Japonismus – Van Gogh, Japan und die Moderne

Im Rausch des fernen Ostens

Van Gogh, Manet, Bonnard und viele andere Meister der Moderne waren im totalen Japan-Fieber, als sie die Schlüsselwerke der Epoche schufen. Die Geschichte des Japonismus und wie sehr die europäischen Künstler von der asiatischen Ästhetik beeinflusst waren.
Im Rausch des fernen Ostens

Der Amerikaner James McNeill Whistler porträtierte seine Musen gern im Asia-Look: "Die goldene Leinwand", 1864, 50x69 cm

"Heute Abend", schreibt Vincent van Gogh seinem Bruder Theo, "habe ich einen wunderbaren und sehr merkwürdigen Effekt gesehen. Einen großen, mit Kohle beladenen Lastkahn auf der Rhone, der am Kai vertäut war. Von oben betrachtet war er ganz glänzend und feucht, denn es hatte einen tüchtigen Platzregen gegeben; das Wasser war von einem trüben Perlgrau und Weißgelb, der Himmel lila und im Westen mit orangen Streifen, die Stadt violett. Auf dem Kahn gingen und kamen kleine schmutzige blau-weiße Arbeiter und trugen die Ladung an Land — ein reiner Hokusai." Auf die letzten drei Worte kommt es an: Im Februar 1888 ist van Gogh gerade aus Paris geflohen, um im südfranzösischen Arles neue Inspiration zu suchen — und was er dort findet, ist ein Holzschnitt des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai. Wirklich überraschend ist diese Entdeckung für van Gogh allerdings nicht. Schon auf der Zugfahrt beugt er sich immer wieder aus dem Fenster, um nachzusehen, "ob ich schon in Japan bin".

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Strecken Teaser

Mit seiner Begeisterung für Hokusais Holzschnitte ist van Gogh um 1888 nicht allein. Im Gegenteil: Ganz Paris ist dem Japan-Fieber verfallen, die modernen Künstler drängen sich vor den extrem stilisierten "Bildern der fließenden Welt", den Ukiyo-e. Édouard Manet, Edgar Degas und Claude Monet sammeln Werke von Künstlern wie Hokusai, Utagawa Hiroshige und Kitagawa Utamaro, van Gogh hat mit japanischen Holzschnitten gehandelt und 1887 eine Ausstellung im Pariser Café "Le Tambourin" organisiert. Trotzdem denkt man bei den vielen Revolutionen der Malerei im späten 19. Jahrhundert erst einmal an andere Einflüsse: Naturbegeisterung, Großstadtleben, Fotografie oder optische Wissenschaften und unterschätzt dabei die Rolle, die japanische Holzschnitte bei der Erfindung der Moderne spielen.

Im Rausch des fernen Ostens

Hokusai malte von 1830 bis 1836 eine Serie von insgesamt 36 Ansichten des Berges Fuji: "Oberfläche des Misaka-Sees in der Provinz Kai"

Bis 1860 im Westen praktisch unbekannt, treffen sie die Künstler wie ein Schock. Van Gogh etwa sieht in ihnen eine Landkarte zum Ursprung der Malerei. Über die Japaner schreibt er an seinen Bruder: "Sie leben in der Natur, als wären sie selber Blumen." Im Frühjahr 1888 gibt er die Parole aus: "In den Süden. Das Leben ändert sich hier. Man sieht mit japanischen Augen und fühlt die Farbe ganz anders." Arles wird für ihn zur Erfüllung seiner Träume – zum Japan um die Ecke. Wenn van Gogh seinem in Paris gebliebenen Bruder Theo neue Gemälde beschreibt, dann nur noch in Farben: Auf seinem Selbstbildnis als geschorener Mönch von 1888 ist die "braune Kleidung in Purpur verwandelt" und "der helle Fond in kaltem Blaugrün hat fast keine Schatten". Er schließt: "Nur die Augen habe ich ein wenig schief gestellt auf japanische Art." 

Wasser, Berge, Kurtisanen
Sein Bild von der "großen Welle" wurde zum Inbegriff der japanischen Kunst - Katsushika Hokusai, der geniale Maler und Holzschnittmeister, schuf Werke von subtiler Farbgebung und noblen Formen aber auch unverblümt erotische Szenen.

