Der Forscher und Künstler Ernst Haeckel

Natur ist Kunst

Können Staatsquallen, Ruderkrebse, Borstenwürmer, Urnensterne, Geißelhütchen und Wunderstrahlinge Kunst sein? Ja! Auf den wunderbaren Blättern in Ernst Haeckels Mappenwerk "Kunstformen der Natur".
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Tafel 85 der "Kunstformen der Natur" von Ernst Haeckel: Ascidiae. Seescheiden

Der glücklichste Tag meines ganzen Lebens", so schrieb der Zoologe Ernst Haeckel seiner Verlobten Anna Sethe am 16. Februar 1860 aus Sizilien in die Heimat, und rücksichtsvoll schränkte er ein: "in wissenschaftlicher Beziehung" – der glücklichste Tag seines Lebens sei jener in der vorausgegangenen Woche gewesen, als er vor der Küste von Messina nicht weniger als zwölf bislang unbekannte Arten von Radiolarien in seinem Kescher aus mikrofeiner Gaze entdeckte, "darunter die allerreizendsten Tierchen!".

Radiolarien, auch Strahlentierchen genannt, sind einzellige Lebewesen aus dem Meer, deren feine Plasmaarme oft von einem extrem filigranen, zu perfekten Kugeln, Glocken, Kronen oder Domen geformten Gitterwerk aus Silikat gestützt und getragen werden. Nur wenige, die diese Wunder einer natürlichen Architektur unter dem Mikroskop erblickt haben, konnten sich seither das Beiwort "kunstvoll" verkneifen. Der junge Forscher jedenfalls, kurz zuvor in Berlin promoviert, fiel im Hafen von Messina "halb unsinnig vor Freude" auf die Knie und gelobte, "all mein Leben dem Dienst der herrlichen Natur, der Wahrheit und Freiheit zu widmen". Er zeichnete. Huldigungen an die Vielfalt und den Reichtum einer nahezu unbekannten Welt. Hunderte dieser Blätter, voller Begeisterung ausgearbeitet, dann in feinstem Detail auf Stein oder Kupferplatte übertragen und als Lithografie und Stich hunderttausendfach verbreitet, wurden zum Dokument eines Aufbruchs in der Wissenschaft, zum Musterbuch auch für Künstler und Designer, denen die Einblicke neue Zusammenhänge und neuen Sinn eröffneten – und zugleich zu einer Bestätigung für alles, was das Publikum als schön und wunderbar betrachtete.

Ernst Haeckel war es, der den Darwinismus im deutschen Sprachraum verbreitete

Haeckel (1834 bis 1919) wurde gerade 26, als er sein Gelöbnis ablegte. Die Krise seines jungen Forscherlebens hatte er da schon hinter sich. Ein Medizinstudium in Würzburg, eine Assistentenstelle bei dem berühmten Rudolf Virchow: gut und schön. In Neapel dann war er dem norddeutschen Dichter und Maler Hermann Allmers begegnet, und einen Sommer lang schwankte er, ob er der Natur nicht besser in Aquarellen der italienischen Landschaft huldigen sollte – doch was er in hundertfacher Vergrößerung auf seinem Objektträger entdeckte, Astrolithium, Spongosphaera und Cladococcus, faszinierte ihn noch viel mehr. Und sein Leben lang sollte ihn der Anspruch treiben, sein Fach voranzubringen und ihm Bedeutung zu verschaffen: Er wollte die noch junge Evolutionsbiologie als Grundlage einer ganzen Weltsicht etablieren, einer Ideologie, die sich nicht länger an die Konzepte von Religion und Philosophie klammerte, sondern fortan den Erkenntnissen der Naturwissenschaft folgen sollte.

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Tafel 99: Trochilidae. Kolibris

Den Anstoß hatte Charles Darwin gegeben. Haeckel hatte dessen 1859 erschienenes Werk "Über die Entstehung der Arten" verschlungen. Alle Einengung durch kirchliche, moralische, auch wissenschaftliche Doktrin sah er darin zur Disposition gestellt, endlich! In seiner "Generellen Morphologie der Organismen" von 1866, zwei Bände, griff der inzwischen in Jena als Professor etablierte Forscher freudig die Vorgaben einer von Grund auf neuen biologischen Systematik auf. Sein Fach, die Zoologie, war damals noch der philosophischen Fakultät unterstellt.

Als zwei weitere Jahre später seine "Natürliche Schöpfungsgeschichte" erschien und nahelegte, die von Darwin postulierten Prinzipien der Evolution, zufällige Variation und natürliche Selektion, über das unmittelbare Forschungsfeld der Biologie hinaus anzuwenden, als Deutungs- und Gestaltungsmuster für Entwicklungsverläufe in Kultur, Gesellschaft und Politik – da lobte der ältere Brite den Deutschen: "Fast alle Folgerungen, zu denen ich gekommen bin, sind durch diesen Forscher bestätigt, dessen Kenntnisse in vielen Punkten reicher sind als die meinen." Haeckel war es, der den Darwinismus im deutschen Sprachraum verbreitete, auch als die preußische Regierung ihren Lehrern den Stoff für den Schulunterricht verbot. Sein Transportmittel war die populäre Darstellung. Als Forscher reiste er, sammelte, verglich und sortierte, doch immer blieb er auch Maler.

