Georg Baselitz, Günther Uecker, Gerhard Richter – Künstler aus der DDR

Good Bye, Ulbricht!

Westdeutschland hat Rang und Erfolg seiner Kunstszene zu einem großen Teil Malern aus der DDR zu verdanken, die vor dem Mauerbau 1961 die Seiten gewechselt hatten. Baselitz, Graubner, Richter, Uecker: Wer waren diese Künstler, woher kamen und warum gingen sie? Was war, was blieb ostdeutsch an ihnen?
Good Bye, Ulbricht!

Bildhauer und Objektkünstler Günther Uecker 1965 in der Kestner-Gesellschaft Hannover

Pablo Picasso durfte jeder Kunststudent in der DDR kennen, denn Picasso mochte Moskau, galt folglich als politisch genehm. Aber mehr als Picasso, Russenpropaganda und ein bisschen Renato Guttuso war nicht - die Bibliotheken waren zensiert, die Buchbestände ungefähr auf dem Stand von Nazi-Deutschland, als die Nazis alles angeblich Entartete entfernt hatten. "Ich war blöd", erinnert sich Georg Baselitz, "weil das System mich so wollte. Ich wurde unwissend gehalten. Damals gab es kein Fernsehen, kaum Radio, wir lebten in einem faschistischen Staat, der aber so tat, als sei er antifaschistisch, und wussten nichts vom Rest der Welt."

18819
Strecken Teaser

"Es gehörte zu meinem Leben, nicht verstanden zu werden", sagt Günther Uecker über seine frühen Jahre. Isolation, Ich-Bezogenheit, Freiheitsdrang: Motivation von Künstlern, die glaubten, keine Zukunft zu haben. Aber auch: "Ich wollte nie die offenen Türen einrennen. Das kann jeder." Das war Baselitz. Oder: "Nachdem es keine Priester und Philosophen mehr gibt, sind die Künstler die wichtigsten Leute auf der Welt" - Gerhard Richter. Alles starke Worte von starken Männern, die den Mut aufbrachten zu gehen, in der Fremde zu suchen, wen sie zu Hause nicht finden können: sich selbst. Mal gingen sie freiwillig, mal unter Druck, immer gelockt von Piet Mondrian und Jackson Pollock, Surrealismus und Informel. Sie siedelten um in jenes Land künstlerischer Freiheit, das ihnen die heimische Propaganda als Konsumparadies unter dem Zepter von Lucky Strike und Coca-Cola verkauft hatte. Sie entflohen dem "Sozialistischen" und erfanden statt dessen - wie Gerhard Richter - den "Kapitalistischen Realismus"; Reaktion auf eine Demokratie, die ihre Zwänge subtiler zu verpacken wusste als der Arbeiterund Bauernstaat. Kapitalistischer Realismus, das war, was Gerhard Richter und der spätere Galerist Konrad Fischer alias Lueg, im Oktober 1963 im Düsseldorfer Möbelhaus Berges vorstellten: eine freche, konzeptuelle, das deutsche Spießertum ironisierende Variante der amerikanischen Pop Art, wie sie auch Sigmar Polke pflegte. Im selben Jahr malte Baselitz in anachronistischer Gegenständlichkeit einen onanierenden Zwerg und wurde für seine "Große Nacht im Eimer" von der "Bild"-Zeitung an den Pranger und von der bundesdeutschen Justiz vor Gericht gestellt. Und Günther Uecker vernagelte vor einem entsetzten Düsseldorfer Publikum seinen ersten Konzertflügel.

Bis heute gibt es Experten, die glauben, Ost- und Westkunst unterscheiden zu können.

Nach den aus dem Exil oder aus dem Krieg zurückgekehrten Akademieprofessoren des Informel und nach den Aktionen der Bürgerschrecks von Fluxus wurde die Geschichte der bundesrepublikanischen Westkunst vor allem von ostdeutschen Republikflüchtlingen geschrieben, die sich nur schwer in die bestehende Kunstszene integrierten.

Und bis heute gibt es Experten, die glauben, Ost- und Westkunst unterscheiden zu können. Zum Beispiel, weil der Hanseat Daniel Richter in punkiger Anarchie und Ossi Neo Rauch in plakativer Großmeistertechnik male. Aber gibt es solche Unterschiede wirklich, hat es sie jemals gegeben?

Good Bye, Ulbricht!

Gotthard Graubner 1971 in seinem Atelier in Düsseldorf.

1954 beschloss der im Vogtland geborene Gotthard Graubner die Republikflucht, nachdem sein Dresdner Lehrer Wilhelm Rudolph 1949 bei den Funktionären in Ungnade gefallen war. Rudolph misstraute dem Dogma des Sozialistischen Realismus ebenso wie der Abstrakte Hermann Glöckner oder der Zeichner Gerhard Altenbourg. Student Graubner wurde nach zeitweiliger Exmatrikulation wegen "Formalismus" zum Erstsemester zurückgestuft. Frühe Landschaftsaquarelle der vierziger Jahre, aber auch Zeichnungen aus der Studienzeit führen noch Traditionen fort und zeigen nichts von der radikalen Abstraktion der Farbkörper, zu der er erst im Westen bei seinem Lehrer Karl Otto Goetz und nach einem Umweg über das Informel finden sollte.

