Kubismus und De Stijl

Leben und Werk von Piet Mondrian

Geradlinigkeit war für den Holländer Piet Mondrian geistige Haltung und ästhetisches Programm. Als Mitglied der Künstlergruppe "De Stijl" gehörte er zu den bahnbrechenden Verkündern einer neuen Kunstauffassung: "Die Domäne der Wahrheit ist die reine Abstraktion"
Leben und Werk von Piet Mondrian

Um 1921 entwickelt Mondrian den Stil, für den er heute bekannt ist. Das rote Quadrat beherrscht das ganze Bild: Piet Mondrian "Komposition mit Rot, Gelb, Blau und Schwarz", 1921

Mondrian: Jeder kennt ihn. Kennt ihn jeder? Wer hätte nicht schon, ob im Kaufhaus oder in einer Boutique, diese einprägsamen Verpackungen gesehen, die in Mondrians reinen Farben und klaren Formen dekoriert sind, eine ganze Serie von Kosmetikprodokten, auch Pralinen, Schallplatten, Spielzeug.

Gebrauchsgut von der Personenwaage bis zum Wasserkessel gibt es freundlich und sauber a Ia Mondrian gemustert, und seit der Couturier Yves Saint Laureut zur Saison 1965/66 seine Mondrian-Kleider über den Laufsteg schickte, tauchen alle paar Jahre wieder Mondriana in der Mode auf. Eine holländische Firma bietet Teppiche an, die, vergrößert und in schwerer Wolle, nach Ölbildern des Malers in niederländischem Museumsbesitz gewebt sind, ein schweizerisches Schranksystem lässt sich zum Mondrian-Bild zusammenschieben. Im Duisburger Hauptbahnhof fahrt auf Gleis 13 der Eurocity Piet Mondrian über Emmerich nach Amsterdam ab; und in Harry Mulischs vielgelesenem Roman "Die Entdeckung des Himmels" versammelt ein redegewaltiger Restaurator Mondrian mit Thomas von Aquin, Aristoteles, Wittgenstein und anderen Geistesheroen zu einem Panorama "neue bildende Mathematik".

Piet Mondrian wurde in einem streng calvinistischen Elternhaus in Amersfoort geboren

Leben und Werk von Piet Mondrian

Piet Mondrian, 1911

Als Mathematiker, Geometriker, Konstruktivist wird der Maler in Enzyklopädien geführt, das Kunstpublikum kennt seine strahlenden ungegenständlichen Bildtafeln, weißgrundig mit schwarzem Liniengerüst und den kräftigen Primärfarben Rot, Blau und Gelb in geometrischen Rechteck-Formen. Doch ist es dem berühmten Dogmatiker des rechten Winkels nie eigentlich um Geometrie gegangen, und seine hochpräzisen Werke hat er niemals mathematisch berechnet.

Piet Mondrian ist fast 50 Jahre alt, als er die ersten Bilder in dem ihm eigenen Stil malt, den er Neo-Plastizismus, Neues Gestalten, nennt. Da hat er schon drei Jahrzehnte Kunst gemacht. Den ersten Zeichenunterricht bekommt er mit 14 Jahren: bei seinem Vater, dem Volksschullehrer Pieter Cornelis Mondriaan, und seinem Onkel, dem Maler Frits Mondriaan. Der Junge, am 7.März 1872 im streng calvinistischen Elternhaus in Amersfoort geboren, ist nach seinem Vater genannt, später, in Paris, verkürzt er seinen Namen zu Piet Mondrian. Er erwirbt 1889 das Diplom als Zeichenlehrer an Volksschulen und qualifiziert sich 1892 für den Unterricht an Höheren Schulen. Mit beiden Diplomen in der Tasche macht er sich auf den Weg zu seiner ersten Lehrerstelle, doch als er von fern das düstere Schulgebäude sieht, kehrt er um. Endgültig. Die beiden Zeugnisse bewahrt er zeitlebens auf. Es könnte ja einmal nötig werden zu beweisen, daß man auch akademisch zu malen versteht.