Der prachtvollsten Discomeduse gab Ernst Haeckel den Namen seiner ersten Frau: "Desmonema Annasethe"

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Der prachtvollsten Discomeduse gab Ernst Haeckel den Namen seiner ersten Frau: "Desmonema Annasethe"

Staatsquallen, Panzerkrebse, Borstenwürmer, Urnensterne, Wunderstrahlinge, Euchitonia Virchowii, Beckmanni oder Gegenbauri: Die junge Wissenschaft feierte sich in ihren Entdeckungen, und Haeckel gab der ganzen Schönheit in seinen Zeichnungen Ausdruck, viele von ihnen effektvoll koloriert.

Seine "Kunstformen der Natur", seit 1899 erschienen in zehn Mappen zu je zehn Blättern voll zartem Gitterwerk und strahlenden Sternen, heraldisch arrangierten Meeresjuwelen und idealtypisch rekonstruierten Habitaten, waren der Gipfel, so etwas wie die Summa seines Forscherlebens, wissenschaftlich belegt und ästhetisch in Position gebracht, um die Lehre zu verbreiten. Und weil die langen Tentakel der vor Südafrika entdeckten Meduse wie seidiges Frauenhaar in der Meeresströmung schwebten, gab der Forscher der prachtvollen Qualle den Namen seiner jung gestorbenen ersten Ehefrau: "Desmonema Annasethe".

Literatur zum Thema

Olaf Breidbachs wunderbare Monografie »Ernst Haeckel. Kunstformen der Natur – Kunstformen aus dem Meer« ist im Prestel Verlag erschienen, 24,95 Euro.

Haeckels Beschreibungstexte findet man in »Ernst Haeckel. Kunstormen der Natur« aus dem Marix Verlag, 40 Euro.

Tatsächlich flog der Architekt René Binet geradezu auf Haeckels Bildersammlung, um aus den Formen der Radiolarien eine gigantische Eingangspforte für die Pariser Weltausstellung von 1900 zu entwerfen: Der Weg in die Zukunft führt durch die Welt der Mikroorganismen – was für ein Bild zum Start in ein neues Jahrhundert! Der Wissenschaftler hatte freudig eingewilligt. Und auch Designer von Möbeln, Schmuck, Porzellan oder Tafelsilber blätterten dankbar im Formenkanon der Ammonshörner, Knospensterne und Scheibenquallen. Haben nicht die Elektrifizierung, die Weltraumfahrt oder die Nutzung der Atomkraft in späteren Jahrzehnten ganz ähnliche Wellen erzeugt?

Haeckels Blätter scheinen nahtlos in das Formenrepertoire der Kunst der Art nouveau zu passen

Olaf Breidbach aber, der 2014 gestorbene Wissenschaftshistoriker und langjährige Direktor des Museums Ernst-Haeckel-Haus in Jena, warnt in seiner 2012 erschienenen großen Monografie vor einer allzu einseitigen Verknüpfung von Impuls und Wirkung: "Haeckel sieht nichts Neues", stellt er trocken fest. "Sein Wahrnehmen bleibt durch eine Mode bestimmt. Die in den Blättern demonstrierten Formen scheinen nahtlos in das Formenrepertoire der Kunst der Art nouveau zu passen." Der Jugendstil mit seinen zart geschwungenen, knospenden Ranken war unterwegs, in England hatte die Arts-and-Crafts-Bewegung eines William Morris Formen aus der Natur zu floralen Mustern und symmetrischem Ornament arrangiert. Und der Historismus hatte längst die bürgerlichen Wohnzimmer mit der dekorativen Routine von Akanthusblättern, Blumenbändern und Arabesken höfischer Epochen ausstaffiert. Auch der Wissenschaftler ist ein Produkt seiner Zeit. Und eine in ihrem Entstehungsprozess allzu glatt gezeichnete Natur bedarf keiner Erläuterung oder Begründung mehr.

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Auch aufgrund seiner populären Veröffentlichungen war der Zoologe Ernst Haeckel ein Wissenschaftsstar der Kaiserzeit, Porträt von Nicola Perscheid, 1904

Aus solcher Selbstgenügsamkeit der Bilder erwächst zweifache Gefahr. Erstens: Das kunstvoll arrangierte, kondensierte, ästhetisierte und konstruierte Abbild unterbindet Analyse und Diskurs wie ein Naturfilmer, der sich allein auf seine tollen Kamerafahrten verlässt. Es duldet keinen Widerspruch. Der Historiker Breidbach spricht gar von einer "Wissenschaftsreligion" auf biologistischer Grundlage.