Letzteres ermöglichte damals nicht nur den Weg in eine von den Gespenstern der Vergangenheit befreite Malerei, sondern auch den Schulterschluss der westdeutschen mit der internationalen Malerei. Graubner dachte individualistisch und gegenstandlos. "Farbe ist mir Thema genug", begründet er bis heute sein Exil mit künstlerischer, nicht politischer Freiheit.

Wie lese ich ein abstraktes Bild?
Oft versagt die Sprache, wenn es um abstrakte Bilder geht. Dann wird's schnell esoterisch und gefühlig. Vielleicht fehlt uns einfach eine zeitgemäße Methode, uns abstrakten Werken anzunähern. Autorin Larissa Kikol hat einen Vorschlag
Good Bye, Ulbricht!

Georg Baselitz, 1972 in Hamburg

Auch Baselitz ging nicht aus politischen Gründen - er wurde gegangen. Wegen angeblicher gesellschaftspolitischer Unreife, die nach eigener Einschätzung eher jugendlicher Starrsinn war. Denn der spätere Baselitz, damals noch Hans-Georg Kern, malte anfangs durchaus mit dem geforderten Pathos Porträts von Wagner bis Stalin, ehe man ihn nach dem ersten Semester degradierte, weil er sich zu sehr in Richtung Picasso orientierte.

Als er dann auch noch die verordnete Strafarbeit im Kohlekombinat "Schwarze Pumpe" mied, ekelte man den 19-Jährigen 1957 aus dem Land, indem man Essenskarten und Aufenthaltserlaubnis für Berlin-Ost strich. "Ich musste gehen. Das System hat mich rausgeschmissen, weil ich renitent war." Und blieb, auch im Westen. Wo er schon früh Pollock, Willem de Kooning und die anderen Maler des Abstrakten Expressionismus in einer Berliner Ausstellung lieben lernte, aber spürte, dass er diesen Weg nicht gehen konnte: "So etwas konnten die Amerikaner. Unsere Situation war die Isolation der Verlierer." Das galt für beide Seiten der innerdeutschen Grenze.

Erst im Alter realisiert Gerhard Richter den Einfluss von Dresden

Der spätere Baselitz nahm nach dem Studium beim Informellen Hann Trier, nach viel Lektüre von Franz Kafka bis James Joyce und einem Studienaufenthalt in Paris schließlich 1961 sein heute berühmtes Pseudonym an, in Erinnerung an seinen Geburtsort Deutschbaselitz in der Oberlausitz und zur Schonung der Eltern, die dort immer noch als Lehrer lebten. Denn: "In meinen Bildern geht es um die eigene Biografie. Der Rest ist Methode." Außenseiter Baselitz, der weder bei der Pop Art noch beim Informel Zuflucht suchen wollte, ging auch im Westen auf Gegenkurs, rasierte das lange Haupthaar auf Glatze und schrieb bald darauf mit seinem Komplizen Eugen Schönebeck die "Pandämonischen Manifeste".

Auch Gerhard Richter, kurz vor dem Mauerbau 1961 mit seiner Frau per S-Bahn in den Westen gereist, träumte von einer anderen Kunst, aber nicht unbedingt einer anderen Gesellschaft. Der in Dresden diplomierte Wand- und Bühnenmaler, dessen Diplomarbeit, eine vier mal zehn Meter große Wand im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, bis heute auf Wunsch des Künstlers abgeschottet bleibt, experimentierte erst einmal mit der groben Rakel in abstraktem Tachismus und wollte wie die Kollegen von Fluxus westdeutsche Bürger düpieren. Indem er amerikanische Pop-Malerei adaptierte und die Amateurfotografie als Vorlage entdeckte. Richter pochte lange auf den absoluten Neuanfang und verdrängte seine frühen DDR-Jahre, indem er immer wieder beteuerte: "Von Düsseldorf ging alles aus." Erst nach der Wende und einer großzügigen Schenkung an Dresden gestand er 2006: "Die Dresdner Zeit hat mich in einem allgemeinen Sinn doch sehr grundsätzlich geprägt. Auf jeden Fall viel mehr, als mir bewusst war, das merke ich erst im Alter."