Ab 1907 kehrt das Expressive in das Werk von Piet Mondrian ein.

Arm und nahezu bedürfnislos studiert er erst regulär, dann in Abendkursen bis 1897 an der Rijksacademie in Amsterdam und verschafft sich eine solide malerische Ausbildung. Er ist Mitglied mehrer Künstlervereinigungen, bei denen er ausstellt - Kunstliefde in Utrecht, Arti et Amicitiae und St. Lucas in Amsterdam. Glücklos verfehlt er zweimal den begehrten Rom-Preis, doch 1899 bekommt er den Auftrag für ein großes Deckengemälde in einem Amsterdamer Grachtenhaus - ein von liebreizenden Putten durchschwebter Himmel; und 1903 gewinnt er mit einem seiner wenigen Stilleben den Willink-van-Collen-Preis von Arti et Amicitiae.

Er malt jetzt tonige Landschaften in der realistischen Tradition der Haager Schule, und atmosphärisch leuchten Einflüsse der Schule von Barbizon auf: weite Ebenen mit niedrigen Horizonten, aufragenden Bäumen, Kirchen, Windmühlen, Leuchttürmen. Auf dem Land in Brabant, in der Umgebung von Amsterdam am Fluß Gein, in der Provinz Overijssel und von 1908 an immer wieder in Domburg auf der Insel Walcheren in der Provinz Zeeland zeichnet und malt er vor der Natur.

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In seinen frühen Jahren malt Mondrian noch in der Tradition der Haager Schule. "Die rote Wolke", 1907, mit seiner expressiven Farbigkeit, markiert den Abschied von der Tradition.

Expressives drängt ins Bild. "Die rote Wolke" ist um 1907 der Abschied von der Tradition. Mondrian nimmt Anregungen des Jugendstils auf, des Neoimpressionismus in der kräftigen niederländischen Variante des Luminarismus, er nähert sich dem Fauvismus, und sein funkelndes Bild "Windmühle im Sonnenlicht" von 1908 läßt unversehens an Vincent van Gogh denken. Hell strahlt hier der Dreiklang der drei Grundfarben Gelb, Rot, Blau.

"Wie schön, den guten Mondrian in der Stellung des Buddha mitten auf dem Strand sitzen zu sehen", schwärmt die Malerin Charley Toorop, Tochter des holländischen Symbolisten Jan Toorop, in dessen Künstlerkreis Mondrian in Domburg freundschaftlich aufgenommen ist. Der sonst so zurückhaltende Maler, der sich schon seit der Jahrhundertwende mit Theosophie und Spiritualismus beschäftigt, absolviert seine Meditationsübungen in aller Selbstverständlichkeit auch vor Publikum. 1909 wird er Mitglied der Theosophischen Gesellschaft in Amsterdam. Der Lehre der Helena Petrovna Blavatsky (1831 bis 1891 ), die über sieben Erkenntnisstufen zur Vergeistigung leiten und die verschiedenen Religionen miteinander ausgleichen will, stehen auch andere Künstler der Moderne nahe, Wassily Kandinsky zum Beispiel und Max Beckmann.

Symbolist wird Mondrian immer bleiben

Mondrian, der vor seinem Studium überlegt hat, ob er lieber Maler oder Prediger werden würde, will nicht nur gute Bilder malen, sondern Ideen verkünden.Da begegnen sich Theosophie und Symbolismus. Mit einzeln stehenden Bäumen, die ins All greifen, mit der "Roten Mühle" von 1911 gelingen ihm bei entschiedener Verknappung von Form und Farbe symbolhafte Chiffren. In den Jahren 1910/11 malt er ein Programmbild der theosophischen Lehre, das symbolistische Triptychon "Evolution". Es schildert, angelehnt an die biologische Entwicklung der Lebewesen von niederen zu höheren Formen, eine Entwicklung vom irdischen Menschenwesen über einen Zustand der innerlichen Versenkung zur androgynen Lichtgestalt, die das All schaut. Den Weg der Erkenntnis von der Materie zum Geist hat Mondrian darin symbolisiert - einen absoluten Anspruch, für den er die angemessene Bildsprache noch finden muß. Symbolist wird er immer bleiben, auch dann, wenn er zehn Jahre später sein Ideal des Absoluten in radikaler Abstraktion formulieren wird.

