Documenta 10 – Rundgang

Transit ins nächste Jahrtausend

Bilanz und Ausblick am Ende des Jahrtusends: Wie sieht die Kunst der Gegenwart aus? Welche Positionen wirken aus der Vergangenheit in die Jetztzeit? Was bleibt vom Verlust der Utopien, dem Verschwinden des Autors, der Auflösung im Virtuellen? Am Ende gar – Bilder? Die künstlerische Leiterin Catherine David aus Paris hat ihr Konzept bis zuletzt offengehalten. Hat Künstler, Wissenschaftler, und Philosophen, Musiker, Theatermacher und Filmregisseure eingeladen, ihre Sicht auf die Welt darzulegen – in Kunstwerken und Dokumenten, in Texten, Vorlesungen, Filmen und Aktionen. Ein kühner Versuch, den veränderten Kunstbegriff zu erfassen und neue Grundlagen zu formulieren.
Transit ins nächste Jahrtausend

Eine Halle der Documenta 10 zeigt das Wandgemälde des Österreichers Peter Kogler. Statt emsiger Ameisen, die der Künstler fünf Jahre zuvor in Kassel über Wände laufen ließ, sind diesmal elektronische Leitfäden zu sehen.

Hans-guck-in-die-Luft marschiert auf seinem Stahlrohr in die Wolken. Schade, dass "Der Mann, der zum Himmel geht" nicht auch mal nach unten schauen kann, denn rund um den Kasseler Hauptbahnhof, wo Jonathan Borofskys Wahrzeichen der Documenta 9 heute steht, treiben plötzlich seltsame Gewächse ihre Blüten. "Schuttpflanzen" lässt ein Tiroler Künstler in einer Asphaltlücke wuchern - es ist der Beitrag des Distelliebhabers Lois Weinberger zur Documenta X, die am 21. Juni beginnt. Für Weinberger und viele seiner Kollegen hat das Modell Borofsky ausgedient: Keiner stellt mehr eine Skulptur einfach so in den Stadtraum. Am Ende der neunziger Jahre operieren die Künstler mit vorhandenen Situationen, analysieren und unterwandern öffentliche Systeme; oft erst auf den zweiten Blick geben sich ihre Eingriffe als Kunst zu erkennen.

In einer Zeit so karger Werke, die sich den Sinnen nur zögernd erschließen, meist kommentarbedürftig sind und selbst von erfahrenen Kunstbetrachtern viel Mit- und Umdenken verlangen, kam auf die Französin Catherine David, 42, eine gewaltige Aufgabe zu, als sie 1994 zur ersten Documenta-Leiterin berufen wurde.Die Documenta X, Jubiläumsschau und Transit ins nächste Jahrtausend, muss mindestens 500 000 Besucher anlocken und zugleich geistigen Glanz entfalten als "manifestation culturelle".

Das Kunstwerk gilt nicht länger als ein Fetisch

Das Kunstwerk gilt nicht länger als ein Fetisch, sondern als Setzung im kulturellen Prozess. "Manifestation", Feststellung - das ist bereits Text der Documenta-Chefin, die sich einen Dreisprung vorgenommen hat: Ihre Documenta besteht aus der Ausstellung, dem Diskurs-Programm und - aus einem Buch. In der Ausstellung, die in fünf Gebäuden mit 8300 Quadratmetern soviel Fläche belegt wie die Documenta 9, lässt Catherine David sich ausgiebig auf die Kunst von heute ein, konfrontiert sie aber "retroperspektiv" mit Werken von Künstlern der jüngsten Vergangenheit, "die heute größere Bedeutung haben als damals". Zum ersten Mal hat die Documenta sieben Filme produzieren lassen, ausgewählte Kunstaktionen ins Internet eingespeist und "Theaterskizzen" in Auftrag gegeben, die zum Finale in einem 24-Stunden-Marathon präsentiert werden. Im Diskurs-Programm geben Künstler, Architekten, Kritiker, Schriftsteller, Filmemacher, Philosophen und Naturwissenschaftler aus allen Erdteilen unter dem Titel " 100 Tage - 100 Gäste" in der Documenta-Halle jeweils ein knappes Statement ab. Danach bringt Catherine David den Gast des Tages mit dem Publikum ins Gespräch. Autoren wie Wole Soyinka aus Nigeria und Carlos Monsivais aus Mexiko, der niederländische Architekt Rem Koolhaas und der amerikanische Künstler Mike Kelley haben ebenso zugesagt wie der deutsche Neurophysiologe Wolf Singer. Der Filmemacher Jean-Luc Godard ist eingeladen worden und denkt über einen Besuch in Kassel noch nach.

