Auguste Rodin: Bürger von Calais

Die Bürger von Rodin

Keines seiner allzu vielen Auftragswerke hat den französischen Avantgardisten Auguste Rodin (1840 bis 1917) so lange beschäftigt wie die Gruppe der "Bürger von Calais". Wie er mit der Aufgabe fertig wurde, im 19. Jahrhundert sechs Männer zu ehren, die sich 500 Jahre zuvor durch extremen Opfermut hervorgetan hatten, wird hier berichtet.
Die Bürger von Rodin

Rodins "Die Bürger von Calais" auf dem Place de l’Hôtel de Ville in Calais

Die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren herrliche Zeiten für die Schöpfer von Denkmälern. In der "Statuomanie", die ganz Frankreich befallen hatte, durchforschten große und kleine Gemeinden ihre Vergangenheit nach Kriegs- und Friedenshelden, deren Bildnisse sie auf den Marktplätzen errichten konnten. Einigen Kleinstädten fiel es schwer, passende Kandidaten zu finden; aber der Stadt Calais mangelte es nicht an Heroen: Längst schon hatte der Stadtrat beschlossen, die berühmten Bürger zu ehren, deren Opfermut die Stadt im Jahr 1347, im Hundertjährigen Krieg, ihre Rettung verdankte. Es waren ihrer sechs, angeführt vom Kaufmann Eustache de Saint-Pierre.

Ihre Geschichte steht in Froissarts Chronik: Als Calais nach langer Belagerung vor den Engländern kapitulieren mußte, hatte König Eduard III. angeboten, die Stadt nicht zu plündern, wenn "sechs der angesehensten Bürger der Stadt barfüßig, barhäuptig, barbeinig und im Hemd, mit Stricken um den Hals und den Schlüsseln von Stadt und Festung in den Händen, herauskämen und sich alle sechs ganz meinem Willen ergäben".

Die Chronik erzählt, dass der mutige Eustache "als erster sein Leben wagte". Bald schlossen sich ihm Jacques de Wissant, dessen Bruder Pierre, zwei ihrer Vettern sowie ein weiterer Kaufmann an. Sie verließen die Stadt unter "großem Wehklagen der Männer, Frauen und Kinder bei ihrem Abschied". Im englischen Lager knieten sie vor Eduard nieder, "erhoben ihre Hände und sagten, edler König schau an uns sechs, die wir Bürger von Calais und große Kaufleute waren. Wir bringen dir die Schlüssel von Stadt und Festung und unterwerfen uns uneingeschränkt deinem Wunsch und Willen, um die übrigen Einwohner von Calais zu retten". Da legte Königin Philippa, Eduards Gemahlin, Fürsprache für sie ein: "Die Königin ließ sie in ihr Gemach führen, befahl sie von den Stricken zu befreien und neu einzukleiden ... und setzte sie auf freien Fuß." Im 19. Jahrhundert waren die Bürger von Calais der Meinung, diese Männer verdienten ein Monument. Nach zwei gescheiterten Versuchen, Eustache ein Denkmal zu setzen, nahm der tatkräftige neue Bürgermeister Omer Dewavrin 1884 die Sache in die Hand. Der 47 Jahre alte Notar hatte besonders wichtige Gründe für seine Initiative: Aus wirtschaftlichen Gründen sollte die alte Hafenstadt auf ihrer ummauerten Insel mit St. Picrre vereinigt werden, ihrer Rivalin und Vorstadt auf dem Festland, die das Zentrum der französischen Spitzen- und Tüllindustrie war. Um die Verschmelzung zu erleichtern, sollten die Wälle der Zitadelle geschleift werden, was in Calais zu Befürchtungen über den drohenden Verlust der historischen Identität Anlaß gab.

»Selten ist es mir gelungen, einem Entwurf soviel Elan und Ernst zu verleihen.«

Also bewilligte der Rat von Calais 10 000 Franc für ein Denkmal, dessen Kosten 30 000 Franc geschätzt wurden. Der Rest sollte eine nationale Subskription beschafft werden. Als Präsident des comité d'érection ging Dewavrin selbst auf die Suche nach einem berühmten Bildhauer. Er bat den Maler Alphonse Isaac um Rat, und lsaac schrieb ihm am 17. Oktober 1884, dass "Monsieur A. Rodin, dessen Namen Sie zweifellos kennen, derjenige ist, dessen robustes Talent am besten für das Sujet geeignet ist."

