Paul Cézanne – Leben und Werk

Pionier der Moderne

Der Franzose Paul Cézanne (1839 bis 1906) war ein Sturkopf. Seine wilden Jugendwerke sollten sofort in den offiziellen Salon, reifere Leistungen unbedingt ins Museum. Zum einflussreichsten Anreger der Moderne wurde der Traditionalist trotzdem – mit der Erfindung eines genialen Systems, das nicht nur die Malerei seiner Zeit revolutionierte
Pionier der Moderne

Nackte Körper im Freien hielt Cézanne auf über 200 Arbeiten als Farb- und Formetüden fest - ohne Modelle: "Die großen Badenden", 127 x 196 cm, um 1900/1906

Er zählte zu den Zweiflern, die sich jede Gewissheit verbieten. Selbst der Erfolg war ihm verdächtig. Denn im mächtigen Kahlkopf des französischen Malers Paul Cézanne stritten so widersprüchliche Charakterzüge wie aufbrausender Jähzorn und Schüchternheit mit Ungeduld und lähmender Schwermut. Allein wenn es um Kunst ging, war der launische Skeptiker konsequent bis zur Sturheit. Ihm da "etwas beweisen zu wollen", erkannte sein Schulfreund Emile Zola, "hieße die Türme von Notre-Dame überreden, eine Quadrille zu tanzen".

So wollte denn auch der 1839 geborene Bankierssohn aus Aix-en-Provence, der sich 1863 erstmals als Maler hervorwagte, unbedingt an einem öden Schauplatz akademischer Routinekunst debütieren - im verkommenen, aber immer noch offiziösen Pariser Salon der "Societe des Artistes francais". Brav karrte Cézanne seine Bilder ins Palais de l'Industrie und wurde dort prompt ausjuriert. Doch der Neuling ließ nicht locker. Er protestierte schriftlich gegen die "beschissene Jury", forderte aber regelmäßig aufs Neue ihr Urteil heraus. Und regelmäßig ohne Erfolg. Nur einmal, als ihn ein Juror zu seinem "Schüler" erklärte, gelangte ein Cézanne-Original ins Haus. "Ausstellen im selben Salon wie William Bouguereau", erläuterte der Kunsthändler Ambroise Vollard im Hinblick auf den Modemaler, "hieß für ihn, dem Institut einen Tritt in den Hintern versetzen." Erst um 1885 gab Cézanne auf - nach mindestens zwölf, wahrscheinlich sogar 17 Fehlversuchen.

Paul Cézanne avancierte zum Erzvater der modernen Kunst und eines autonomen Bildbegriffs

Ähnlich hartnäckig entwickelte der auch politisch konservative Provinzler sein eigensinniges Oeuvre von mehr als 2700 Arbeiten (darunter 839 Gemälde) vor allem an Vorbildern aus der Vergangenheit. Er diskutierte mit Kollegen, kopierte aber im Pariser Louvre. Nicht mit dem Pinsel, denn er vertrug keine Zuschauer beim Malen, sondern mit diskretem Zeichenstift hielt er jahrelang fest, was er von den alten Griechen, von Giotto und Paolo Veronese, von Jacopo Tintoretto, El Greco oder seinem Idol Nicolas Poussin gebrauchen konnte. Cézannes erklärtes Ziel: "Etwas so Solides und Dauerhaftes machen wie die Museumskunst."

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Der Maler und Kritiker Emile Bernard fotografierte Paul Cézanne im März 1904 vor den "Großen Badenden"

Und ausgerechnet dieser bekennende Traditionalist, der sich 1894, während der Hochverratskampagne gegen den (erst 1906 rehabilitierten) jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, sogar antisemitische Karikaturen an die Atelierwand pinnte, avancierte zum Erzvater der modernen Kunst und eines autonomen Bildbegriffs. Sein Frühwerk galt lange als unbegabt, sein Spätwerk als kühl und schwierig - und doch hat Cézannes Kunst mehr Zeitgenossen zu Experimenten verleitet und vermutlich mehr neue Stilformate des 20. Jahrhunderts inspiriert als die (von ihm übrigens wenig geschätzten) Bilder seiner Kollegen Vincent van Gogh (1853 bis 1890) und Paul Gauguin (1848 bis 1903). Cézannes Wirkungsgeschichte stellte alles auf den Kopf.

