René Magritte in Frankfurt

Beim Denken zusehen

Außer einigen prominenten Werken von René Magritte, sind viele Arbeiten eher unbekannt. Das lässt sich jetzt ändern. Denn die große Werkschau des großen Surrealisten in Frankfurt bietet viel Überraschendes ... und Philosophisches.
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René Magritte, "La Lampe philosophique", 1936, Öl auf Leinwand, 46x 55 cm, Privatsammlung

Der erste Impuls ist Widerspruch. Denn das Bild, das laut Bildtext behauptet "Dies ist keine Pfeife", zeigt ja eindeutig genau dies: eine Pfeife. "Der Verrat der Bilder" so der Titel von René Magrittes wohl bekanntestem Werk aus dem Jahr 1929, regt noch heute Kritiker und Theoretiker zum Nachdenken an.

Dass sich sein Inhalt keineswegs auf die Aussage beschränkt, dass das Abbild einer Pfeife nun einmal keine echte Pfeife ist, darauf deutet eine ganze Reihe von Sprachbildern, die der belgische Surrealist kurz zuvor und auch danach malte. Bilder, in denen ein Damenschuh als Mond oder ein Herrenhut als Schnee bezeichnet wird. Die Beziehungen zwischen Sprache, Dingwelt und Abbildungen sind vielfältig und kompliziert. Denn so wenig wie ein Abbild eines Gegenstands der Gegenstand selbst ist, ist auch die Bezeichnung des Dings nicht das Ding. So sachlich und kühl Magritte (1898 bis 1967) seine Bilder malte, die Wirkung, die entsteht, wenn etwa ein gemaltes Taschenmesser als Vogel bezeichnet wird, ist doch ungemein poetisch. Unwillkürlich versucht das Gehirn eine Beziehung herzustellen, die sich oft nicht greifen lässt.

Man kennt so wenig von Magritte

Dass Sprache und das, was sie auslöst, bei Magritte zentrale Bedeutung hat, zeigt sich auch in Werken wie "Die Reize der Landschaft" (1928): Zu sehen ist ein leerer, mit "Landschaft" beschrifteter Rahmen, der vor einer schwarzen Wand steht. Seitlich davon ist eine rote Wand, an der ein Gewehr lehnt.

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Künstlerisches Magritte-Porträt von Duane Michals: "Magritte (Coming and Going)", 1965

Die eigentliche Überraschung in dieser Ausstellung ist aber wohl die: Man kennt so wenig von Magritte. Von dem umfangreichen Œuvre des populären Surrealisten ist außer dem Pfeifenbild, einer Reihe von Hutträgern und der Frau, deren Gesicht aus ihrem nackten Körper besteht, letztlich kaum etwas bekannt. Die Schirn zeigt mit 70 Werken viel, auch Überraschen­des. Vor allem beleuchtet die aktuelle Schau Magrittes Verhältnis zur Philosophie mit Gemälden wie dem "Selbstbildnis Philosophische Lampe" (1936) oder mit "Variante der Traurigkeit" (1957).

Dali auf einer Fotografie mit seinem Ozelot
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Auf Letzterem ist ein Huhn vor einer Berglandschaft zu sehen, das auf einer von Vorhängen gerahmten Mauer in der Dämmerung ein Ei in einem Eierbecher betrachtet – ein Bild, das zugleich humorvoll und melancholisch gelesen werden kann und in dem sich zahlreiche Bedeutungsebenen dechiffrieren lassen.

Immer wieder hebelt Magritte die Gesetze der Logik aus. "Lob der Dialektik" (1937) etwa zeigt den Blick durch ein Fenster in einem Raum, in dem ein Haus steht. Man sieht also gleichzeitig zum Fenster hinein und hinaus. Das Bild ist ein Bild, die Illusion eine Illusion, und die Werke Magrittes erlauben es, dem Künstler beim Denken zuzusehen.

Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Prestel Verlag zum Preis von 39,95 Euro, im Museum ist er für 35 Euro erhältlich. Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.

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Die große Schau des belgischen Surrealisten (1898–1967) beleuchtet seine zentralen Bildformeln, die sich mit dem Mythos der Erfindung der Malerei befassen. In Kooperation mit dem Centre Pompidou in Paris
Schirn-Kunsthalle ,  Frankfurt am Main
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