"Documenta X - Das Buch" schließlich ist ein eindrucksvoller Wälzer, der in Essays, poetischen Texten und Gesprächen das geistige Profil der Zeit seit 1945nachzeichnet. Dem zerstörten Kassel wird Hiroschima gegenübergestellt, konkrete Poesie wird erörtert, über die Folgen der gegenwärtigen Globalisierung debattiert. Obwohl mit Abildungen von Werken der Jahre 1967 bis 1997 illustriert, die auf der Documenta X gezeigt werden, versteht sich "Das Buch" keinesfalls als Katalog. Ein Parcours vom Bahnhof bis zur Fulda Die anspruchsvollen Zutaten verlangen viel Zeit und große Aufmerksamkeit dennoch verliert die Documenta-Chefin jene Besucher nicht aus dem Blick,die nur offenen Auges durch Kassel schlendern und Kunst sehen wollen. Ihnen bietet sie vom Hauptbahnhof bis zum Ufer der Fulda einen Parcours an.

In dem alten Sackbahnhof, der zu Deutschlands erstem "Kulturbahnhof' umgewidmet wurde, besetzt die Documenta 1800 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Im dortigen Bali-Kino werden täglich die Documenta-Filme projiziert. Im benachbarten Studio des Offenen Kanals richtet der Belgier Johan Grimonprez zusammen mit dem Kritiker Herman Asselberghs unter dem Titel "Autgepasst! Wer Gespenst spielt, wird vielleicht selber eines" eine Videothek mit ausgewählten Werken ein, unter anderem von Chris Marker, Jean-Luc Godard, Claude Chabrol und Craig Baldwin. In der Bahnhofshalle baumeln zwei riesige Stroh- und Filzhüte des BrasilianersTunga, Jahrgang 1952, an Nylonseilen von der Decke - zumindest dann,wenn sie nicht gerade von sechs Blondinen und sechs dunkelhäutigen Männern durch Kassel getragen werden.

Ein schlechtes Gemälde wird nicht dadurch besser, dass es einen Appell für den Weltfrieden im Titel trägt

Im Vorfeld geizte die Documenta-Chefin mit einem Konzept, sie veröffentlichte auch keine Liste der rund 150 teilnehmenden Künstler - doch entgegen der Befürchtung, Catherine David werde eine pulvertrockene Ausstellung abliefern, kündigen sich auch heitere Situationen an: Vielen Arbeiten liegt zwar engagierte Ernsthaftigkeit zugrunde, doch betrifft die eher die gedankliche Struktur als die äußere Erscheinung. Die "Volksboutique" der amerikanischen Künstlerin Christine Hill, Jahrgang 1968, ist ein Beispiel dafür: In der Unterführung am Kulturbahnhof baut sie ein ehemaliges Pelzgeschäft in einen Second-Hand-Laden um. Ihre Boutique, die moderne Form des Salons, transportiert Großstadterfahrungen der Künstlerin aus den USA und Berlin: Die kommunikative Funktion kleiner Läden spielt hier mit und die Bedeutung der Mode für die Jugendkultur. Eine Welt mit eigenen Regeln und Trends wird zitiert, in der jeder in wechselnde Rollen schlüpfen kann. Statt handelbare Objekte herzustellen, verkauft Christine Hill gebrauchte Kleidung und vermittelt jede Handlung als Bestandteil eines umfassenden künstlerischen Lebensentwurfs.

Auch die neunteilige Arbeit "Trauerspiel" der französischen Fotokünstlerin Suzanne Lafont, Jahrgang 1949, hat die Großstadt zum Thema. Sie ging Türken nach, die auf der Suche nach einem besseren Lebenwährend der fünfziger- Jahren nach Westeuropa kamen und in den Ghettos der Vorstädte landeten. Die Fotos trister Architektur - unter anderem aus Istanbul, Belgrad, Budapest und Wien - sind in der Unterführung oberhalb der Treppenstraße plakatiert.

Vom Amerikaner Dan Graham, Jahrgang 1942, einem in der "Retroperspektive" vorgestellten Künstler, wird auf der Kasseler Treppenstraße die "Video-Arbeit für Schaufenster in einer Einkaufspassage" von 1976 rekonstruiert. Auf der einen Straßenseite offenbart ein Videomonitor, was eine Kamera auf dergegenüberliegenden Seite aufgenommen hat - in umgekehrter Richtung ist die Wiedergabe um einige Sekunden verzögert. Das Ganze ist ein Instrument indirekter Kommunikation, doch auch der Überwachung. Ein schöner Klassiker - angesichts heutiger Möglichkeiten elektronischer Observierung aber eher ein harmloser Gag.

Welche Konsequenzen jüngere Künstler aus ihren Erfahrungen mit Kunst der sechziger und siebziger Jahre gezogen haben, soll die Konfrontation im Fridericianum beantworten. Rein formal ist das der eher konventionelle Teil der Documenta. Auf und vor weißen Wänden, die das Wiener Architektenteam Andräs Palffy und Christian Jarbonegg aufrichtet, erscheinen Malerei, Fotografie und Installationen - schließlich glaubt auch Catherine David "nach wie vor an das individuelle Erlebnis vor dem Kunstwerk, das Sichhineinversetzen in das Bild". 