Für die besten seiner seltsam konstruiert anmutenden Landschaften und Früchtestillleben interessierten sich zunächst befreundete Künstler, dann engagierte Kritiker, Sammler, Galeristen und waghalsige Museumsleute. Populär wurde der 1906 gestorbene Maler erst postum, als ein immer größeres Publikum allmählich in den Bann seiner Farbkultur geriet. Von ihr ging eine magische Wirkung aus, die den Schönheitssinn bediente und im Übrigen unerklärlich schien.

Cézannes Schulfreund Émile Zola half mit Geld

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 Paul Cézanne: "Madame Cézanne in gelbem Lehnstuh", 80 x 64 cm, 1888/90

Der Künstler Paul Cézanne war kein Gehetzter wie van Gogh, dem für seine Kunst nur zehn Jahre blieben. Er war auch kein Um- und Aussteiger wie der einstige Börsenjobber Gauguin, den es nach Pariser Misserfolgen in ferne Paradiese zog. Nein, Cézanne war ein Großbürgersohn mit allem, was dazugehört - Familiensitz am Stadtrand von Aix ("Jas de Bouffan" = Hort des Windes), Freikauf vom Wehrdienst, Monatswechsel und üppiges Erbe inklusive. Das Leben ließ ihm Zeit zur Entfaltung - zwischen den ersten Malkursen des Abiturienten in Aix und seinen letzten Bildern lagen fast 50, meist recht sorgenfreie, Jahre.

Lästig war ihm zwar der Kampf mit dem autoritären Vater, der seine Post öffnete und ihn zu einem (freilich bald abgebrochenen) Jurastudium zwang, und verstört hat ihn mit 46 Jahren eine kurze Liebesaffäre, von der die Nachwelt kaum mehr als Cézannes Fluchtziel nach deren Scheitern kennt: "das Bordell in der Stadt, oder woanders, aber weiter nichts". Damals war er bereits 16 Jahre mit der Buchbinderin Hortense Fiquet liiert und unternahm groteske Anstrengungen, um dem hellhörig gewordenen Vater diese Beziehung (und die Existenz eines Enkels namens Paul) zu verheimlichen. Dennoch kürzte ihm der Alte die Monatsbezüge von 150 auf 125 Franc. Kurz vor dem Tod des Vaters kam es 1886 zur Heirat.

Der Maler und sein Blitzableiter
In ihrem Drama über die spannungsgeladene Freundschaft zwischen Paul Cézanne und Émile Zola erzählt Danièle Thompson was es kostet ein Titan zu sein. "Meine Zeit mit Cézanne", ab sofort im Kino, schwelgt im provenzalischen Ambiente und sammelt reichlich Impressionen einer Entfremdung ein – eine Lehrstunde in Sachen Götterdämmerung

Vor Geldnot durch die väterliche Sanktion bewahrte ihn seinerzeit Cézannes bester Schulfreund - Émile Zola aus Aix. Der war nur ein Jahr jünger, hatte in Paris eine Blitzkarriere als Journalist und Romancier gemacht und gerade in Medan eine Villa bezogen. Mehr als Cézannes Malerei bewunderte Zola dessen Jugendlyrik. "Du bist viel dichterischer veranlagt als ich, du schreibst mit dem Herzen", schwärmte er brieflich, las ihm freilich auch die Leviten, wenn er sich mal wieder für "schwerfällig, dumm und langsam" erklärte und seine "Pinsel an die Decke" werfen wollte. Zola versah ihn mit Geld, Büchern, widmete ihm eigene Werke und erhielt Bilder, die er freilich in der Korrespondenz mit Cézanne, soweit sie erhalten ist, kaum kommentierte. "Paul mag das Genie eines großen Malers haben", hatte er schon 1861 notiert, "wird aber nie das Genie besitzen, einer zu werden." 25 Jahre später erfuhr Cézanne schließlich doch, was Zola von ihm hielt - und mit ihm erfuhren es die Leser von Zolas 1886 erschienenem Schlüsselroman "Das Werk".

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Paul Cézanne, "Paul Alexis liest Zola vor", 52 x 56 cm, 1869/70

Am Beispiel des modernen Malers Claude Lantier, der einst von "riesigen Bildern" träumte, "die den Louvre hätten sprengen sollen", artikuliert darin der Literat Zola seine Kritik an den Pariser Impressionisten. Vergebens hatte er von Licht-Malern wie Claude Monet, Auguste Renoir oder Edgar Degas "die neue Formel" erhofft - einen zeitgemäßen Realismus als Antwort auf den verlogenen Historien-Kitsch des Salons. Und so beendete Zola sein Buch mit einer makabren Pointe: Romanheld Lantier, der - auch, doch nicht nur - Cézannes Züge trägt, erhängt sich vor einem missratenen Bild, das eigentlich sein Meisterwerk werden sollte. Freund Paul bekam "Das Werk" von Zola mit der Post. Er las, quittierte in einem höflichen Brief den Empfang - und meldete sich nie wieder.