Selbst wer nicht in solchen Tönen schwärmt, findet in den Japan-Importen die größtmögliche Distanz zu den Lehren der immer noch dominierenden und etwa von den Impressionisten verachteten Kunstakademien – was allein schon ausreichen würde, um sie zum Symbol des Neuanfangs zu machen. Den Weg dorthin geben die Holzschnitte aber nicht ohne Weiteres preis: Sie sind zu faszinierend, um sie zu ignorieren, gleichzeitig aber zu fremdartig, um sie sich einfach zu eigen machen zu können. Auch van Gogh merkt bald, dass es wenig Sinn hat, japanische Motive, wie in seinen Pariser Tagen, nur zu kopieren, und konzentriert sich auf deren ungewöhnliche Kompositionsprinzipien: die fehlende Tiefenwirkung, die gewagten Anschnitte, die frei gelassene Bildmitte, die Betonung des Dekorativen. So sickert der japanische Einfluss in die Bilder ein und entfaltet seine Wirkung unter der Oberfläche.

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Van Gogh malte seinen Farbenhändler vor Japan-Motiven: "Zweites Bildnis von Père Tanguy", 1887

Bei van Gogh zeigt sich diese allmähliche Aneignung schulbuchmäßig. 1887 setzt er den Pariser Farbenhändler Julien François Tanguy vor eine Tapete aus japanischen Holzschnitten; allerdings kann auf Vater Tanguy von west-östlicher Harmonie noch keine Rede sein. Das Porträt ist eher ein Manifest, ein Bekenntnis zum Japonismus. In Arles gelingt van Gogh 1888 dann mit dem Sämann bei untergehender Sonne die Verbindung beider Welten. Hier ist das Japanische ganz in die Komposition eingegangen: Das Bild wird von einem geneigten Baumstumpf beherrscht, der sich wie eine Kalligrafie in den Vordergrund schiebt (van Gogh hat dieses Motiv im Jahr zuvor selbst nach einem Hiroshige-Holzschnitt kopiert), hinter der Silhouette des Sämanns strömen die Farben der Landschaft zur riesigen, den Horizont beinahe schon berührenden Sonne. Der ungleichmäßige Bildaufbau, die fließende Bewegung, der Mut zur leeren Fläche, das Zeichenhafte der Natur – nur in seiner Serie von Sonnenblumen-Bildern kommt van Gogh den Japanern, die "selber Blumen sind ", noch näher. 

Am Anfang der westlichen Japan-Begeisterung stehen allerdings weder Blumen noch kostbare Holzschnitte, sondern Geschäftsinteressen und Kanonenschüsse. Über zwei Jahrhunderte hatte sich Japan unter der Herrschaft der Shogune gegen die Außenwelt abgeschottet; Anfang des 19. Jahrhunderts pflegte es lediglich mit China und Holland Handelsbeziehungen. Im Juli 1853 landen dann die ersten "schwarzen Schiffe" vor Tokio, eine kleine Flotte unter dem Kommando von Matthew Perry, der für die USA die Öffnung der japanischen Häfen für amerikanische Waren erreichen soll. Im folgenden Jahr verleiht Perry diesem Ansinnen mit mehr Schiffen und einer Demonstration seiner militärischen Stärke Nachdruck. Japan gibt unter dem Donner der Kanonenboote nach und schließt bald auch mit den europäischen Mächten Handelsverträge ab. Nach 1860 strömen immer mehr japanische Keramiken, Fächer und Holzschnitte in die westlichen Metropolen und machen auf den Weltausstellungen Furore. 1867 kommt es in Paris zur ersten Welle dieses bald Japonismus getauften Phänomens, 1878 erfasst sie das ganze Land. Alle Kaufhäuser nehmen Japanisches ins Sortiment, die bürgerlichen Wohnzimmer füllen sich mit Porzellan, Bildern, Stoffen und Nippes aus Fernost.

