Neue Erkenntnisse zu Egon Schiele

Erotomane und Moralist?

Fast 100 Jahre nach seinem Tod scheint über Egon Schiele alles gesagt zu sein. Die Albertina in Wien präsentiert den oft als »Erotomanen« verschrienen Künstler nun in einem ganz anderen Licht: als geistigen Jünger von Franz von Assisi.
Erotomane und Moralist?

Egon Schiele: "Selbstbildnis mit Pfauenweste", 1911

Der 100. Todestag des österreichischen Malers und Zeichners Egon Schiele (1890-1918) wirft seinen Schatten voraus. Die Wiener Albertina, die über die bedeutendste Sammlung des zeichnerischen Werkes von Schiele verfügt, zeigt vom 22. Februar 2017 an Zeichnungen und Gouachen des Künstlers, den die Spanische Grippe im Alter von 28 Jahren hinwegraffte, wenige Tage vor dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Schiele wird gemeinhin dem österreichischen Expressionismus zugeordnet. Die geschundenen Menschenleiber, verrenkten Gliedmaßen, angsterfüllten oder verzweifelten Gesichter seiner Bilder geben Einblicke in verstörte Seelen, in prekär gewordene Existenzen. Seine unzähligen Selbstporträts in tausendfachen Abwandlungen scheinen von einer Obsession mit sich selbst zu künden - oder auch nur von der maßlosen Begeisterung, sich selbst in immer neuen Rollen und Identitäten auszuprobieren. Sein oft explizites erotisches Werk trug ihm gelegentlich die unberechtigte Abstempelung zum "Erotomanen" oder "Pornographen" ein. 

Die Schau in der Albertina will jedoch Schiele in einem neuen Licht, in einer neuen Lesart präsentieren. "Es geht um Aspekte, die in der bisherigen Schiele-Forschung eher unterbelichtet blieben", sagt Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Forschungen des Wiener Schiele-Experten Thomas Ambrozy, so Schröder, hätten nachgewiesen, dass allegorische Gemälde und Zeichnungen von Schiele, die bislang nicht wirklich erklärt werden konnten, von der leidenschaftlichen Verehrung des Künstlers für den charismatischen Glaubenserneuerer Franz von Assisi (1181/82-1226) inspiriert gewesen seien. 

»Er war ein zeichnender Moralist«

"Im Richtungsstreit um das Armutsideal, um den vollkommenen Verzicht auf irdische Güter und Luxus nahmen die sogenannten Spiritualen um Franz von Assisi eine radikale Position ein", führt Schröder weiter aus. "Diese Position nahm auch Schiele ein." So zeigt die Ausstellung eine Reihe von Zeichnungen aus dem Jahr 1913, die rätselhafte Titel wie "Die Wahrheit wird enthüllt" oder "Erlösung" tragen. Titel und Motive werden jedoch erklärbar, wenn man wie Ambrozy, der der Ausstellung als wissenschaftlicher Berater beigezogen ist, die entsprechenden Stellen in jenen Büchern über Franziskus findet, die gerade um 1910 in großer Zahl erschienen sind und die Schiele offenbar aufmerksam gelesen hat. "Schiele stellt sich einen hohen ethischen Anspruch, und er hat dieses franziskanische Armutsideal gezeichnet", so Schröder. "Er war ein zeichnender Moralist."

Erotomane und Moralist?

Egon Schiele auf einer Fotografie von Anton Josef Trcka, 1914

Mit der Schiele-Schau will Schröder auch das liebgewonnene, rosarote Bild des "Wien um 1900" ein wenig zurechtrücken, das Bild von jenem Wien der Jahrhundertwende, in dem der kreative Geist und die Künste blühten wie nie zuvor oder danach. Denn das Wien von Hermann Bahr und Gustav Mahler, Sigmund Freud und Arthur Schnitzler war auch ein Ort des aufkommenden Nationalitätenhasses, des sozialen Elends. "Es war eine Zeit, die voller Vorurteile war, in der sich noch wirklich eine Fallhöhe von oben nach unten auftat, nicht das, was wir heute das Auseinanderdriften der Gesellschaft nennen", meint Schröder. 

Ausgehängte zeitgenössische Fotografien, im Format von einem mal eineinhalb Metern, sollen das veranschaulichen: barfüßige, arme Kinder aus Schieles Gymnasiumsstadt Klosterneuburg, böhmische Kartoffel-Verkäuferinnen vor dem emblematischen Jugendstilbau der Wiener Secession. Schiele stammte aus gutbürgerlichen Verhältnissen - auch wenn die Familie wegen des Syphilis-bedingten Todes des Vaters sozial abrutschte. Immer wieder malte und zeichnete er Kinder und Frauen aus dem Milieu der bitterarmen Vorstädte, aus den Unterschichten. In ihrem Elend verlieh er ihnen menschliche Züge. Auch hierbei folgte er seinem hohen persönlichen Ethos.

Liebe mit Abgrund
Wally war seine treue Begleiterin in dunklen Tagen – trotzdem verließ Egon Schiele sie, um eine Bürgerstochter zu heiraten. Die traurigschöne Geschichte einer Liebe und die Rolle von Wally Neuzil im Werk des Expressionisten

Egon Schiele

Ausstellung vom 22. Februar bis zum 18. Juni 2017 in der Wiener Albertina

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