Im Alter schmähte Cézanne seine Landsleute als "Arschlöcher"

Seit diesem Bruch galt Cézanne als vereinsamt und war es nicht. Er hinterließ nur weniger Briefe, weil er in jenen Jahren mehr Freunde besuchte oder zu sich einlud. Über 25 Orte hat der mobile Maler bereist, etliche mehrmals und in Gesellschaft von Kollegen oder mit Hortense, der er 1890 die Schweiz zeigte - einziger Auslandstrip des glühenden Provenzalen, der freilich im Alter seine Landsleute als "Arschlöcher" schmähte.

Den ersten Paris-Aufenthalt hatte er 1861 dem Vater abgetrotzt, um an der staatlichen Kunstakademie zu studieren. Als das nicht klappte (er fiel vermutlich durch die Aufnahmeprüfung), besuchte er die Academie Suisse, ein Institut ohne Lehrer, aber mit Gelegenheit zur Aktmalerei gegen geringe Gebühr. Dort traf er auf meist gleichaltrige Kommilitonen wie Auguste Renoir, Claude Monet, Antoine Guillemet, Alfred Sisley oder Armand Guillaumin, die sich einen neuen, farbtrunkenen Freilichtstil erarbeiteten - den (noch namenlosen) Impressionismus.

Doch Cézanne blieb ein Stubenhocker. Seine Malerei entstand im Atelier, und zwar in Aix, wohin er während der sechziger Jahre immer wieder vor der Pariser Hektik flüchtete und mit "ringkämpferischer Seelenenergie" (Kunsthistoriker Max Raphael) ein expressives Pandämonium entfesselte, das mittlerweile als grandios gilt, aber damals total neben jedem Trend lag.

Seerosen, 1906, Art Institute of Chicago
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Düstere Gewaltfantasien mit Titeln wie "Entführung" oder "Mord" wechselten mit allegorischen Begattungs- und Bestattungsszenen, mit Orgien und Bacchanalen. Und all dieser Horror war weniger gemalt, als mit Farbe auf Leinwand gemauert. Selbst konventionelle Motive wie Stillleben oder Porträts von Verwandten spachtelte der Kraftprotz in fingerdickem Impasto – und das immerhin zehn Jahre lang. Der dänische Malerstar Per Kirkeby feierte diese Bilder 1989 als "Morgenröte unserer Entdeckungen. Sie waren gegen jeden guten Geschmack." Zur Entstehungszeit verhalfen sie ihrem Autor nicht einmal zum ersehnten Nagel im versifften Salon. Selbst ein Sturkopf wie Cézanne verspürte den Zwang zum Umsteuern – und hatte dabei großes Glück: Camille Pissarro (1830 bis 1903), Menschenfreund und erfahrener Wortführer der Impressionisten, trieb ihn erfolgreich an die frische Luft. "Bilder, die drinnen gemalt sind", staunte Cézanne 1866, "sind niemals so gut wie die im Freilicht." Und nach gemeinsamen Pleinairsitzungen an Pissarros Wohnort Pontoise und in Auvers-sur-Oise zeigten sich Erfolge: Cézanne hatte aufgehört, sich seine Sujets auszudenken. Er pinselte nunmehr, was er vor sich sah – und das in hellen, freundlichen Farben. Prompt wurde seine Landschaft "Haus des Gehängten" verkauft, als er sie 1874 mit den Impressionisten ausstellen durfte.

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Nach wilden Exzessen im Atelier wagte sich der Maler ins Freie und fand Beachtung als Impressionist: "Das Haus des Gehängten", 55 x 66 cm, 1873

Cézanne pries zwar den "riesengroßen Pissarro", blieb aber nicht Impressionist. Er war zwar dankbar für den knappen Kommastrich, mit dem Pissarro, Monet & Co. ihre Spontan-Eindrücke vor dem Motiv fixierten, und übernahm ihn als "tache" (Flecken) in seine Gemälde. Aber die entwickelten sich immer gekonnter nach einem komplexen System kontrollierter Bildkonstruktion, das bei Cézannes reifsten Arbeiten in einem "Teppichcharakter" (Kunsthistoriker Kurt Badt) kulminierte: Jedes Bilddetail war unauflösbar mit allen anderen verknüpft, das Ergebnis gelungener "Modulation" (Cézanne).

