Documenta 10: Kritikerumfrage

Was bleibt von der Documenta 10?

1997 lud Catherine David zur großen Fusion von Kunst und Theorie. Fünf Jahre später bat art sieben Kritiker um einen persönlichen Rückblick auf ihre Kasseler Schau.
Was bleibt von der Documenta 10?

Auf reges Medieninteresse stießen in der Kasseler Karlsaue Schweine der Rasse "Bunte Bentheimer". Eigens für sie wurde im Rahmen der Documenta X ein Stall errichtet, den sie sich mit Menschen teilen. Durch eine auf der Schweineseite verspiegelten Glasscheibe schauend, konnte sich der Besucher am Getümmel der Schweine erfreuen, ohne sie zu stören. Das Schweineprojekt war eine Arbeit des Künstlerduos Rosemarie Trockel und Carsten Höller.

 

1. Was ist Ihnen von der Documenta 10 besonders in Erinnerung geblieben?

2. Wie beurteilen Sie die Ausstellung aus heutiger Sicht?

3. Welche Wirkung hatte die Documenta 10 auf die Entwicklung der Kunst?

 

HARALD FRICKE, Die Tageszeitung (taz), Berlin

1. Das Video "Dial H-I-S-T-O-R-Y" von Johan Grimonprez machte anhand dokumentarischen Materials den fiktionalen Charakter politischer Ereignisse sichtbar; Richard Hamiltons "Seven Rooms"-Serie war ein eleganter Kommentar zur computergestützten Flexibilisierung öffentlicher und privater Räume; und die "Jackson Pollock Bar" von Art & Language setzte als Role Model für zahlreiche spätere Ausstellungen Infotainment in Architektur um.

2. Die D 10 wurde im Rückblick nicht nur besser, sie nahm überhaupt erst als Gesamtprodukt aus Kunst und Theorie nach Ablauf der 100 Tage Gestalt an: Wo man anfangs lediglich die Signatur von Catherine David sah, entfaltete sich plötzlich kulturelles Wissen, das nicht auf Repräsentation hinauslief. Statt dessen vermittelte die D 10 sehr exakt die Erkenntnis, dass die ältliche Idee der Versöhnung von Kunst und Leben pure Augenwischerei ist, wenn sie sich nicht um eine systematische Analyse von Gesellschaft bemüht.

3. Dass Kunst sich immer auch mit ihrem Kontext auseinanderzusetzen hat, war schon vor der D 10 klar. Doch mit der Auswahl von Catherine David wurde zudem offenbar, wie stark die aktuelle kulturelle Produktion im Zusammenhang mit vergangenen Positionen gesehen werden muss. Die D 10 hat das historische Bewusstsein so sehr geschärft, dass Künstler und Künstlerinnen seither viel gezielter nach geschichtlichen Bezügen suchen, um Gegenwart zu beschreiben. Diese Geschichte aber spielt sich - auch da hat David letztlich vorgearbeitet - nicht mehr allein im Rekurs auf den Westen ab.

DIRK SCHWARZE, HNA, Kassel

1. Die Künstlerräume von Richard Hamilton und Penny Yassour, von Helio Oiticica und Michelangelo Pistoletto; das Eintauchen in die enzyklopädische Bilderflut von Gerhard Richters "Atlas" und die Wiederentdeckung der Langsamkeit in der Filmsprache. Dazu die erfrischenden und immer wieder fordernden Vorträge und Debatten in der Reihe "100 Tage - 100 Gäste" in der Documenta-Halle.

2. Meine damalige positive Einschät zung hat sich verfestigt, auch wenn ich glaube, dass die Rolle der Malerei unterschätzt wurde. Die Öffnung der Ausstellung in globaler Hinsicht und die Rückbesinnung auf die Kunst, die aus der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft entsteht, hat wesentlich dazu beigetragen, der Documenta die Führungsrolle unter den Großausstellungen zu sichern.

3. Seit der Documenta 10 wird ver mehrt die Kunst unter gesellschaftlichen und politischen Bezügen diskutiert - allerdings fern von jener Lehr- und Agitationskunst, wie sie vor 30 Jahren Mode war. Die Folgen waren auch in Harald Szeemanns jüngster Biennale in Venedig zu spüren. Vor allem hat Catherine David den Weg für Okwui Enwezor bereitet, in dessen Documenta 11 der Perspektivwechsel energisch weitergeführt wird.

