Fotos von Guillermo Kahlo

Fridas Vater

Selbst der letzte Kunstbanause weiß, wer die Frau mit dem Blumenkranz im Haar ist. Handyhüllen und Jutebeutel werden mit ihren Selbstporträts bedruckt. Frida Kahlo kennt einfach jeder. Doch wer hat schon mal von Guillermo Kahlo gehört, ihrem Vater? Das Werk des aus Pforzheim stammenden Fotografen verblasst leider allzu sehr hinter dem seiner berühmten Tochter. Dabei konnte er mehr, als wunderschöne Frida-Porträts.
Fridas Vater

Links: Guillermo Kahlos Porträt von seiner Tochter Frida, 1936, rechts: Selbstporträt von Guillermo Kahlo, 1920

Im Museo Frida Kahlo in Coyoacán hängt das Porträt eines dunkelhaarigen Mannes mit Schnauzbart. Die großen grünen Augen blicken skeptisch zur Seite. Hinter ihm steht sein Arbeitswerkzeug: eine Kamera. Darunter hat die Künstlerin 1951 geschrieben: "Ich malte meinen Vater Wilhelm Kahlo, von ungarisch deutscher Herkunft, Künstler und Fotograf von Beruf, von großzügigem, intelligentem und edlem Wesen, mutig, da er sechzig Jahre lang an Epilepsie litt, aber nie aufhörte, zu arbeiten, und gegen Hitler kämpfte. In Verehrung. Seine Tochter Frida Kahlo."

Dies ist der einzige Hinweis auf Guillermo Kahlo in Fridas Geburtshaus, das heute eines der meistbesuchten Museen in Mexiko ist. Eine der zahlreichen Legenden um die Figur Frida Kahlo ist durch dieses Bild entstanden: die ungarische Herkunft ihres Vaters.

Von Pforzheim kam Kahlo nach Mexiko

Fridas Vater

Frida Kahlo: "Bildnis meines Vaters", 1951, Öl auf Hartfaser, 60,5 x 46,5 cm, Museo Frida Kahlo, Mexiko-Stadt

Tatsächlich kommt Karl Wilhelm Kahlo aber 1871 im badischen Pforzheim zur Welt. Der Sohn von Schmuckfabrikanten macht sich 1890 als einziger Passagier des Paketdampfers "Borussia" auf den Weg von Hamburg nach Veracruz. Dort wittern damals viele deutsche Männer ihre Chance, die boomende Schmuckindustrie jenseits des Atlantiks für sich zu nutzen. Aber Wilhelm Kahlo ist anders als diese Männer. Die deutschen Kolonien in Mexiko City interessieren ihn bald nicht mehr, die mexikanische Kultur umso mehr. So wird aus Carl Wilhelm schließlich Guillermo, der in die katholische Oberschicht einheiratet. Mit 26 wird er Witwer mit zwei Kindern, seine erste Frau stirbt 1898 im Kindbett. Noch im selben Jahr heiratet er Matilde Calderón y González, die Tochter eines Fotografen. Sie wird 1907 Fridas Mutter.

Moderne Eisenbahnbrücken treffen bei Guillermo Kahlo auf Maya-Ruinen

Guillermo Kahlo liebt das Klavier und verehrt Beethoven, Schopenhauer ist seine Lieblingslektüre. Außerdem faszinieren ihn die Wunder der Technik. Neben seiner Tätigkeit als Buchhalter bei verschiedenen deutschen Unternehmen beginnt er mit dem Fotografieren. Während seiner Zeit bei der Firma Boker dokumentiert er den Bau des Firmensitzes. Das "Casa Boker" ist zu diesem Zeitpunkt das modernste Gebäude Mexikos und das einzige, das mit Stahlträgern und Fahrstuhl ausgestattet ist. Vermutlich nutzt Guillermo Kahlo seine Verbindung zur Firma, um sich das modernste fotografische Equipment zuzulegen.