Dewavrin hatte es eilig und machte sich sogleich auf den Weg nach Paris und erklärte Rodin die Wünsche des Komitees: "Eine Statue der Hauptperson." Doch Rodin schien von Anfang an entschlossen zu sein, alle sechs Geiseln darzustellen. Am 3. November schrieb er an Dewavrin, er arbeite bereits fleißig an dem Denkmal und habe eine originelle Idee; am 20. November könne das Tonmodell in Gips gegossen und nach Calais geschickt werden. Das erste Modell zeigt die sechs Gestalten eng aneinandergedrängt, die Hälse von einem Strick umschlungen. Diese kompakte Form, schrieb er, werde "den Bronzeguss billiger machen. Ich rechne damit, dass 25 000 Franc alle Kosten decken werden und dann nur noch das Künstlerhonorar zu zahlen wäre."

Rodin war äußerst zufrieden mit seiner Arbeit. "Selten ist es mir gelungen, einem Entwurf soviel Elan und Ernst zu verleihen." Der Bürgermeister sandte am 23. November Glückwünsche, äußerte aber auch Bedenken: "Alle waren begeistert, befürchten jedoch, daß die Gruppe sehr teuer wird." Rodin rechnete 15 000 Franc für den Guss, 4000 Franc für den Sockel und 15 000 Franc für sein Honorar, was eine Summe von 34 000 Franc ergab. Zugleich erbat er einen Vorschuss von 3000 Franc für das Modell und die Zusicherung, "dass niemand anders aufgefordert wird, meinen Entwurf auszuführen''.

Da Dewavrin sich auch an andere Bildhauer gewandt hatte, schickte Rodin zwei Freunde, die Maler Cazin und Legros, zur Besichtigung des Modells nach Calais: "Ich wäre Ihnen sehr dankbar", schrieb er Weihnachten, "wenn Sie sie freundlich empfangen würden; alle beide sind célébrités artistiques." Nach Begutachtung des Wettbewerbs schrieb Cazin an Rodin: "Wir drückten unsere Bewunderung für Deinen bemerkenswerten Entwurf in wohlgesetzten, ernsten Worten der Anerkennung aus. Natürlich prüften wir auch die anderen Bewerbungen. Dann wiesen wir ausführlich auf die Vorzüge Deines ausgezeichneten Vorschlags hin."

»Rodin ist vom ausgetretenen Pfad abgewichen«, meinte ein Komissionsmitglied

Dewavrin machte sich Sorgen um die Gießereikosten: "Einige Ihrer Mitbewerber pfeifen von den Dächern, dass Ihr Projekt so unausführbar ist, daß es 100 000 Franc kosten würde." Ungeachtet kritischer Stimmeninden Lokalzeitungen war die Kommission für Rodins Modell. Der Künstler wurde gebeten, nach Calais zu kommen, um auch über den beabsichtigten Standort gegenüber dem neuen Postamt zu diskutieren. Rodin unternahm die Reise am 21. Januar 1885 - der Acht-Uhr-Zug aus Paris brachte ihn um 12.25 Uhr nach Calais - und erreichte die einstimmige Unterstützung der Denkmalskommission. "A. Rodin ist vom ausgetretenen Pfad abgewichen", meinte ein Mitglied, "er hat uns einen so erregenden Entwurf vorgelegt. dass er all unsere Stimmen erhielt.''

Der offizielle Vertrag wurde in Calais ausgefertigt und am 25. Januar von Rodin gegengezeichnet. Über die sechs, in Gips zu liefernden, Figuren wurde vereinbart: Sie "dürfen im Durchschmtt nicht weniger als zwei Meter messen". Das erste Modell war 35 Zentimeter hoch. Vor der endgültigen Version sollte ein Modell im Maßstab 1:3 geliefert werden, an dem auch mögliche Anderungswünsche der Kommission erfüllt werden sollten. In einer Zusatzklausel wurde Rodins Honorar um 2000 auf 17 000 Franc erhöht um die Kosten für die originalgroße Gußvorlage zu decken. Bis "zur Lieferung. sollte das Geld in Sagots Bank in Calais hinterlegt werden.

