Gustav Klimts Porträts von Adele Bloch-Bauer

New Yorks Mona Lisa

Gustav Klimts goldenes Porträt von Adele Bloch-Bauer ist nicht nur eines der berühmtesten Porträts der Kunstgeschichte, es hat auch eine sehr bewegte Vergangenheit. Blamiert hat sich in dieser Geschichte am Ende vor allem eines unserer Nachbarländer.
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Gustav Klimt: "Adele Bloch-Bauer I", 1907, Gold, Silber und Öl auf Leinwand

Seitdem Adele 2006 Österreich verließ, um nach New York umzusiedeln, ist sie der Star der Stadt. Man mag das berühmte Gemälde "Adele Bloch-Bauer I" von Gustav Klimt auf Postkarten, Postern oder im Hollywoodfilm "Die Frau in Gold" gesehen haben. Doch das wird dem Original, das im gedämpften Licht im ersten Stockwerk der früheren Stadtvilla der Neuen Galerie in New York hängt, nicht gerecht. Adele scheint in ihrer kühlen Zartheit, in Gold gehüllt und in einem Kleid aus Mosaikmustern über der Leinwand zu schweben.

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Die Goldene Adele wurde 2006 von dem New Yorker Unternehmer und Kunstmäzen Ronald Lauder für den damaligen Rekordpreis von 135 Millionen Dollar erworben. Das Bild sei New Yorks Mona Lisa, hat Lauder, der eine umfangreiche Sammlung deutscher und österreichischer Kunst des frühen 20. Jahrhunderts besitzt, einmal gesagt. Für die Ausstellung "Gustav Klimt and the Women of Vienna´s Golden Age, 1900-1918" in dem 2001 von Lauder gegründeten Privatmuseum steht seine Adele erneut im Mittelpunkt. Das Besondere an der Show ist, dass das Werk mit dem zweiten Porträt, das Klimt von der Unternehmergattin Adele Bloch-Bauer gemalt hat, vereint wird und dass sich eine Reihe von Damen der Wiener Gesellschaft mit ihren Porträts als Klimts Musen dazugesellen.

 

Die Porträts von Adele stehen für den größten Restitutionsfall von Nazi-Raubkunst

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Gustav Klimt: "Adele Bloch-Bauer II", 1912, Öl auf Leinwand

Die beiden Porträts von Adele stehen für den größten Restitutionsfall von Nazi-Raubkunst in der Kunstgeschichte. Sie wurden dem Wiener Zuckerfabrikanten Ferdinand Bloch-Bauer, der sich in die Schweiz retten konnte, 1938/39 von den Nazis geraubt. Seit dem Zweiten Weltkrieg galt die Goldene Adele als Österreichs Nationalheiligtum. Um dann als Symbol für den niederträchtigen Umgang mit Restitutionskunst in die Geschichte einzugehen. Acht Jahre dauerte es, bis die in den USA lebende Seniorin Maria Altmann die österreichische Regierung vor Gericht moralisch und rechtlich in die Pflicht nehmen konnte. Die beiden Adele-Porträts gingen neben drei Landschaftsmalereien von Klimt an Altmann und ihre Miterben zurück.

Adele war die Schwester von Altmanns Mutter, Altmann hatte als Kind zu ihrer Tante eine enge Beziehung. Die mit Diamanten besetzte Halskette, die Adele auf dem Goldbild trägt, bekam Maria Altmann 1937 von ihrem Onkel zur Hochzeit geschenkt – Adele war schon 1925 im Alter von 43 Jahren an einer Hirnhautentzündung gestorben. Auch das Diamanten-Collier wurde von den Nazis beschlagnahmt – Hermann Göring schenkte es seiner Ehefrau. Das Wiener Stadthaus, das Ferdinand Bloch-Bauer mit seiner jungen Frau bewohnt hatte, übernahm die Deutsche Reichsbahn, die von dort aus Deportationen in die Konzentrationslager plante. Einige Werke aus der Kunstsammlung wurden für Hitlers geplantes Museum reserviert. Was auch immer zu modern erschien, darunter die Goldene Adele, ging an die staatliche Galerie Belvedere.