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Piet Mondrian, "Evolution", 1910-1911, Mittelbild 183 x 88 cm, Seitenbilder je 178 x 85 cm, Öl auf Leinwand.

Er zeigt das Triptychon 1911 in einer Ausstellung der von ihm und Toorop mitgegründeten avantgardistischen Vereinigung Moderner Kunstring im Stedelijk Museum in Amsterdam. Die Resonanz ist kühl.In derselben Ausstellung sieht er zum ersten Mal zeitgenössische französische Malerei im Original. Die strenge Methodik kubistischer Bilder von Georges Braque und Pablo Picasso gibt ihm frische Impulse. Mondrian siedelt nach Paris über.

In Paris, der Hauptstadt des Kubismus, findet Monet zu einer eigenen Version

Es ist nicht bekannt, daß er Braque und Picasso hier getroffen hätte, doch in der Hauptstadt des Kubismus findet er zu einer eigenen Version. Er arbeitet in den gedämpften Tönen der Pariser Kubisten und beginnt mit einem ihrer bevorzugten Motive, dem Stilleben, wie es in seinem Werk nur selten und hiernach nie mehr vorkommt. Die zweite Fassung des "Stillebens mit Ingwertopf" von 1912 läßt klar erkennen, daß sich der Holländer um das Prinzip des Kubismus nicht kümmert, die Vielansichtigkeit der zum Bild arrangierten Gegenstände in der Fläche auszudrücken. Er reduziert die Gegenstände auf Kompositionselemente, flächige Formen ohne Dingcharakter, ihre Konturen werden zum linearen Gerüst der Komposition. "Dieser Mondrian, der von den Kubisten herkommt, ahmt sie durchaus nicht nach", schreibt Guillaume Apollinaire anerkennend in einer Rezension des 29. Salons der Unabhängigen in Paris, bei dem Mondrian 1913 ausstellt, und er lobt die "sensible Gedankenwelt" des Niederländers.

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Piet Mondrian: "Stilleben mit Ingwertopf", 92 x 120 cm, Öl auf Leinwand, von 1912

Piet Mondrian muß 1914 in Holland nach seinem kranken Vater sehen, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhindert die Rückkehr nach Paris! Er treibt nun die Reduzierung alles Gegenständlichen auf einfachste Linienelemente voran, oft im ovalen Format, und erreicht 1915 einen Höhepunkt an Abstraktion mit "Pier und Ozean". Aus dem unaufhörlichen Rhythmus der unendlichen Meereswellen hat er ein Linienmuster aus Waagerechten und Senkrechten gewonnen, dem Naturvorbild weit entrückt. Mondrian ist international auf der Höhe der Zeit. Im selben Jahr stellt in Petrograd der sechs Jahre jüngere Kasimir Malewitsch sein "Schwarzes Quadrat" vor, Ikone des Suprematismus; in München fand der sechs Jahre ältere Wassily Kandinsky um 1910 zur Abstraktion und veröffentlichte 1912 seine Schrift "Über das Geistige in der Kunst".