Die Pariser Künstler decken sich vor allem in der Porte Chinoise ein und nach 1878 auch im Geschäft von Siegfried Bing, einer der Schlüsselfiguren des Japonismus. In Hamburg hatte Bing die familiäre Keramikfabrik geleitet, in der Pariser Zweigstelle wird er zum Experten für fernöstliche Töpferkunst – und entdeckt auf einer Handels- und Studienreise die Vielfalt des japanischen Holzschnitts. Seine von 1888 bis 1891 erscheinende Monatszeitschrift „Le Japon Artistique“ dient vor allem Georges Seurat, van Gogh und Henri de Toulouse-Lautrec als Quelle, 1890 organisiert er eine sensationelle Ausstellung japanischer Holzschnitte in der Pariser Ecole des Beaux-Arts. In ihr zieht Bing die Summe von 30 Jahren Japan-Fieber in Frankreich – und lockt die Künstler in Scharen an. Es ist die erste westliche Ausstellung, in der man die Entwicklung der Ukiyo-e über mehrere Generationen hinweg verfolgen kann. "Wirklich, das darfst du nicht verpassen ", schreibt die in Paris lebende amerikanische Impressionistin Mary Cassatt an ihre französische Malerfreundin Berthe Morisot. "Wer wie du Farbdrucke machen möchte, kann sich nichts Schöneres erträumen. Henri Fantin-Latour ging am ersten Tag hin und war in Ekstase."

»Diese simplen Bilder lehrten mich, dass sich mit Farbe alles ausdrücken lässt«

So bildet sich rund um die Pariser Geschäfte und Galerien ein lockerer Kreis von Japonisten, zu dem auch der amerikanische Maler James McNeill Whistler gehört. Er verbringt seine Lehrjahre in Paris und geht 1859 nach London, wo er bereits 1863, als einer der ersten westlichen Maler überhaupt, japanische Holzschnitte kennenlernt. Bei seinen regelmäßigen Besuchen in Paris verfeinert Whistler seine Kenntnisse und wird zum gefragten Porträtisten: Er zieht den Frauen Kimonos an und stellt sie in bürgerliche Salons, die Bühnen des Japonismus gleichen. In Gemälden wie Rosa und Silber – Die Prinzessin aus dem Land des Porzellans von 1864 verbindet er elegant Mode und Moderne. Unsterblich wird er aber durch seine nächtlichen Landschaftsund Stadtansichten, die Nocturnes. Er malt sie Ton in Ton wie in der fernöstlichen Tuschemalerei, mit nur leichten Tonwechseln. Um die Farben möglichst harmonisch auf die Leinwand zu bringen, müssen sie besonders dünn sein, und so legt Whistler, damit die Ölfarbe beim Auftragen nicht verläuft, die Bilder auf den Boden und malt liegend auf dem Bauch. Der englische Kunstkritiker John Ruskin ist über Whistlers Nocturnes so empört, dass er 1877 schreibt, der Maler würde dem Betrachter "einen Topf Farbe ins Gesicht schleudern". Whistler strengt daraufhin einen Prozess wegen Verleumdung an, doch seine Verteidigung gilt der gesamten modernen Malerei und erscheint wie eine Definition des japanischen Holzschnitts: Malerei, sagt er, sei weniger Realismus als "zuallererst ein Arrangement von Linie, Form und Farbe". Der Richter nimmt das Urteil der Kunstgeschichte vorweg und gibt ihm Recht.

Während Whistler, van Gogh oder Édouard Manet zur ersten Generation der Japonisten zählen, entdecken die jüngeren Maler die Holzschnitte in Siegfried Bings Ausstellung wie etwas Neues – und das Dekorative als eigenständige Qualität. So nimmt sich Mary Cassatt für ihren farbigen Holzschnitt Der Brief (1890/91) Utamaros Porträt der Kurtisane Hinazuru zum Vorbild und verwandelt es in eine Komposition, in der das Muster auf dem Kleid der Briefeschreiberin auf das Tapetenmuster antwortet. Alles strebt zur Fläche hin, und würde man sich die scharf gezogenen Konturen wegdenken, ließen sich die ineinanderfließenden Interieurs auf den Gemälden von Henri Matisse bereits erahnen.