Der Maler verkroch sich von 1900 an nach Aix

Ausgangspunkt – "meine Methode ist Realismus" – blieb die intensive Beobachtung der Natur, doch dabei sollte der Maler "mit den Augen denken" und das Gesehene auf der Leinwand nicht spiegeln, sondern mit aller Kraft seines Empfindens interpretieren, und zwar nach dem Gesetz einer "farbigen Logik", bei der zeichnerische Elemente verpönt waren. "Kunst", erklärte Cézanne, "ist eine Harmonie parallel zur Natur." Die Praxis dieser Harmonielehre hat 1979 der Maler und Essayist Hans Platschek analysiert: "Die Rundung einer Frucht", schrieb er in der "Zeit", "wiederholt sich in einem Stillleben als Ornament im Hintergrund; der Schräge eines Asts entspricht die Diagonale im Gebüsch Die schrägen Linien eines Tischbeins tauchen als ungemalte Achse einer Kaffeekanne auf, die Falten eines Tischtuchs ergeben, in ihrer unglaubwürdigen Starre, die Entsprechung für einen umrissenen Blumenstrauß."

Cézannes Theorie, erkauft mit quälender Langsamkeit vor dem Motiv, garantierte seinen Bildern bewegte Oberflächen trotz statischer Komposition. Sie bewährte sich bei den Porträts seiner "Kartenspieler" so gut wie bei den umfangreichen Serien "Die Badenden" oder "Der Berg Sainte-Victoire". Und schließlich, als der Erbe von (umgerechnet) 1,3 Millionen Euro sie zum Leben nicht mehr brauchte, stellten sogar Siege sich ein: Kollegen- und Kritikerzuspruch, Sammler, Auktionserfolge, die erste (von Sohn Paul zusammengestellte) Soloschau von rund 150 Werken in der Pariser Galerie Vollard (1895), dazu Ausstellungsbeteiligungen in Paris, Brüssel, Den Haag, Berlin, London und Wien.

Aber der Künstler, seit 1890 zuckerkrank, verweigerte sich jetzt. Er ließ Ehefrau und Sohn in Paris und verkroch sich von 1900 an nach Aix, wo er sich über Landzerstörung und "elektrische Beleuchtung" erregte und stoisch zur Heiligen Messe ging – "meine Ration Mittelalter". Wenn das Wetter ihm keine Abstecher in die Umgebung erlaubte, malte er in einem neu gebauten Atelier.

Der eifrige Briefschreiber klagte nun stereotyp über "Vereinsamung" – und war dennoch häufig in anregender Gesellschaft. Denn außer seinem Galeristen Vollard besuchten ihn junge Maler und Dichter wie Emile Bernard, Charles Camoin und Joachim Gasquet. Sie interessierten sich für Cézannes Theorien, protokollierten lange Interviews, machten Fotos und durften dem Giganten sogar beim Malen zusehen.

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Maler grüßen einen Maler - Zehn Mitglieder und Anhänger der Symbolistengruppe "Nabis" (Propheten) versammeln sich in der Pariser Galerie Vollard zu einer freundschaftlichen "Hommage a Cézanne". Der damals dreißigjährige Maurice Denis malte das Treffen im Jahr 1900 und präsentierte sein Bild im offiziellen Salon. Von links nach rechts: Maler Odilon Redon, sein Kollege Edouard Vuillard, Kritiker Andre Mellerio, Kunsthändler Ambroise Vollard und die Maler Maurice Denis, Paul Serusier, Paul Ranson, Ker-Xavier Roussel, Pierre Bonnard neben Denis' Ehefrau Marthe. Zitat auf der Staffelei: Cézannes "Stillleben mit Obstschale", 1879/80

Zu Besuch in Aix war 1905 (oder 1906) auch Maurice Denis, ein symbolistischer Maler vom Jahrgang 1870. Ihm verdankte Cézanne die schönste Überraschung seiner holprigen Karriere: Ohne den großen Kollegen zu kennen, hatte Denis im Jahr 1900 dessen prächtiges "Stillleben mit Obstschale" von 1879/80 im Pariser Salon zur Geltung gebracht – als Zitat auf einem monumentalen Gruppenbild der "Nabis". Titel: "Hommage a Cézanne".

Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe art 09/2004.