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PIet Mondrian erreicht 1915 einen Höhepunkt an Abstraktion mit "Pier und Ozean", 85 x 109 cm, Öl auf Leinwand

Im Künstlerstädtchen Laren bei Amsterdam begegnet Mondrian dem Christosophen und positiven Mystiker M. H. J. Schoenmackers, Verfasser des vom Maler sehr geschätzten Buchs "Das neue Weltbild". Ihm verdankt Mondrian den Ausdruck Neues Bilden - Neo-Plastizismus, Neue Gestaltung. Er wird zum A und 0 seiner Kunstideologie, zu der er als Paten auch - außer den Theosophen - die Weisen des Ostens, Platos Ideenlehre, Spinozas Ethik, die Philosophen Aristoteles, Schopenhauer, Hegel und den Anthroposophen Rudolf Steiner heranzieht. Er trifft, ebenfalls 1915, mit Theo van Doesburg zusammen, einem elf Jahre jüngeren, umtriebigen und begabten Künstler, Kritiker und Essayisten, der sich in den Kopf gesetzt hat, eine avantgardistische Kunstzeitschrift herauszubringen - und dafür will er Mondrian gewinnen.

Freie Radikale der Form
Vor 100 Jahren wurde De Stijl begründet. Mondrian, Rietveld, van Doesburg – wie eine Gruppe von Streithähnen die Kunst revolutionierte

Um die beiden sammelt sich ein Kreis von Malern, Bildhauern und Architekten, eine ästhetische Bewegung, die mitten im Krieg einen alternativen Lebensentwurf plant: die totale Harmonisierung der Welt durch die Kunst der Neuen Gestaltung. Im Oktober 1917 erscheint, von Theo van Doesburg redigiert, die erste Nummer ihrer programmatischen Zeitschrift "De Stijl", mit der sie "zur Entwicklung des neuen Schönheitsbewußtseins beitragen" wollen. Die unterschiedlichen Temperamente sind einig in ihrer geistigen Haltung: "Man dient der Menschheit, indem man sie erleuchtet."

Von der ersten Nummer an erörtert und vertieft Mondrian seine Gedanken über die "Neue Gestaltung in der Malerei". Er formuliert mit messianischem Impetus: "Wenn Kunst auch Selbstzweck ist, so ist sie doch wie die Religion das Mittel, durch welches das Universale erkennbar, das heißt, in der Gestaltung anschaulich wird." Und: "Die Domäne der Wahrheit ist die reine Abstraktion."

1917 erscheint die erste Nummer der programmatischen Zeitschrift "De Stijl"

Die Leitprinzipien der bildenden Kunst, darin ist die Gruppe einig, sollen verbindlich für alle Bereiche der Formgebung gelten; Abstraktion, Beschränkung auf die elementarsten Gestaltungsmittel, auf Horizontale und Vertikale und die Primärfarben. Verzicht auf Symmetrie - es sollen ja nicht Gleichgewichte, sondern gleichwertige Beziehungen sichtbar werden -, gestalterische Exaktheit und Preisgabe jeder individuellen Handschrift, denn, so Mondrian; "Durch das Individuelle in uns wird das universale (objektive) Sehen verschleiert."

Für ihn ist das Individuelle die Quelle der Tragik, während "das reine Sehen zum Glück" führt. "Die reine plastische Sicht muß eine neue Gesellschaft aufbauen", in der die ganze Umwelt ästhetisch erneuert ist und "wir auf sämtliche Künste, wie wir sie heute kennen, verzichten können, denn dann wird die herangereifte Schönheit das greifbare Wirkliche sein". "Mit etwas gutem Willen", glaubt Mondrian inbrünstig, "wird es nicht unmöglich sein, ein irdisches Paradies zu schaffen."

100 Jahre Rot-Gelb-Blau
Rot-gelb-blau: Die Farbenkombination ist weltberühmt und immer noch hip. Sie strahlt Klarheit, Optimismus und Frische aus und sind der markanteste Ausdruck der Kunstrichtung "De Stijl", die vor 100 Jahren gegründet wurde. Bekanntester Vertreter ist Piet Mondrian, die drei Primärfarben brachte jedoch ein anderer ins Spiel

Das Gedankengebäude seiner Kunsttheorie, die sich vom Formalistischen in ein idealistisches Weltbild weitet, hat Mondrian, als er 1917 in "De Stijl" zu veröffentlichen beginnt, in den Grundzügen schon entwickelt, der malerischen Praxis gleichsam voraus. Nun kombiniert er kurze gerade Linien mit farbigen Rechtecken, bedeckt schließlich - wie bei einem Buntglasfenster - das ganze Bild mit einem sich kreuzenden Liniengerüst, das farbige Flächen einfaßt. Diese Bilder der beginnenden De-Stijl-Zeit, als sich die Freunde über ihre gestalterischen Mittel klar werden, sind denen seiner Malerkollegen van Doesburg, Bart van der Leck und Vilmos Huszar sehr ähnlich - so wie in den kubistischen Anfängen die Werke Braques und Picassos einander gleichen.