Zweitens verlockt die suggestive Ästhetik dieser Konzeption von Natur leicht dazu, ihren Gültigkeitsbereich über das Zulässige auszuweiten. Haeckel hatte es verstanden, für seine 1899 veröffentlichte Schrift "Die Welträthsel" allein im deutschsprachigen Raum mehr als 450 000 Leser zu finden; das Buch wurde sofort in 27 Sprachen übersetzt. Ein viel größeres Publikum lässt sich für ein neues Weltbild nicht mobilisieren. Er hatte die Natur- wissenschaft vom Einfluss der Kirche abgerückt, hatte die abstrakte Ehrfurcht vor der Schöpfung ersetzt durch konkrete Gedanken an Tierschutz, Artenvielfalt, Ökologie und Rücksicht gegen die Natur. Er war es auch, der auf die erstaunliche Analogie von Ontogenese und Phylogenese hingewiesen hatte: Jedes Lebewesen durchläuft in seiner eigenen Entwicklung noch einmal die Stadien, die seine Gattung im Lauf der Evolution durchlaufen hatte, vom Zellhaufen über den Kiemenatmer zum fertigen Säugetier – was für ein faszinierender Gedanke!

Darwinismus als wissenschaftliches Alibi für die Programme der Nationalsozialisten

Doch er hatte sich auch in aller Öffentlichkeit zum Gegenpapst einer euphorisch wissenschaftsgläubigen Gemeinde ausrufen lassen, 1904 in Rom. Hatte mit der Autorität seines Namens – und gemeinsam mit Männern wie Max Planck, Max Liebermann, Wilhelm von Bode, Max Reinhardt und Gerhard Hauptmann – im Oktober 1914 das "Manifest der 93" unterstützt, eine wüste und von Gedanken an Blut und Boden durchzogene Drohung gegen die Gegner im Ersten Weltkrieg. Und hatte schließlich mit immer tolleren Ausfällen zu Eugenik und Rassenhygiene den Darwinismus als wissenschaftliches Alibi für die Programme der Nationalsozialisten empfohlen. Haeckel musste nicht miterleben, wozu er eingeladen hatte: Er starb im August 1919.

Natur ist Kunst

Die Qualle ist Programm: Haeckels "Villa Medusa" in Jena ist dienstags bis freitags zu besichtigen

Die Konzeption aber von Natur als ungerichteter Entfaltung, als einer Erzählung des Möglichen – die hat er aufgenommen, illustriert und durch Illustration zu einer Erfolgsgeschichte der Moderne gemacht. "Diese Tafeln haben eine eigene Sprache", schlichtet denn auch der Wissenschaftshistoriker Breidbach. "Was Haeckel hierin sah, ist das eine, was wir daraus machen, ist vielleicht ein anderes; was man damit machen konnte, zeigen Binet und seine Kollegen, später auch Max Ernst: Kunst formen!"

Adolf Giltsch: Der Kongeniale Lithograf

Heute fristet die Lithografie ein künstlerisches Nischendasein, im 19. Jahrhundert war sie die einzige Technik, die es erlaubte, in großen Auflagen mehrfarbig zu drucken. Der Schauspieler und Theaterdichter Alois Senefelder (1771 bis 1834) hatte das Verfahren im Jahr 1796 mehr durch Zufall erfunden. Er perfektionierte es zeit seines Lebens und schuf so die Grundlagen einer florierenden Industrie für Plakate, Zigarettenbildchen und Farbtafeln in Büchern, die erst seit Anfang des
20. Jahrhunderts durch den Offsetdruck verdrängt wurde. Lithografie ist ein Flachdruckverfahren, bei dem die druckenden Teile mittels fetthaltiger Tusche direkt auf einem perfekt plan geschliffenen Kalkstein gezeichnet wurden. Jede Farbe bekam ihren eigenen Stein aus Solnhofner Plattenkalk. Die Übertragung der Entwürfe auf die Steine übernahm der Lithograf.

Auch der begabte Zeichner Ernst Haeckel beugte sich nicht selbst überdie Platte. Die Tafeln der "Kunstformen der Natur" waren eine Gemeinschaftsarbeit mit dem Jenaer Lithografen Adolf Giltsch (1852 bis 1911), der ein wahrer Meister seines Fachs war. Ein Vergleich zwischen Haeckels suchenden, duftigen Skizzen und der glasklaren Umsetzung im Druck zeigt die abstrahierende, stilisierende Leistung dieses kongenialen Kunsthandwerkers – man betrachte nur die Metamor­­phose der Tentakelfäden der Meduse Desmonema Annasethe in ein gestochen scharfes, elegantes Ornament.