Nach Pop Art ist alles möglich
Abstrakter Expressionismus nennt sich die Richtung, mit der New York nach 1945 die Szene erobert. Doch zur Supermacht der Avantgarde werden die USA erst durch den Auftritt der Pop Art. Über Nacht holt sie den Gegenstand zurück, beendet die Herrschaft der Abstraktion

Die DDR verwöhnte ihre Künstler – solange sie malten, was sie sollten

Nur bei Günther Uecker waren die Gründe für die Republikflucht offen politisch. Denn Uecker, geboren als Sohn eines Landwirts auf der mecklenburgischen Halbinsel Wustrow, war ein in der DDR anerkannter und privilegierter Propaganda-Maler, der die Kaderschule besucht hatte und für die Weltjugendspiele 1951 Picassos Friedenstaube zum Monument aufblies, ehe ihm die Lügen des Systems zu bunt und die Politkünstlerkarriere zu verbogen schien. Nun versuchte er sich in Düsseldorf bei Otto Pankok in Abstraktion und Fingermalerei. Propagandamaler Uecker musste sich vom handwerklichen Talent lösen, um zu Nagel- und Materialbild zu kommen - ein kreativer Befreiungsschlag, der Graubners Entdeckung der Farbkissen, der Umdrehung des Motivs durch Baselitz oder Richters Vereinnahmung der Fotografie entspricht.

Der Wechsel vom Sozialismus in den Kapitalismus, vom bezahlten Studium mit Stipendium zum freien Kunstmarkt mit viel Angebot und wenig Nachfrage, das war gerade für Kulturschaffende eine Reise ins Ungewisse. Unter den rund dreieinhalb Millionen Menschen, die bis zum Mauerbau 1961 den Arbeiter- und Bauernstaat verließen, um ihr Glück im Westen zu suchen, waren nur wenige bildende Künstler, denn diese hatten in der DDR Privilegien und wurden verwöhnt als kulturelle Staatsdienstler - zumindest solange sie malten, was das System wollte.

Günther Uecker kam als erfolgreicher Propagandakünstler

Doch wer den Mut hatte zu gehen, sollte auch im Westen verwöhnt werden. Durchschnittlich nach drei bis fünf Jahren schafften es die Neuwestler zu Galerieausstellungen und ersten Erfolgen. Egal, ob sie abstrakt oder expressiv, realistisch oder poppig malten: Sie gingen eigene Wege, wirkten ihrer Sache sicher, hatten nicht umsonst staatliche Utopie, Freunde und Familie aufgegeben, um im Eldorado des Wirtschaftswunders ihre künstlerische Identität zu finden.

Good Bye, Ulbricht!

Gerhard Richter, 1971 in Düsseldorf

Nach Niederschlagung des Aufstands von 1953 schwoll die Zuwanderung des künstlerischen Talents erheblich an. Manche, wie Sigmar Polke oder der Böhme Markus Lüpertz, waren noch als Schüler mit ihrer Familie übergesiedelt, andere, wie Ralf Winkler alias A. R. Penck, verpassten den Grenzsprung nur knapp. Penck, just am Vorabend des Mauerbaus 1961 von einem Besuch beim Freund Baselitz zurückgekehrt, musste fast 20 Jahre warten, bis er es, unter unwürdigen Bedingungen, in den Westen schaffte. Die deutsch-deutschen Migranten waren halsstarrige Individualisten, keine dienenden Gastarbeiter auf Wanderschaft.

Günther Uecker kam als bereits erfolgreicher Propagandakünstler, Gerhard Richter als diplomierter Wand- und Bühnenmaler, Gotthard Graubner als ein seine ideale Form suchender, vom totalitären System düpierter, künstlerisch bereits gereifter Student. Und sie hat ten Glück: Die sechziger Jahre wurden zu einem Jahrzehnt der Einzelgänger, nicht der Gruppen, Schulen oder Strömungen wie zum Beispiel die Fünfziger oder die Achtziger. So hielten die frühen Koalitionen nur kurz: Richter entfremdete sich von Polke, die Gruppe Zero, zu der Uecker gehörte, löste sich auf, Baselitz verlor den frühen Weggenossen Eugen Schönebeck.

Kunstquiz: Gerhard Richter
Er ist der berühmteste (und teuerste) lebende deutsche Künstler. Aber was wissen Sie wirklich über Gerhard Richter? Testen Sie ihr Kunstwissen mit diesen zehn Fragen zum Maler-Star

Wer noch über die Mauer kam, wie Lutz Dammbeck, Georg Herold oder Via Lewandowski, gehörte zu den Spätgeborenen - es war die erste Welle der DDR-Auswanderer, die für eine neue deutsche Kunst sorgte. Selbst wenn sie amerikanisch malte wie Richter. Pur wie Graubner. Oder anachronistisch wie Baselitz. Die Flüchtlinge aus der DDR feierten in der BRD nicht dank eines kulturellen Erbes, das man hätte geografisch identifizieren können Triumphe - sondern dank ihrer besonderen Widerstandskraft.

Sonst wären sie international wohl auch nicht so weit gekommen.

Gerhard Richter fotografiert von Lothar Wolleh, 1970
Übersicht zu allen Artikeln und aktuellen Ausstellungen mit Gerhard Richter

art Spezial »Gerhard Richter«

Dieser Artikel erschien zuerst neben vielen anderen Artikeln, opulenten Bildern, Hintergrundberichten und einem Atelierbesuch in einem art Spezial zu Gerhard Richter. Das Sonderheft ist im art Shop erhältlich.