Otto Freundlich in Köln und Basel

Picassos Sparringspartner

Zu Lebzeiten erlangte Otto Freundlich traurige Berühmtheit. Eines seiner Werke war auf dem Titelblatt des Kataloges zur Ausstellung "Entartete Kunst". 1943 wurde er in Majdanek umgebracht. Jetzt tritt der Schöpfer des "Neuen Menschen" aus dem Schatten seiner Mörder.
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Abstrakte Formen verbunden mit dem Farbzauber mittelalterlicher Glasfensterkunst von Otto Freundlich: "La Rosace II", 1941, 65 x 50 cm, Gouache auf Karton

Auf perverse Weise haben vielleicht nur die Nazis Otto Freundlichs Bedeutung für die moderne Kunst erkannt. Sie setzten seine 1912 entstandene Skulptur "Großer Kopf" unter dem Namen "Neuer Mensch" auf das Katalog-Titelblatt der "Entartete Kunst"-Ausstellung und sicherten dem deutsch-jüdischen Künstler so seinen Platz in der Kunstgeschichte. 

Allerdings fiel es der Nachwelt dann offenbar schwer, in Freundlich (1878 bis 1943) mehr zu sehen als einen Lieblingsfeind der NS-Kulturpolitiker. Blättert man etwa in einer aktuellen achtbändigen Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland, könnte man beinahe auf den Gedanken kommen, Aufmerksamkeit gebühre diesem Künstler vorrangig, weil er von den Nazis gefangen genommen und in Majdanek ermordet wurde.

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Die 1912 entstandene Skulptur, der die Nazis zu trauriger Berühmtheit verhalfen, ist verschollen. Otto Freundlich: "Großer Kopf ('Der neue Mensch')" Titelbild des Ausstellungsführers Entartete Kunst, 1937

"Er war eine zentrale Figur, und wir haben ihn einfach vergessen", sagt dagegen Julia Friedrich. Sie organisiert die große Freundlich-Retrospektive im Kölner Museum Ludwig und sieht Freundlich, den Maler, auf einer Ebene mit dem Klassiker Robert Delaunay und Freundlich, den Bildhauer, als Sparringspartner Pablo Picassos. Mit Letzterem lebte und arbeitete Freundlich 1908 in Paris in unmittelbarer Nachbarschaft: "Man sieht die Auseinandersetzung der beiden", so Friedrich, "wie sie einander über alle Gegensätze hinweg anspornen und akzeptieren."

Beinahe 40 Jahre nach der letzten Freundlich-Retrospektive in Bonn soll der Erfinder des "Kosmischen Kommunismus" nun dauerhaft aus dem langen Schatten seiner Mörder treten. Rund 80 Exponate sind im Museum Ludwig zu sehen, darunter ein großes Mosaik aus der Kölner Oper und eine Vielzahl seiner fantastischen abstrakten Kompositionen. In den dreißiger Jahren fand Freundlich zu einem Stil, der die moderne Auflösung des Gegenstands mit dem Farbzauber der mittelalterlichen Glasfensterkunst verband – und so erst wirklich zum Leuchten brachte.

Aus der religiösen Heilsgewissheit des himmlischen Lichts machte Freundlich eine soziale Utopie: Mit den Gegenständen sollte auch das Besitzdenken aus der Welt verschwinden, und die einzelnen Farben sollten sich zu einem neuen, besseren Ganzen fügen. Ähnliche Gedanken prägten auch Freundlichs Skulpturen. In "Ascension" (1929) werden übereinandergestapelte Steinbrocken auf wunderbare Weise in Balance gehalten: Ausdruck seiner Hoffnung, dass eine lebendige Gemeinschaft die Schwerkraft ihrer inneren Widerstände überwinden und eine klassenlose Gesellschaft bilden kann.

Der Katalog erscheint im Prestel Verlag und kostet 49,95 Euro, im Museum 39 Euro. Vom 10. Juni bis 10. September gastiert die Ausstellung im Kunstmuseum Basel. Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.

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