause - verglich sich 1926 mit der inzwischen von dem Galeristen geschiedenen Nell Walden und bekam unter Verzicht auf weitere Ansprüche drei Gemälde sowie zehn Gouachen zurück.

Walden, sagte er später einmal, sei die "größte Katastrophe" seines Lebens gewesen. Doch schon 1928, zum 50. Geburtstag des "Sturm"-Galeristen, sandte er ein versöhnliches Glückwunschschreiben: "Außer materiellen Mißverständnissen diesseitigen Lebens - habe ich seit unserer ersten Begegnung bei Apollinaire nicht aufgehört, Sie als den eifrigsten Verteidiger der Neuen Kunst und im einzelnen als ersten Verbreiter meiner Werke in Deutschland zu schätzen. Zu Ihrem fünfzigjährigen Jubiläum halte ich es für meine Pflicht, Ihnen dies mein Gefühl auszudrücken."

Auch Wassily Kandinsky und andere Künstler hatten nach dem Krieg aufreibende Auseinandersetzungen mit Walden, der als Geschäftsmann nichts taugte und sich wohl eher aus eigener Not als aus Berechnung in den Verdacht brachte, die von ihm geförderten Maler zu übervorteilen. Fest steht, dass er viele von ihnen international durchsetzte, gegen massive Widerstände und Anfeindungen. Selbst während des Krieges, 1917, veranstaltete er, als 56. "Sturm"-Ausstellung, eine Werkschau des "feindlichen Ausländers" Chagall.

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Auf dem Ruhm, den der junge Künstler dank Walden erlangte, konnte Chagall in den zwanziger Jahren aufbauen, ohne für sein Werk wesentlich neue Aspekte hinzuzugewinnen. Die Nachfrage war inzwischen so groß, dass er wichtige Bilder der frühen Pariser Jahre noch einmal malte: "Ich und das Dorf" zum Beispiel, den "Viehhändler" oder den berühmten schnupfenden Juden mit dem Titel "Die Prise".

In den folgenden Jahrzehnten kreierte Chagall emsig so etwas wie seinen eigenen Barock. Tausende von Gemälden, Gouachen, Lithografien entstanden, dazu zahlreiche Kirchenfenster: alles Werke, die, so der Kunsthistoriker und Publizist Werner Spies, ein Millionenpublikum mit der "modernen" Kunst versöhnten. Auf Chagall, schrieb Spies, "kann man sich verlassen, jede neue Gouache, jedes Bild garantiert verläßliche Süße, so unverwechselbar wie Chanel Nr. 5".

Dieser Artikel erschien zuerst in art – Das Kunstmagazin (1/1982).

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