Obwohl Rodin zugesagt hatte, das 1: 3-Modell "in kürzestmöglicher Zeit" zu liefern, brauchte er dafür mehr als ein halbes Jahr. Er hatte davon gesprochen, "in der Gegend von Calais einige ausdrucksvolle Porträtköpfe" zu studieren, um geeignete Gesichter für Eustaches Gefährten zu finden, aber es sieht nicht so aus, als sei er im Arrondissement Pas-de-Calais tatsächlich auf Kopfjagd gegangen. Noch immer dachte er an die Gesamtkomposition: "Ich bin sehr beschäftigt und mitten in den Recherchen", schrieb er am 18. März. Die beiden Städte waren inzwischen unter dem Namen Calais zusammengelegt worden. Dewavrin, nun nicht mehr Bürgermeister, wurde Ratsherr und blieb Präsident der Denkmalskommission.

Als der Frühling kam, kündigte Rodin eine Reise nach Calais an, sagte jedoch telegrafisch wieder ab: "BIN ZUR ZEIT KRANK. ENTSCHULDIGUNG, RODIN." Dewavrin fragte nach Fortschritten, doch Rodin ließ sich nicht hetzen: "Die Arbeit geht gut voran, doch um zu den grundlegenden Lösungen ... zu gelangen, muss ich meinen Gedanken Zeit lassen." Das Modell. für den Juni angekündigt, stand erst am 14. Juli bereit. Der zweite Entwurf unterschied sich deutlich vom ersten, und als Rodin ihn abschickte, ahnte er offenbar, dass die Kommission negativ reagieren würde. Am 26. Juli überwachte er in Calais das Auspacken der sechs Figuren, die auf einzelnen Basen standen und auf einem gemeinsamen Sockel vereint wurden.

Zeitungen überschütteten das Modell mit Hohn und Spott

Die Zeitung "Le Patriote" überschüttete das Modell mit Hohn und Spott. Über den Bürger, der sieb angeblich die Haare raufte, schrieb ein Autor unter dem Pseudonym "Un Passant": "Wenn du dein Opfer so sehr bedauerst, warum bist du dann nicht zu Hause geblieben?" Außerdem sei es absurd, "für sechs Herren mit Hemdzipfeln'' edle Posen zu erfinden. Ähnliches mußte sich Rodin von den Mitgliedern der Kommission anhören: "So haben wir uns unsere ruhmreichen Mitbürger auf dem Weg zum Lager des Königs von England nicht vorgestellt Ihre mutlosen Gesten sind ein Verstoß gegen unsere Religion." Sowohl die Haltung der Gestalten als auch die gesamte Komposition sollten geändert werden.

Nun war Rodin seinerseits verstimmt, tat aber sein Bestes, um eine ärgerliche affaire abzuwenden. Rodins Bewunderer hatten sein Modell in Pariser Zeitungen als "eines der bemerkenswertesten Denkmäler" gepriesen. Nun kam es darauf an, die verständnislosen Bürger der Kommission zu besänftigen, zu der die Präsidenten der Handelskammer und des Gesangvereins gehörten, zwei Fabrikanten von Spitzen, zwei Reeder, der Stadtarchitekt, mehrere Geschäftsleute und Monsieur Sagot, der Bankier. Dewavrin schrieb dem Bildhauer am 26. September: "Wir sind peinlich berührt; wir wagen nicht, weiterhin Geld zu beschaffen, bevor wir nicht Änderungen versprechen können."

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Rodin befaßte sich bereits freiwillig mit seinem Werk, in dem bereits fünf Monate intensiver steckten. Offenbar war er mit dem zweiten Modell selber nicht zufrieden. Trotz seiner Behauptung, dass nur eine Figur verändert werden könne, änderte er nicht nur Gesten und Mienen aller Bürger, sondern auch die Konzeption des Denkmals. Inzwischen gewann die Kommission ihr Vertrauen in Rodins Arbeit zurück; denn am 27. Oktober erhielt er seinen ersten Scheck über 5000 Franc. Als er Dewavrin am 11. Januar 1886 um weitere 2000 Franc bat, konnte er berichten: "Von den sechs Figuren sind drei sehr weit fortgeschritten, und die anderen sind in Arbeit." Noch immer sollten die Gestalten in einer Art offenem Kreis stehen, doch dann änderte Rodin seine Meinung. Zuerst ersetzte er die nackte Gestalt, die er beim zweiten Modell benutzt hatte, durch die eines älteren Mannes. Bald zeigten alle Figuren, deren Hand- und Körperbewegungen der Künstler mit der Sorgfalt eines Choreografen aufeinander abgestimmt hatte, mehr Spannung.

