»Artige Kunst« in Bochum

Das schleichende Gift verstehen

Wirkt das Gift der Nazi-Propaganda vielleicht immer noch? Eine kluge und überfällige Ausstellung über die Verführungskunst der Nazis.
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Kinderreiche, blonde Bauernfamilien auf deutscher Scholle von Hans Schmitz-Wiedenbrück: "Familienbild", um 1939, Öl auf Leinwand, zirka 160 x 200 cm

Soll man NS-Kunst ausstellen? Und wenn ja, zu welchem Zweck? Spätestens seit die Neue Pinakothek in München 2015 die Bilder zweier Hitler-Günstlinge neben Werke der von den Nazis als "entartet" diffamierten Maler Max Beckmann und Otto Freundlich hängte, sind diese Fragen wieder aktuell. Und mit ihnen auch eine andere bange Frage: Wirkt das schleichende Gift der Nazi-Propaganda vielleicht immer noch? Schließlich erlebt die Sehnsucht nach einer vermeintlich heilen Welt, nach alten Geschlechteridealen und einer deutschen Leitkultur gerade einen ungeahnten Aufschwung.

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Arno Breker: "Die Kameraden", 1940, Bronzerelief, 100 x 75 x 12 cm

In der Situation Kunst (für Max Imdahl) in Bochum wird man von Bildern von Leichenbergen aus Bergen-Belsen empfangen und von Folterszenen aus den Verliesen der Gestapo. Man muss durch diese Schleuse der historischen Erinnerung, um zur »artigen«, sprich systemkonformen Kunst der NS-Zeit zu gelangen, zu den kinderreichen Bauernfamilien auf deutscher Scholle, den blonden Hünen Gerhard Keils oder den klassizistischen Mythenbildern eines Ivo Saliger. All diese Gemälde als Kitsch abzutun würde zu kurz greifen, die Bochumer Kuratoren wollen die Kunstpolitik der Nazis entschlüsseln – und damit einen wesentlichen Teil der NS-Propagandamaschinerie. Man traut es sich kaum zu schreiben, doch nie standen die Künste in Deutschland höher im Kurs der Politik als zur Zeit der Nazi-Barbarei.

The Good, the Bad and the Ugly?:Nazikunst in der Pinakothek der Moderne
Die Pinakothek der Moderne konfrontiert als "entartet" diffamierte Arbeiten mit Hitlers Lieblingskünstlern. Klingt spannend, bleibt aber zu zaghaft in Bezug auf die Gegenwart

Im Design waren die Nazis aufgeschlossen gegenüber der Moderne – in der Kunst sortierten sie es rigoros aus

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Sepp Happ: "Über allem aber steht unsere Infanterie", linker Teil eines Triptychons, 1943, Öl auf Leinwand, zirka 200 x 100 cm

Was in Bochum als Erstes auffällt: Während die Nazis der Moderne in Film (Leni Riefenstahl) und Design (die Hakenkreuzfahne) teilweise aufgeschlossen gegenüberstanden, sortierten sie in den bildenden Künsten alles Moderne rigoros aus. An die Stelle der "undeutschen" und "entarteten" Malerei traten Bilder unberührter Natur, idealisierte Akte und Genreszenen einer Welt vor dem Industriezeitalter. Mit dem modernen Stil verschwand auch die moderne Wirklichkeit, es gab kaum noch Ansichten des Großstadtlebens oder der industriellen Arbeitswelt; wenn doch einmal, wie bei Bernd Templin, ein Stahlwerk auf die Leinwand kam, dann als Hintergrund eines Erntebildes.

Diese Weltsicht wird in Bochum durch berühmte Pressefotos der Kriegswirklichkeit und Werke "entarteter" Künstler konterkariert. So stellen die Kuratoren einem gestählten Zehnkämpfer von Arno Breker die Figur einer Hungernden von Karel Niestrath gegenüber. Sie zeigen, was die Nazis nicht sehen wollten, und geben der Ausstellung mit Triumph des Todes, dem letzten Bild des in Auschwitz ermordeten Felix Nussbaum, einen ergreifenden Fluchtpunkt. Am Ende des Bochumer Rundgangs kann kaum noch ein Zweifel daran bestehen, dass man NS-Kunst zeigen sollte: Man muss das Groteske, oft Erbärmliche und immer wieder Perfide dieser Werke mit eigenen Augen gesehen haben, um die Wirkung ihres schleichenden Gifts zu verstehen.

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In konfrontativer Gegenüberstellung sind exemplarische Werke der offiziell geförderten Kunst der NS-Zeit und Arbeiten von verfolgten Künstlern, die ein Gegenbild zur überwiegenden Einfältigkeit der systemkonformen Kunst entwarfen, zu sehen. Weitere Stationen: Kunsthalle Rostock (27.4.–18.6.) und Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg (14.7.– 29.10)
Situation Kunst (für Max Imdahl) ,  Bochum