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Cover einer Ausgabe der Zeitschrift "Le Japon Artistique" von 1888

Pierre Bonnard, der "japanische Nabi", so der Spitzname bei den Malerfreunden der Gruppe Nabis, was übersetzt Propheten heißt, erlaubt sich für eine frühe Champagnerreklame einen Scherz mit Hokusais berühmtestem Motiv: Auf dem Plakat schäumt der Champagner aus dem Glas, als sei er eine Meereswelle. Bonnard haben es vor allem die Massenproduktionen eines Utamaro angetan: "Diese simplen Bilder lehrten mich, dass sich mit Farbe alles ausdrücken lässt, ohne beim Modellieren Zuflucht nehmen zu müssen. Die Farbe allein kann Licht, Form und Charaktere erschaffen." Um 1890 zeigt sich dieser Lerneffekt auf Bonnards Gemälde Morgenrock, das der Maler selbst "zu japanisch" findet, das sich aber vielleicht gerade deshalb sofort verkauft. Pate steht dieses Mal Hokusais Rückenansicht einer Japanerin aus der Januar-Ausgabe 1889 von Bings "Le Japon Artistique": Der Morgenrock ist mehr Dekor als Kleidungsstück, der schwarze Haarschopf der Frau mehr Zeichen als Porträt. So helfen die Nabis-Künstler mit, Ende des 19. Jahrhunderts die Verachtung des Dekorativen in dessen Verherrlichung umzumünzen. Die Welt soll mit künstlerischen Mitteln revolutioniert werden, einfach indem man sie an allen Gliedern verschönert. Whistler war auf dem Weg zum dekorativen Gesamtkunstwerk schon weit gekommen, als er 1876 für einen englischen Sammler einen ganzen Salon, das Pfauenzimmer, mit fernöstlicher Keramik, Tafel- und Stellwänden sowie japanisch inspirierten Gemälden gestaltete. Im Jugendstil und natürlich bei Gustav Klimt kommt diese Sehnsucht nach dem alles umfassenden Dekor dann zur vollen Blüte.

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Verblüffende Ähnlichkeiten: "Der Brief", 1890/91, von Mary Cassatt (rechts) und "Hinazuru aus Keizetsuro", 1794/95, von Kitagawa Utamaro

Eines ist angesichts der Japan-Begeisterung der Künstler jedoch erstaunlich: Niemand reist dorthin oder schmiedet auch nur konkrete Pläne. Für sie ist das Land offenbar eher eine in Bildern und exotischen Romanen lebendig gewordene Utopie als ein realer Ort. Das muss auch van Gogh erfahren, als ihn, nach langem Drängen, endlich Paul Gauguin in Arles besucht. Auch Gauguin schätzt das Japanische: Im Sommer 1888 beschreibt er einem Freund sein neues Gemälde Ringende Knaben beinahe in der Manier van Goghs: "Es ist ganz japanisch und von einem Wilden aus Peru gemalt. Ich habe vieles nur angedeutet, das Ganze sehr wenig ausgeführt. Der untere Teil des Bildes ist grün, der obere sehr hell gehalten." Aber anders als van Gogh ist Gauguin kein Japan-Enthusiast. Er liebt Raffael aus denselben Gründen wie Hokusai: weil beide scheinbar ohne Farbabstufungen und Bildtiefe auskommen. Van Goghs Als-ob-Japan findet er "eng" und "armselig". "Weder die Landschaft", schreibt er, "noch die Menschen sagen mir zu." Der Aufenthalt endet damit, dass van Gogh verstümmelt zurückbleibt und Gauguin das erträumte gemeinsame "Tropenatelier" allein aufschlagen muss. Japan ist für ihn nur ein Sehnsuchtsort unter vielen. In Tahiti findet Gauguin sein Paradies.

Erstaunlich: Niemand reist wirklich nach Japan.