Piet Mondrian, Meister der geometrischen Abstraktion, probiert die Kompositionen malerisch

Piet Mondrian geht 1919 nach Paris zurück. Er hat sein Vokabular bereit. Ab 1920 benutzt er neben Schwarz, Weiß und Grau endgültig die Primärfarben gänzlich unvermischt. Die Strenge des Konzepts erlaubt ihm unendliche Vielfalt und Freiheit. Ausgewogen proportioniert, klar und leuchtend sind die Gemälde, in denen eine Farbe dominiert, etwa ein großes Viereck in Rot; wie helle Kraftfelder strahlen die von Weiß beherrschten Bilder, die von kleineren farbigen Rechtecken belebt und in der Balance gehalten werden. Dabei ist nichts berechnet. Der Meister der geometrischen Abstraktion probiert die Komposition malerisch. Manchem Werk ist das anzusehen. Übermalungen verdecken oft nur schwach die verschiedenen Stadien im Entstehungsprozeß. Und weil er, ungeduldig, daß die Ölfarbe trocknet und er weiterarbeiten kann, oft mit Petroleum verdünnt, sind auch Bildoberßächen brüchig und gräulich geworden. Er zieht die schwarzen Linien frei von Hand, die horizontalen oft schwerer als die vertikalen. In ihrem Spannungsgerüst scheinen sich die Farbflächen ausdehnen zu wollen.

Leben und Werk von Piet Mondrian

Das große Viereck in der "Nichtfarbe" Weiß ist das Kraftfeld des Bildes von Piet Mondrian: "Komposition 2", 56 x 53 cm, Öl auf Leinwand, 1922

Mondrian lebt ohne jeden Komfort, aber er gestaltet sein Studio nach allen Regeln seiner Kunst: weiß mit farbigen Rechtecken - ein Raumsystem von plastischen Beziehungen, das die "Einheit von Kunst und Leben" symbolisiert."Piet lebt in einem Mondrian-Bild", findet der jüngere De-Stijl-Kollege Cesar Domela. Besucher, die sich möglichst schriftlich mit ihm verabreden, da der Maler das Telefon ablehnt und unangemeldete Gäste ungern sieht, sind von seinem peinlich geordneten Ambiente entweder irritiert oder begeistert. "Es kam wie eine Offenbarung, ein Wunder über mich", notiert der junge Schweizer Architekt Alfred Roth, der dann auf ein Bild spart. Als korrekt und so zurückhaltend, daß er oft den Bäcker wechselt, um dort fremd zubleiben, dabei als rücksichtsvoll und aufgeschlossen gegenüber Freunden, beschreiben ihn die Weggefährten.

"Nach Deiner willkürlichen Korrektur des Neoplastizismus ist mir jede Zusammenarbeit unmöglich"

Mit dem neoplastischen Ziel der Vergeistigung im Sinn, wird die Natur ihm so zuwider, daß er sich mit dem Rücken zum Fenster setzt, wenn draußen Bäume stehen. "Total verklemmt" findet das die Bildhauerin Louise Bourgeois, die ihn als junge Frau kennengelernt hat, "er strafte sich selbst". Zum Geldverdienen malt Mondrian dennoch zwischendurch stimmungsvolle Blumenaquarelle, aber nie mehr Landschaften. Im Studio steht eine künstliche Blume, deren grüne Blätter er weiß gestrichen hat. Er lebt allein wie ein Mönch, geht aber oft und gern tanzen, tanzt exakt, aufrecht und eckig, vor allem liebt er die harten Synkopen des Jazz. Als er Josephine Baker, die Tänzerin im Bananenrock, nach einem Auftritt mit van Doesburg und dem Filmer Hans Richter in der Garderobe aufsucht, gerät Mondrian außer sich, erzählt Richter, "und wir hatten Mühe, diesen abstrakten Neoplastiker von einem gewaltsamen Näherungsversuch an dieses dunkle Wunderwesen zurückzuhalten".