Jahre später stellte sich heraus, dass Rodins Sohn Auguste "für den Kopf, die Nase" der Figur des Bürgers mit dem Schlüssel Modell gestanden hatte. Er wurde im Januar 1886 20 Jahre alt, trat ins Militär ein und ging zu seinem Regiment nach Nancy. "Versuche wenigstens, deine Streifen zu kriegen, du Trottel", waren die Abschiedsworte des Bildhauers, "zu etwas andrem taugst du nicht!" Wenn Auguste ihm tatsächlich vor seiner Abreise Modell gestanden hatte, dann wohl für die eindrucksvolle jugendliche Gestalt des Jean d'Aire im zweiten Modell. Er trug zwei Schlüssel auf einem Kissen. Dieses Requisit wurde in der endgültigen Version verworfen, in der zwei Männer je einen Schlüssel tragen: Jean d'Aire und Jacques de Wissant. Welches Modell oder welche Modelle Rodin für den Kopf des Jean d'Aire auch gewählt haben mag - jedenfalls erscheint dasselbe Gesicht bei Jacques de Wissant und ein drittes Mal bei Andrieus d'Andres, dem verzweifelten Mann, der sein Gesicht in den Händen hält. Wenn tatsächlich der Sohn Modell gestanden hat, dann war Rodin diesmal noch frecher als sonst, indem er drei von sechs mittelalterlichen Helden die Züge eines Dummkopfs verlieh, der gerade Grips genug hatte, um zum Militär zu gehen.

Rodin hatte für den Auftrag aus Calais ein weiteres Atelier am Boulevard de Vaugirard 117 gemietet. Dort besuchte ihn am 17.April1886 zum ersten Mal der "Feldmarschall der französischen Literatur", der Schriftsteller Edmond de Goncourt. Danach schrieb Goncourt in sein Tagebuch über diese erste Begegnung: "Er ist ein Mann mit Zügen des einfachen Volkes: eine fleischige Nase, klare Augen, die unter ungesund geröteten Augenlidern hervorblitzen, ein langer, gelblicher Bart, die Haare zur Bürste geschnitten, mit einem runden, ein wenig spröde und eigensinnig wirkenden Kopf - ein Mann, wie ich mir die Jünger Christi vorstelle." Goncourts Besuch traf zufällig mit einer Krise bei der Finanzierung des Denkmals zusammen. Die französische Wirtschaft hatte sich zum Schlechten entwickelt: Auch in Calais hatten Banken bankrott gemacht, und das Kapital der Kommission war in den Zusammenbruch von Monsieur Sagnts Bank geraten. Rodin, der erst knapp die Hälfte seines Honorars erhalten hatte, machte sich Sorgen um den Rest. "Der arme Teufel hat wirklichkein Glück mit seinen Geiseln von Calais", vermerkte Goncourt. Doch trotz des finanziellen Engpasses der Stadt "ist die Arbeit so weit fortgeschritten, dass sie vollendet werden muss - und das wird ihn 4500 Franc für Modelle, Ateliers und so weiter kosten".

»Er hat die Bildhauerkunst in das Reich von Leidenschaft zurückgeführt«

Rodin schrieb an Madame Dewavrin, er sei "traurig" über das Unglück von Monsieur Sagot, das die Dewavrins in Mitleidenschaft gezogen hatte. "Ich bin besorgt um Sie und nicht um mich, denn ich kann noch warten." Die Bemühungen der Kommission, Geld zu beschaffen, stockten: Zwar erhielt Rodin die Zusage für weitere Raten seines Honorars – im Mai waren wieder 2200 Franc fällig -, Guss und Aufstellung des Denkmals würden jedoch warten müssen, bis sich die Stadt erholt habe.

In dieser Zeit fand Rodin in Gustave Geffroy einen großartigen Mitstreiter und Freund. Er war 15 Jahre jünger als der 1840 geborene Bildhauer, befand sich aber - wie Léon Daudet schrieb – auf dem Weg, "unser führender französischer Kritiker" zu werden. Als die ersten drei originalgroßen "Bürger von Calais" im Frühjahr 1887 in der Pariser Galerie Georges Petit enthüllt wurden, übernahm Geffroy die wichtige Aufgabe, die Einwohner von Calais mit ihrem künftigen Denkmal zu versöhnen. In "L'Avenir de Calais" vom 9. Juni erklärte er dem noch immer wenig begeisterten Publikum, ihr Bildhauer habe den Lieblingsstoff ihrer Stadt "verklärt und vergrößert": "Er hat seinen Gestalten den menschlichen Ausdruck verliehen, der für den Zweck des Werkes unerlässlich ist. Doch wie üblich hat er auf etwas Beständiges ... hingearbeitet, eine Synthese. Er ist Handwerker geblieben und hat sich dennoch in die Höhen der Philosophie aufgeschwungen. Die Gestalten, die an uns vorbeiziehen, gehören in alle Zeiten und an alle Orte - gezeichnet von dem Gefühl für das Tragische, das unlöslich mit allen großen Kunstwerken verbunden ist"