Vielleicht ist der Japonismus gerade wegen seines utopischen Charakters so bedeutend für die moderne Kunst – als ungefähre Richtung lässt er der Inspiration freien Lauf. Warum malt zum Beispiel Monet immer wieder einen Heuschober, und dann, in seinem Alterssitz Giverny, immer wieder die Seerosen seines Gartens? Monet hat sich nie dazu geäußert, aber wir wissen, dass er neun Drucke von Hokusais Bilderserie 36 Ansichten des Berges Fuji besaß. Heute erscheinen uns seine im Spiel von Licht und Farben aufgelösten Seerosen als die modernsten Früchte des Japonismus, als Vorläufer der Serienmalerei eines On Kawara oder einer Bridget Riley. Überhaupt reicht die Japan-Begeisterung weit über das 19. Jahrhundert und dessen Hauptstadt Paris hinaus. August Macke ist vor den Gemälden von Manet, Monet und Whistler so perplex wie diese vor den japanischen Holzschnitten: "Es ist schwer, sie zu verstehen", schreibt Macke, "aber wenn man sie erlebt hat, wird es einem, als hätte man einen Berg erstiegen, auf dem die Sonne lacht. Alles so leicht, so tanzend." Bald darauf lässt er sich sämtliche 15 Bände von Hokusais Manga schenken – das Skizzenbuch, das den japanischen Comics den Namen gibt. Auch vor diesem Massenphänomen stehen wir heute staunend und sehen, wie es die westliche Kultur mit Bildergeschichten, Filmen oder Spielen erfasst und die Künstler inspiriert. Es ist ein anderes Japan-Bild, aber eines, das Vincent van Gogh wohl wieder wunderbare Effekte sehen ließe.

Dieser Artikel erschien zuerst in art – Das Kunstmagazin, Ausgabe 9/2014.

Der Aussteiger
Vom Börsenmakler zum Einsiedler: Paul Gauguin ist der Protoyp des modernen Aussteigers. Sein ganzes Leben suchte der Maler das Wilde und Ursprüngliche, seine Südseebilder sind für viele Ausdruck paradiesischer Unschuld

Was ist Japonismus?

Japanische Drucke kamen zuerst quasi durch die Hintertür nach Europa.In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Japan seine lange und vollständige Isolation dem Rest der Welt gegenüber aufgegeben und hatte angefangen, mit dem Westen Handel zu treiben. Künstlerdrucke wurden damals als Verpackungsmaterial für Tee und andere Exportgüter benutzt. Zum Glück gerieten sie mehr zufällig in die richtigen Hände. Ihr hoher künstlerischer Rang wurde erkannt - und damit begann ein Japan-Boom sondergleichen, der sich auf Kunst, Literatur, Innenarchitektur, Kunsthandwerk und Mode auswirkte und unter dem Begriff "Japonismus" in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Japanische Kunst erlangte rasch Kultstatus, wurde weniger als Kunstrichtung, sondern als Weltanschauung betrachtet. Vor allem Hokusai "schien den japanischen Künstler schlechthin zu verkörpern", schreibt Gian Carlo Calza. Er besaß "jene unerlässliche Aura der Exzentrizität und Freigeistigkeit, die ihn wie einen wundersamen Heiligenschein umgab". Vor allem im Kreise der Impressionisten und Postimpressionisten brach eine Sammelleidenschaft aus. Claude Monet (1840 bis 1926) hortete in seinem Haus in Giverny zahlreiche Hokusai-Drucke - Varianten des Fuji, Blumenstillleben, die stilisierten Wasserfälle.

Ebenso, wie Hokusai den Kegel des Heiligen Berges unter den verschiedenen Witterungs- und Lichtverhältnissen dargestellt hat, widmete sich Monet dem Prinzip der Serie etwa in seinen Bildern der kegelförmigen Heuhaufen. Der erste, der den Handel mit japanischer Kunst im großen Stil betrieb, war der gebürtige Hamburger Siegfried, auch Samuel, Bing (1838 bis 1905). In seiner Pariser Galerie lernte Vincent van Gogh (1853 bis 1890) die Holzschnitte der drei Großen - Hokusai, Utamaro, Hiroshige - kennen. Er wurde begeisterter Sammler und Kopist und ließ sich von der fernöstlichen Ästhetik zu bezaubernden Naturstudien inspirieren. Auch in Amerika machte die Japanmode Furore: Der Maler James McNeill Whistler (1834 bis 1903) etwa malte 1864 westliche Frauen im Kimono. Noch heute dient die Kunst der alten Japaner als Inspirationsquelle - selbst der begnadete Selbstvermarkter Takashi Murakami ließ sich für sein Bild "Milk" (1998) von Hokusais großer Welle anregen. Und der kanadische Fotokünstler Jeff Wall stellte in einer seiner frühen digitalen Montagen, "Eine plötzliche Windbö" (1993), eine Szene von Hokusai nach.

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