1925 erscheint in der Reihe der "Bauhausbücher" Mondrians 1920 schon in Paris veröffentlichte Schrift "Die Neue Gestaltung", die er "Den Menschen der Zukunft" widmet, in deutscher Sprache. Diese Widmung wird der Münchner Künstler Gerhard Merz 1990 zum Motto seiner Ausstellung in Hannover machen. Ebenfalls 1925 legt Mondrian die Mitarbeit bei "De Stijl" nieder, Theo van Doesburg hat die Diagonale und damit ein Element der Bewegung ins Bild und den "Elementarismus" in die Diskussion eingeführt. "Nach Deiner willkürlichen Korrektur des Neo-Plastizismus", schreibt ihm Mondrian, "ist mir jede Zusammenarbeit, welcher Art sie auch sei, unmöglich ... Im übrigen ohne Groll."

 

Seine malerische Antwort sind Bilder im Format eines auf der Spitze stehenden Quadrats, horizontal-vertikal organisiert, die über die Bildfläche hinaus Dynamik entwickeln. Vibration entsteht in Bildern der dreißiger Jahre, bei denen mehrere längs und quer parallel geführte und einander überquerende schwarze Linien an ihren Kreuzungspunkten leicht aufleuchten, ein optischer Effekt. Willem de Kooning, der amerikanische Abstrakte Expressionist, der mit Mondrians Theorien nichts anfangen kann, ist davon "immer ganz gebannt".

In Paris ist Mondrian geistiger Mittelpunkt erst der Gruppe "Cercle et Carre", dann der Vereinigung "Abstraction-Creation". In der amerikanischen Kunstwelt wird sein Werk durch so bedeutende Sammler und Stifter wie Katherine S. Dreier, die ihn in eine Reihe mit Rembrandt und van Gogh stellt, und A. E. Gallatin bekannt gemacht. Ein New Yorker Kunststudent malt Bilder, die auf dem rechten Winkel beruhen, ein Freund weist ihn auf zwei Mondrian-Werke in Gallatins Sammlung hin. Der junge Harry Holtzman sieht sie an, borgt sich das Geld für die Überfahrt zusammen und fährt, ohne einen Menschen in Europa zu kennen, nach Paris zu Mondrian .Der Beginn einer Freundschaft, 1934. Als 1938 klar ist, daß Hitler Europa in eine Krise manövrieren wird, drängt Holtzman, der jetzt finanziell besser gestellt ist, den 40 Jahre älteren Freund, nach New York zu übersiedeln. Mondrian verläßt den Kontinent, zieht erst ins nähere London und zwei Jahre später nach New York.

Noch mit 70 tanzt Mondrian in den Jazzclubs von Downtown und Harlem

Er ist 68 Jahre alt, als er ankommt, und hell begeistert: "Welch ein Glück, daß wir an modernen Bauwerken, an wissenschaftlichen Wundern und der Technik genausoviel Freude haben dürfen wie an der modernen Kunst." Er genießt das elektrisierende, hektisch pulsierende Straßenleben, den dröhnenden Verkehr, die flackernden Lichtreklamen, er läßt sich vom heftigen Rhythmus des Boogie-Woogie mitreißen, er tanzt ihn noch mit 70 in den Jazzclubs von Downtown und Harlem.