Rodins drei erstgeborene "Bürger" wurden von Octave Mirbeau, seinem zweiten großen Anhänger unter den Kritikern, begeistert begrüßt. In der Zeitung "Gil Blas" vom 14. Mai 1887 nannte er Rodin den größten Bildhauer Frankreichs und verglich ihn mit Phidias, Donatello und Michelangelo: "Er hat die Bildhauerkunst, die bisher nichts als ein immer währender Neuaufguss vongriechischer Kunst und Renaissance war, genommen und in das Reich von Metaphysik und Leidenschaft zurückgeführt."

Während Mirbeau und Geffroy für Rodin in den Zeitungen Propaganda machten, tat Roger Marx, seit September 1887 Sekretär des Direktors der Schönen Künste, es ihnen im Ministerium gleich. Trotz seiner Jugend hatte er sich bereits einen Namen als "einer der zuverlässigsten und bestinformierten Kenner" der zeitgenössischen französischen Kunst gemacht. Marx sorgte dafür, dass Rodin Mitglied der Regierungskommission wurde, die auf der Weltausstellung von 1889 für die Schönen Künste verantwortlich war. Außerdem kümmerte er sich darum, dass der Bildhauer endlich zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde und einen 20 000-Franc-Auftrag der Regierung über eine Marmorausführung seiner Plastik "Der Kuss" erhielt.

1889 gelang es dem hartnäckigen Georges Petit, eine große Retrospektive auf das Werk von Claude Monet und Auguste Rodin zu organisieren. Seine Galerie in der Rue de Sèze lieferte den perfekten Rahmen für 145 Bilder Monets aus den Jahren 1864 bis 1889 und 36 Skulpturen Rodins. Alle sechs "Bürger von Calais" hatten hier ihren ersten öffentlichen Auftritt als Gruppe. Die Vorbereitungen zur Ausstellung machten den Künstlern mehr Verdruss, als sie erwartet hatten. Als die Werke plaziert wurden, offenbarte Rodin einen Charakterzug, der jedermann überraschte. Goncourt schrieb dazu: "Es scheint, als hätten schreckliche Auftritte stattgefunden, in denen der sanfte Rodin sich plötzlich als ein ganz anderer als der erwies, den seine Freunde kannten. Er brüllte: 'Ich kümmere mich einen Dreck um Monet und alle anderen, ich kümmere mich nur um mich!'" Monet war untröstlich, als er das Ergebnis sah: Das Bild an der Rückwand, "das beste in meiner Ausstellung, geht wegen der Aufstellung von Rodins Gruppe völlig verloren. Das Unheil ist geschehen ... es ist verheerend für mich", schrieb er an Petit. Die Öffentlichkeit erfuhr nichts davon.

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Mehrere Generationen von Künstlern beeinflusste der Künstlerstar Auguste Rodin mit seinen Werken. Zum 100. Todestag wird der französische Meister-Bildhauer ausführlich gefeiert. Auch seine berühmtesten Werke werden gezeigt

Die sechs "Bürger" aus waren die am heftigst diskutierten Skulpturen der Schau. Für Firmin Javel, der in  "L'Art Francais" schrieb, ,"verkörperten sie eine Revolution in dem Sinne, dass sie alle ehrwürdigsten Traditionen umgestürzt haben", Alphanse de Calonne ("Le Solei!") fühlte sich an "Clowns auf niedrigstem Unterhaltungsniveau" erinnert. Dennoch war sich die Kritik darin einig, dass Rodin die Moderne einen gewaltigen Schritt vorangebracht habe: "La victoire est complete."