Was bleibt von der Documenta 10?
1997 lud Catherine David zur großen Fusion von Kunst und Theorie. Fünf Jahre später bat art sieben Kritiker um einen persönlichen Rückblick auf ihre Kasseler Schau

Ein Problem, das sich gerade bei politsch motivierten Arbeiten stellt: Sie müssen sich auch an der Geschichte ihres Mediums messen lassen; ein schlechtes Gemälde wird nicht dadurch besser, dass es einen Appell für den Weltfrieden im Titel trägt. Vor allem nichteuropäische Künstler drängt es zur Auseinandersetzung mit ihrer Realität. Die Alltagserfahrung der afro-amerikanischen Bevölkerung in den staatlichen Wohnprojekten etwa ist Thema der riesigen, kraftvollen Gemälde von Kerry James Marshall, Jahrgang 1955, der in Los Angeles studiert hat und sich in der Nachbarschaft so prominenter Europäer wie Gerhard Richter und Maria Lassnig behaupten muss.

Der Schweizer Kontext-Künstler Christian Phillipp Müller, Jahrgang 1957, reflektiert die früheren Documenta-Beiträge "Vertikaler Erdkilometer" von Walter De Maria und "7000 Eichen" von Joseph Beuys. Als Ausstellung in der Ausstellung dokumentiert sein Projekt "Ein Balanceakt" mit Monitor und Textmaterial Geschichte und Wirkung dieser Aktionen. Eine zeitgemäße Strategie, zu der die Überzeugung des Philosophen Paul Virilio passt: "Die Fauves, die Wilden von heute, sind diejenigen, die an der Präsenz der Kunst arbeiten."

Nach einem Abstecher ins Naturkundemuseum Ottoneum, wo auf zwei Etagen unter anderem Arbeiten von Reinhard Mucha und Zukunftsvisionen des Architekten Rem Koolhaas und seiner Studenten zu sehen sind, führt der Parcours in die von Catherine David als "Squash-Halle" disqualifizierte Documenta-Halle. Sie ist das kommunikative Herzstück: Hier begegnet an 100 Tagen abends um 19 Uhr jeweils ein sachverständiger Gast den Documenta-Besuchern. Für drei Wiener Künstler war das die Herausforderung, das weitläufige Ambiente in ein Forum umzuwandeln: Peter Kogler, Jahrgang 1959, der bereits auf der vorigen Documenta das Foyer des Fridericianums mit einer Ameisen-Tapete beklebte, empfiehlt sich mit seinen auf Bahnen gedruckten Schlingen-Ornamenten erneut als Raumdekorateur; Heimo Zobernig, Jahrgang 1958, baut die Bühne und Franz West, Jahrgang 1947, liefert die Stühle.

Zum Abschluss eine niedliche Sauerei

Hinter der Halle öffnet sich der Parcours hin zur schönen Karlsaue - Zeit zum Aufatmen. Oder doch noch einmal eintauchen in die Grotesken der Kunst? Neben der Orangerie mit einem "Labor" des niederländischen Medienkünstlers und Theoretikers Geert Lovink parkt der polnische Bildhauer Pawel Althamer ein skurriles Automobil. Innen sind Videosequenzen zu sehen, die er, verpackt in einen selbstgebastelten Astronautenanzug, auf Streifzügen durch die Stadt aufgezeichnet hat.

Im Prinzessgarten am Fuldaufer erlaubt sich der im März 1997 mit 43 Jahren gestorbene Maler, Performance-Künstler und Neo-Dadaist Martin Kippenberger einen letzten Scherz. Er hat Kassel - wie übrigens auch Münster - an ein imaginäres internationales U-Bahn-Netz angeschlossen, doch wird an dieser Bahnstation außer den Besuchern nichts und niemand verladen.

Quieken und Grunzen tönt aus der "Installation" des Kölner Künstlerduos Carsten Höller, Jahrgang 1961, und Rosemarie Trockel, Jahrgang 1952. Am Ende des Parcours veranstalten der studierte Biologe und die Konzeptkünstlerin eine Sauerei: Sie haben ein Häuschen entworfen, in dem die Artverwandten Schwein und Mensch unter idealen Bedingungen nebeneinander leben sollen. Glückliche Schweine: Während sich das quirlige Rudel vom Typ "Bentheimer Landrasse" - unter Autsicht der Beratung für artgerechte Tierhaltung Witzenhausen - fressend im Stroh wälzen darf und von den Besuchern durch eine Glaswand beobachtet wird, bleibt dem Borstenvieh der Anblick des Documenta-Publikums dank einseitig verspiegelter Scheibe erspart. Kunst? "Kunst ist", lehrte der Heilige Augustinus, "was große Künstler machen."

 

Dieser Artikel erschien erstmals in art – Das Kunstmagazin, Ausgabe 6/1997

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