Das hämmernde Stakkato, das optimistische Lebensgefühl übersetzt er in eine lichte abstrakte, sehr urbane und frische Symbolsprache ohne jedes Schwarz bei aller Bewegtheit bleibt er jedoch den Prinzipien des rechten Winkels treu. Die Struktur gebenden Linien setzen sich aus kleinen Farbflächen zusammen; Rechtecke, aus denen wieder Rechtecke leuchten, spannen sich ins Gerüst. Er nennt die Bilder nicht Komposition wie gewöhnlich, sondern eines von 1942/43 heißt "Broadway Boogie-Woogie", das letzte, unvollendete, ein noch lebhafteres auf der Spitze stehendes Quadrat "Victory Boogie-Woogie" in Anspielung auf den erhofften Sieg über Hitler-Deutschland. Immer experimentierfreudig, arbeitet er hier mit Farbe und mit farbigen papierenen Klebstreifen. "Mondrians Boogie-Woogie-Bilder haben mich tief beeindruckt", so der Kinetik-Künstler Jesus-Rafael Soto, "es schien mir, als habe er einen Sprung in die Richtung zu rein dynamischer Malerei gemacht, als sei er dabei, das Bild optisch beweglich erscheinen zu lassen."

Leben und Werk von Piet Mondrian

Piet Mondrian: "Victory Boogie Woogie", 179 cm diagonal, Öl und Papier auf Leinwand, 1942–1944

Piet Mondrian ist schnell im New Yorker Kunstleben zu Hause. Er ist in der legendären Ausstellung "Artists in Exile" 1942 bei Pierre Matisse vertreten, hat zwei Einzelausstellungen in der Galerie Dudensing. Er gehört zu den Favoriten des Galeristen Sidney Janis. Aber seine Einnahmen sind mäßig. 200 bis 300, als Maximum 600 Dollar bekommt er für ein Bild. "Ich fühle, daß hier mein Platz ist", erklärt der Künstler Ende 1943 in New York, "und ich will amerikanischer Bürger werden. Ein Mensch gehört zu dem Land, in dem er lebt." Am 1. Februar 1944 ist Piet Mondrian in New York gestorben.

Bei seinem Begräbnis würdigt man Mondrian als "größten holländischen Maler unserer Zeit".

Beim Begräbnis würdigen Alfred Barr, Gründungsdirektor des Museum of Modern Art, und T. Elink-Schuurman, Generalkonsul der Niederlande, vor 200 Trauergästen Mondrian als den "größten holländischen Maler unserer Zeit". Von seinen jungen New Yorker Anhängern bleibt allein der Schweizer Fritz Glarner bei einer puren, doch eher konstruktivistischen Kunst, und Harry Holtzman, der den ganzen Nachlaß erbt, hört auf zu malen, wird Kunstprofessor, Fernost-Sammler und -Forscher und gibt die gesammelten Schriften des Künstlerfreundes heraus.

Im Jahr 1945 findet die berühmte Mondrian-Ausstellung im Museum of Modern Art statt, die wichtigsten Häuser in Amerika und Europa ziehen nach. Der existentialistische Denker und Schriftsteller Jean-Paul Sartre verlegt in seinem Roman-Zyklus "Die Wege der Freiheit" die New Yorker Schau ins Jahr 1940. Er läßt einen französischen Maler, der seit 1936 den Krieg erst in Spanien und dann in Frankreich mitgemacht hat, in New York einen Job als Kunstkritiker beginnen und vor den Bildern Mondrians, die er früher liebte, dumpf verzweifeln. Sie haben nichts mit der erlebten Wirklichkeit zu tun: "Ich frage mich bloß, ob ich nicht überhaupt aufgehört habe, an die Kunst zu glauben."Mondrian "ist unser Gott", erklärt ein amerikanischer Freund dem zerrissenen Europäer. "Wir Amerikaner wollen eine Malerei für glückliche Menschen oder für solche, die versuchen, es zu sein."

Dieser Artikel erschien zuerst in art 01/1995.

 

Piet Mondrian und De Stijl
Leben und Werk: Das Wichtigste zu Piet Mondrian und De Stijl, aktuelle Ausstellungen und Artikel im Überblick