Nur der Bildhauer fühlte sich nicht als Sieger. Omer Dewavrin vertraute er an, er sei "am Ende meiner Kräfte". Der ehemalige Bürgermeister hatte ihm geschrieben, dass die Stadt Calais ihre Bemühungen, das Denkmal zu finanzieren, wieder aufgenommen habe. Sadi Carnot, der Präsident der Republik, habe eine Regierungsbeihilfe zugesagt. Die guten Nachrichten schienen Rodin nicht zu beeindrucken: "Ich mache zwei Monate Urlaub, um mich etwas auszuruhen, und kümmere mich nach Rückkehr um die Sache ... " Sie ließ auf sich warten bis 1893. Rodin hatte den Auftrag für ein Victor-Hugo-Denkmal erhalten, quälte sich an seinem Balzac-Denkmal, der "mühsamsten Arbeit meiner Laulbahn", als eine von Dewavrin besorgte Beihilfe von I 000 Franc die "Bürger" zu neuem Leben erweckte.

Anfangs schien Rodin wenig begeistert, und Dewavrin sah sich genötigt, ihn zu ermuntern: "Antworten Sie mir nicht, weil Sie das Interesse an Ihren prächtigen 'Bürgern' verloren haben? ... Seien Sie Ihrem Ruhm gegenüber nicht so gleichgültig." Rodin erwiderte, dass er das heilige Feuer nicht verloren habe, "es ist nur, dass ich an mehreren Dingen arbeite, die getan werden müssen ... Ich habe den 'Bürgern' mehr Zeit gewidmet als allen anderen Werken, aber sie sind ein kolossales Denkmal und passen nicht zu der heutigen Vorstellung, dass alles schnell gehen muss." Dewavrin hatte eine neue Subskription ins Leben gerufen, um das für Guss und Aufstellung nötige Geld zu beschaffen. Der Verkauf von 45 000 Lotterielosen zu je einem Franc und eine Regierungszuwendung brachten den Betrag schließlich zusammen.

Zu Rodins Entsetzen sollte das Denkmal neben einer öffentlichen Bedürfnisanstalt errichtet werden

Wegen der Frage des Sockels geriet Rodin noch einmal in Streit mit dem Stadtrat von Calais. Er wollte die sechs Figuren entweder auf einem hohen Postament stehen sehen wie die bretonischen Calvaires oder, lieber noch, fast zu ebener Erde mitten in der Stadt, wo sie "intimer und unmittelbarer wirken würden". Der Rat schenkte seinen Wünschen jedoch keine Aufmerksamkeit Vorbereitungen wurden getroffen, das Denkmal auf der Place Richelieu auf einem Sockel von normaler Höhe aufzustellen, umgeben von einem schmiedeeisernen Gitter und, zu Rodins Entsetzen, neben einem chalet de nécessité, also einer öffentlichen Bedürfnisanstalt.

Dewavrin hatte es eilig, die Enthüllung zu feiern, und ärgerte sich über den Bildhauer, der sich mit der Lieferung der fertigen Gipsabgüsse Zeit ließ. Man schickte einen Abgesandten namens Louis Gallet aus Calais nach Paris. Am 17. Januar 1895 berichtete er, dass nun alles bereit für die Gießerei sei: "Ich war dabei als Rodin ihnen einen letzten Blick schenkte und ein letztes Mal Hand an sie legte ... Er ist ziemlich unglücklich, seine Gruppe in die Gießerei gehen zu sehen, aber nicht, weil er einige Einzelheiten liebkosend glätten wollte, sondern weil er immer noch davon träumte, bestimmte Linien harmonischer zu gestalten."

Die offizielle Einweihung des Denkmals am Sonntag, dem 3. Juni, wurde ein gewaltiger Erfolg. Die Festlichkeiten begannen am Samstagabend mit einem Musikkapellen-Wettstreit und einer Parade: 300 Musiker, Reiter, Fakkelträger und Artilleristen marschierten durch die flaggengeschmückten Straßen. Am folgenden Tag gab es weitere Paraden sowie ein Musikfest für 26 Orchester und Chöre, einen bal populaire, ein Feuerwerk und ein Bankett. Die beiden erwarteten Minister hatten sich erkältet und ließen sich entschuldigen. An ihrer Stelle kamen der Kolonialminister und Roger Marx, inzwischen Inspekteur der Schönen Künste. Außerdem wohnten der Feier zwei Senatoren, zwei Abgeordnete, ein General und andere Würdentr.ger bei. "Sind Sie zufrieden?" fragte ein Reporter des "Echo de Paris" den Künstler. "Man sagt, Sie seien nicht glücklich mit dem Standort des Denkmals." "Mein erster Gedanke war, die ,Bürger' auf einen sehr niedrigen Sockel zu stellen. Dieser hier ist zwar höher, als ich eigentlich wünschte, aber der Architekt hat mich trotzdem damit zufriedengestellt"

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