GÜNTER ENGELHARD, Rheinischer Merkur, Bonn

1. Ich erinnere mich an die Visualisie rung menschlicher Traumata durch die schwarzweiß gezeichneten Film-Halluzinationen des Südafrikaners William Kentridge; an Kerry James Marshalls großflächige Sozial-Allegorien zum afroamerikanischen Weg der Selbstfindung; an die New-Urbanism-Visionen des niederländischen Architekten Rem Koolhaas; an die botanisch-kritische Anspielung auf Migranten- und Überfremdungsprobleme durch die vom Österreicher Lois Weinberger vorgenommene Aussaat der fremdartigen Grasgewächse (Neophyten) zwischen den toten Gleisanlagen des alten Kasseler Bahnhofs. Fährt der Zug noch mal ab?

2. Gesehen habe ich eine Fußnoten Documenta mit einem Großaufgebot konzeptuell verwertbarer Fundstücke zur Phänomenologie und Sozialphilosophie der Jahrhundertwende: Davids Gedanken-Apotheke.

3. Die Programmatik der Docu menta 10 enthielt den Freibrief für die Globalisierung einer sozial und politisch vom Leiden an der Welt und ihren Systemen geprägten kritischen Bildbruchstücksprache: An die Stelle des offensiven "Aktionismus" von 1968 trat 1997 (vorübergehend) Catherine Davids intellektuell befrachteter "Passionismus": handlungsschwache Kommentarkunst ohne nennenswerte formale und inhaltliche Auswirkung. Ein Hilferuf an die Documenta 11.

HANSJOACHIM MÜLLER, Basler Zeitung

1. Geblieben ist die Erinnerung an ein diffuses Gemisch aus Kunst und Kunstkommentar. Geblieben ist die Erinnerung an den überanstrengten Versuch, die künstlerischen Spuren eines zu Ende gehenden Jahrhunderts noch einmal zu einem Königsweg zu bündeln. Geblieben ist die Erinnerung an die Machtlosigkeit von Kunstkritik, die ziemlich hilflos zusehen musste, wie der Anlass ihrer gut begründeten und engagiert vorgetragenen Zweifel zum hoch publikumswirksamen Event geriet.

2. Die Documenta 10 verdient aus heutiger Sicht kein günstigeres Urteil. Vielleicht ist im Abstand eines halben Jahrzehnts noch deutlicher geworden, dass angesichts des Zerfalls der Westkunst-Dominanz klassische Übersichtsausstellungen wie die Documenta obsolet geworden sind. Auch wenn die Davidsche Assemblage nichts weniger als noch einmal Verantwortung fürs Ganze übernehmen wollte, hat gerade die Documenta 10 anschaulich gemacht, dass die Zeiten wohl endgültig vorbei sind, als Kassel noch logistisches Zentrum der Globalkunst sein wollte, sein konnte.

3. Wenn es auch wenig Sinn macht, von der Kunst und der Kunstszene zu reden, so haben sich doch Kunst und Kunstszene völlig unbeeindruckt von der Documenta 10 entwickelt. Einen nachweisbaren Einfluss auf Karrieren oder stilistische Ausbildungen hat die zehnte Documenta nicht gehabt. Was nur bestätigt, dass diese Art Ausstellung als kunstbetriebliches Steuerorgan weitgehend entmachtet ist und ihre einzige verbliebene Legitimation daraus bezieht, wie es ihr gelingt, starke Thesen zu vertreten - und starke Kunst zu zeigen.

THOMAS WAGNER, Frankfurt Allgemeine Zeitung

1. In dem Haus für Schweine und Menschen von Rosemarie Trockel und Carsten Höller zu liegen, die sorgende Kreatur, zu einem Tableau vivant entrückt, vor Augen, als sei sie gefangen in einem Leuchtkasten von Jeff Wall. Das Raffinement, mit dem Richard Hamilton in seinen "Seven Rooms" die Bewegung der Wahrnehmung anschaulich werden ließ, und was einem so alles durch den Kopf ging, während man ein Fußballspiel - das Video stammt von Uri Tzaig - verfolgte, das gleichzeitig mit zwei Bällen gespielt wird. Nicht zu vergessen die "Letzte Runde", eingeschenkt von Antonia Lerch.