Danach folgen schnell weitere Fotoaufträge von Industriebauten in Mexiko City und ein mehrjähriger Staatsauftrag für die fotografische Bestandsaufnahme von Kirchen und Zivilbauten im ganzen Land. Guillermo Kahlo kommt viel herum, ist ständig auf Reisen. Dabei entstehen auch Reportagen für diverse mexikanische Zeitschriften. Einige Fotos erscheinen in Bildbänden oder auf Postkarten. Seine Motive reichen von technischer Innovation bis zu antikem Kulturgut. Moderne Eisenbahnbrücken treffen auf Maya-Ruinen. 

Frida Kahlo, das Lieblingskind

Privat nimmt Guillermo Kahlo Familien- und Selbstporträts auf – mit Vorliebe macht er Aufnahmen von Frida. Schon als Mädchen posiert sie für ihren Vater. Hübsch zurechtgemacht mit Blumenstrauß auf einem Sessel sitzend, lacht die kleine Frida in die Kamera. Jahre später ersetzt den Blumenstrauß ein Buch, das die erwachsene Frau mit ernstem Ausdruck in den Händen hält. Auf einem weiteren berühmten Porträt wirkt ihr eindringlicher Blick noch etwas melancholischer als sonst: Die Arme verschränkt sie vor der Brust, der typische folkloristische Schmuck fehlt hier gänzlich. Das Foto entsteht im Oktober 1932, einen Monat nach dem Tod ihrer Mutter.

Frida Kahlo auf einem Foto von Guillermo Kahlo
Übersicht zu allen Artikeln und aktuellen Ausstellungen mit Frida Kahlo

Guillermo Kahlo erkürt Frida früh zu seinem Lieblingskind. Unter einen Brief an seine jüngste Tochter schreibt er 1932: "… zärtliche Grüße von deinem dankbaren Papa, der dich so sehr liebt, du weißt das ja, nicht wahr? – auch wenn es die anderen ein wenig neidisch macht." Die emotionale Verbundenheit und der gemeinsame kreative Geist prägen das Vater-Tochter-Verhältnis bis zu Guillermos Tod 1941.

Guillermo Kahlo fördert Fridas Kunst

Fridas Vater

Buchcover: "Fridas Vater", Schirmer / Mosel

Was bleibt sind seine Fotografien. Dokumentarische Arbeiten, mit dem Ziel, objektiv zu erzählen, wie sich die Welt um ihn herum veränderte: keine Inszenierung, keine Arrangements. Seine kühlen, distanzierten Bilder zeigen uns heute, wie riesige Tabakfabriken, imposante Kirchen oder gespenstische Kinderheime in Mexiko vor fast hundert Jahren ausgesehen haben.

Sein introvertiertes Wesen und seine Bescheidenheit sind wohl zum großen Teil dafür verantwortlich, dass man ihn so lange übersehen hat. Erst 1993 wurde Guillermos Werk erstmals umfassend in drei Museen in Mexiko ausgestellt. Zum Glück bekommt das Leben und Schaffen des "analytischen deutschen Konstrukteurs/Dekonstrukteurs und skeptischen Traumtänzers", wie Diego Rivera, Fridas große Liebe ihn einmal beschrieb, doch noch die verdiente Aufmerksamkeit. Er war es auch, der Frida Kahlo zum Malen ermutigte, sie förderte und ihr technisches Basiswissen vermittelte. Ohne ihn gäbe es heute womöglich keine Frida-Jutebeutel und ohne Frida vermutlich auch kaum Beachtung für Guillermos Fotos.

"Fridas Vater" – Der Fotograf Guillermo Kahlo

  • Verlag: Schirmer/Mosel
  • Mit Texten von Juan Coronel Rivera, Cristina Kahlo Alcalá, Helga Prignitz-Poda, Raquel Tibol und den Herausgebern
  • 248 Seiten, 119 Duotone-Tafeln, 60 Abb. Format: 23,5 x 27,5 cm, gebunden
  • Preis: 19,80€

"Fridas Vater" – Der Fotograf Guillermo Kahlo