Die Erben versuchten nach dem Krieg, das berühmte Gemälde von Klimt zurückzubekommen

Ferdinand Bloch-Bauer überlebte den Holocaust im Exil in der Schweiz, wo er verarmt starb. Maria Altmann, die von Bloch-Bauer neben ihren Geschwistern als Erbin eingesetzt wurde, war mit ihrem Ehemann die Flucht in die USA gelungen, wo sich das Paar ein neues Leben aufbaute. Und die Erben versuchten nach dem Krieg, ihre Gemälde zurückzubekommen. Doch alte Nazis, die nach wie vor auf einflussreichen Posten saßen, blockierten den Restitutionsfall und setzten Tricks ein, um Adele in Österreich zu behalten. Unter anderem berief man sich auf Adeles Testament, das besagte, dass die Gemälde eines Tages im Belvedere ausgestellt werden sollten. Dass die Familie enteignet und beraubt worden war, übersah die österreichische Regierung gern. 1998 ließ ein amerikanischer Staatsanwalt wegen des Verdachts auf Raubkunst zwei Bilder von Egon Schiele beschlagnahmen. Maria Altmann hörte von dem Fall. Gemeinsam mit dem jungen Anwalt Randol Schönberg, ein Enkel des österreichischen Komponisten Arnold Schönberg, der ebenfalls vor den Nazis geflohen war, zog sie in den Kampf gegen Österreich. Sie verklagte ihr früheres Heimatland, das sich anfangs weigerte, ihren Fall überhaupt zu prüfen.

Als Altmann und ihren Miterben 2006 endlich die fünf Gemälde zugesprochen wurden, war Österreich vor der Welt blamiert. Die Regierung lehnte es ab, die Werke von den Erben zum Marktpreis von 300 Millionen Dollar zurückzukaufen. So reisten die Bilder nach New York, wo sie bei Christie's versteigert wurden. Lauder, der Erbe des Kostmetik-Imperiums Estée Lauder, erwarb seine große Liebe, die Goldene Adele, die er im Alter von 14 Jahren das erste Mal im Belvedere gesehen hatte. Er versprach Altmann, das Gemälde in seinem Museum auszustellen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. "Adele Bloch-Bauer II" von 1912 wurde für 88 Millionen Dollar an einen Privatsammler versteigert. Die anderen vier Klimts gingen für insgesamt mehr als 100 Millionen Dollar an ebenfalls anonyme Bieter. "Adele Bloch-Bauer II" hängt heute im New Yorker Museum of Modern Art, wenn es nicht wie bei dieser Ausstellung als Leihgabe auf Reisen geht. Maria Altmann, die 2011 im Alter von 94 Jahren in Los Angeles starb, spendete übrigens einen Großteil ihrer Millionen aus dem Verkauf.

Das berühmte Gemälde "Der Kuss" soll Emilie Flöge und Gustav Klimt als Liebespaar darstellen

Bei den Damen der Wiener Society, mit denen Adele in New York zusammenfindet, handelt es sich um Porträts der Tochter von Klimts Arzt Gertha Loew. Um den Star der damaligen Gesellschaft Serena Pulitzer Lederer, ihre Tochter Elisabeth Lederer, der liebeskranken Nichte Ria Munk und um die erst neunjährige Mäda Primavesi, die Tochter des Bankiers Otto Primavesi und dessen Frau Eugenia, die neben den Lederers zu den großen Unterstützern von Klimt zählten. Und um die Modedesignerin Emilie Flöge, die als einflussreichste Frau in Klimts Leben gilt. Emilie Flöge war die Lebensgefährtin des Künstlers und seine Muse. Das berühmte Gemälde "Der Kuss" soll Flöge und Klimt als Liebespaar darstellen.

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Mit der Ausstellung werden nicht nur die beiden Adeles, seit sie von den Erben verkauft wurden, Seite and Seite gezeigt, sondern auch die Bilder von Elisabeth Lederer und ihrer Mutter Serena zusammengeführt. Darüber hinaus ist die kleine Ausstellung ein Symbol für den Sieg über die skandalöse Handhabung von Restitutionsklagen. Sowohl die Familie von Loew als auch die Nachkommen der Lederer stritten und streiten um die Rückgabe von Kunstwerken, die von den Nazis enteignet wurden. Die Goldene Adele ist heute also auch ein strahlendes Symbol für Gerechtigkeit.

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