2. Sie war im Grunde "business as usual" - etwas Generationswechsel, etwas "Retroperspektive" und etwas Begleitmusik zum Zerfall einer Institution. Weil sie an den Werken der Vergangenheit keine bestimmte Fragestellung entwickelte und es in der Gegenwart ohnehin unmöglich geworden ist, anderes als Varianten von Bekanntem zu versammeln, blieb sie vage und somit künstlerisch folgenlos. Wer sie ohne dogmatischen Furor betrachtet, für den war die D 10 ein seltsames Paradox: ein Spektakel, das unablässig betonte, keines sein zu wollen.

3. Trotz allen kritischen Gehabes: Gegen die Macht des Kunstmarkts hat die D 10 nichts ausgerichtet. Etabliert hat sich mit ihrer Hilfe freilich das Verfahren, Theorien (oder einige aus solchen herausgebrochene Brocken) wie Labels einzusetzen. Was Gucci, Boss und Prada für die Mode, das sind mittlerweile Foucault, Derrida und Kristeva für den Kunstbetrieb.

PETER IDEN, Frankfurter Rundschau

1. Als negativ: Ein mächtiger gedanklicher Überbau, der maßlose Anspruch, die bildende Kunst einzusetzen als Medium einer universellen kritischen Weltdeutung - darunter aber, in der Praxis der ausgewählten Arbeiten, war's fürchterlich, fast alles dürr, zäh, ästhetisch verödet, ohne Leben. Als positiv: Syberbergs "Höhle der Erinnerung", davon ging aus, was sonst überall fehlte: die Kraft einer emotionalen Anmutung, nachhaltige Ausstrahlung des Arrangements, Sinn für Geschichte und deren Weiterreichung in die Gegenwart. Und eindrucksvoll war das von David und Chevrier herausgegebene Katalogbuch als Gang durch die Nachkriegsepochen, gegliedert durch die vier Abschnitte des "Antigone"-Essays von Hans-Joachim Ruckhäberle.

2. Nicht anders als im Juni 1997: Die D 10 war ein dunstiges Elendstal vermeintlich kritischer, in Wahrheit meist nur wehleidiger Manifestationen. Ein einziges Video-Meer der Plagen, bildlose Bilderflut.

3. Zweifellos hat sie, zum Schaden der Selbstbehauptung der Kunst, Tendenzen befördern wollen, den Werkbegriff aufzulösen und den Anspruch der künstlerischen Setzung auf Autonomie preiszugeben. Doch wird von dieser polemischen Gebärde nur bleiben, was durch sie hindurchging: der Wind.

HOLGER LIEBS, Süddeutsche Zeitung, München

1.Der "Atlas" von Gerhard Richter. Das "Haus für Schweine und Menschen" von Rosemarie Trockel und Carsten Höller. Der Punk-Schrein von Mike Kelley und Tony Oursler. Ansonsten: eine fünf Kilo schwere Lektion in Sachen Poststrukturalismus - der Katalog.

2. Ein lehrreiches Oberseminar. Dennoch theoretisch geradezu dürftig bestückt im Vergleich zur D 11. Das Internet kam vor, aber eher als Exoten-Segment. Zaghaftes Explorieren des öffentlichen Raums. Syberberg hätte nicht sein müssen, finde ich. Gute Vorträge.

3. Die Dunkelkammern der Museen sind seitdem ständig erweitert worden: Videokunst, wohin man blickt. Dass Catherine David die Young British Artists ignorierte, hat deren Erfolg keineswegs geschmälert.

Dieser Artikel erschien zuerst in art – Das Kunstmagazin, Ausgabe 6/2002.

Transit ins nächste Jahrtausend
Bilanz und Ausblick am Ende des Jahrtusends: Die künstlerische Leiterin Catherine David aus Paris hat ihr Konzept bis zuletzt offengehalten. Ein kühner Versuch, den veränderten Kunstbegriff zu erfassen